Streitkultur-Blog
Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.
Streiten ist demokratisch
Warum wir häufiger mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen sollten, wen Romy für eine vorbildliche Streiterin hält und warum sie am liebsten zum Streiten in die Kneipe geht, erzählt sie hier im Interview mit der Hertie-Stiftung.
Warum wir häufiger mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen sollten, wen Romy für eine vorbildliche Streiterin hält und warum sie am liebsten zum Streiten in die Kneipe geht, erzählt sie hier im Interview mit der Hertie-Stiftung.
Diskutieren mit Corona-Skeptiker:innen
Romy spricht auf dem Kanal des Gesundheitsministeriums über gute Streitkultur in Zeiten von Corona.
Romy spricht auf dem Kanal des Gesundheitsministeriums über gute Streitkultur in Zeiten von Corona.
Lasst uns streiten!
Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, löst Probleme nicht, sondern verschiebt sie nur in die Zukunft. Ein Gespräch mit Dr. David Lanius, Mitbegründer des Forums für Streitkultur, das sich für eine konstruktive und demokratische Form des Streitens einsetzt.
Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, löst Probleme nicht, sondern verschiebt sie nur in die Zukunft. Ein Gespräch mit Dr. David Lanius, Mitbegründer des Forums für Streitkultur, das sich für eine konstruktive und demokratische Form des Streitens einsetzt.
Das Interview führte Lucca Pizzato vom Debattenportal sagwas.net, wo es zuerst (hier) erschienen ist.
Sagwas: Streiten Sie gerne, Herr Lanius?
David Lanius: (lacht) Die Frage kann ich mit Ja und Nein beantworten. In einem Sinne, auf der sachlichen Ebene, streite ich sehr gerne. Als Philosoph ist das sozusagen mein tägliches Brot. Im landläufigen Sinne, wenn man zankt und dabei gar keine Argumente mehr austauscht, dann nicht so gerne. Streiten ist allgemein leider negativ konnotiert. Eine Mission des Forums für Streitkultur ist es daher, dem Streiten einen besseren Ruf zu geben.
„Wir müssen Reden!“ ist das Motto des Forums. Sie plädieren für mehr „konstruktives Streiten“. Was führt denn zu nicht konstruktivem Streiten?
Ein großes Problem ist die Haltung, mit der viele Menschen in ein Streitgespräch gehen. Viele sehen Streit als eine Art Kampf, bei dem sie gewinnen oder verlieren können – und um jeden Preis gewinnen möchten. Andere haben überhaupt kein richtiges Ziel für das Gespräch und streiten dann vielleicht sogar widerwillig. Mit beiden Einstellungen kommt man nicht so weit.
Welche Haltung empfehlen Sie?
Man sollte Streit grundsätzlich als ein kooperatives Unterfangen sehen. In jedem Fall sollte die andere Person nicht als Feind betrachtet werden, sondern als Gegner, mit dem man freundschaftlich um Argumente ringt.
Wie hilft das Forum, die Kommunikation in Konflikten zu verbessern?
Einerseits machen wir Grundlagenforschung. Romy Jaster und ich haben 2017 das Forum gegründet und betreiben an der Humboldt Universität Berlin (HU) und am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) jeweils unsere Feldforschung.
Andererseits bieten wir praktische Workshops an, wo Teilnehmende mit unterschiedlichen Standpunkten zu kontroversen Fragen diskutieren können und wir dabei Anleitung und unterstützendes Feedback geben. Wir haben aber auch schon Straßenaktionen im Rahmen unseres Streitlabors durchgeführt, bei denen Menschen über alles Mögliche diskutieren konnten, ohne sich um soziale Konsequenzen Gedanken machen zu müssen.
Welche konkreten Tipps konnten Sie den Teilnehmenden geben?
Für „Deutschland spricht“ hatten wir zehn Regeln für eine gute Debatte zusammengestellt. Das sind relativ konkrete Vorschläge, wie man Zwiegespräche konstruktiver gestalten kann. Zum Beispiel haben wir die Teilnehmenden aufgefordert, jedes Mal bevor sie auf Gesagtes antworten, einen Punkt herausgreifen, mit dem sie übereinstimmen, und erst danach in die Kritik zu gehen.
Populismus und Verschwörungstheorien können dieses Übereinstimmen erschweren. Wie kann man in solchen Fällen trotzdem eine gemeinsame kommunikative Ebene finden?
Die Leute sind sich in solchen Fällen häufig schon darüber uneinig, was die Fakten sind. Natürlich wissen wir manchmal tatsächlich nicht, was die Wahrheit ist. Zum Beispiel, wann genau Homer, der Autor der Odyssee, geboren worden ist. Vieles lässt sich hingegen schnell auf sichere Weise herausfinden. So können wir leicht sicherstellen, ob Bamako die Hauptstadt von Mali ist. Die relevanten Fragen lauten dann aber, was die Quellen sind, welchen Quellen wir vertrauen und auch welchen Quellen wir vertrauen sollten. Ich glaube, das ist meistens der Knackpunkt bei Diskussionen mit Verschwörungstheoretiker*innen und Anhänger*innen von Populismus. Das Internet verstärkt leider diese Uneinigkeit bezüglich der Fakten und was überhaupt zuverlässige Quellen sind.
Also im Fall grundlegender Uneinigkeit lieber gar nicht diskutieren?
Ich denke, die beste Strategie ist es, die rein inhaltliche Ebene an dieser Stelle zu verlassen und direkt über die jeweiligen Quellen zu sprechen. Verschwörungstheoretiker*Innen haben ein sogenanntes „selbstimmunisierendes“ Weltbild, weil sie für jedes Gegenargument einen Einwand haben. Es empfiehlt sich daher, mit solchen Menschen nicht so sehr darüber zu diskutieren, ob zum Beispiel der Klimawandel menschengemacht ist, sondern besser darüber, wie man die angeführten Quellen bewerten sollte und ob diese Bewertung immer mit demselben Maß geschieht.
Sollte die Politik sich hier mehr einbringen, um den Uneinigkeiten und Unsicherheiten der Bürger*Innen in und gegenüber den neuen Medien entgegenzuwirken?
Ich würde sagen, dass die Verantwortung hier sehr breit verteilt ist. Politik, Medien, aber auch wir alle als Mediennutzende tragen einen Teil der Verantwortung, Verschwörungstheorien weniger Raum zu geben, indem wir gewisse moralische und epistemische Standards wahren und offensiv einfordern. Also selbst als Vorbild vorangehen und im Zweifel klar auf Verletzungen dieser Standards reagieren.
Sie haben die „Zehn Regeln einer guten Debatte“ erwähnt. Welche dieser Regeln ist Ihnen besonders wichtig?
(lacht) Was ich persönlich sehr wichtig finde, ist das „wohlwollende Interpretieren“. Das heißt eigentlich nur, das Gegenüber wirklich verstehen zu wollen: Verstehen zu wollen, was die andere Person sagt und was für Gründe sie für ihre Position hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich die Position des Gegenübers auch inhaltlich wohlwollend bewerten muss. Ganz und gar nicht! Ich kann die Position inhaltlich vehement ablehnen und trotzdem mit der anderen Person konstruktiv meine Gründe austauschen.
Im klassischen Zwiegespräch sollte ich mich entweder für ein Gespräch entscheiden und mich mit interpretativem Wohlwollen darauf einlassen – oder ich führe es eben nicht. Wenn ich beispielsweise nicht mit einer radikalen Islamistin wohlwollend über Ehrenmorde oder Kopftücher diskutieren kann, sollte ich mit ihr vielleicht gar nicht diskutieren.
Vielen Dank für das Gespräch!
Romy im Interview mit der HUMBOLDT
Wozu das Forum für Streitkultur? Was kann man beim Streiten von Philosophen lernen? Und wie geht guter Streit in Zeiten von Fake News? All das erzähle ich hier.
Wozu das Forum für Streitkultur? Was kann man beim Streiten von Philosophen lernen? Und wie geht guter Streit in Zeiten von Fake News? All das erzähle ich hier.
Hass im digitalen Raum
Der digitale Raum ist essentieller Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Soziale Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserem Alltag und Umgang miteinander ein. Dementsprechend gelten auch hier die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders und der konstruktiven Gesprächsführung. Diese Regeln werden durch Hassrede allerdings strategisch boykottiert, was die demokratische Streitkultur gefährdet. Die hasserfüllten Reaktionen auf die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind nur ein - besonders sichtbares - Beispiel unter zahllosen Fällen von Hassrede.
Der digitale Raum ist essentieller Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Soziale Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserem Alltag und Umgang miteinander ein. Dementsprechend gelten auch hier die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders und der konstruktiven Gesprächsführung. Diese Regeln werden durch Hassrede allerdings strategisch boykottiert, was die demokratische Streitkultur gefährdet. Die hasserfüllten Reaktionen auf die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind nur ein - besonders sichtbares - Beispiel unter zahllosen Fällen von Hassrede.
Hass als Strategie
Neben den Vorteilen der Kommunikations- und Ausdrucksmittel im digitalen Raum gibt es leider auch Nachteile: Trolle und Hater verbreiten Fake News sowie Hetze und nutzen die Funktionslogiken der sozialen Medien strategisch aus, um ein Klima des Hasses zu schüren und den politischen Diskurs zu dominieren (Aufmerksamkeitsökonomie). Im gesellschaftlichen Diskurs hat Hass mit einem erstarkenden Rechtspopulismus zugenommen. Gerade Rechtspopulist*innen nutzen das Internet und soziale Medien in ihrer Kommunikationsstrategie ganz bewusst um gezielt Stimmung zu machen (bspw. gegen die Klimabewegung Fridays For Future), Desinformation zu verbreiten und mit Hilfe von Hass einzuschüchtern, um damit den digitalen Raum zu dominieren. In diesem Sinne ist Hassrede kein Massenphänomen, sondern geht von wenigen Usern/Accounts aus, die sehr bewusst aktiv und salient versuchen, damit Diskussionen im Internet für ihre Zwecke zu missbrauchen.
Hass ist keine Meinung
Hassrede nimmt hierbei nicht die Form einer Meinungsäußerung an, die im Sinne der Meinungsfreiheit an einem konstruktiven Austausch oder einer Diskussion mit Argumenten interessiert ist. Verbaler Hass kann selbst bereits als eine Form der Gewaltanwendung gelten und ist eine sprachliche Handlung gegen Einzelpersonen und/oder Gruppen mit dem Ziel der Abwertung oder Bedrohung aufgrund deren Zugehörigkeit zu einer benachteiligten Gruppe in der Gesellschaft. Dies umfasst (strukturelle) Diskriminierung und damit Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und alle anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Abgesehen davon zeigt sich, dass durch verbalen Hass die Hemmschwelle zur Gewalt in der analogen Welt durch sich akkumulierenden verbalen Online-Hass gesenkt wird. Wir sehen das an Beispielen wie dem Mord an dem hessischen Politiker, Walter Lübcke, dem Anstieg politisch motivierter rechter Gewalttaten, oder auch, wenn wir den Blick weiten, am Beispiel der ethnischen Säuberung im buddhistisch geprägten Myanmar an der muslimischen Minderheit, den Rohingya. Gegen diese wurde auf den sozialen Medien massiv Hetze verbreitet und zu Gewalt aufgerufen.
Der Umgang mit Hass
Doch wie kann mit diesem Hass umgegangen werden? Angesichts gezielter Hass-Kommentare und Shitstorms gewinnt die Frage des richtigen Umgangs weiter an Bedeutung. Spätestens seitdem im Oktober 2017 das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zur Regulierung von Social-Media-Plattformen in Kraft getreten ist, besteht eine rege Auseinandersetzung darüber, welche Maßnahmen geeignet sind, um Hassrede einzudämmen. Auch wird nach dem Anschlag in Halle (Saale) auf eine Synagoge im Jahr 2019 die Thematik mit einem Kabinettsbeschluss, Hass im Netz härter zu bestrafen, wieder auf die Tagesordnung gehoben.
Für den Umgang mit Hass im Netz gibt es kein Patentrezept.
Grundsätzlich gibt es mindestens fünf Möglichkeiten des Umgangs mit Hassrede: ignorieren, diskutieren, ironisieren oder (im Fall justiziabler Äußerungen wie Bedrohung, Beleidigung, öffentlicher Aufforderung zu Straftaten oder Volksverhetzung) melden, anzeigen und (falls möglich) löschen. Helfen kann hierbei die Meldestelle des Bundeskriminalamts für Hetze im Internet "respect!". Hilfestellung beim direkten Umgang können online tools, wie das der neuen deutschen medienmacher*innen, oder des No Hate Speech Movement bieten.
Der digitale Raum als demokratischer Raum
Es wäre falsch zu denken, dass der digitale Raum von unserem alltäglichen Leben separiert werden kann. Schlechte Tipps für Betroffene von Hass oder Cybermobbing, wie "lösch dich doch einfach" negieren, dass der digitale Raum ein fester Bestandteil gesellschaftlichen Lebens ist, der auch demokratischen Regeln, Rechten und Umgangsformen unterliegt. Was wir aber sehen ist, dass Hassrede ganz grundsätzlich den sozialen Umgang mit Andersdenkenden und die demokratische Streitkultur negativ beeinflusst.
Da der digitale Raum als freiheitlicher, öffentlicher und demokratischer Raum und die Menschen, die sich darin bewegen, schutzbedürftig sind, muss entsprechend reguliert, aufgeklärt, (weiter-)gebildet und sensibilisiert werden für die Schattenseiten, die das Internet mit sich bringt.
Dieser Artikel ist ebenfalls im Tagungsreader zur medienpädagogischen Netzwerktagung "Medienkompetenz stärkt Brandenburg" des Landesfachverbands Medienbildung Brandenburg e.V. erscheinen.
Streiten wie Philosophen
Im öffentlichen Diskurs wird seit einiger Zeit verstärkt der Ruf nach einer besseren Streitkultur laut. Philosoph*innen sollten da hellhörig werden. Denn wenn sie eines wirklich gut können, dann ist das, sich konstruktiv zu streiten.
Das liegt in der Natur der Sache: Philosophische Fragen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich mit empirischen Mitteln nicht abschließend beantworten lassen. Welche Verteilung von Gütern ist gerecht? Was ist Wahrheit? Was sind die Voraussetzungen für die Freiheit des Willens? Um bei der Beantwortung solcher Fragen überhaupt vom Fleck zu kommen, hilft nur der systematische Streit unter Fachkolleg*innen.
Im öffentlichen Diskurs wird seit einiger Zeit verstärkt der Ruf nach einer besseren Streitkultur laut. Philosoph*innen sollten da hellhörig werden. Denn wenn sie eines wirklich gut können, dann ist das, sich konstruktiv zu streiten.
Das liegt in der Natur der Sache: Philosophische Fragen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich mit empirischen Mitteln nicht abschließend beantworten lassen. Welche Verteilung von Gütern ist gerecht? Was ist Wahrheit? Was sind die Voraussetzungen für die Freiheit des Willens? Um bei der Beantwortung solcher Fragen überhaupt vom Fleck zu kommen, hilft nur der systematische Streit unter Fachkolleg*innen.
Permanent müssen Philosoph*innen verhandeln, wie das Argument der Gegenseite aussieht und wo genau Dissens besteht.
Manchmal herrscht Uneinigkeit über die Faktenlage, manchmal bei der Gewichtung von Werten. In wieder anderen Fällen wird Evidenzen unterschiedlich viel Gewicht beigemessen, oder hinter einem Argument verbirgt sich ein allgemeines Prinzip, das vom Gegenüber nicht geteilt wird. Fast immer gilt es zu klären, wie die Streitenden Wörter eigentlich verwenden.
Philosoph*innen müssen Meinungsverschiedenheiten also recht methodisch austragen, um der Beantwortung ihrer tatsächlichen Fragen ein Stück näher zu kommen. Dafür hat sich ein ganzes System von Regeln etabliert.
Was den empirischen Wissenschaften die Statistik ist, sind der Philosophie Logik und Argumentationstheorie.
Wo es um eine Verbesserung der Streitkultur geht, wäre ein versierterer Umgang mit Argumenten sicherlich ein erster Schritt. Aber natürlich eignet sich das Studium philosophischer Methodik nicht als Bürgerpflicht. Hilfreich wäre eine Art philosophisches Starter-Kit: eine einfache Anleitung, der man in alltäglichen Auseinandersetzungen folgen kann, um zielführender, konstruktiver und zivilisierter zu streiten.
Erfreulicherweise gibt es dieses Starter-Kit bereits. In seinem Buch „Intuition Pumps and Other Tools for Thinking“ formuliert der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett einige einfache Regeln für den konstruktiven Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. Frei nach Dennett folgen Streitende idealerweise zwei Schritten, bevor sie zur Kritik ansetzen.
Im ersten Schritt wird wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat.
Dennett schlägt vor, dabei so fair und wohlwollend zu sein, dass das Gegenüber sagen kann: „Danke! Ich wünschte, ich hätte das selbst so gut auf den Punkt gebracht!“
Dahinter verbirgt sich keine Appeasement-Strategie. Vielmehr geht es darum, sicherzustellen, dass man selbst das Argument der Gegenseite wirklich verstanden hat. Andernfalls droht man einem sogenannten „Strohmann“ auf den Leim zu gehen, also eine Position zu kritisieren, die das Gegenüber gar nicht vertritt. Wiederholt man den zentralen Punkt, ist diese Gefahr ausgeräumt.
Im zweiten Schritt wird markiert, in welchen Punkten man dem Gegenüber zustimmt.
Übereinstimmungen gibt es tatsächlich immer. Ich wurde kürzlich in einem Interview gefragt, in welchen Punkten ich einem bekannten Rechtspopulisten zustimmen könne. Ich halte das nicht für eine schwierige Frage. Man teilt vielleicht eine Sorge, oder man ist sich in einigen Sachfragen einig. So abwegig der gegnerische Standpunkt auch erscheint: Die ernsthafte Suche nach Gemeinsamkeiten ist aus argumentationstheoretischer Sicht unabdingbar. Lassen sich keine gemeinsamen Prämissen finden, so wird kein einziges Argument die Gegenseite überzeugen können.
Am Ende darf dann auch bei Dennett kritisiert werden. Aber eben erst dann. Dennett schreibt:
“Only now are you permitted to say as much as a word of rebuttal or criticism.”
In der Sache darf diese Kritik durchaus scharf ausfallen. Das Ganze hat nur einen Haken: Hat man einmal Schritt eins und zwei durchlaufen, könnte man unterwegs festgestellt haben, dass die Argumente der anderen Person gar nicht so schlecht sind, wie man dachte. Anders gewendet:
Man könnte in einem solchen Streit tatsächlich etwas voneinander lernen.
Dieser Artikel wird demnächst in der Imagebroschüre der Humboldt-Universität erscheinen.
Das Forum für Streitkultur reist mit Bundespräsident Steinmeier nach Boston!
Romy reist mit Bundespräsident Steinmeier nach Boston, um dort bei einem Roundtable über Fake News und Bullshit zu sprechen.

Romy reist mit Bundespräsident Steinmeier nach Boston, um dort bei einem Roundtable über Fake News und Bullshit zu sprechen.
Eine bessere Streitkultur für Politik und Gesellschaft?
Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.
Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.
Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.
Podiumsdiskussion mit Andrea Römmele und Annette Leßmöllmann
Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.
Ausgangspunkt für die Diskussion ist das in diesem Jahr veröffentlichte Buch "Zur Sache!" von Andrea Römmele. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wird es Raum für Fragen und eine offene Diskussion im Plenum geben.
Zeit: 15. Oktober 2019, von 19 bis 21 Uhr
Ort: Karlshochschule, Karlstraße 36-38, 76133 Karlsruhe
Die Podiumsdiskussion wird organisiert und moderiert von David Lanius (DebateLab, KIT) in Kooperation mit der Karlshochschule, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Hertie School of Governance.
Der Eintritt ist kostenlos und eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr Informationen gibt es auch auf Facebook.
Die Wahrheit über die Wahrheit
Die Wahrheit hat dieser Tage nicht den besten Stand. Seit der Brexit-Bus durch Großbritannien rollte und Donald Trump als 45. Präsident der USA kandidierte, beherrschen Lügen, Bullshit, Fake News und andere Abgründigkeiten das politische Zeitgeschehen. Derart unverhohlen wird die Wahrheit gebogen, dass in den Feuilletons längst vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist.
Kaum ist das neue Zeitalter ausgerufen, sind auch schon die Schuldigen ausgemacht. An dem ganzen Malheur seien nämlich die Postmodernisten schuld. Schließlich sei es ein allgemeines Credo des Postmodernismus, dass es so etwas wie „die“ Wahrheit gar nicht gebe. Vielmehr hänge Wahrheit stets von Machtbeziehungen ab, von Sprache, von Weltbildern. Durch dieses Denken sei die Wahrheit über Jahrzehnte hinweg derart in Verruf gekommen, dass nun der Nährboden für eine Politik der Wahrheitsbiegung besser nicht sein könnte. Wer selbst nicht an eine objektive Wahrheit glaubt, hat in der Auseinandersetzung mit den Biegern der Wahrheit wenig Munition.
Das mag alles sein, macht aber einen Nebenschauplatz auf. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist nicht, wer an was Schuld ist, was Postmodernisten über Wahrheit denken oder wie sie in der Auseinandersetzung mit Populisten abschneiden. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist: Was sollten wir über Wahrheit denken? Und was haben wir den Biegern der Wahrheit eigentlich entgegenzusetzen?
Die Wahrheit hat dieser Tage nicht den besten Stand. Seit der Brexit-Bus durch Großbritannien rollte und Donald Trump als 45. Präsident der USA kandidierte, beherrschen Lügen, Bullshit, Fake News und andere Abgründigkeiten das politische Zeitgeschehen. Derart unverhohlen wird die Wahrheit gebogen, dass in den Feuilletons längst vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist.
Kaum ist das neue Zeitalter ausgerufen, sind auch schon die Schuldigen ausgemacht. An dem ganzen Malheur seien nämlich die Postmodernisten schuld. Schließlich sei es ein allgemeines Credo des Postmodernismus, dass es so etwas wie „die“ Wahrheit gar nicht gebe. Vielmehr hänge Wahrheit stets von Machtbeziehungen ab, von Sprache, von Weltbildern. Durch dieses Denken sei die Wahrheit über Jahrzehnte hinweg derart in Verruf gekommen, dass nun der Nährboden für eine Politik der Wahrheitsbiegung besser nicht sein könnte. Wer selbst nicht an eine objektive Wahrheit glaubt, hat in der Auseinandersetzung mit den Biegern der Wahrheit wenig Munition.
Das mag alles sein, macht aber einen Nebenschauplatz auf. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist nicht, wer an was Schuld ist, was Postmodernisten über Wahrheit denken oder wie sie in der Auseinandersetzung mit Populisten abschneiden. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist: Was sollten wir über Wahrheit denken? Und was haben wir den Biegern der Wahrheit eigentlich entgegenzusetzen?
Man muss keine einzige Schrift eines Postmodernisten studiert haben, um diese Fragen herausfordernd zu finden. Gibt es so etwas wie Wahrheit überhaupt? Gibt es nur eine Wahrheit oder viele? Hat nicht am Ende jeder seine eigene Wahrheit? Hängt Wahrheit nicht auch davon ab, was wir für wahr halten? Und wie steht es um Wahrheit in Bereichen, über die wir rein gar nichts wissen können? Vielleicht sind diese Fragen postmodernistisch. In jedem Fall treiben sie ziemlich viele Menschen um, wenn sie sich fragen, was es mit der Wahrheit eigentlich auf sich hat.
Klar ist: Die weit verbreitete Skepsis gegenüber der Wahrheit verträgt sich schlecht mit den gängigen Diagnosen über die Probleme unserer Zeit. Wer lügt, der sagt Unwahres. Wer bullshittet, dem ist die Wahrheit gleichgültig. Wer Fake News verbreitet, bringt Nachrichten in Umlauf, die ein unwahres Bild der Wirklichkeit zeichnen. Wie sollten diese Anschuldigungen gegen die Bieger der Wahrheit aufrechtzuerhalten sein, wenn grundlegende Zweifel daran bestehen, dass es so etwas wie die Wahrheit überhaupt gibt? An welchem Standard messen wir Lügner, Bullshitter und die Verbreiter von Fake News, wenn nicht am Standard der Wahrheit selbst?
Um die Probleme der Gegenwart beim Namen nennen zu können, müssen wir die Wahrheit entmystifizieren. Das geht verhältnismäßig einfach. Aber es erfordert, Abstand von der Idee zu nehmen, bei der Wahrheit handle es sich um eine philosophisch tiefe Angelegenheit. Drei Sätze genügen, um ein Verständnis von Wahrheit zu umreißen, das uns das Rüstzeug gibt, es mit den Biegern der Wahrheit aufzunehmen. Also tief durchatmen, hier kommt die Wahrheit über die Wahrheit.
- Erstens: Wahr ist eine Behauptung, wenn sie die Wirklichkeit korrekt beschreibt.
- Zweitens: Eine Behauptung beschreibt die Wirklichkeit korrekt, wenn das, was sie behauptet, tatsächlich der Fall ist.
- Drittens: Was tatsächlich der Fall ist, hat nichts damit zu tun, wie wir es wahrnehmen oder ob wir Wissen darüber haben.
In einem solchen Bild gibt es zwar viele wahre Behauptungen; wahr ist schließlich alles, was die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Was es aber niemals geben kann, sind gegenteilige Behauptungen, die dennoch beide wahr sind. Wenn Sie glauben, dass es regnet, und ich glaube, dass es nicht regnet, dann muss einer von uns falsch liegen. Wenn es regnet, ist Ihre Überzeugung wahr und meine falsch. Wenn es nicht regnet, ist es andersherum. Mehr gibt es über Wahrheit in dem grundlegenden Sinn, um den es hier geht, nicht zu sagen.
Wenn das stimmt, dann gibt es tatsächlich nur eine Wahrheit: Wahr ist, was der Wirklichkeit entspricht. Aussprüche wie „Jeder hat seine eigene Wahrheit“ stellen sich als bloße Redeweisen heraus, die unterschiedliche Bedeutungen haben können: dass jeder die Wirklichkeit auf seine Weise wahrnimmt; dass unterschiedliche Menschen gute Gründe für gegensätzliche Überzeugungen haben; dass am Ende jeder sein eigenes Urteil fällen muss. Was auch immer aber gemeint ist, es hat nichts mit Wahrheit im grundlegenden Sinn zu tun. Denn nichts von dem, was gemeint sein könnte, steht im Konflikt zu der Erkenntnis, dass nur derjenige etwas Wahres denkt, dessen Überzeugungen sich mit der Wirklichkeit decken.
Natürlich stimmt es, dass wir manchmal nicht wissen, ob eine Behauptung die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Aber für die Wahrheit der Behauptung ist das unerheblich. Wahrheit im grundlegenden Sinn erfordert nicht, dass wir wissen, ob eine Behauptung wahr ist. Zwei gegensätzliche, gleich gut begründete Behauptungen können miteinander im Wettstreit stehen, ohne dass wir ihre Wahrheit überprüfen könnten. Die Geschichte der Wissenschaften liefert uns dafür haufenweise Beispiele. Das heißt aber nicht, dass keine der beiden Behauptungen wahr ist oder gar dass beide „irgendwie“ wahr sind. Ganz im Gegenteil: Nur eine der Behauptungen kann wahr sein, und zwar diejenige, die die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Dass wir die Wirklichkeit nicht kennen, bedeutet lediglich, dass wir nicht wissen, welche der beiden Behauptungen das ist.
Zugestanden: Man muss das alles nicht einkaufen. „Meine Wahrheit, deine Wahrheit“ - wenn man will, kann man daran festhalten, dass diese Redeweise ganz wörtlich verstanden Sinn ergibt. In dem Fall allerdings wird es schwierig zu begreifen, was es heißt, die Wahrheit zu biegen. Es sieht dann nämlich ganz so aus, als hätte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich einen Punkt gehabt, als er 2016 in einem Interview verlauten ließ, auch wenn die Daten es nicht stützten, sei es eine Tatsache, dass die Kriminalität zugenommen habe. Seine Begründung: Die Leute fühlen es.
Die hässliche Alternative zu einem handfesten Verständnis der Wahrheit sind alternative Fakten.
Dieser Text wird im Herbst 2019 im Programmheft der Münchner Symphoniker erscheinen.
Mein Vaterland! Die Kontinuität zwischen Neonazi-Szene und AfD
Christian E. Weißgerbers Buch ist authentisch. Es ist zugleich eine Autobiographie und eine gesellschaftliche Analyse. Wenn diese Kombination auch nicht immer zu einem leichten Leseerlebnis beiträgt, so hat sie doch eine einnehmende Eigenwilligkeit.
Und gerade das macht das Buch auch so schonungslos glaubwürdig. Es legt offen, wie nahtlos die Neo-Naziszene mit der AfD und breiteren (und scheinbar moderateren) Schichten der Gesellschaft verwoben ist.
Aufschlussreich und zugleich erschreckend ist, wie anschlussfähig in Ideologie und Struktur die AfD an die Neo-Naziszene ist.
All das zeigt Weißgerber immer aus seiner Perspektive und seinen persönlichen Erfahrungen, die natürlich ganz individuell sind - und dabei doch etwas Allgemeineres offenzulegen scheinen.
Eine spannende und aufschlussreiche Lekutüre, die sich lohnt! Das buch ist auf amazon.de und bücher.de sowie im Buchladen um die Ecke erhältlich.
Christian E. Weißgerbers Buch ist authentisch. Es ist zugleich eine Autobiographie und eine gesellschaftliche Analyse. Wenn diese Kombination auch nicht immer zu einem leichten Leseerlebnis beiträgt, so hat sie doch eine einnehmende Eigenwilligkeit.

Und gerade das macht das Buch auch so schonungslos glaubwürdig. Es legt offen, wie nahtlos die Neo-Naziszene mit der AfD und breiteren (und scheinbar moderateren) Schichten der Gesellschaft verwoben ist.
Aufschlussreich und zugleich erschreckend ist, wie anschlussfähig in Ideologie und Struktur die AfD an die Neo-Naziszene ist.
All das zeigt Weißgerber immer aus seiner Perspektive und seinen persönlichen Erfahrungen, die natürlich ganz individuell sind - und dabei doch etwas Allgemeineres offenzulegen scheinen.
Eine spannende und aufschlussreiche Lekutüre, die sich lohnt! Das buch ist auf amazon.de und bücher.de sowie im Buchladen um die Ecke erhältlich.
Radikal höflich gegen Rechtspopulismus
Das wunderbare Büchlein „Sag was!“ von Diskursiv gibt einen niedrigschwelligen Einstieg in ein brandaktuelles und aufgeladenes Thema, das nach wie vor bei vielen Beteiligten Unsicherheit und Ohnmacht hervorruft. Der Autor Philipp Steffan hat einen beeindruckenden Spagat erzielt - zwischen angenehmer Knappheit, verständlicher Klarheit und profundem Gehalt.
Das wunderbare Büchlein „Sag was!“ von Diskursiv gibt einen niedrigschwelligen Einstieg in ein brandaktuelles und aufgeladenes Thema, das nach wie vor bei vielen Beteiligten Unsicherheit und Ohnmacht hervorruft. Der Autor Philipp Steffan hat einen beeindruckenden Spagat erzielt - zwischen angenehmer Knappheit, verständlicher Klarheit und profundem Gehalt.
Wie mit Rechtspopulisten reden? Das Büchlein "Sag was!" zeigt wie.
Nachdem am Anfang kurz Rechtspopulismus als Weltbild mitsamt seiner Kommunikationsstrategien umrissen wird, macht das Büchlein deutlich, wie wichtig es ist, bei verbalen Konfrontationen mit rechtspopulistischen Positionen auf die eigene Verfasstheit, die Zuhörerschaft, die äußerlichen Rahmenbedingungen und die Ziele des Gegenübers zu achten. Mitgeliefert werden auch die bewährten fünf Gesprächstipps von Kleiner Fünf, mit denen man radikal höflich diskutieren kann: Cool bleiben, offene Fragen stellen, zuhören, Kritik höflich formulieren und selbst aktiv agieren.
Sag was! Aber wann, wie und mit welchem Ziel?
Am Ende des Büchleins werden in absoluter Knappheit Gegenstrategien gegen neun beispielhafte rechtspopulistische Gesprächsmuster und Antworten auf vier klassische rechtspopulistische Vorwürfe (in Bezug auf Europa, Medien, Flucht und Islam) vorgestellt: Alles mit nützlichen Beispielen und immer konstruktiven Ratschlägen, wie man es besser machen könnte.
An einigen Stellen würde man sich mehr Tiefe sowie ausführlichere Erklärungen und Ratschläge wünschen. Doch mit seinen nur 80 Seiten und mit dem Anspruch, für Schülerinnen und Schüler ohne eine tiefergehende politische Bildung verständlich zu sein, bringt es das Büchlein auf eine erstaunliche Präzision.
Ohne (völlige) Frustration im Gespräch bleiben
Das Büchlein „Sag was!“ verschafft auf effektive Weise einen guten Überblick, wie man mit Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten (oder anderen Andersdenkenden) im Gespräch bleiben kann, ohne (völlig) frustriert zu werden. Und doch kann es immer nur ein erster Schritt sein, eine Hilfestellung und Inspiration, selbst ins Gespräch zu gehen und es beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen besser zu machen!
Disclaimer: Der Autor dieses Blogs ist Mitglied von Tadel Verpflichtet!, dem Trägerverein von Diskursiv, und war inhaltlich an der Arbeit von „Sag was!“ beteiligt.
Vier Regeln für konstruktive Kritik
Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man - wie sollte man - darauf reagieren?
Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.
Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man - wie sollte man - darauf reagieren?
Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.
Vier Regeln für konstruktive Kritik
In seinem Buch Intuition Pumps and Other Tools for Thinking führt der Philosoph Daniel Dennett vier Regeln für konstruktive Kritik auf, die ursprünglich auf den Psychologen Anatol Rapoport zurückgehen:
- Hören Sie sich genau an, was Ihr Gegenüber sagt. Geben Sie seine Position oder sein Argument in Ihren eigenen Worten wieder – so korrekt, klar und anschaulich wie möglich. Fragen Sie nach, ob Sie Ihr Gegenüber richtig verstanden haben.
- Zählen Sie alle Punkte auf, denen Sie zustimmen.
- Nennen Sie etwas, das Sie von Ihrem Gegenüber gelernt haben (wenn irgendwie möglich).
- Bringen Sie erst dann Gegenargumente und respektvolle Kritik.
Am wichtigsten ist die erste Regel: Zuhören und sichergehen, dass man das Gegenüber richtig verstanden. Die zweite Regel hat die Funktion, dass man sich auf einer gemeinsamen Grundlage bewegt. Fast immer gibt es eine ganze Reihe an geteilten Überzeugungen; aber häufig ist nicht klar, worüber man sich einig ist. Das sollte man klarstellen.
Die dritte Regel lässt einen selbst kurz reflektieren, was das Gegenüber einem voraus hat. Manchmal hält man es für wenig wahrscheinlich, dass man von seinem Gegenüber etwas lernen kann - und doch ist es meistens der Fall (und wenn es wirklich nicht der Fall ist, dann sollte man sich überlegen, warum man überhaupt das Gespräch sucht).
Die vierte Regel ist das, was die meisten Menschen als Erstes tun wollen - gegenhalten und widersprechen. Kritik ist wichtig - muss aber nicht immer direkt am Anfang stehen und kann durchaus respektvoll formuliert werden; selbst wenn das Gegenüber ein Klimaleugner oder eine Reichsbürgerin ist.
Dennetts Intuition Pumps and Other Tools for Thinking
Im englischen Original schreibt Dennett:
Just how charitable are you supposed to be when criticizing the views of an opponent? If there are obvious contradictions in the opponent’s case, then you should point them out, forcefully. If there are somewhat hidden contradictions, you should carefully expose them to view—and then dump on them. But the search for hidden contradictions often crosses the line into nitpicking, sea-lawyering and outright parody. The thrill of the chase and the conviction that your opponent has to be harboring a confusion somewhere encourages uncharitable interpretation, which gives you an easy target to attack. But such easy targets are typically irrelevant to the real issues at stake and simply waste everybody’s time and patience, even if they give amusement to your supporters. The best antidote I know for this tendency to caricature one’s opponent is a list of rules promulgated many years ago by social psychologist and game theorist Anatol Rapoport (creator of the winning Tit-for-Tat strategy in Robert Axelrod’s legendary prisoner’s dilemma tournament).
How to compose a successful critical commentary:
- You should attempt to re-express your target’s position so clearly, vividly, and fairly that your target says, "Thanks, I wish I’d thought of putting it that way."
- You should list any points of agreement (especially if they are not matters of general or widespread agreement).
- You should mention anything you have learned from your target.
- Only then are you permitted to say so much as a word of rebuttal or criticism.
One immediate effect of following these rules is that your targets will be a receptive audience for your criticism: you have already shown that you understand their positions as well as they do, and have demonstrated good judgment (you agree with them on some important matters and have even been persuaded by something they said).
Dennetts primäres Ziel war es eine spezielle Art des fehlerhaften Argumentierens zu unterbinden: den Strohmann (oder auch manchmal Pappkameraden genannt).
Einen Strohmann baut man auf, wenn man die Position des Gegenübers überzeichnet oder auf andere Weise falsch darstellt. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Als fehlerhaftes Argumentationsmuster ist der Strohmann nahezu allgegenwärtig. In Talkshows wird dem Kontrahenten eine absurde These in den Mund gelegt, in der Wissenschaft wird die Theorie des anderen Lagers irreführend vereinfacht und sogar im Privatgespräch verstehen wir häufig das Gegenüber zunächst einmal falsch und unterstellen ihm etwas, das er weder gesagt hat noch für wahr hält.
Wie nützen Dennetts Regeln für die Streitkultur?
Die vier Regeln für konstruktive Kritik haben allerdings noch eine ganze Reihe an weiteren Funktionen, die eine bessere Diskussion ermöglichen. Zunächst geben sie einem selbst (vor allem in mündlichen Auseinandersetzungen) ausreichend Zeit, sich tatsächlich eine gehaltvolle Kritik zu überlegen. Während man die These des Gegenübers paraphrasiert und Gemeinsamkeiten aufzeigt, kann man sein eigenes Argument gedanklich bereits schärfen. Das Resultat sind bessere und relevantere Argumente.
Ferner zwingen einen die vier Regeln für kontruktive Kritik dazu, aktiv zuzuhören. Häufig hören wir gar nicht genau hin, wenn wir in einem Gespräch sind, sondern überlegen bereits, was wir als nächstes sagen wollen oder schweifen sogar mit unseren Gedanken vollständig ab. Doch wenn klar ist, dass wir das Gesagte nochmal kurz zusammenfassen müssen, dann hilft das dabei, wirklich zuzuhören.
Und das aktive Zuhören hat unmittelbar den Effekt, dass wir ein besseres Verständnis der anderen Position und Argumente aufbringen können. Wir sind weniger geneigt, dem Anderen etwas zu unterstellen, was er nicht behaupten würde - wir sind weniger anfällig für Strohmänner aller Art.
Das Betonen der gemeinsame Grundlage führt zudem dazu, dass die eigenen Argumente und die eigene Kritik relevant sind. Argumente können nur überzeigen, wenn sie Prämissen (also Annahmen) enthalten, die das Gegenüber teilt. Nur dann ist das Gegenüber auch rational dazu angehalten, den eigenen Schluss zu akzeptieren.
Das aktive Zuhören, das Betonen der Gemeinsamkeiten und das Herausstellen dessen, was man gelernt hat, hat jedoch noch weitere positive Eigenschaften - und zwar auf der Beziehungsebene. Zuhören signalisiert Respekt. Wenn beiden Parteien klar ist, dass sie auch in relevanten Punkten übereinstimmen und dass man voneinander lernen kann, dann sind sie auch emotional eher dazu bereit, den Gedanken des jeweils Anderen zu folgen und entsprechende Schlüsse zu akzeptieren.
Hitzige Streitgespräche
Weil es nicht immer einfach ist, die vier Regeln für kontruktive Kritik auch umzusetzen, sind hier ein paar Formulierungshilfen:
Regel eins. Versuchen Sie, die Position Ihres Gegenübers klar, anschaulich und fair wiederzugeben! Sagen Sie: "Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du..." oder "Habe ich Recht, dass dein Gedankengang... ?"
Regel zwei. Nennen Sie Gemeinsamkeiten! Sagen Sie: "Ich denke, was wirklich wichtig ist an deiner Sicht ist, dass..." oder "Ich mag den Gedanken, dass..." oder "Wie du, mache ich mir auch Sorgen, dass..."
Regel drei. Erwähnen Sie etwas, das Sie von der anderen Person gelernt haben! Sagen Sie: "Was ich interessant finde, ist... . Das wusste ich nicht. " oder "Ich verstehe jetzt viel besser deine Position, dass..."
Regel vier. Nennen Sie Ihre Widerlegung oder Kritik. Sagen Sie: "Allerdings..." oder "Was ich jedoch problematisch finde, ist..."
Das kann man auch prima in einem (langen) Satz kombinieren: "Du sagst also, dass... , wobei ich dir in dem Punkt, dass... , zustimme; wirklich spannend finde ich dabei, dass... , allerdings sehe ich ... anders, weil..."
Die vier Regeln für konstruktive Kritik sind auch Teil der zehn Regeln für gute Debatte, die wir für Streitgespräche im Rahmen von Deutschland spricht, dem Tag der offenen Gesellschaft und ähnliche Formate entwickelt haben.
Wann ist Provokation sinnvoll und legitim?
Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.
US-Präsident Donald Trump vergleicht am 3. Januar den Bau der geplanten Grenzmauer zu Mexiko mit der Fantasy-Serie "Game of Thrones" und provoziert damit gekonnt seine politischen Gegner.
Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.
Provokation als Strategie
Bei Trump mag es sich um eine narzistische Persönlichkeitsstörung handeln, die gut mit der Aufmerksamkeitsökonomie der modernen öffentlichen Debatte zusammenspielt.
Bei vielen Rechtspopulisten weltweit ist sie erklärte Strategie. So bezeichnete der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki im DLF Provokation als "Stilmittel" der AfD. Und damit hat er recht: der AfD-Ideologe Götz Kubitschek kürte gezielte Provokation sogar als zentrale Säule der Strategie der AfD seit dem Bundestagswahlkampf 2017: die Partei solle "ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein [und] auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken."
Kubitschek meint, dass "harte und provokante Slogans wichtiger als lange, um Differenzierung bemühte Sätze" seien. Ziel sei es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und in den Medien zu bleiben. Aber Provokation solle auch gezielt moralisierendes Verhalten der anderen Debattenteilnehmenden hervorrufen, das dann als Zielscheibe genutzt werden kann, um wiederum Empörung bei den eigenen Wählern zu erzeugen und sich in der Opferrolle zu inszenieren.
Gewollte, ungewollte und missglückte Provokation
Natürlich ist Provokation nicht immer Strategie. Manche Handlungen oder Äußerungen provozieren andere Menschen, ohne dass das Ziel der Handlung oder Äußerung ist. Mini-Röcke wurden lange als Provokation aufgefasst (und werden es mancherorts noch), aber das heißt nicht, dass jede Frau, die einen Mini-Rock trägt, provozieren will.
Manchmal versuchen Menschen auch zu provozieren, aber scheitern dann damit. Andrea Nahles' Spruch "Jetzt gibt es auf die Fresse" war wohl als Provokation gedacht, erntete aber vor allem Spott und war aus PR-Sicht desaströs. In der öffentlichen Debatte soll Provokation in erster Linie Aufmerksamkeit einfangen: Die Werbung bedient sich dieses Mittels genauso wie Stars, Politiker und die Medien selbst.
Provokation als Aufmerksamkeitsmagnet
Aufmerksamkeit ist ein zentrales Kapital in der öffentlichen Debatte. So können Stars die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, an Unternehmen, für die sie Werbung machen, verkaufen. Mit Aufmerksamkeit wird gehandelt - zuvorderst im Internet. Fernsehen und Facebook haben gemeinsam, dass ihre Kunden Werbetreibende sind, denen die Aufmerksamkeit der Nutzer verkauft wird
Provokation kann natürlich auch genutzt werden, um auf etwas Wichtiges aufmerksam zu machen. Gute Kunst funkioniert so. Das Musikvideo "Like a prayer" von 1989 stellt sich Madona selbst zufolge "gegen Rassismus. Es ist wohl immer noch ein Tabu, eine Beziehung zwischen Schwarz und Weiß zu zeigen! Und dann noch fröhliche Ausgelassenheit in einer Kirche. Ja, das waren viele Tabus. Das hat einigen Leuten Angst gemacht. Wahrscheinlich genau den Leuten, die ein Problem mit genau diesen Themen haben!" Ob das nun der eigentliche Grund für die Provokation war, ist offen. Immerhin war das Video ein großer finanzieller Erfolg für Madonna: Denn die dadruch erzeugte Aufmerksamkeit hat ihr auch viele Millionen Dollar eingebracht.
Was ist Provokation?
Doch was ist Provokation überhaupt? So klar ist das leider gar nicht. Eine bekannte Definition lautet:
Provokation ist ein "absichtlich herbeigeführter überraschender Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch diskreditiert und entlarvt."
(Rainer Paris 1998, 58)
Etwas allgemeiner könnte man auch sagen: Provokation ist das Hervorrufen eines (unbedachten) Verhaltens durch Normbruch und mittels einer emotionalen Reaktion bei anderen Personen (meist Ärger, Wut oder Empörung). Wichtig ist in jedem Fall zwischen den tatsächlichen Intentionen des Provokateurs (Beispiel: Provokationsversuch von Andrea Nahles), den unterstellten Intentionen des Provokateurs durch den Provozierten (Beispiel: Tabuisierung des Minirocks) und der tatsächlichen Reaktion des Provozierten (Beispiel: Gefühl der Provokation durch Minirock).
Allein die Tatsache, dass eine Frau einen Minirock trägt, wird bisweilen als Provokation aufgefasst – ganz unabhängig von den tatsächlichen Intentionen der Frau, die im Zweifel gar nicht auf die Person gerichtet sind, die sich dann provoziert fühlt.
Manche provozieren aber auch, weil sie Andere klein machen wollen. Klaus Kinski mag bei seinen Pöbeleien ein solcher Kandidat gewesen sein. Aber eben auch Donald Trump scheint durch Provokation seine Macht ausloten zu wollen. Gezielte Verstöße von Normen demostrieren, dass man über den normalen Regeln der Gesellschaft steht.
Aus demselbem Grund haben Punks in den 1980ern in Abgrenzung zur damaligen Norm Nazi-Symbole als provokative Stilmittel und Tabubrecher genutzt, um den Empörten des Bürgertums genau jene Reaktionen der Intoleranz zu entlocken, die sie bei ihnen hinter der Fassade der Toleranz vermuteten.
Warum und mit welchem Ziel wird provoziert?
Mit welchen Zielen wird Provokation im öffentlichen Diskurs (oder aber auch in privaten Auseinandersetzungen) eingesetzt? Aufmerksamkeit ist fast immer der primäre Grund; allerdings kann man verschiedenste fernere Ziele durch die erzeugte Aufmerksamkeit verfolgen.
Klassisch ist etwa die Provokation in Spiel- oder Kampfsituationen: man provoziert den Gegner zu einem Zug, der ihm mittel- oder langfristig schaden wird (beim Boxen, indem man ihn beleidigt); ein anderes Beispiel ist die Provokation von Menschen, an denen sich der Provokateur abreagieren will; erst provoziert er sie zu einer Handlung, die er selbst als Provokation auslegen kann, um dann beispielsweise eine Schlägerei vom Zaun brechen zu können.
Ganz generell sollte man also zwischen beabsichtigter, strategischer Provokation wie im Fall der AfD (oder auch häufig in der Werbung), beabsichtigter, aber nicht strategischer Provokation wie im Fall von Raufbolden und unbeabsichtigter, oft sogar unbewusster Provokation wie im Fall von Musliminnen, die in Deutschland Kopftuch tragen (was gar nicht im engeren Sinn eine Provokation ist; die Leute fühlen sich nur provoziert).
Zusammenfassend kann man sagen, dass Menschen provozieren,
- um sich selbst groß zu machen, indem sie andere klein machen.
- um von eigenen Schwächen abzulenken.
- um anderen zu zeigen, dass sie die Stärksten und Überlegensten sind.
- weil sie eifersüchtig sind.
- weil ihnen langweilig ist.
- weil sie schon aggressiv sind und ihre Aggression ausleben wollen.
- um einen Fehler der Gegenseite in einer Auseinandersetzung herbeizuführen.
- um Aufmerksamkeit von anderen zu erhalten.
Wann ist Provokation legitim?
Wenn sie ein legitimes Ziel zu erreichen hilft. Provokation ist meist Normverletzung. Das kann sinnvoll sein, wenn die Normen selbst problematisch oder unsinnig sind (zum Beispiel ganz häufig bei Normen der Sexualmoral) oder wenn diese (oder andere) Normen ohnehin nicht eingehalten werden (provokative Kunst zu Nationalsozialismus, Kapitalismus, etc.).
Für Individuen ist es bisweilen absolut sinnvoll zu provozieren, weil sie ihre kurzfristigen und individuellen Interessen durch eine gezielte Provokation durchsetzen können. Für die Gesellschaft als Ganzes ist es meist eher fragwürdig, ob Provokation zielführend ist. Schließlich sind Provokationen meist Normverletzungen, die ihrerseits Normverletzungen hervorrufen sollen. Das spricht erstmal gegen ein kooperatives, nach gemeinsamen Normen organisiertes Miteinander.
Im Einzelfall (wenn bereits Normen nicht eingehalten werden) kann eine gezielte Provokation jedoch hilfreich sein, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. So kann Provokation sinnvoll als didaktisches Mittel im Schuluntericht eingesetzt werden. Unterschwellige Konflikte oder Probleme können, wenn man kommunikativ geschickt ist, durch eine gezielte Provokation offengelegt werden; damit das jedoch insgesamt sinnvoll ist, muss die Provokation in ein weiteres Gespräch eingebettet sein, das den Konflikt konstruktiv verhandelt!
Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen
Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.de, Reclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!
Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.
Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.
Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.de, Reclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!
Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.
Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.
Rezensionen zum Buch
Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)
Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)
Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)
Weitere lesenswerte Bücher zum Thema
- Cailin O'Connor & James Owen Weatherall: The Misinformation Age: How False Beliefs Spread, Yale University Press, 2019.
- Lee McIntyre: Post-Truth, MIT Press, 2018.
- Vincent F. Hendricks & Mads Vestergaard: Postfaktisch. Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien, Blessing, 2018.
- Yochai Benkler, Robert Faris & Hal Roberts: Network Propaganda: Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics, Oxford University Press, 2018.
- Michiko Kakutani: The Death of Truth, William Collins, 2018.
- Ingrid Brodnig: Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik manipulieren, Brandstätter-Verlag, 2017.
- Karoline Kuhla: Fake News, Carlsen Verlag, 2017. (Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler)
- Wolfgang Schweiger: Der (des)informierte Bürger im Netz: Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern, Springer, 2017.
Was Online-Redakteure gegen Fake News und Hatespeech tun können
Gestern hat der Verein #ichbinhier einen offenen Brief an die Online-Redakteure reichweitenstarker Facebookseiten geschrieben und sie darin aufgefordert, sich stärker gegen Fake News, Desinformation, Hatespeech, Hetze, Lügen und Verdrehungen einzusetzen.
Der offene Brief gibt einige konstruktive Ratschläge, was Online-Redakteure besser machen könnten. Das wünscht sich der Verein ichbinhier von den Online-Redakteuren:
Gestern hat der Verein #ichbinhier einen offenen Brief an die Online-Redakteure reichweitenstarker Facebookseiten geschrieben und sie darin aufgefordert, sich stärker gegen Fake News, Desinformation, Hatespeech, Hetze, Lügen und Verdrehungen einzusetzen.
Der offene Brief gibt einige konstruktive Ratschläge, was Online-Redakteure besser machen könnten. Das wünscht sich der Verein ichbinhier von den Online-Redakteuren:
1. Weniger Triggerthemen!
Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, "Ausländerkriminalität" pp. schreibt.
2. Fakten statt Spekulation!
Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.
3. Verzichtet auf Clickbaiting!
Seriöser Journalismus kommt ohne aus.Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!
4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!
Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!
5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!
Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.
6. Steht für journalistische Qualität ein!
Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können
Der Verein #ichbinhier engagiert sich für ein friedliches Miteinander. In der Facebookgruppe des Vereins können wir uns alle für eine bessere Streitkultur im Internet einsetzen!
Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit
Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”
Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”
"Was meint er, wenn er Worte sagt?"
Angesichts dieser Situation dürften sich viele Leserinnen und Leserder ZEIT am 4. September 2018 beim Blick in den Feuilleton die Augengerieben haben. Denn dort erklärte Thomas Assheuer unter der Überschrift„Warum Trump kein Lügner ist”:
„Trump hat nichts Lügenhaftes. Sein Körper und seine Sprache bilden eine natürliche Einheit; Intonation und Gestik wirken echt unverkrampft, nichts klingt bigott oder gekünstelt. Trump redet obszön, aber nicht verlogen. Seine Worte sprechen ihm aus dem Herzen.“
Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig.
Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig. Gelegentlich wird daherdie Frage in den Raum gestellt, ob es nicht sein kann, dass er denUnsinn, den er von sich gibt, womöglich selbst glaubt. Kann es sein,dass Trump derart irrational, narzisstisch und schlecht informiert ist,dass ihm gar nicht auffällt, dass seine Sicht der Dinge nicht immer mitder Wirklichkeit in Einklang steht? Assheuer stellt eine andere Theseauf:
„Trump benutzt die Sprache als situatives Investment auf dem politischen Markt. Findet er Zustimmung, dann ist seine Aktion rentabel und wirft Gewinn ab: mehr Ruhm, mehr Macht, bessere Quoten. (…) Wenn dagegen der öffentliche Druck so groß wird, dass er (…) einen Rückzieher machen muss, dann wurde seine Gewinnerwartung kurzfristig enttäuscht. Deshalb hat Trump, jedenfalls aus seiner Sicht, bislang nie gelogen; er hat sich bei seinen semantischen Transaktionen lediglich verkalkuliert.“
Trump sieht seine Behauptungen als Investments.
Assheuer zufolge sieht Trump Behauptungen als Investments, um seinepolitischen Ziele zu befördern. Aber ist Trump deshalb kein Lügner? Oderist er nur aus seiner eigenen Sicht kein Lügner? Was heißt es überhauptzu lügen? Und wenn wir ihn von der Lüge freisprechen, ist TrumpsVerhalten dann unverwerflich?
Was Lügen genau sind, ist in der Philosophie umstritten. Das mag überraschen, schließlich fallen uns schnell klare Fälle ein, in denen Personen lügen. Wenn Anatol etwas Falsches sagt, um Beate zu täuschen, dann hat er gelogen. Und so verstehen viele Menschen Lügen schlichtweg als falsche Aussagen, mit denen eine andere Person getäuscht werden soll.
Wann lügt jemand?
Bei näherem Hinsehen werden die Dinge jedoch komplizierter. Was ist,wenn Anatol zwar Beate täuschen will, aber selbst einem Irrtumunterliegt? Nehmen wir an, er glaubt, Bukarest sei die Hauptstadt vonPolen, behauptet aber, um Beate hinters Licht zu führen, Bukarest seidie Hauptstadt von Rumänien. In diesem Fall hätte Anatol – ohne esselbst zu wissen – etwas Wahres gesagt. Hat er gelogen? Hier gehen dieIntuitionen auseinander. Wenn ja, können Lügen auch wahr sein.Entscheidend wäre dann, dass jemand etwas behauptet, das er selbst fürfalsch hält – unabhängig davon, ob es wahr oder falsch ist.
Was aber in jedem Fall zur Lüge gehört, ist die Absicht, das Gegenüber zu täuschen. Jemand, der eine Fehlinformation verbreitet, die er selbst für wahr hält, ist kein Lügner, sondern einfach ein Mensch, der sich geirrt hat. Eine notwendige Bedingung fürs Lügen ist es, andere hinters Licht führen zu wollen. Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen. Dafür greift er auf Behauptungen zurück, die er für falsch hält.
Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen.
Auf Trump trifft das in vielen Fällen klarerweise zu. Wenn erbeispielsweise behauptet, nichts über die Zahlungen an diePornodarstellerin Stormy Daniels durch seinen Anwalt Michael Cohengewusst zu haben, dann ist das einerseits falsch. Man muss andererseitsaber auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eineTäuschungsabsicht verfolgte. Ziel der falschen Aussage war es, das FBIund die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. In diesem Fall haben wires mit einer glatten Lüge zu tun.
Doch nicht immer, wenn Trump Fake News in die Welt setzt, ist eineTäuschungsabsicht im Spiel. Häufig macht er so offenkundig falscheBehauptungen, dass die Annahme, er wolle irgendjemanden wirklich damittäuschen, geradezu absurd erscheint. Denken wir an die Diskussion überdie Zuschauerzahl bei seiner Amtseinweihung oder die Behauptung, dieSonne habe die ganze Zeit hindurch geschienen. Die Fotos derZuschauermenge waren bekannt und leicht mit den Fotos derAmtseinführungen seiner Vorgänger zu vergleichen. Die regnerischeFeierlichkeit war weltweit übertragen worden. Dass Trump in diesenFällen davon ausgegangen sein könnte, er könne die Öffentlichkeit durchseine falschen Behauptungen hinters Licht führen, ist wenig plausibel.
Wenn Trump in diesen Fällen nicht lügt, was tut er dann? In zwei Worten: Trump bullshittet. Eine philosophisch solide Definition von Bullshit verdanken wir Harry Frankfurt (Frankfurt 2005). Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordert nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.
Trump ist ein Meister des Bullshits.
Menschen bullshitten aus den unterschiedlichsten Gründen. Um Anderezu beeindrucken, um eine Festgesellschaft zu unterhalten, um eineGesprächspause zu vermeiden. Aber auch auf der politischen Bühne istBullshit ein gängiges Phänomen – insbesondere in der Ära Trump. InFrankfurts Augen ist Donald Trump ein Paradebeispiel für einenBullshitter. Trumps Behauptung, er habe das beste Gedächtnis der Weltbezeichnet Frankfurt als geradezu “possenhaft unverstellten Bullshit”(Frankfurt 2016).
Im Bereich von Fake News ist Bullshit viel gängiger, als man zunächst annehmen würde. Die Rechnung ist einfach: Provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen bringen mehr Aufmerksamkeit. Mehr Aufmerksamkeit bringt mehr Klicks. Mehr Klicks bringen mehr Werbeeinnahmen. Also bringen viele provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen viele Einnahmen. Ob sie wahr oder falsch sind, spielt in dieser Kalkulation keine Rolle.
Fake News und Clickbaiting
Nach diesem Geschäftsmodell ist im Vorlauf des letzten US-Wahlkampfes in Mazedonien und anderen osteuropäischen Ländern eine regelrechte Fake-News-Industrie entstanden. Die Erzeugnisse dieser Industrie sind in aller Regel Bullshit. Aus Interviews mit Fake-News-Produzenten aus Mazedonien und Georgien beispielsweise wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, einen größtmöglichen Gewinn einzufahren. Dimitri, ein besonders erfolgreicher Produzent von Fake News, äußerte sich dazu recht freimütig (Smith & Banic 2016): „Du siehst, was die Leute mögen und gibst es ihnen. Du siehst, dass sie Wasser mögen, und gibst ihnen Wasser; mögen sie Wein, gibst du ihnen Wein. Es ist wirklich sehr einfach.”
Warum bullshittet Trump? Nun, eine Erklärung liefert Assheuer. Trumpstellt Behauptungen auf, von denen er sich einen politischen Gewinnverspricht. Was für Trump zählt, ist ausschließlich der politischeMarktwert – nicht der Wahrheitswert – des Gesagten.
Bullshit und Propaganda
Ein weiterer Punkt scheint aber ebenso zentral. Sich nicht an der Wahrheit zu orientieren, ist das ultimative Signal von Unangreifbarkeit. Menschen wie Trump zeigen, dass sie sagen können, was sie wollen, ohne durch irgendwen oder irgendetwas eingeschränkt zu sein – nicht einmal durch die Realität selbst. Wenn Jason Stanley Recht hat, haben wir es in solchen Fällen mit Paradebeispielen von Propaganda zu tun. Denn Stanley zufolge ist Propaganda im Kern überhaupt kein Täuschungsversuch, sondern bereits der Versuch zu herrschen (Stanley 2016).
Ist Trump nun also ein Lügner oder nicht? Nun, manchmal lügt Trump sicherlich. Aber nicht immer. Viele Fake News, die er in die Welt setzt, sind keine Täuschungsversuche, sondern purer Bullshit.
Das "post-faktische" Zeitalter?
Besser wird die Sache dadurch nicht. Insbesondere, wenn Bullshit zumPrinzip erhoben wird, sollten die Alarmglocken läuten. Wird Bullshit zurNorm, gerät der Maßstab der Wahrheit selbst in Verruf. Auf genau dieses Ziel arbeiten Rechtspopulisten weltweit zunehmend unverhohlen hin. Sie betrachten Worte als Waffen im Kampf um die Macht.Wichtig ist allein die politische Botschaft und Mobilisierung derAnhänger. Doch wenn Fake News, Lügen und Bullshit systematisch dasVertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft untergraben, droht uns amEnde möglicherweise doch noch das allseits heraufbeschworene “post-faktische” Zeitalter. Wir sollten alles daran setzen zu verhindern, dass es soweit kommt.
Referenzen
Harry G. Frankfurt: “Donald Trump is BS says expert in BS”, Time2016. URL: http://time.com/4321036/donald-trump-bs/ (letzter Zugriff:30.10.2018)
Harry G. Frankfurt: On Bullshit. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2005 [1986].
Alexander Smith & Vladimir Banic: “Fake News: How a PartyingMacedonian Teen Earns Thousands Publishing Lies”, NBC News 2016. URL:https://www.nbcnews.com/news/world/fake-news-how-partying-macedonian-teen-earns-thousands-publishing-lies-n692451(Letzter Zugriff: 30.10.2018)
Jason Stanley: How Propaganda Works. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2016.
Dieser Beitrag erschien ebenfalls auf dem Blog von praefaktisch.de.
Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können
In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.
Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?
In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.
Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?
Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem eines: recht behalten. Glaubt man Psychologen, ist das ist auch nicht verwunderlich. Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, empfinden wir als Störfaktoren. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "kognitiver Dissonanz". Wenn wir die verspüren, haben wir vor allem einen Impuls: die Argumente des Gegenübers zu entkräften.
Das ist nicht so irrational, wie es klingt. In einer Demokratie entscheiden schließlich alle Bürger darüber, was geschieht. Je mehr Menschen wir von unserer Meinung überzeugen, desto wahrscheinlicher werden politische Entscheidungen, die uns gefallen. Doch wie überzeugt man überhaupt jemanden von seiner Meinung?
Viele Menschen kritisieren das politische Gegenüber direkt oder konfrontieren es sofort mit der eigenen Meinung. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.
Wir können verstehen lernen
Eines der berühmtesten Experimente hierzu stammt aus den USA. Die Forscher gaben ihren Versuchsteilnehmern hierfür einen erfundenen Zeitungsartikel zu lesen. Darin stand die These, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Anschließend bekamen die Probanden starke Belege dafür, dass diese Information falsch ist – darunter ein Zitat des damaligen Präsidenten George W. Bush, in dem dieser die Existenz der Waffen verneint. Das Ergebnis der Studie war erstaunlich. Nicht nur glaubten vor allem konservative Versuchsteilnehmer weiter an die irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie waren von ihrer Position sogar noch stärker überzeugt als vorher.
Zwar ist noch nicht belegt, dass Menschen im Angesicht konträrer Informationen tatsächlich im Sinne des backfire effect ihre Überzeugungen verhärten. Mit Sicherheit wissen wir jedoch, dass es gar nicht so einfach ist, eine andere Person von ihrem Standpunkt abzubringen. Für viele Menschen scheint es eine große Überwindung zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Bisweilen scheint durch eine Meinungsänderung nicht nur ein politischer Standpunkt, sondern auch das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken zu geraten. Wer überzeugen will, sollte also vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, als Person abgewertet zu werden.
Der Philosoph Daniel Dennett hat in Anlehnung an den Psychologen Anatol Rapaport vier Regeln aufgestellt, die dabei helfen können. Glaubt man Dennett, beginnt eine gute Kritik immer damit, dass der Diskutant zuerst in eigenen Worten wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat. Dann stellt er heraus, worin sich beide einig sind, und macht drittens explizit, was er vom Gegenüber gelernt hat. Erst dann – im letzten Schritt – legt der Diskutant möglichst präzise dar, warum er anderer Meinung ist. Wer seine Kritik derart höflich und konstruktiv formuliert, erhöht laut Dennett seine Chancen, gehört zu werden. Womöglich kann er sogar leichter das Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.
Es gibt aber noch ein anderes Ziel, das man sich in einer Debatte setzen kann: zu verstehen, wie der andere denkt. In westlichen Gesellschaften scheint das momentan ein Problem zu sein. Über die Anderen denken wir zunehmend nur noch in Stereotypen: Wer bei Pegida mitläuft, ist ein Rassist, wer Flüchtlingen hilft, hat den Bezug zur Realität verloren. Dieses Denken führt dazu, dass sich die Menschen in ihren politischen Meinungen zunehmend radikalisieren.
Das Problem ist bloß: Die allerwenigsten Menschen entsprechen in Wahrheit diesen Stereotypen. Oft sind unsere Vorstellungen vom Anderen einfach falsch. Diskussionen können dieses Denken aufbrechen.
Ein Mittel, um Diskussionen besser zu machen: offene Fragen
Das geht allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Und es gelingt nicht immer. Gespräche können auch – ganz im Gegenteil – dazu führen, dass Stereotype verstärkt werden. Unsere Meinungen verfestigen sich dann, Unverständnis und Intoleranz wachsen.Wie kann man ein Gespräch also angehen, wenn man es richtig machen will? Ein einfaches Mittel sind offene Fragen. Sie eignen sich besonders gut, um etwas über unseren Gesprächspartner herauszufinden. Jede Frage, die sich nicht nur mit Ja oder Nein beantworten lässt, gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, in seine Gedankenwelt Einblick zu geben. Gute Fragen in einer Debatte sind also: "Warum denken Sie das?" Oder: "Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit diesem Problem umgehen?"Offene Fragen sind übrigens auch eine wirksame Strategie, um Schwächen in der Position des Gegenübers aufzudecken. Studien zeigen, dass Menschen massiv ihr Verständnis komplexer Zusammenhänge überschätzen. In einer Diskussion kann es daher ratsam sein, zu fragen: "Wie erklärt sich das Ihrer Meinung nach?" Oder: "Wie hängt das in Ihren Augen zusammen?" Geschicktes Fragen kann dem Gegenüber klarmachen, dass sein Verständnis des Themas begrenzt ist.Wie wirkungsvoll offene Fragen sein können, hat der afroamerikanische Musiker Daryl Davis gezeigt. Davis, eigentlich ein Pianist und Bluesmusiker, führt seit Jahren Gespräche mit Mitgliedern des rechtsextremen Ku-Klux-Klans. Doch statt sie zu kritisieren, stellte er ihnen offene Fragen. Eine Frage lautete sinngemäß: "Warum glaubst du, dass Schwarze gewalttätiger sind als Weiße?" Obwohl Davis selbst immer wieder von Rassismus betroffen war, interessierte er sich aufrichtig für die Frage, wie die Mitglieder zu ihrem rassistischen Weltbild kamen. Die Methode hatte offenbar Erfolg: Nach den Gesprächen lösten sich Teile des Ku-Klux-Klans im Bundesstaat Maryland auf.
Es gibt aber noch einen dritten Grund, mit politisch Andersdenkenden zu diskutieren: der eigene Erkenntnisgewinn. Eine Diskussion, das vergessen wir oft, ist ein extrem gutes Mittel, um die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Das ist auch deshalb entscheidend, weil wir Menschen zu Denkfehlern neigen.
Ein besonders häufiger Denkfehler ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder confirmation bias. Die bekannteste Studie hierzu stammt aus Großbritannien. Der Denkpsychologe Peter Wason bat seine Studierenden, die Regel hinter einer von ihm ausgedachten Zahlenreihe herauszufinden. Die Reihe lautete: 2,4,6. Fast alle Studierenden waren anschließend der Ansicht, dass die Regel darin bestünde, dass einfach jedes Mal eine zwei addiert werde.
Die Studierenden durften anschließend weitere Zahlenreihen nennen, um zu prüfen, ob sie mit ihrer Hypothese richtig lagen. Die meisten Studierenden prüften ihre Hypothese, indem sie weitere Zahlenreihen bildeten, die der Regel "Addiere 2!" folgten. Also: 8,10,12 oder 6,8,10.
Damit jedoch gingen sie dem Bestätigungsfehler auf den Leim. Sie hatten nicht mehr nach der Wahrheit, sondern ausschließlich eine Bestätigung für ihre Hypothese gesucht. Für die Studie wäre es jedoch klug gewesen, auch Zahlenreihen der Form "1,2,3" oder "7,2,1" abzufragen. Hätten die Studierenden das getan, hätte sich schnell die Regel herausgestellt, die der ursprünglichen Zahlenreihe zugrunde lag. Sie lautete nämlich schlicht: "Addiere irgendeine Zahl!"
Streitgespräche müssen kein Kampf sein
Studien zeigen immer wieder, dass wir viel besser darin sind, die Denkfehler anderer zu erkennen als unsere eigenen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Austausch von Argumenten also sehr viel effizienter und effektiver als das individuelle Abwägen von Gründen. Daher sind Diskussionen so nützlich für den Erkenntnisgewinn.
Wie sollte man also in ein Streitgespräch hineingehen, wenn man möglichst schlau wieder herauskommen will? Es geht im Wesentlichen darum, die richtige Haltung zu finden. Die Kampfmetaphorik, mit der wir Streitgespräche beschreiben, suggeriert, dass wir eine Debatte gewinnen müssen oder zumindest unsere Position erfolgreich verteidigen. Wenn wir das nicht schaffen, fühlen wir uns schlecht. Das Gegenüber wird damit zum Gegner in einem Duell, der uns gefährlich werden kann und den wir besiegen müssen.
Diese Haltung hat jedoch in erster Linie negative Konsequenzen. Adrenalin wird ausgeschüttet, weil wir uns bedroht fühlen. Das führt dazu, dass wir zwar schneller und rhetorisch geschickter reagieren können. Wir sind aber auch weniger aufnahmefähig, weniger empathisch und weniger zugewandt.
Streitgespräche müssen jedoch keine Kämpfe sein, die in Siegen oder Niederlagen enden. Wir können sie als kooperative Unterfangen verstehen, bei denen wir voneinander lernen. Dann kann eine Niederlage auch einmal ein Sieg sein. Zum Beispiel dann, wenn man eine nicht haltbare Überzeugung angesichts guter Gründe aufgibt. So zu denken, ist sicherlich viel verlangt. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf ZEIT ONLINE am 21. September 2018 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D18.
Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können, erklärt Romy in diesem Video:
Was die Aktion "Deutschland spricht" für die Diskussionskultur bedeutet, erläutert David in diesem Interview:
Mit Rechtspopulisten reden
In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.
Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?
In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.
Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?
Doch was zeichnet überhaupt rechtspopulistische Standpunkte aus?
Zunächst einmal gilt es zu verstehen, wie Rechtspopulisten denken. Es ist verlockend, rechtspopulistische Standpunkte als haltlose Parolen abzutun. Tatsächlich aber folgen rechtspopulistische Programme einer recht stringenten inneren Logik. Sie zu durchschauen, ist entscheidend, um einzelne Parolen einordnen und sich treffsicher mit ihnen auseinandersetzen zu können.Im Zentrum jedes rechtspopulistischen Programms steht ein Argument der folgenden Form:
- Es gibt eine Bedrohung.
- Nur die Rechtspopulisten können uns davor bewahren.
- Also müssen die Rechtspopulisten an die Macht kommen.
Hat man das Argument einmal klar vor Augen, so sieht man, dass viele typische Parolen dazu dienen, dieses Argument zu stützen. Die Bedrohung nimmt wahlweise die Form der “Flüchtlingswelle”, des (politischen) Islams, des Niedergangs der deutschen Sprache oder dergleichen mehr an. Die Rettung kann nur durch die Rechtspopulisten erfolgen, weil nur sie die Machenschaften der Lügenpresse durchschauen, gegen das korrupte Establishment vorgehen und die wahren Probleme benennen – kurz: weil nur sie den Willen des Volkes erkennen und verwirklichen werden.
Mit wem reden?
Lohnt es sich überhaupt, mit Leuten zu diskutieren, die ein solches Weltbild haben? Hier gilt es zu unterscheiden. Nicht alle Menschen, die mit rechtspopulistischem Gedankengut sympathisieren, sind radikal. In vielen Fällen hat man es einfach mit einer Person zu tun, die die Welt anders erlebt als man selbst. Hier kann sich eine Diskussion durchaus lohnen.Dabei ist es zielführend, die Technik des argumentativen Reframings anzuwenden. Studien zeigen, dass Menschen ein Argument nur dann überzeugend finden, wenn es Werte anspricht, die sie teilen. Die Herausforderung beim Argumentieren ist daher, gelegentlich die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und sich zu fragen, welche Argumente wohl überzeugend sind, wenn man so denkt wie das Gegenüber – also ganz anders als man selbst.Was, wenn man es mit einem Gegenüber zu tun hat, bei dem keine Offenheit für eine echte Diskussion besteht? Auch dann lohnt sich häufig die Auseinandersetzung. Denn gerade auf öffentlichen Veranstaltungen, auf Panels und an Infoständen adressiert man stets auch die Zuhörer und die Umstehenden. Manchmal gilt es, rote Linien zu markieren oder ein positives Gegenbild zu entwerfen, auch wenn keine Aussicht auf ein Einlenken beim Gegenüber zu erwarten ist.
Strohmänner, Generalisierungen und Parolenhopping
Dennoch scheuen viele Menschen die öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten. Ein häufiger Grund ist die Angst, der Debatte nicht gewachsen zu sein. Auf die gängigsten unsachlichen Argumentationsstrategien sollte man sich daher ein wenig vorbereiten. Besonders typisch für den Diskurs mit Rechtspopulisten sind Strohmänner, unzulässige Generalisierungen und Parolenhopping.Beim Strohmann wird die Position des Gegenübers so verzerrt, dass sie sich besonders leicht widerlegen lässt. Beispiel: Sie sprechen sich für die Reduzierung der Rüstungsausgaben aus und ihnen wird entgegnet, dass wir ohne Rüstungsbudget aufgeschmissen sind. Aber natürlich hatten Sie sich nicht für die Streichung des Rüstungsbudgets ausgesprochen. Hier gilt es aufmerksam zu sein und seine Position umgehend und unmissverständlich klarzustellen.Bei unzulässigen Generalisierungen wird von einem Beispiel auf eine ganze Gruppe verallgemeinert. So werden Geflüchtete pauschal mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Verweis auf die Statistik liegt nahe, überzeugt aber in den seltensten Fällen. Besser ist es, anekdotisch zu antworten und zum Beispiel von konkreten Geflüchteten zu berichten, die sich gesellschaftlich einbringen. Denn emotionale Botschaften verfangen meist besser.Das Problem beim Parolenhopping ist, dass viele verschiedene Themen schnell gestreift werden. Dadurch gibt es keine Einzelposition, gegen die man argumentieren kann. Die souveräne Reaktion ist, auf eines der Themen Bezug zu nehmen und den Rest (zunächst) unter den Tisch fallen zu lassen. Diese Gegenstrategie nennt man Rosinenpicken: Man pickt das Thema, bei dem man sich am besten auskennt. Auf diese Weise kann man die Richtung der Diskussion steuern und eigene schlagkräftige Argumente präsentieren.
"Migrantenwellen", "Asylorkane" und "Flüchtlingstsunamis"
Auf rechtspopulistische Standpunkte Bezug zu nehmen, ist jedoch nicht unproblematisch. Rechtspopulisten bedienen sich häufig einer dramatisierenden und irreführenden Sprache. Begriffe aktivieren Bilder. Diese Bildes (Frames genannt) beeinflussen nachweislich unsere Einstellungen. Spricht man von einer “Flüchtlingswelle”, dann aktiviert das Assoziationen wie “Katastrophe” und “Naturgewalt”.Um diese Assoziationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Sprechweise der Rechtspopulisten nicht einfach zu übernehmen und stattdessen Worte zu wählen, die nicht die problematischen Assoziationen wecken. Durch ein solch terminologisches Reframing wird dann aus dem “Flüchtlingstsunami” lediglich eine große Zahl von Menschen, die in Not sind und bei uns Zuflucht suchen.
Reden lohnt sich!
Abhängig von den eigenen Zielen und vom Gesprächskontext kann man rechtspopulistischen Standpunkten also durchaus souverän und
konstruktiv begegnen. Wenn sich das Gegenüber für eine echte Diskussion bereit zeigt, ist es häufig zielführend, ein Vier-Augen-Gespräch zu suchen und durch argumentatives Reframing zu überzeugen. Das setzt voraus, dass wir versuchen, das Gegenüber wirklich zu verstehen. Ist das Ziel dagegen, lediglich die Kontrolle über die Debatte zu behalten, dann hilft es, auf die Argumentationsstrategien der Rechtspopulisten mit entsprechenden (vorbereiteten) Gegenstrategien zu antworten, terminologisches Reframing einzusetzen und sich (begründet) zu positionieren.Dieser Artikel erscheint auch hier in dem Nord-Süd-Magazin Südlink von INKOTA.
Was ist gute Streitkultur?
Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.
Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.
Herr Lanius, Wann haben Sie zum letzten Mal gestritten?
Gerade eben, mit meiner Partnerin.
Worum ging es?
Um die ganz klassischen Dinge; wie wir Arbeit und Partnerschaft unter einen Hut bringen. Wir streiten oft. Es ist wichtig, Konflikte offen auszutragen. Und das ist ja nicht nur in einer Beziehung so, sondern, wenn ich das mal so grundsätzlich und pathetisch sagen darf, auch in einer Demokratie.
Das müssen Sie jetzt natürlich auch sagen: Sie forschen über Populismus am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie, arbeiten auch als Argumentationstrainer. Warum finden sie das Streiten so wichtig?
Aus mindestens drei Gründen. Erstens denke ich, dass nur Streit zuverlässige Erkenntnis bringt. Das ist in der Wissenschaft besonders deutlich: Als Wissenschaftler erlange ich Wissen, indem ich mich kritisch und im besten Fall auch selbstkritisch mit den Einsichten meiner Kollegen auseinandersetze. Erst im Streit kann ich erkennen, ob meine Argumente stimmig sind. Erst in Abgleich mit anderen Theorien, Perspektiven und Überzeugungen kann ich überprüfen, ob ich nicht kognitiven Verzerrungen oder logischen Fehlschlüssen unterlegen bin. Das gilt insbesondere auch für die Gründe, die andere Menschen für ihre Überzeugungen und gegen meine Position anführen.Zweitens erfahre ich in einem Streit nicht nur viel über die Sache, über die wir streiten, sondern auch über die Person, mit der ich streite: Wer ist das? Was bewegt sie? Wieso denkt sie, was sie denkt? In jeder sozialen Konstellation, in der ich mit anderen Menschen kooperieren möchte, ist es essentiell, miteinander im Gespräch zu bleiben, sie anzuhören und mit ihnen Gründe auszutauschen. Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Freundschaften, Vereine, Unternehmen oder unsere Gesellschaft als Ganzes.Und das ist der dritte Grund: Unsere Demokratie lebt von der politischen Auseinandersetzung – vom Streit. Nur durch ständige öffentliche Debatte können wir erfolgreich unsere Interessen koordinieren. Nur im Streit klären wir, was uns als Gesellschaft wichtig ist, welche Werte wir ganz grundsätzlich vertreten wollen und welche politischen Entscheidungen wir als Gesellschaft zu tragen bereit sind.
Am Anfang einer Trainingseinheit steht ja oft die Bestandsaufnahme. Fangen wir doch damit an: Wie steht es um die Streitkultur in Deutschland?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin Philosoph, kein Soziologe. Und selbst wenn ich Soziologe wäre, gibt es keine unkontroverse Art, wie man die Qualität gesellschaftlicher Streitkultur angemessen operationalisieren kann. Es hängt von zu vielen Faktoren ab, was es bedeutet, dass in einer bestimmten Situation gut oder schlecht gestritten wird. Zudem gibt es meines Wissens nach keine systematische Untersuchung dieser Frage. Daher werde ich von anekdotischer Evidenz ausgehen, um Ihre Frage zu beantworten.Häufig wird ja behauptet, dass sich die Streitkultur verschlechtert, dass wir Deutschen verlernt hätten zu streiten. Meine Beobachtungen bestätigen jedoch nicht, dass die Streitkultur früher wirklich besser war und man in den 1920er oder 1960er Jahren am Stammtisch oder im Parlament auf gepflegtere Art Argumente ausgetauscht hat. Ich glaube noch nicht einmal, dass sich der Ton dramatisch verschärft hat. Vieles von dem, was heute die AfD sagt und worüber die Empörung dann groß ist, wäre in der CDU/CSU oder der SPD in den 1980er oder 1990er Jahren überhaupt nicht als anstößig aufgefallen.
Aber trotzdem könnten wir besser streiten, oder?
Auf jeden Fall!
Was sind typische Fehler beim politischen Streit?
Es gibt strukturelle Gründe für manche Fehler, die immer wieder begangen werden, die sich jedoch in der öffentlichen Debatte und im privaten Gespräch unterscheiden. Bedauerlicherweise werden Politiker in der Regel gecoacht, in öffentlichen Debatten möglichst viel Redezeit einzunehmen und das Gespräch zu dominieren – mit dem Effekt, dass sie häufig ihrem Gegenüber nicht zuhören, seine Position falsch oder verzerrt wiedergeben und nicht inhaltlich, sondern rein rhetorisch auf seine Einwände reagieren. Das liegt an den spezifischen Interessen der Politiker, die in solchen Debatten weder Erkenntnis suchen noch auf Austausch oder Kooperation aus sind. Sie wollen Aufmerksamkeit und letztlich Wählerstimmen gewinnen. Leider lassen sich nicht nur Politiker, sondern oft auch Journalisten und andere Debattenteilnehmer von solchen Fehlanreizen verleiten.Umgekehrt kann man im privaten Bereich bisweilen zu viel falsch verstandenen Respekt – eine falsch verstandene Zurückhaltung – beobachten. Häufig denken gerade jüngere, progressive, gebildete Menschen, dass jedes Argument irgendwie richtig sei und es Priorität habe, den Anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen. Das führt dazu, dass heikle Themen oft gar nicht angesprochen werden. Man will niemanden verletzen oder zu nahetreten. Dabei könnten wir die persönliche Nähe etwa zu einem Verwandten, der andere politische Ansichten hat, auch als Ressource für ein gutes politisches Gespräch ansehen. Wenn Menschen offen miteinander reden, verstehen sie sich besser und neigen weniger zu Extremen.
Eine Strategie, dem Streit auszuweichen, besteht doch auch in dem in eher linken Kreisen beliebten Privilegien-Argument: „Ich diskutiere nicht mit dir, weil du ein weißer Mann bist und daher das Problem, über das wir hier sprechen, überhaupt nicht kennst.“
Diese Strategie kann es sehr schwierig machen, ein Streitgespräch konstruktiv zu führen. Ich würde da allerdings gerne zwei Ebenen unterscheiden. Wir alle nehmen bestimmte Positionen in der Gesellschaft ein, erfahren dadurch strukturelle Bevorzugungen oder Benachteiligungen und nehmen damit eine bestimmte Perspektive auf uns und andere ein. Unter bestimmten Umständen kann es daher sinnvoll und wichtig sein, das Gegenüber darauf hinzuweisen, das es bestimmte Dinge (vermutlich) nicht sieht, weil ihm entsprechende Erfahrungen fehlen.Auf der sachlichen Ebene beinhaltet diese Strategie hingegen einen Fehlschluss. Es handelt sich um ein Ad Hominem-Argument: Was du sagst, ist falsch oder irrelevant, einfach nur weil du bist, wer du bist. Das ist natürlich Unsinn. Nichts folgt aus meinem Weiß- oder Männlich-Sein über die Wahrheit oder Falschheit meiner politischen Äußerungen – ob zum Beispiel eine bestimmte Handlung sexistisch oder rassistisch ist. Allerdings ist es gerade in Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen häufig auch sachlich zielführend, Privilegien zu benennen und das direkt am Gegenüber zu markieren. In einem guten Streitgespräch können solche Themen genauso diskutiert werden wie zum Beispiel die letzte Fußballweltmeisterschaft.
Immer wieder wird sich ja auch über die Streitkultur im Internet beklagt.
Auch hier würde ich vor einem vorschnellen Urteil zurückscheuen. Ich bin viel im Netz unterwegs. Es gibt viele Beispiele von gelungenen Diskussionen, in denen sich die Leute große Mühe geben, respektvoll und sachlich miteinander zu reden. Ich finde es auch großartig, welche Möglichkeiten die sozialen Netzwerke bieten, mit Menschen mit anderen politischen Meinungen in Kontakt zu kommen.Die These der digitalen Filterblase ist nicht haltbar. Mit ein, zwei Klicks zerplatzt die Blase und ich bin in einer Diskussion mit radikalen Feministen, Kreationisten oder populistischen Merkel-Gegnern. Vielleicht erschrecken die Menschen auch deswegen über den Ton in den sozialen Netzwerken so sehr, weil sie im analogen Leben diese Auseinandersetzungen weit seltener erleben. Denn tatsächlich bewegen wir uns ja im analogen Leben viel mehr in Echokammern, viel mehr unter Gleichgesinnten, als das im Netz der Fall wäre.
Damit kommen wir zu einer Frage, die sich vermutlich sehr viele unserer Leser stellen: Wie kann man mit Rechten streiten? Bevor man da nach Antworten sucht, muss man sich natürlich auch fragen: Soll man überhaupt mit Rechten streiten?
Auf jeden Fall! Allerdings ist ja nicht immer unmittelbar klar, wer oder was "die Rechten" überhaupt sind. Ich spreche lieber von Menschen mit rechtsextremen, rechtspopulistischen oder vielleicht sogar nur konservativen, reaktionären oder patriotischen Überzeugungen. Aber in jedem Fall sollte man mit Menschen sprechen, die eine andere Meinung haben – auch Meinungen, die man kategorisch ablehnt.Ich mache das zum Einen aus einem ganz persönlichen Interesse. Es ist doch wahnsinnig spannend, zu erfahren, was Menschen umtreibt, was ihnen Sorgen bereitet, was für Gründe sie anführen, welche Sicht sie auf die Welt und andere Menschen haben. Und auch politisch finde ich es sinnvoll, mit der AfD ins Gespräch zu kommen.Dabei laufen wir zwar einerseits Gefahr, die AfD zu sehr zu hofieren und ihren Positionen zu viel Raum zu geben, so dass sich als Reaktion die Standards des öffentlichen Diskurses verschieben, etwa bei der Frage, wie wir mit Geflüchteten in Deutschland umgehen. Das Problem besteht dabei in den Bildern und Narrativen, die die AfD durch Framing erzeugt. Die Ereignisse des Jahres 2015, als relativ viele Menschen nach Deutschland flüchteten und die Politik nur schleppend darauf reagierte, wurden mit Begriffen wie "Flüchtlings-Tsunami", "Umvolkung", "großer Austausch" oder "muslimische Invasion" beschrieben. Die Bilder, die dadurch erzeugt werden, haben leider einen großen Einfluss auf unser Urteil über diese Ereignisse.Auf der anderen Seite ist es jedoch keine Lösung, die Vertreter der AfD nicht mehr in Talkshows einzuladen oder sie aus Fußballvereinen zu werfen. Damit bestätigt man letztlich nur das Weltbild vieler AfD-Anhänger. Dieses besagt ja gerade, dass es in Deutschland weder Demokratie noch Meinungsfreiheit gebe. Da ist der Vorwurf der "korrupten Eliten" oder "Lügenpresse" nicht weit.Ich denke daher, dass man sowohl im privaten Diskussionen als auch in öffentlichen Debatten durchaus auch einmal radikale Positionen zu Wort kommen lassen sollte, um daraufhin jedoch höflich, klar und begründet seine eigene Position zu vertreten. Man sollte gerade in Situationen mit Publikum (wie Talk-Shows, aber eben auch Facebook-Walls) ganz klar ansprechen, wo man anderer Meinung ist, und dabei auf das Framing achten. Man kann die Position des Gegenübers wiedergeben, ohne dessen Bilder und Narrative zu verwenden.Das nennt man dann Reframing. Es ist eine traurige Tatsache, dass viele rechtspopulistische Frames (wie das der "Altparteien" oder des "Flüchtlings-Tsunamis") auch von demokratischen Politikern und Medienvertretern aufgenommen wurden und die AfD damit in der Tat die Debatte zu ihren Gunsten verändert.
Kann man denn wirklich einen AfD-Politiker von einer anderen Meinung überzeugen?
Das ist das klassische Argument der Diskussionsverweigerer: „Das sind Nazis; mit denen braucht man nicht zu sprechen.“ Damit macht man es sich aber zu leicht. Es ist natürlich richtig; ich werde Alice Weidel oder Alexander Gauland nicht von meiner Position überzeugen. Doch viele politische Streits werden ja nicht geführt, um das Gegenüber von seiner Position zu überzeugen. Oft ist der eigentliche Adressat das Publikum. Weil es eine Bundestagsdebatte verfolgt, weil es eine Talkshow sieht, weil es einen Diskussionsverlauf in einem Facebook-Newsfeed, Forum oder die Kommentare unter einem Video oder Zeitungsartikel liest.Grundsätzlich sollte man sich jedoch von der Vorstellung verabschieden, dass es in Streitgesprächen darum ginge, das Gegenüber, oder überhaupt irgendwen, zu überzeugen. Ich denke, dass wir mehr Bereitschaft zeigen sollten, von Anderen zu lernen und im Zweifel auch einmal einzugestehen, dass wir uns geirrt haben. Wir müssen von der absurden Idee wegkommen, dass es schlecht sei, zuzugeben, dass der Andere recht hat.Meine These lautet: Streitgespräche werden umso konstruktiver, je mehr wir die Meinungen der Anderen respektieren und aufrichtiges Interesse an den Gründen für diese Meinungen und an den Gründen haben, die sie gegen die eigene Meinung anführen. Ich bin optimistisch, dass sich dann am Ende die Meinungen durchsetzen werden, für die die besten Gründe sprechen.
Wirklich?
Es ist es natürlich schwierig, ein konstruktives Gespräch zu führen, wenn gemeinsame Grundlagen fehlen und das Gegenüber nicht bereit ist, auf Gründe zu reagieren. Ich denke jedoch, dass man sogar Verschwörungstheoretikern rational begegnen kann – und zwar indem man auf der Meta-Ebene ansetzt. Man muss also die großen Fragen klären: Wie erlange ich Wissen? Welchen Quellen kann ich vertrauen?Da zeigt sich dann, wo sich Widersprüche im Weltbild des Verschwörungstheoretikers auftun. Beispielsweise, dass er bestimmten Quellen willkürlich sein Vertrauen schenkt und es anderen genauso willkürlich abspricht. Diese Einsicht muss der Verschwörungstheoretiker jedoch selbst gewinnen – es wird nur in den seltensten Fällen helfen, ihn direkt darauf aufmerksam zu machen. Fragen sind übrigens allgemein eine sehr viel effektivere Methode im Streitgespräch, als viele Menschen denken!
Wenn man Ihre Analyse des AfD-Programms liest, fällt die Katastrophenrhetorik besonders auf, eine Semantik der Sorge. Inwiefern sollte man solche Sorgen ernst nehmen?
Zunächst einmal sollte man genau hinsehen. Was sind diese Sorgen? Wer hat sie? Wer hat sie wirklich? Die AfD ist daran interessiert, Empörung und Angst zu schüren. Einerseits sind Empörung und Angst Emotionen, die hohen Aufmerksamkeitswert versprechen. Nachrichten, die solche Emotionen auslösen, verbreiten sich schneller in den sozialen Netzen und bleiben besser in Erinnerung.Andererseits geben sie der AfD eine Art Existenzberechtigung; denn nur wenn "die da oben" – die demokratischen Institutionen, die EU und die Medien – mit der akuten Gefahr durch "die Anderen" – die Geflüchteten und die Muslime – überfordert oder sogar dafür verantwortlich sind, braucht es eine "Alternative für Deutschland", die "den Willen des Volkes" kennt und ihm wieder zur Geltung verhilft. Die AfD spricht damit Menschen an, die tendenziell ein geschlossenes Weltbild haben, an das man von außen kaum mehr herankommt. Sie sind quasi fakten-resistent. Wenn ich ihnen einen Beleg für meine Thesen präsentiere, ist es einfach für sie zu sagen, dass er unglaubwürdig – weil Produkt des korrupten Systems – ist.Das sind im Grunde Verschwörungstheorien. Sie immunisieren sich gegen Kritik, indem sie eine passende Erklärung für jeden Einwand und jede Richtigstellung mitliefern – warum die Politik, die Medien, die Wissenschaft uns gezielt täuschen. Man muss also identifizieren, welche Sorgen in der Bevölkerung tatsächlich vorhanden und welche davon auch begründet sind. Manche Sorgen existieren nur in der AfD-Rhetorik. Andere Sorgen existieren zwar in bestimmten Teilen der Bevölkerung, sind aber letztlich gegenstandslos – weil sie auf Fehleinschätzungen beruhen und im Extremfall auf Verschwörungstheorien. Wieder andere Sorgen sind in der Tat begründet; beispielsweise, dass immer mehr Menschen mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommen.
Was sollte man außerdem noch beachten?
Wenn man sich auf einen Streit einlässt, muss man wirklich bereit sein, zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht. In der Philosophie sprechen wir vom „Prinzip des interpretativen Wohlwollens“. Das fehlt oft bei der Auseinandersetzung mit der AfD – gerade auch von Vertretern der Medien oder der demokratischen Parteien.Etwa in der Berliner Runde zur Bundestagswahl 2017 versuchten die Moderatoren mit Suggestiv-Fragen Jörg Meuthen an die Wand zu spielen. Sie fragten ihn: "Was haben Sie sich für diese Legislaturperiode vorgenommen – Krawall und Populismus wie bisher oder wollen Sie eine konstruktive Opposition sein?" Das ist selbst kein konstruktiver Gesprächsbeitrag – unterstellt er doch von vornherein, dass die AfD nicht konstruktiv arbeiten will.Auch gibt es immer wieder abwertende Parlamentsreden von Politikern der demokratischen Parteien. Ein Beispiel möchte ich hier nennen, weil es ein großer viraler Erfolg war und von Feuilletons in der ganzen Republik hochgelobt wurde: Die Replik von Hans-Ulrich Rülke (FDP) auf eine Rede von Jörg Meuthen im baden-württembergischen Landtag letztes Jahr gilt für Viele als Musterfall, wie man mit der AfD umgehen sollte. Dabei war sie kaum mehr als eine pointierte und vor allem polemische Stammtischrede, die keinen Punkt der AfD inhaltlich aufgriff, sondern sich vor allem über sie lustig machte. Solche rhetorischen Manöver haben das Ziel, bestimmte Meinungen und Argumente erst gar nicht in der öffentlichen Debatte zuzulassen.Leider spielt man hier der AfD in die Hände, weil man sie scheinbar in ihrer Opferrolle und ihren Behauptungen zu Meinungsfreiheit und Zensur in Deutschland bestätigt. Diesen Gefallen sollten wir ihnen jedoch nicht tun. Auf dieses von der AfD systematisch eingesetzte Argumentationsmuster sollte man vielmehr mit kühler Sachlichkeit reagieren, indem man inhaltliche Punkte aufgreift und, wo erforderlich, differenziert und klar widerlegt.
Welche Argumentationsmuster verwendet die AfD zum Beispiel noch?
Was man bei der AfD immer wieder beobachten kann, ist die Taktik, erst einmal eine sehr starke Behauptung aufzustellen wie zum Beispiel: "In Deutschland wird ein Bevölkerungsaustausch geplant." Das provoziert und hat eine gute Chance, von den Medien aufgegriffen zu werden. Widerlegt man die Behauptung, läuft man Gefahr, sie zu wiederholen und zu ihrer Verbreitung noch beizutragen. Die schrille Provokation bleibt in Erinnerung, während die sachliche Widerlegung vergessen wird.Im Anschluss an solche Provokationen relativiert die AfD dann häufig wieder, was sie gesagt hat: "Das meinen wir gar nicht so." Oder noch radikaler; sie leugnet, dass es überhaupt Tatsachen gibt – frei nach dem Motto "Du hast deine Wahrheit, ich habe meine." oder mit den unsterblichen Worten von Trump-Sprecherin Kellyanne Conway: "Wir haben alternative Fakten."
Was lässt sich da erwidern?
Dieses Argumentationsmuster ist ungemein zynisch, denn es unterwandert jede sinnhafte Diskussion. Gerade weil unser Wissen über die Welt in einem kollektiven Prozess entsteht, müssen wir in der Auseinandersetzung überprüfen, welche Theorien und Begriffe die Welt am besten beschreiben. Wer behauptet, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, dürfte sich erst gar nicht auf die Diskussion einlassen. Tut er es doch, verfängt er sich in einen performativen Widerspruch. Er erhebt den Anspruch, dass es in einem intersubjektiven Sinn wahr ist, dass Wahrheit subjektiv ist. Darauf sollte man aufmerksam machen.
Was sind weitere typische Argumentationsweisen von Rechtspopulisten?
Weit verbreitet ist auch das Themen-Hopping. Dabei wird von einem Thema zum nächsten gesprungen und in einen einzelnen Redebeitrag beispielsweise der Verlust der Leitkultur, die Einführung der Scharia, der internationale Terrorismus und die leeren Sozialkassen untergebracht. Keine der Thesen wird klar formuliert und Argumente werden höchstens angedeutet. Darauf kann man in aller Regel nicht umfassend antworten. Stattdessen sollte man probieren, das Gespräch konkret auf ein einzelnes Thema oder Argument zurückzuführen.Auch wenn es schwerfällt, prinzipiell helfen immer Genauigkeit und Sachlichkeit – gerade auch gegenüber einem weiteren Argumentationsmuster, das Philosophen „Strohmann-Argument“ nennen. Dabei gibt man die Position des Gegenübers verzerrt, übertrieben oder schlicht falsch wieder und baut so, bildlich gesprochen einen Strohmann auf, den man leichter bekämpfen kann. Gerade erklärt die SPD-Politikerin, warum sie die Obergrenze für problematisch hält. Daraufhin entgegnet der AfD-Politiker, dass offene Grenzen nicht funktionieren werden. Das hatte sie aber gar nicht gefordert. Häufig fällt das jedoch niemandem auf – nicht einmal der Person, deren Position falsch dargestellt wurde.
Kann es sein, dass es vielen auch prinzipiell wohlmeinenden Menschen im Streit ohnehin gar nicht so sehr um das Gegenüber geht, als vor allem selbst gut dazustehen, vor sich selbst oder vor einem Publikum? Das vorgebliche Argumentieren und Kritisieren ist dann vor allem eine Art Pose.
Das ist in der Tat sehr verbreitet. Ich glaube jedoch, dass wir diese Haltung überwinden können. Zudem lassen sich Anreize schaffen, sicherzustellen, dass trotz dieser Haltung das Argumentieren und Kritisieren konstruktiv bleibt – zum Beispiel, indem wir gutes Streitverhalten sozial belohnen und schlechtes Streitverhalten sanktionieren. Dann steht man nur gut da, wenn man auch tatsächlich inhaltlich und im Ton konstruktiv streitet. Das bedeutet, Mechanismen zu entwickeln für eine Art "foolproof democracy" – eine Demokratie, die resistent ist gegenüber Populismus, Fake News und schlechtes Streitverhalten.
Gehören auch sehr moralische Argumentationsweisen zum schlechten Streitverhalten? Etwa wenn man den Anderen mehr oder weniger verschlüsselt sagt: Ich bin ein guter, liberaler, weltoffener Mensch und du nicht.
Gerade linksprogressive Menschen, die sich für besonders tolerant halten, verfallen gerne auf solche Argumentationsweisen. Sie sind nicht bereit über ihre Werte zu streiten, sondern kommen lieber mit dem tadelnden Zeigefinger und erheben sich damit moralisch über den Anderen. Das erzeugt eher eine Abwehrreaktion als Einsicht. Dabei kann man wunderbar über Werte streiten!Das erfordert jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Und wenn man mit Menschen diskutiert, die man nur als rassistische Nazis oder linksversiffte Gutmenschen wahrnimmt, fällt das schwer. Wenn man allerdings die Fähigkeit und Bereitschaft dazu mitbringt, empfiehlt es sich, die Werte des Gegenübers aufzugreifen und als Prämissen in den eigenen Argumenten zu verwenden – wie das beispielsweise Jörg Thadeusz in einem Interview mit Alexander Gauland getan hat, als er in der Verteidigung von SPD-Politikerin Aydan Özoğuz an bürgerliche Werte wie Anstand und Ehre appellierte. Das nennt man auch moralisches Reframing.
Wo kann man das Streiten üben?
Warum nicht im Internet? Das ein großartiger Ort, weil man sehr leicht mit andersdenkenden Menschen in Kontakt kommt. Zugleich kann man dort vergleichsweise gefahrlos streiten; in einer Nazi-Kneipe oder auf einer Pegida-Demo kann es dagegen ungemütlich werden, wenn man den falschen Ton trifft. Die digitale Diskussion kann man sofort verlassen, wenn es einem zu verrückt wird.Und das Diskutieren im Netz bietet noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man ist nicht unter demselben Zugzwang wie bei einer analogen Diskussion, in der man direkt auf das eben Gehörte reagieren muss. Man kann sich auch mal im Stuhl zurücklehnen oder kurz auf den Balkon gehen und seine Emotionen in die Welt schreien. Und dann wieder etwas ruhiger und entspannter an den Computer zurückgehen und eine überlegte Antwort schreiben.
Was sind die Anfängerfehler beim Streiten?
Ich denke, der größte Fehler ist ein Haltungsfehler – dass man das Streiten als Kampf ansieht, nicht als einen kooperativen Prozess, bei dem es um Erkenntnisgewinn und Austausch geht. Viele wollen einfach gewinnen, wenn sie streiten. Diese Haltung bewirkt jedoch biochemische Reaktionen, die sehr nachteilig für die Streitkultur sind: Adrenalin wird ausgeschüttet, als würde man einem Raubtier gegenüberstehen, als ginge es ums Überleben. Man reagiert aggressiv oder defensiv und ist weniger offen – mit der Konsequenz, dass man dem Anderen nicht mehr richtig zuhört und ihm schneller Dinge unterstellt, die er weder gesagt noch gedacht hat. Man baut also ganz unabsichtlich einen Strohmann auf oder bewegt sich sogar von vornherein nicht mehr auf einer inhaltlichen Ebene. Das kann man vermeiden, indem man sich sagt, dass man nichts verliert, sondern im Zweifel sogar gewinnt, wenn man sich von seinem Gegenüber überzeugen lässt.Ein häufiges Problem ist auch, dass so unspezifisch und vage geredet und kritisiert wird, dass weder das Gegenüber noch das Publikum irgendwo ansetzen können: „Deutschland muss sicherer werden, in Russland herrscht keine Demokratie, der Kapitalismus ist schlecht“ – es ist völlig unklar, was damit gemeint ist; bevor man darauf inhaltlich reagieren kann, muss zuerst geklärt werden, worum es überhaupt geht, was mit "sicher", "Demokratie" und "Kapitalismus" hier gemeint ist.
Woran erkennt man den Streitprofi?
Vereinfacht gesagt, der Streitprofi hört seinem Gegenüber genau zu, fragt im Zweifel nach, reagiert auch bei emotionalen Themen gelassen, formuliert präzise und gibt differenzierte Argumente für seine Überzeugungen. Am Wichtigsten ist jedoch: Der Streitprofi ist bereit, seine Überzeugungen zu revidieren, wenn er gute Gründe dafür hat.
Kann man denn überhaupt zu viel streiten?
Wenn man es richtig macht, nein!Das Interview erschien in dem Buch "Kritik üben", das eine Art Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung von Jakob Schrenk und Friedrich von Borries ist. Das Buch enthält darüberhinaus absolut lesenswerte Interviews von Irmhild Saake, Rahel Jaeggi, Harald Welzer, Armin Nassehi, Kevin Kühnert, Meredith Haaf und Thomas Macho.
Was sind Fake News?
An Fake News kommt man in jüngerer Zeit im öffentlichen Diskurs schwer vorbei. Diskussionsrunden in ganz Europa erörtern die Frage, wie man das Problem in den Griff bekommen kann; Forschungsprojekte versuchen, die Effekte von Fake News auf Politik und Gesellschaft zu bestimmen; Unternehmen wie Facebook sehen sich unter Druck, gegen Fake News vorzugehen.Aber was sind überhaupt Fake News? Unsere These ist, dass es sich bei Fake News um Berichterstattungen handelt, die in zweierlei Hinsicht problematisch sind. Erstens sind sie entweder falsch oder irreführend. Und zweitens verfolgen ihre Verfasser entweder eine Täuschungsabsicht oder sie sind der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Fake News weisen also zwei entscheidende Mängel auf: sie zeichnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und werden von Menschen in die Welt gesetzt oder verbreitet, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.
An Fake News kommt man in jüngerer Zeit im öffentlichen Diskurs schwer vorbei. Diskussionsrunden in ganz Europa erörtern die Frage, wie man das Problem in den Griff bekommen kann; Forschungsprojekte versuchen, die Effekte von Fake News auf Politik und Gesellschaft zu bestimmen; Unternehmen wie Facebook sehen sich unter Druck, gegen Fake News vorzugehen.Aber was sind überhaupt Fake News? Unsere These ist, dass es sich bei Fake News um Berichterstattungen handelt, die in zweierlei Hinsicht problematisch sind. Erstens sind sie entweder falsch oder irreführend. Und zweitens verfolgen ihre Verfasser entweder eine Täuschungsabsicht oder sie sind der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Fake News weisen also zwei entscheidende Mängel auf: sie zeichnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und werden von Menschen in die Welt gesetzt oder verbreitet, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.
Das falsche Bild der Wirklichkeit
Häufig werden Fake News als eine bestimmte Art der Falschmeldung verstanden. Im Duden etwa ist zu lesen, Fake News seien in den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen.Doch so eng die Verbindung zwischen Fake News und falscher Berichterstattung auch erscheint, nicht immer sind Fake News tatsächlich falsch. Häufig sind sie einfach irreführend: Eine wahre Information wird so ausgedrückt, dass über die reine – oft im wörtlichen Sinne wahre – Information hinaus falsche Informationen kommuniziert werden.Fake News haben häufig diese Form. Ein gutes Beispiel ist eine Meldung des US-amerikanischen Online-Portals Breitbart aus dem Januar 2017. Nachdem es in der Silvesternacht auf einem Platz in Dortmund zu einem Tumult unter, wie die Ruhr-Nachrichten schreiben, überwiegend jungen Männern gekommen war, meldete Breitbart, der “Mob” habe “Deutschlands älteste Kirche in Brand gesetzt”.
Wahr ist, dass es einen Brand gegeben hatte. Eine Rakete war in ein Fangnetz eines Baugerüstes geflogen, das an der Kirche angebracht war, und hatte es in Brand gesetzt. Wie die Feuerwehr meldete, sei der Brand klein und leicht zu löschen gewesen.In Anbetracht dieser Geschehnisse ist es demnach nicht falsch, dass die Gruppe die Kirche in Brand gesetzt hat. Dennoch, und das ist in unserem Zusammenhang der entscheidende Punkt, ist die Meldung hochgradig irreführend, denn es wird durch die Wortwahl allerlei Falsches kommuniziert. Es wird zum Beispiel kommuniziert, dass das Feuer mutwillig gelegt wurde, dass die Kirche selbst, und nicht nur ein Fangnetz, betroffen war und dass der Brand ein nennenswertes Ausmaß hatte. All das ist, wie wir wissen, falsch. Die Meldung zeichnet demnach ein falsches Bild von der Wirklichkeit, ohne eine tatsächlich falsche Behauptung aufzustellen.Es wäre daher verkürzt, Fake News als Falschmeldungen zu charakterisieren. Auch wahre, aber irreführende Meldungen können Fake News sein. Was alle Fälle von Fake News verbindet, ist, dass ein falsches Bild der Wirklichkeit gezeichnet wird.
Es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen
Ebenfalls eine Verkürzung – und eine gefährliche noch dazu – wäre es allerdings, Fake News schlichtweg als falsche oder irreführende Berichterstattung zu charakterisieren. Hier ist der Duden auf der richtigen Fährte, wenn er die Täuschungsabsicht ins Spiel bringt, die Verfasser von Fake News häufig verfolgen.Fiele die Täuschungsabsicht in der Definition einfach weg, wäre es nicht mehr möglich, Fake News von versehentlichen journalistischen Fehlern abzugrenzen. Diesen Unterschied zu markieren, ist aber von zentraler Bedeutung. Denn selbst im Falle fehlerhafter Berichte gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Berichterstattung seriöser Medien und Fake News. Der Unterschied besteht darin, dass seriöse Medien falsche oder irreführende Berichte nur versehentlich publizieren.
Die Verfasser von Fake News hingegen nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Häufig ist ihr Ziel in der Tat, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen und zu täuschen. Wenn Donald Trump behauptet, die Kriminalität in Deutschland sei in den letzten Jahren um 10% gestiegen, dann ist das nicht nur falsch, man muss auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eine Täuschungsabsicht verfolgt. Häufig sind Fake News also schlichtweg Lügen.
Allerdings besteht, und hier stößt die Definition des Dudens an ihre Grenzen, nicht immer eine Täuschungsabsicht. Manchmal stehen die Verfasser von Fake News der Wahrheit oder Falschheit ihrer Behauptungen auch schlichtweg gleichgültig gegenüber. Der Philosoph Harry Frankfurt spricht in solchen Fällen von “Bullshit”. Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordere nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.
Im Bereich von Fake News spielt Bullshit eine zentrale Rolle. Die wahrscheinlich prominentesten Bullshitter im Fake News-Geschäft sind die in den Medien breit verhandelten mazedonischen Teenager, die 2016 mit der Herstellung falscher und irreführender Meldungen Zehntausende Dollar verdienten. Aus Interviews mit diesen Teenagern wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, größtmögliche Klickzahlen zu generieren – ein klarer Fall von Bullshit.
Eine Definition von Fake News
Was also sind Fake News? Die Definition, die wir eingangs vorgestellt haben, lässt sich in einem Satz zusammenfassen:
Fake News sind Berichterstattungen, die entweder falsch oder irreführend sind, und von Menschen verbreitet werden, die entweder eine Täuschungsabsicht verfolgen oder der Wahrheit gegenüber gleichgültig sind.
Dieser Beitrag ist auch auf dem Blog von philosophie.ch erschienen. Mehr Hintergund zum Begriff der Fake News und ihrer Verbreitung in den sozialen Medien durch politische und kommerzielle Akteure gibt es in unserem neuen Buch "Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen" bei Reclam.





