Streitkultur-Blog
Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.
Wie funktioniert Argdown?
Argdown ist eine einfache Syntax für die Rekonstruktion, Darstellung und Analyse von Argumentationen. Argdown ist inspiriert durch Markdown. Argdown unterstützt Sie dabei, Argumente, Argumentationen und ganze Debatten zu rekonstruieren:
- Sie können anfangen, indem Sie eine Pro- und Contra-Liste in Argdown erstellen.
- Sie können auch komplexere dialektische Beziehungen zwischen Argumenten logisch rekonstruieren oder tiefer in die logischen Strukturen Ihrer Argumente (zum Zweck einer Detailrekonstruktion) eintauchen.
- Außerdem können Sie Argdown als Graphik exportieren und Argumentkarten ganzer Debatten erstellen.
Ein Tutorial für Argdown
In diesem Tutorial werden Sie mit den grundlegenden Funktionen und der Syntax von Argdown vertraut gemacht. Im Abschnitt Grundlagen finden Sie einen umfassenden Überblick. Es gibt auch ein Syntaxreferenzhandbuch für Argdown, wenn Sie etwas nachschlagen möchten.
Grundlagen
Die grundlegenden Komponenten von Argdown sind Aussagen, Argumente und Beziehungen. In diesem Tutorial wird erläutert, wie Sie sie definieren. Wir wollen als Beispiel einen Teil der Debatte über den Konsum tierischer Produkte rekonstruieren, d. h. der Debatte über die Frage, ob man sich vegetarisch oder vegan ernähren sollte.
Aussagen definieren
Beginnen wir mit der Definition einer Aussage in Argdown und verwenden dabei eine der zentralen Aussagen der Debatte über den Konsum tierischer Produkte:
- Es ist moralisch falsch, Fleisch zu essen.
Einzelne Aussagen definieren wir in Argdown wie folgt:
[Vegetarismus]: Es ist moralisch falsch, Fleisch zu essen.
Die Zeichenfolge Vegetarismus innerhalb der eckigen Klammern ist der Titel, Name oder das Label der Aussage. Ein Aussagenlabel zur Verfügung zu haben, ist nützlich, um bei der Definition von Beziehungen zwischen Aussagen und Argumenten auf Aussagen Bezug zu nehmen. Der Doppelpunkt gibt eine Definition an und nach dem Doppelpunkt folgt die Aussage selbst.
Argumente definieren
Definieren wir nun ein Argument. Argumente sind eine Menge von Aussagen, in denen einige dieser Aussagen einen (bestenfalls starken oder sogar zwingenden) Grund geben, eine weitere Aussage zu akzeptieren (bzw. für wahr zu halten). Die Aussagen, die begründen, heißen Prämissen. Die Aussage, die begründet wird, ist die Schlussfolgerung und wir nennen sie Konklusion.Argumente werden mit spitzen Klammern definiert. Betrachten wir dieses Argument:
<Leben>: Es ist moralisch falsch, Tiere zu töten, weil sie ein Recht auf Leben haben.
Analog zur Syntax für Aussagen ist <Leben> der Titel, der Name oder das Label für das Argument, dass es moralisch falsch ist, Tiere zu töten, um sie zu essen. Der Doppelpunkt gibt eine Definition an und folgt eine Beschreibung des Arguments.
Die logische Struktur von Argumenten explizieren
Wenn Sie Argumente genauer analysieren möchten, müssen Sie ihre logische Struktur explizit machen. Argumente bestehen aus Prämissen, aus denen Konklusionen abgeleitet werden. Wir können diese Prämissen-Konklusion-Struktur mit Argdown genau definieren.Betrachten wir das bereits erwähnte Argument <Leben>. Seine logische Struktur kann explizit gemacht werden, indem seine Prämissen und Konklusion in dieser Form geschrieben werden:
<Leben>(1) Tiere haben ein Recht zu leben.(2) Es ist moralisch falsch, Lebewesen zu töten, die ein Recht auf Leben haben.(3) Nur wenn Tiere getötet werden, können wir Fleisch essen.----(4) Es ist moralisch falsch, Fleisch zu essen.
Sie können ein Argument in der Standardform aufschreiben, indem Sie sein Label (z.B. <Leben>) gefolgt von einem Absatz und dann den Prämissen und der Konklusion schreiben. Die Aussagen werden in runden Klammern nummeriert. Prämissen und Konklusion werden durch vier Bindestriche getrennt, die die Schlussfolgerung markieren. In diesem Beispiel ist die Konklusion die Aussage [Vegetarismus].
Aussagen in Argumenten definieren und sich auf sie beziehen
Es gibt drei Prämissen und eine Konklusion im Argument <Leben>. Auch wenn du nicht für alle Aussagen in einem Argument ein Label verwendest, wird Argdown jeder Aussage ein (einigartiges) Label verleihen. Das heißt, mit Argdown können Sie Aussagen innerhalb eines Arguments definieren, müssen dies jedoch nicht tun. Das Argument <Leben> kann auch auf diese Weise formuliert werden:
<Leben>(1) [Tierrechte]: Tiere haben ein Recht zu leben.(2) Es ist moralisch falsch, Lebewesen zu töten, die ein Recht auf Leben haben.(3) [Tötungsbedingung]----(4) [Vegetarismus]
Die erste Prämisse ist eine neu definierte Aussage mit dem Label [Animal-Rights] und die zweite Prämisse ist eine Aussage ohne ein (explizites) Label. Im Gegensatz dazu sind die dritte Prämisse und die Konklusion Aussagen, auf die wir uns nur mit den Labeln [Tötungs-Anforderung] und [Vegetarismus] beziehen. Im Idealfall sind sie an anderer Stelle definiert.So können Sie innerhalb eines Arguments Aussagenlabel (z.B. [Vegetarismus]), neu definierte Aussagen (z.B. [Tierrechte]: Tiere haben ein Recht zu leben.) oder nur den Aussagetext (z.B. Es ist moralisch falsch, Lebewesen zu töten, die ein Recht auf Leben haben.) verwenden.
Schlussregeln explizieren
Optional können Sie die Schlussregeln angeben, die in einem Argument verwendet werden, indem Sie eine zusätzliche Zeile hinzufügen:
<Leben>(1) Tiere haben ein Recht zu leben.(2) Es ist moralisch falsch, Lebewesen zu töten, die ein Recht auf Leben haben.(3) Nur wenn Tiere getötet werden, können wir Fleisch essen.-- Modus tollens --(4) [Vegetarismus]
In diesem Argument wenden wir zweimal den Modus tollens an; dies machen wir explizit, indem wir zwei Bindestriche, diese Schlussregel (und gegebenenfalls mit den Prämissennummern, auf die sie sich bezieht) und dann wieder zwei Bindestriche schreiben (z.B. -- Modus tollens (angewendet auf 1,2) --).
Dialektische Beziehungen spezifizieren
Da wir nun mit dem Definieren und Schreiben von Aussagen und Argumenten in Argdown vertraut sind, wollen wir uns jetzt argumentativen Strukturen zuwenden. Wie rekonstruieren wir Argumentationen und ganze Debatten mit Argdown?Eine Argumentation besteht aus mehreren Argumenten. Die einfachste Form, wie sich Argumente auf eine zentrale These (eine Aussage) beziehen, ist eine Pro und Contra-Liste.
Pro- und Contra-Listen schreiben
In Argdown können Sie gezielt Argumente für und gegen eine bestimmte Aussage sammeln. Oft möchten Sie vielleicht die Gründe für eine zentrale Behauptung auflisten. Das geht ganz einfach:
[Vegetarismus] + <Leben> - <Kultur>
Das Pluszeichen zeigt an, dass das Argument <Leben> ein Argument für die Aussage [Vegetarismus] ist. Das Minuszeichen zeigt an, dass das Argument <Kultur> ein Argument dagegen ist.
Stützungs- und Angriffsbeziehungen definieren
Wir werden sagen, dass ein Argument für eine Aussage diese gestützt, während ein Argument gegen eine Aussage diese angreift. Genauer gesagt, ein Argument gestützt eine Aussage, wenn die Konklusion des Arguments mit der Aussage identisch ist, während ein Argument eine Aussage angreift, wenn die Konklusion des Arguments der Aussage widerspricht.Eine Pro- und Contra-Liste ist somit einfach eine Liste von Stützungs- und Angriffsbeziehungen. Es kann unbegrenzt viele Elemente enthalten:
[Vegetarismus] + <Leben>: Es ist moralisch falsch, Tiere zu töten, weil sie das Recht haben zu leben. + <Leid>: Es ist besser, kein Fleisch zu essen, weil man nicht sicher sein kann, unter welchen Bedingungen Tiere leben und wie viel Leid sie ertragen müssen. + <Klima> - <Kultur>: Es ist erlaubt, Fleisch zu essen, weil sonst eine jahrhundertealte kulturelle Tradition der Kochkunst enden würde. - <Genuss> - <Sorte>
Wie bereits bei Aussagen in Argumenten können Sie die Beschreibung eines Arguments wie bei <Leid> ausschreiben, aber es ist auch möglich, das Argumentlabel ohne Beschreibung wie bei <Klima> zu schreiben und sich damit nur auf das (an anderer Stelle definierte) Argument zu beziehen.Es ist außerdem möglich, Pro- und Contra-Argumente für Argumente selbst zu machen:
<Leben> - <Empfindung>: Als empfindungsfähige Lebewesen können Tiere Leid empfinden und haben somit ein Recht zu leben. - <Bewusstsein>: Da Tieren das volle Bewusstsein fehlt, haben sie kein universelles Recht zu leben.
Ein Argument stützt ein anderes Argument, wenn die Konklusion des ersten Arguments mit einer Prämisse des zweiten Arguments identisch ist, während ein Argument ein anderes Argument angreift, wenn die Konklusion des ersten Arguments einer Prämisse des zweiten Arguments widerspricht.
Komplexere dialektische Beziehungen definieren
In der Regel sind Argumentationen komplexer, als dass sie mit einer Liste von Pro- und Contra-Argumenten angemessen rekonstruiert werden könnten. Meist bestehen vielfältige logische Beziehungen zwischen den Aussagen und zwischen ganzen Argumenten einer Debatte.Häufig ist eine Prämisse in einem Argument die Konklusion eines anderen Arguments. Bislang haben wir nur dieses eine Argument rekonstruiert:
<Leben>(1) Tiere haben ein Recht zu leben.(2) Es ist moralisch falsch, Lebewesen zu töten, die ein Recht auf Leben haben.(3) Fleisch essen erfordert Tiere getötet werden.----(4) [Vegetarismus]
Schauen wir uns jetzt ein Argument an, welches das Argument <Leben> stützt:
<Empfindung>(1) Tiere sind fühlende Wesen, die leiden können.(2) Jedes fühlende Wesen, das leiden kann, hat das Recht zu leben.----(3) [Tierrechte]
Die Konlusion des Arguments <Empfindung> ist identisch mit der ersten Prämisse [Tierrechte] des Arguments <Leben>. Eine andere Möglichkeit, die Stützungsbeziehung anzugeben, besteht darin, das Argument folgendermaßen zu schreiben:
<Gefühl>(1) Tiere sind fühlende Wesen, die leiden können.(2) Jedes fühlende Wesen, das leiden kann, hat das Recht zu leben.----(3) Tiere haben ein Recht zu leben. + [Tierrechte]
Alternativ können Sie die Unterstützungsbeziehung auch in dem Argument <Leben> selbst angeben:
<Leben>(1) [Tierrechte] + <Empfindung>(2) Es ist moralisch falsch, Lebewesen zu töten, die ein Recht auf Leben haben.(3) Fleisch essen erfordert Tiere getötet werden.----(4) [Vegetarismus]
Auch hier ist das Argument <Empfindung> so definiert, dass es die Aussage [Tierrechte]in dem Argument <Leben> stützt.
Äquivalenzen definieren
Manchmal wollen wir logisch äquivalente Aussagen darstellen. Dies ist nützlich, wenn Sie(i) leicht unterschiedliche Formulierungen ein und derselben Aussage berücksichtigen wollen, oder(ii) um anzuzeigen, dass zwei Aussagen dieselbe Bedeutung bzw. diesselben logischen Beziehungen mit anderen Aussagen haben.Um logisch äquivalente Aussagen zu definieren, müssen Sie ein und dasselbe Aussagenlabel verschiedene Aussagen zuweisen. Schauen wir uns die folgende Definition einer Aussage an:
[Omnivorismus]: Es ist moralisch erlaubt, Tierprodukte zu essen.
Diese Aussage ist logisch äquivalent zu der Aussage:
- Es ist nicht moralisch falsch, Tierprodukte zu essen.
Wenn Sie die [Omnivorismus]-Aussage erneut mit ihrer logisch äquivalenten Form definieren, wird Argdown sie als logisch gleichwertig behandeln:
[Omnivorismus]: Es ist nicht moralisch falsch, Fleisch und Tierprodukte zu essen.
Beachten Sie jedoch, dass Argdown nicht prüft, ob diese Aussagen tatsächlich dieselbe Bedeutung haben!
Widersprüche definieren
Sie können auch Aussagen definieren, die sich widersprechen. Zum Beispiel können wir eine Angriffsbeziehung zu der Aussage [Vegetarismus] hinzufügen.
[Vegetarismus] - [Omnivorismus]
Dies bedeutet, dass die Aussage [Vegetarismus] die Aussage [Omnivorismus] angreift, d.h. [Omnivorismus] kann nicht wahr sein, wenn [Vegetarismus] wahr ist. Nun können wir die andere Richtung ergänzen:
[Omnivorismus] - [Vegetarismus]
Dann widersprechen sich [Vegetarismus] und [Omnivorismus], d.h. sie können nicht gleichzeitig wahr sein. Wir können auch >< verwenden, um anzugeben, dass zwei Aussagen widersprüchlich sind:
[Vegetarismus] >< [Nicht-Vegetarismus]
Dialektische Beziehungen explizieren
Wir können die Richtung einer Angriffs- oder Stützungsbeziehung jederzeit durch Hinzufügen eines Pfeils explizit machen:
[Omnivorismus] <+ <Kultur> <- <Leid> +> [Tierprodukte] -> [Vegetarismus]
Beachten Sie, dass <+ <Leben> dieselbe Funktion wie + <Leben> hat und dass <- <Kultur> synonym zu - <Kultur> ist. In dem Beispiel wird die Aussage [Omnivorismus] durch das Argument <Kultur> gestützt und durch das Argument <Leid> angegriffen, während [Omnivorismus] selbst die Aussage [Vegetarismus] angreift und das Argument <Leid> stützt.
Noch komplexere Argumente rekonstruieren
Im Allgemeinen können Sie beliebig viele Beziehungen zwischen Aussagen und Argumenten hinzufügen:
[Vegetarismus] + <Leben> <- <Genuss> +> <Veganismus>: Es ist moralisch falsch, Tiere als Mittel zum Zweck zu benutzen, weil sie die gleichen Rechte wie Menschen haben. + [Veganismus]: Es ist moralisch falsch, Tierprodukte zu essen.
Argdown behandelt nun das Argument <Leben> als Stützung der Aussage [Vegetarismus] und das Arguments <Genuss> als Angriff auf das Argument <Leben>, während das Argument <Leben> durch das Argument <Veganismus> gestützt wird, welches wiederum durch die Aussage [Veganismus] gestützt wird.
Definition, Bezugnahme und Erwähnung von Aussagen und Argumenten
Bislang haben wir uns auf Aussagen und Argumente bezogen, indem wir ihre Label so verwendeten:
[Vegetarismus] + <Leben>
Auf die Aussage [Vegetarismus] und das Argument <Leben> beziehen wir uns in dieser Zeichenkette lediglich. Wir hätten sie genauso gut definieren können:
[Vegetarismus]: Es ist moralisch falsch, Fleisch zu essen. + <Leben>: Es ist moralisch falsch, Tiere zu töten, weil sie das Recht haben zu leben.
Denken Sie daran, dass Sie eine Aussage oder ein Argument definieren, indem Sie das Label vor dem Doppelpunkt verwenden und dann die Beschreibung folgen lassen. Ansonsten beziehen Sie sich darauf.Beachten Sie, dass Sie Aussagen und Argumente mit @ vor dem Titel auch erwähnen können, zum Beispiel:
Die Aussage @[Vegetarismus] ist die Konklusion des Arguments @<Leben>.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Bezugnahme auf Aussagen oder Argumente und deren Erwähnung. Wenn Sie sich auf sie beziehen, benutzen und wiederholen Sie sie, wodurch Sie möglicherweise auch synonyme Aussagen oder Argumente definieren. Wenn Sie sie erwähnen, reden Sie nur über sie, ohne neue Informationen in das System zu geben und etwas zu verändern.
Argumentkarten erstellen
Zu jeder Zeit können Sie Argumentkarten direkt aus der Argdown-Datei generieren. Der einfachste Weg dazu besteht in der Verwendung der Browseranwendung Argdown.Eine Argumentkarte der bisher rekonstruierten Debatte wird so aussehen:Die Karte wird simultan beim Eintippen in die Browser-Anwendung generiert und kann in verschiedenen Formaten dargestellt und ausgegeben werden wie zum Beispiel HTML, Dagre D3 Maps und Viz Js Maps basierend auf DOT. Karten können auch als PNG oder SVG exportiert werden. Bei Fehlfunktionen können Sie den Debug-Modus in der Browser-Anwendung verwenden.
Tools für Argdown
- Nützliche Texteditoren für Argdown sind der Atom Editor und Visual Code Studio.
- Im Atom-Editor können automatisch alle Argdown-Befehle hervorgehoben werden, wenn Sie das Argdown Syntax Highlighting für Atom installieren.
- In Visual Code Studio können ebenfalls alle Argdown-Befehle automatisch hervorgehoben werden, wenn Sie das Argdown Syntax Highlighting für VS Studio installieren.
- Sie können auch das Argdown-Befehlszeilentool herunterladen, um selbst HTML-, JSON- und Dot-Dateien zu erzeugen.
- Der einfachste und schnellste Weg, HTML-, JSON-, DOT-, PNG- und SVG-Dateien zu generieren (wenn Sie eine Internetverbindung haben), ist die dynamische Argdown-Website.
Syntaxreferenzhandbuch für Argdown
Aussagen und Argumente
Definieren von Aussagen
[Aussagenlabel]: Aussage
Argumente definieren
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung
Rekonstruktionen von Argumenten
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung(1) Erste Prämisse(2) Zweite Prämisse----(3) Konklusion
mit einer expliziten Schlussregel:
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung(1) Erste Prämisse(2) Zweite Prämisse-- Schlussregel --(3) Konklusion
oder:
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung(1) Erste Prämisse(2) Zweite Prämisse--Schlussregel--(3) Konklusion
Wenn Sie sich auf später verwendete Aussagen beziehen oder sie erwähnen möchten, geben Sie ihnen ein Label:
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung(1) [Label der ersten Prämisse]: Erste Prämisse(2) [Label der zweiten Prämisse]: Zweite Prämisse-Schlussregel-(3) [Label der Konklusion]: Konklusion
Falls bereits Prämissen oder Konklusionen definiert sind, können Sie sich einfach auf sie beziehen:
[Label von Aussage Eins]: Aussage Eins[Label von Aussage Zwei]: Aussage Zwei... möglicherweise ein anderer Text ...<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung(1) [Label von Aussage Eins](2) ...----(3) [Label von Aussage Zwei]
Die Definition eines Arguments und seine Rekonstruktion kann an verschiedenen Orten sein:
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung... möglicherweise ein anderer Text ...<Argumentlabel>(1) Erste Prämisse(2) Zweite Prämisse----(3) Konklusion
Beziehungen zwischen Aussagen und Argumenten
- Gerichtete Stützungsbeziehungen sind
<+und+>. - Gerichtete Angriffsbeziehungen sind
<-und->. - Kurzform-Versionen von
<+und<-sind+und-.
Beziehungen von Stützung und Angriff können in jeder Hinsicht zwischen Aussagen und Argumenten definiert werden.
Eine Aussage, die eine andere unterstützt
[Eine Aussage] +> [Eine andere Aussage]
oder:
[Eine andere Aussage] <+ [Eine Aussage]
oder in seiner kurzen Form:
[Eine andere Aussage] + [Eine Aussage]
oder sogar innerhalb von Rekonstruktionen:
<Argumentlabel>: Argument-Beschreibung(1) [Eine andere Aussage]: Erste Prämisse <+ [Eine Aussage](2) Zweite Prämisse----(3) Konklusion
Eine Aussage, die von einem Argument angegriffen wird
<Argument> -> [Aussage]
oder:
[Aussage] <- <Argument>
oder in seiner kurzen Form:
[Aussage] - <Argument>
Ein Argument, das ein anderes unterstützt
<Ein Argument> +> <Ein anderes Argument>
oder:
<Ein anderes Argument> <+ <Ein Argument>
oder in seiner kurzen Form:
<Ein anderes Argument> + <Ein Argument>
Verschachtelte Beziehungen
Beziehungen können beliebig verschachtelt sein:
[Aussage Eins] - <Argument Eins>: Ich attackiere Aussage Eins. + [Aussage Zwei]: Ich stütze Argument Eins. + <Argument Zwei>: Ich stütze Aussage Eins. -> <Argument Drei>: Ich werde von Argument Zwei angegriffen.
Sonstiges
Überschriften
Überschriften wie in Markdown können verwendet werden, um Gruppen in Argumentkarten zu erzeugen:
# Überschrift Eins
## Überschrift Zwei
Erwähnungen
Erwähnungen von Aussagen und Argumenten:
Die Aussage @[Vegetarismus] ist die Konklusion des Arguments @<Leben>.
Tags
Aussagen und Argumente taggen:
<Argumentlabel>: Argumentbeschreibung #tag-eins[Aussagenlabel]: Aussage #tag-zwei
Tags mit Leerzeichen:
Hier kommt ein Tag mit Leerzeichen: #(langes Tag mit Leerzeichen)
Links
## Überschrift[Link zu einer Überschrift](##Überschrift)[Link zur Argdown-Website](https://github.com/christianvoigt/argdown).
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oder für kurze Kommentare:
//Einzeiliger Kommentar
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Betonen wie bei Markdown:
_kursiv_* auch kursiv*__fett__** auch fett **
Argdown-Inhalte einfügen
Einige Argdown-Inhalte ...@include(_my-argdown-partial.argdown)
Die Entwicklung von Argdown und Argdown-Tools wird vom DebateLab am KIT in Karlsruhe gefördert.
Mit Argdown Argumente rekonstruieren und visualisieren
Argdown ist eine einfache Syntax für die Rekonstruktion, Darstellung und Analyse von Argumentationen. Argdown ist inspiriert durch Markdown. Argdown unterstützt Sie dabei, Argumente, Argumentationen und ganze Debatten zu rekonstruieren:
Sie können anfangen, indem Sie eine Pro- und Contra-Liste in Argdown erstellen.
Sie können auch komplexere dialektische Beziehungen zwischen Argumenten logisch rekonstruieren oder tiefer in die logischen Strukturen Ihrer Argumente (zum Zweck einer Detailrekonstruktion) eintauchen.
Außerdem können Sie Argdown als Graphik exportieren und Argumentkarten ganzer Debatten erstellen.
Argdown ist eine einfache Syntax für die Rekonstruktion, Darstellung und Analyse von Argumentationen. Es ist ein modernes Tool zur Argumentrekonstruktion von den Entwicklern von Argunet und inspiriert durch Markdown.
Argumente rekonstruieren und visualisieren
Das Ziel von Argdown ist es, dabei zu unterstützen, Arumente, Argumentationen und ganze Debatten zu rekonstruieren:
- Man kann damit Pro- und Contra-Listen erstellen.
- Auch kann man damit komplexere dialektische Beziehungen zwischen Argumenten logisch rekonstruieren oder tiefer in die logischen Strukturen Ihrer Argumente (zum Zweck einer Detailrekonstruktion) eintauchen.
- Und schließlich kann man seine rekonstruierten Argumentationen visualisieren und Argumentkarten ganzer Debatten erstellen.
Die grundlegenden Komponenten von Argdown sind Aussagen, Argumente und dialektische Beziehungen. Aussagen sind sinnhafte Sätze, die Sachverhalte beschreiben und wahr oder falsch sind. Argumente sind Abfolgen von Aussagen, die aus einer oder mehreren Prämissen und einer Konklusion bestehen und typischerweise mit dem Anspruch vorgetragen werden, dass die Prämissen die Konklusion begründen. Solche Begründungszusammenhänge sind die wichtigste Art dialektischer Beziehungen.Ein fiktives Beispiel für eine in Argdown geschriebene Rekonstruktion sieht so aus:
Überschriften und viele andere Textformatierungen orientieren sich an Markdown. Zusätzlich kann man aber spezifisch argumentative Textteile wie Prämissen, Konklusionen oder Argumente auszeichnen. Außerdem können durch Plus- und Minuszeichen (welche Stützungs- und Angriffsbeziehungen markieren) sowie Detailrekonstruktionen der einzelnen Argumente die logischen bzw. dialektischen Beziehungen zwischen den einzelnen Aussagen einer Diskussion oder Debatte expliziert werden.
Argumentkarten generieren
Das Spannende an Argdown ist nun, dass solche einfach Textdateien ohne viel Aufwand in wunderbare Argumentkarten umgewandelt werden können. Aus dem obigen Beispiel kann direkt sowohl durch ein Plugin in Visual Code Studio als auch im Online-Editor diese Argumentkarte generiert werden:Man kann die Argumentkarten als HTML-, JSON-, DOT-, PNG- und SVG-Dateien exportieren. Als HTML sieht das Beispiel dann so aus:
Da sich Argdown noch im Entwicklungsstadium befindet, ist die Installation nicht immer ganz einfach. Der Online-Editor eignet sich jedoch hervorragend, um mit dem Programm vertraut zu werden, und kann auch in Kombination mit einem installierten Texteditor (wie Visual Code Studio oder Atom) verwendet werden, um Argumentkarten zu exportieren:
Ein Beispiel für eine ausführliche Argumentrekonstruktion, die mit Argdown erstellt wurde, ist in der Analyse des AfD-Wahlprogramms hier zu sehen. Ein ausführliches Tutorial findet sich hier.
Entwicklung und Lizenz von Argdown
Argdown ist offen auf Github verfügbar. Das DebateLab am KIT in Karlsruhe fördert die Entwicklung. Der Code wird unter der MIT-Lizenz veröffentlicht.
Zehn Regeln für eine gute Debatte
Viele halten es für Schicksal, ob eine Debatte eskaliert. Dabei kennt die Forschung Verhaltensweisen, die jedes Gespräch besser machen. Hier sind zehn Regeln für eine gute Debatte.
1. Versuchen Sie, wirklich zu verstehen
Hören Sie zu, wenn Ihr Gegenüber spricht, und versuchen Sie zu verstehen, worum es ihm im Kern geht. Fassen Sie zusammen, was bei Ihnen angekommen ist. Sie können zum Beispiel sagen: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist Ihre Sorge, dass …" oder "Ihr Punkt ist also, dass …" Nur so können Sie sicherstellen, dass Sie wirklich verstanden haben, was dem anderen wichtig ist. In der Theorie der gewaltfreien Kommunikation nennt man dieses Vorgehen "aktives Zuhören".
2. Bleiben Sie beim Thema
Menschen neigen in Diskussionen dazu, an entscheidenden Stellen abrupt das Thema zu wechseln oder in schneller Abfolge verschiedene Meinungen zu äußern. Das führt dazu, dass Streitpunkte aus dem Blick geraten, bevor Sie ihnen auf den Grund gegangen sind. Machen Sie das Parolenspringen nicht mit. Moderieren Sie das Gespräch und haken Sie nach: "Das scheint mir ein neuer Punkt zu sein. Können Sie mir erst noch erklären, was Sie gemeint haben mit …"
3. Stellen Sie so viele offene Fragen wie möglich
Stellen Sie Ihrem Gegenüber offene Fragen. Sie signalisieren damit den aufrichtigen Wunsch, die Position des Gegenübers zu verstehen, und schaffen sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene eine gute Grundlage für die weitere Diskussion. Die wichtigste Frage für eine gelingende Debatte ist: "Warum glauben Sie, dass …?"
4. Finden Sie Gemeinsamkeiten
In jedem Gespräch und mit jedem Gegenüber lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Machen Sie deutlich, worin Sie mit Ihrem Gegenüber übereinstimmen. Sie schaffen damit ein gutes Klima für die weitere Diskussion und finden heraus, an welchem Punkt Ihre Auffassungen auseinandergehen. Womöglich liegen Ihre Positionen weniger weit voneinander entfernt, als Sie ursprünglich dachten.
5. Belehren Sie Ihr Gegenüber nicht
Wer belehrt, demonstriert höhere Erkenntnis und ruft beim Gegenüber Abwehr hervor. Vermeiden Sie es, zu moralisieren. Fragen Sie lieber nach und stellen persönliche Bezüge her: "Ist es Ihnen selbst schon einmal widerfahren, dass …?"
6. Begründen Sie Ihren Standpunkt
Ihre Meinung ist wichtig. Aber durch das bloße Aufeinanderprallen von Meinungen ist noch nichts gewonnen. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist es entscheidend, warum Sie dieser Meinung sind. Begründen Sie Ihren Standpunkt und laden Sie Ihr Gegenüber ein, das Gleiche zu tun. Bloße Meinungsbekundungen und Polemisierungen bringen das Gespräch nicht weiter.
7. Interpretieren Sie wohlwollend
Stürzen Sie sich nicht auf die offensichtlichen Schwächen in den Argumenten Ihres Gegenübers. Versuchen Sie, jedes Argument in seinem bestmöglichen Sinn zu interpretieren und auf die stärkste Version des Punktes einzugehen – selbst wenn Ihr Gegenüber nicht in der Lage ist, das Argument in Perfektion zu entwickeln. In der Argumentationslehre nennt man diesen Grundsatz "Prinzip des Wohlwollens".
8. Üben Sie sachliche Kritik
Korrigieren Sie falsche Informationen. Decken Sie voreilige Schlüsse und Pauschalisierungen auf. Weisen Sie auf lückenhafte oder widersprüchliche Stellen in der Argumentation hin. Gehen Sie mit Ihrer Kritik jedoch sparsam um und vermeiden Sie, wenn möglich, offene Konfrontation.
9. Deeskalieren Sie
In Diskussionen kochen häufig Emotionen hoch. Achten Sie darauf, dass Ihr Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, wenn Sie Kritik üben. Bringen Sie gelegentlich Witz oder Ironie ein und sprechen Sie Ihre Gefühle und die des Gegenübers an. Sagen Sie so etwas wie "Ich merke, dass Sie/mich dieses Thema sehr wütend macht." Wichtig ist in jedem Fall: ruhig bleiben.
10. Wechseln Sie die Perspektive
Oft scheitern Diskussionen nicht nur an unterschiedlichen Meinungen, sondern an entgegengesetzten Wertvorstellungen. In solchen Fällen kann es helfen, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und zu überlegen, wie Sie argumentieren können, wenn Sie die Wertvorstellungen Ihres Gegenübers zugrunde legen. Wenn Ihrem Gegenüber der Schutz der Familie ein besonders hohes Gut ist, können Sie versuchen, vor diesem Hintergrund für Ihre Position zu argumentieren. Im wissenschaftlichen Diskurs nennt man dieses Vorgehen "reframing". Wichtig ist dabei, authentisch zu bleiben und die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten.
Die zehn Regeln für eine gute Debatte erschienen zuerst auf ZEIT ONLINE am 22. Mai 2017 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D17.
Towards Foolproof Democracy: Advancing Public Debate and Political Decision-Making (CfP/English)
The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.
The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.
A special issue on Foolproof Democracy
In view of these developments, the question of the desired relation between democracy, deliberation, and truth looms large. Moral Philosophy and Politics invites contributions that seek to articulate this relation from the viewpoint of philosophy and political science. Suitable contributions may address such questions as:
- How, if at all, can we improve public opinion formation?
- Is deliberation the best way to generate political decisions in modern democracy?
- How can we make democracy more resistant to populism and other forms of mass manipulation? Should politics be allowed (and perhaps even obligated) to exert influence on opinion formation in society?
- Is there a way to methodically and impartially check the quality of debate in the public sphere?
- Are political polarization and “echo chambers” a problem for democracy? And, if so, how can we guard against their formation and maintenance?
- What ought to be the role of science and the humanities in the democratic process?
Papers should be submitted before June 30, 2018 and should not exceed 8000 words; shorter articles will also be accepted for review.
All submissions will undergo MOPP’s double-blind refereeing process.Please note that this process is not organized by the guest editors but by the journal’s founding editors who will also have the final word on publication decisions.The journal’s manuscript submission site can accessed here: http://mc.manuscriptcentral.com/mopp
Guest editors
- David Lanius (davidlanius.de) (Karlsruhe)
- Ioannis Votsis (votsis.org) (London)
Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands
Was macht eigentlich gute Streitkultur aus? Zum einen ist da die emotionale und soziale Intelligenz: Wie gehe ich auf meinen Gesprächspartner als Menschen ein? Beachte ich das Prinzip der wohlwollenden Interpretation? Betrachte ich mein Gegenüber als Gesprächspartner oder als meinen Kontrahenten?Zum anderen sind da aber natürlich auch inhaltliche und logische Anforderungen; wir wollen gut argumentieren und die Argumente unserer Gesprächspartner angemessen beurteilen. Sind die Argumente meines Gesprächspartners stichhaltig? Sind seine Thesen verständlich, relevant und nachvollziehbar? Wie reagiere ich darauf am besten?
Was macht eigentlich gute Streitkultur aus? Zum einen ist da die emotionale und soziale Intelligenz: Wie gehe ich auf meinen Gesprächspartner als Menschen ein? Beachte ich das Prinzip der wohlwollenden Interpretation? Betrachte ich mein Gegenüber als Gesprächspartner oder als meinen Kontrahenten?Zum anderen sind da aber natürlich auch inhaltliche und logische Anforderungen; wir wollen gut argumentieren und die Argumente unserer Gesprächspartner angemessen beurteilen. Sind die Argumente meines Gesprächspartners stichhaltig? Sind seine Thesen verständlich, relevant und nachvollziehbar? Wie reagiere ich darauf am besten?
Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands als Regeln für eine gute Diskussion
Nikil Mukerji hat jüngst ein sehr lehrreiches Buch über die zehn Gebote des gesunden Menschenverstands geschrieben. Zwar sind die von ihm aufgezählten Gebote allgemeine Regeln für den Vernunftgebrauch in beruflichen, privaten, politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Fragen. Doch eignen sie sich auch hervorragend als Regeln für eine gute Diskussion.Sein Buch “Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands” zeigt auf ausgesprochen nachvollziehbare Weise, worauf man in Streitgesprächen achten sollte. Nikil Mukerji beruft sich dabei auf einige grundlegende Erkenntnisse aus der Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie und Psychologie. Im Kern sind die Gebote jedoch selbst Instanzen des gesunden Menschenverstands. Denn wer vernünftig ist, so seine These, hält sich beim Denken an die 10 Gebote, weil dies die eigene Vernunft gebietet.
Die 10 Gebote lauten
- Bringen Sie Ordnung in Ihr Denken
- Denken Sie lückenlos
- Treffen Sie glaubwürdige Annahmen
- Fragen Sie nach der Beweislast
- Denken Sie klar und präzise
- Bleiben Sie logisch sauber
- Tappen Sie nicht in die Sprachfalle
- Seien Sie schlauer als ein junger Jagdhund
- Schauen Sie mit beiden Augen hin
- Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden
Was genau sagen wir eigentlich?
Das erste, zweite und fünfte Gebot sind Grundvoraussetzung nicht nur für gute Streitgespräche und eine sinnhafte Debatte, sondern allgemein für vernünftiges Denken und Handeln. Denn nur wer den eigenen Standpunkt präzise und vollständig formulieren kann, kann sinnvoll dafür argumentieren und zielgerichtet danach handeln.
Was dürfen wir annehmen?
Die beiden nächsten Gebote betreffen die Quellen, mit denen wir unsere Annahmen belegen. Auch sie sind essentiell für eine gute Diskussion, da wir ohne Regeln zu dem, was wir als glaubwürdig und beweiskräftig ansehen, keine Grundlage haben, über die Annehmbarkeit der zu diskutierenden Annahmen zu entscheiden. In unserer Zeit der “Fake News” und “alternativen Fakten” sind das Gebote, deren Wichtigkeit kaum zu überschätzen ist.
Was ist ein gutes Argument?
Das sechste Gebot fordert logische Stichhaltigkeit. Etwas, das den meisten Menschen beim Argumentieren schwer fällt und das häufig bei der Beurteilung eines Arguments außer Acht gelassen wird. Wir neigen dazu, uns mit unserer Kritik auf einzelne Annahmen zu stürzen und dabei zu übersehen, dass viele Argumente nicht zeigen, was sie zeigen sollen, selbst wenn wir alle ihnen zugrundeliegenden Annahmen akzeptieren würden.
Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation
Das siebte Gebot warnt uns davor, in die Sprachfalle zu tappen. Seine Missachtung ist vermutlich Ursache vieler missglückter Streitgespräche. Denn wir neigen dazu, die Äußerungen unserer Gesprächspartner auf Grundlage unserer Sichtweise zu interpretieren, und vergessen dabei häufig, wie mehrdeutig und unterbestimmt Sprache in der Regel ist. Ein wichtiges Prinzip, solche Missgeschicke zu vermeiden, ist das Prinzip der wohlwollenden Interpretation. Es besagt, seinem Gesprächspartner (nach Möglichkeit jederzeit) zu unterstellen, dass er sinnvolle und gut gemeinte Beiträge zur Diskussion stellt.
Strohmann-Argumente
Das achte Gebot hilft zwischen relevanten und irrelevanten Gesprächsbeiträgen zu unterscheiden. Insbesondere sollten wir in Streitgesprächen auf (beabsichtigte oder unbeabsichtigte) Strohmann-Argumente achten. Strohmann-Argumente sind kardinale Verletzungen des Prinzips der wohlwollenden Interpretation. Strohmann-Argumente sind Argumente, die den Standpunkt des Gegenübers vereinfacht, überspitzt oder schlicht falsch darstellen, um sie anschließend (in der Regel) leichter widerlegen zu können.
Bestätigungsfehler
Das neunte Gebot warnt uns vor kognitiven Verzerrungen (cognitive biases) und logischen Fehlschlüssen. Die wichtigste Art kognitiver Verzerrungen, denen unser Denken unterliegen kann, ist der Bestätigungsfehler (confirmation bias): wir tendieren im Allgemeinen dazu, nach Informationen zu suchen, Informationen dahingehend zu interpretieren und uns an Informationen zu erinnern, die unsere vorhandenen Überzeugungen und Hypothesen bestätigen (und lassen andere möglicherweise relevantere Informationen außer Acht).
Was macht gute Streitkultur aus?
Das zehnte Gebot zeigt auf, wie wir Standpunkte, mit denen wir konfrontiert werden, kritisch prüfen und ungerechtfertigte Behauptungen erkennen können. Wie genau, das kann man in Nikil Mukerjis wunderbaren Buch "Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands" nachlesen. Erwerbbar bei bücher.de oder direkt über die Website gesundermenschenverstand.online.Zusammengenommen sind die "10 Gebote des gesunden Menschenverstands" eine ausgezeichnete Vorbereitung und Grundlage für konstruktive Streitgespräche und eine gute Streitkultur!
Sind Filterblasen gefährlich?
Alle Jahre wieder treffen wir auf Menschen aus unserem Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis, die uns mit unerwarteten Ansichten überraschen. So habe ich auch neulich eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir hatten seit dem Abitur kaum Kontakt. Als wir uns nun bei einem Kaffee gegenüber saßen, sprudelte es aus ihr heraus: "Ach, es ist alles so düster derzeit. Die Amerikaner haben Europa voll im Griff, wogegen die nächste GroKo ja auch wieder nichts machen wird. Die sind ja eh alle gekauft. Merkel lädt weiter schön Flüchtlinge zu uns ein und die anderen Staaten nehmen keine auf. Warum müssen die denn alle zu uns kommen?"
Erreichen uns grundsätzlich andere Informationen?
So düster sieht es in Deutschland doch gar nicht aus? Und woher kamen diese verkürzten Aussagen? Ich dachte in den folgenden Tagen über mein Umfeld nach, die Nachrichten, die ich bekomme, meine Informationsquellen, mein Facebook-Newsfeed. Mich erreichen wohl einfach andere Informationen als meine Schulkameradin. Wir lesen unterschiedliche Zeitungen, hören unterschiedliche Radiosender, lesen unterschiedliche Blogs, haben unterschiedliche Freunde – und überdies generieren uns Facebook und Google unterschiedliche "News" basierend auf unseren unterschiedlichen Interessen. Kurz: Wir leben in unterschiedlichen "Filterblasen".
Was sind Filterblasen?
Der Begriff “Filterblase” geht auf Eli Pariser zurück, den Internetaktivisten und Aufsichtsratsvorsitzenden von moveon.org. Pariser verwendet den Begriff im Zusammenhang mit digitalen Räumen, die den Nutzerinnen und Nutzer vorrangig Inhalte präsentieren, die ihren bestehenden Interessen entsprechen und damit ihre Einstellungen dazu verstärken.Wenn man allgemein von dem Phänomen spricht, dass wir uns in verschiedenen sozialen Räumen bewegen, in denen überwiegend Informationen ausgetauscht werden, die wir für wahr halten, ist der Begriff "Echokammer" besser geeignet. Eine Echokammer ist ein sozialer Raum, in dem die eigene Meinung gespiegelt und nicht mit anderen Meinungen konfrontiert wird. Leider verwenden viele Menschen Filterblase und Echokammer synonym. In diesem Blog-Eintrag wollen wir es (der Einfachheit halber) diesen Menschen gleichtun und ebenfalls diesen weiten Begriff von Filterblase verwenden.
Warum wir Filterblasen eigentlich ganz gern haben..
Zu den meisten unserer Überzeugungen sind wir nicht durch direkte Wahrnehmung gelangt. Wir glauben, was wir glauben, weil es uns Experten, Medien oder unsere Freunde und Verwandte mitgeteilt haben. Was wir glauben, hängt davon ab, von welchen Personen wir unsere Informationen beziehen und wie glaubwürdig diese in unseren Augen sind.In aller Regel wollen wir gar nicht mit Informationen konfrontiert werden, die unseren bereits bestehenden Meinungen widersprechen. Werden wir doch damit konfrontiert, nehmen wir sie meistens nicht wahr oder finden Gründe, sie abzulehnen. Es bereitet uns ein unangenehmes Gefühl, uns mit Positionen zu beschäftigen, die nicht unsere eigenen sind. Man spricht dabei auch vom Bestätigungsfehler (confirmation bias). Wir vermeiden kognitive Dissonanz, indem wir selektiv wahrnehmen, was wir wahrnehmen wollen.Deswegen reden wir normalerweise auch kaum mit Menschen, die wir nicht mögen und die andere politische Meinungen haben als wir selbst. Wir wählen unseren Stammtisch, unsere Freunde und unser Umfeld allgemein nach dem Kriterium der Ähnlichkeit aus. Wir finden diejenigen sympathisch, die Gemeinsamkeiten – Interessen, Meinungen oder auch reine Äußerlichkeiten – mit uns teilen.
Was ist also das Problem von Filterblasen?
Das Problem dabei ist, dass wir nicht immer richtig liegen und dass Menschen mit anderen Interessen, Meinungen, Redeweisen oder einem anderen Kleidungsstil oft relevante Informationen für uns besitzen, von denen wir nichts mitbekommen.Es beginnt damit, dass wir uns eher Menschen als Freunde suchen, die unsere Einstellungen teilen, und endet damit, dass Facebook und Google uns nur die Inhalte zeigen, die unseren bisherigen Interessen und Meinungen entsprechen. Zusätzlich abonnieren wir nur Newsletter von uns nahen Organisationen, lesen Zeitungen mit unserer politischen Ausrichtung und vermeiden Infoveranstaltungen von Parteien, die wir ohnehin nicht wählen würden.Mit dem Aufkommen von personalisierten digitalen Medien entstehen Filterblasen schneller, werden undurchlässiger und einseitiger. Aber was ist so schlimm daran, dass Youtube mir immer zuerst Katzenvideos zeigt, weil es gelernt hat, dass ich darauf am ehesten mit Klicks reagiere?
Sind Filterblasen eine Gefahr für die Demokratie?
Informationsverbreitung in den digitalen Medien ist zumeist fremdbestimmt und hochgradig automatisiert. Wir haben kaum Kontrolle darüber, welche Nachrichten und Suchergebnisse uns von Facebook und Google angezeigt werden. Richtig problematisch werden Filterblasen, wenn sie gezielt ausgenutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Denn Filterblasen spielen eine essentielle Rolle bei der Verbreitung von Fake News. Wenn alle meine Freunde eine Nachricht für wahr halten, dann habe ich bereits einen guten Grund, diese Nachricht ebenfalls für wahr zu halten. Dies nennt man auch den Konformitätseffekt. Filterblasen können also verhindern, dass Falschmeldungen korrigiert werden.Filterblasen können damit zu einer Gefahr für demokratische Meinungs- und Entscheidungsprozesse werden. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedlicher Meinung Gehör finden und trotz Meinungsverschiedenheiten kooperieren. Dies wird durch Filterblasen jedoch erschwert. Es ist nicht nur so, dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einander nicht hören, sondern die Meinungen, die sie haben, radikalisieren sich durch Filterblasen noch. Dies nennt man auch Gruppen-Polarisation.Ein eindrückliches Beispiel für die negativen Folgen von Filterblasen sind die Facebook-Gruppen, die durch eine Aktion der PARTEI aufgedeckt worden sind. Diese Filterblasen sind künstlich erzeugt und verstärkt worden (vgl. diesen heise-Artikel). Das perfide: Auch wenn man als Mitglied dieser Gruppen nicht aktiv war, reichen die Facebook-Algorithmen aus, dass man zunehmend rechtspopulistischen Inhalten ausgesetzt wird. Dies ist selbst dann der Fall, wenn man nur einige wenige AfD-kompatible Meinungen im Vorfeld hatte.
Was können wir gegen die negativen Folgen von Filterblasen tun?
Was können wir aber tun, um Filterblasen zu durchbrechen? Online können wir relativ einfach ein paar Einstellungen ändern, um weniger maßgeschneiderte Informationen zu bekommen:
- Wir können auf Facebook unsere Newsfeed-Einstellungen ändern und ein paar Seiten (von Zeitungen oder Nachrichtensendungen zum Beispiel) abonnieren, deren Ausrichtung wir nicht teilen.
- Wir können die Google-Einstellungen ändern, damit uns Suchergebnisse nicht in Abhängigkeit zu unseren bisherigen Suchanfragen und unserem Standort angezeigt werden (zum Beispiel, indem wir eine Proxy-Seite wie startpage verwenden.
- Allgemein können wir Informationen hinterfragen, die unsere Überzeugungen und Vorurteile bestätigen. Gerade Nachrichten, die nur allzu gut in unser Weltbild passen, verdienen besondere Skepsis und Aufmerksamkeit.
- Und wir können natürlich aktiv online und im echten Leben Kontakt mit Andersdenkenden suchen.
Wir alle können andere Standpunkte nachvollziehen, ohne sie zwangsläufig teilen zu müssen. Nur wenn wir uns gegenseitig zuhören und konstruktiv streiten, können wir Filterblasen mit konstruktivem Streit und radikaler Höflichkeit durchbrechen!Dies ist eine leicht abgewandelte Fassung eines Blog-Artikels auf kleinerfünf.de. Der Artikel hätte ohne die tatkräftige Unterstützung und Mitwirkung von Frederik Gottschling und Joe Weis nicht verwirklicht werden können.
Wie argumentieren Rechtspopulisten?
Rechtspopulisten beanspruchen, die eigentlichen Probleme der Gesellschaft zu benennen und eine Lösung für sie zu bieten. Die AfD behauptet beispielsweise in dem Ende 2016 entstandenen Strategiepapier für die Bundestagswahl 2017, dass Wähler sie für „grundsätzlich wählbar“ halten, „weil sie Themen anspricht und Dinge beim Namen nennt, die den Altparteien nicht wichtig genug oder unlieb sind oder auf die die Altparteien keine Antwort haben“. Daher lebe sie gut, so heißt es in dem Strategiepapier, als „Tabubrecherin und Protestpartei“.
1. Was ist Rechtspopulismus?
1.1 Sprache und Form
1.2 Rechtfertigungskontext und alternative Fakten
1.3 Inhalt und Alleinvertretungsanspruch
1.4 Zusammenfassung
2. Das Kernargument des Populismus
2.1 Untergang
2.1.1 Zuwanderung
2.1.2 Kriminalität
2.1.3 Islam
2.1.4 Leitkultur
2.1.5 Weitere Untergangsszenarien
2.2 Rettung
2.2.1 Altparteien
<Volksferne durch Korruption und Unfähigkeit>
2.2.2 Lügenpresse
<Meinungsdiktat im öffentlichen Diskurs>
2.2.3 EU-Diktat
<Keine Demokratie innerhalb der EU>
3. Fazit
- Erstens, die AfD nutzt gezielt Emotionen wie Angst, Wut und Empörung. Sie spricht diese Emotionen an – seien diese nun begründet oder nicht. Dies bringt ihr Aufmerksamkeit und Zustimmung bei bestimmten Wählergruppen.
- Zweitens, die AfD baut Untergangsszenarien auf und heizt die angesprochenen Emotionen an. Sie nutzt dabei Vorurteile und setzt auf bereits bestehende Feindbilder. Am ausführlichsten und effektivsten ist ihr dies mit der vermeintlichen Bedrohung durch die "Flüchtlingskrise" und den "Islam" gelungen.
- Drittens, die AfD präsentiert sich als die einzige Rettung, als letzte Alternative für Deutschland. Während die anderen Parteien und politischen Akteure als korrupt, unfähig, als "EU-Diktat", "Lügenpresse" und "Altparteien" angesehen werden, beansprucht die AfD die "Stimme des Volkes" zu sein und sich allein wirklich für dessen Interessen einzusetzen.
Literatur
- Betz, Gregor; Brun, Georg (2016): Analysing Practical Argumentation. In: Sven Ove Hansson und Gertrude Hirsch Hadorn (Hg.): The Argumentative Turn in Policy Analysis. Reasoning about Uncertainty. 1. Aufl. Dordrecht: Springer, S. 39–77.
- Müller, Jan-Werner (2016): Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin: Suhrkamp (Edition Suhrkamp).
- Prantl, Heribert (2017): Gebrauchsanweisung für Populisten. Wie man dem neuen Extremismus das Wasser abgräbt. 1. Aufl. Salzburg, München: Ecowin.
- Priester, Karin (2012): Wesensmerkmale des Populismus. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 5-6/2012)
(Wie) sollte man auf radikale Online-Kommentare reagieren?
Hasskommentare in sozialen Medien und Online-Foren sind trauriger Alltag. Oft stehen wir ohnmächtig vor dem blanken Hass, der sich in diesen Kommentaren offenbart. Bis vor Kurzem blieben viele Menschen diesen Foren fern, weil sich darin Hardliner Argumente an den Kopf werfen oder einfach nur noch gegenseitig beleidigen. Es hieß schlicht: "Don't feed the troll." Doch warum ist oft keine konstruktive Diskussion möglich? Und (wie) könnte man es besser machen? Filterblasen, aber auch Anonymität, Aufmerksamkeitsknappheit und Distanz in den Sozialen Medien, sind sicherlich Teil der Antwort. Radikale Positionen können vertreten werden, ohne dass dies zu (sozialen) Sanktionen führt. Doch Diskussionen in Sozialen Medien weisen zudem auch eine sprachliche Struktur auf, die es inherent schwierig macht, sie konstruktiv zu führen.
Hasskommentare in sozialen Medien und Online-Foren sind trauriger Alltag. Oft stehen wir ohnmächtig vor dem blanken Hass, der sich in diesen Kommentaren offenbart. Bis vor Kurzem blieben viele Menschen diesen Foren fern, weil sich darin Hardliner Argumente an den Kopf werfen oder einfach nur noch gegenseitig beleidigen. Es hieß schlicht: "Don't feed the troll." Doch warum ist oft keine konstruktive Diskussion möglich? Und (wie) könnte man es besser machen?Filterblasen, aber auch Anonymität, Aufmerksamkeitsknappheit und Distanz in den Sozialen Medien, sind sicherlich Teil der Antwort. Radikale Positionen können vertreten werden, ohne dass dies zu (sozialen) Sanktionen führt. Doch Diskussionen in Sozialen Medien weisen zudem auch eine sprachliche Struktur auf, die es inherent schwierig macht, sie konstruktiv zu führen.
Die duale Funktion von Online-Kommentaren
Ein Kommentar auf Facebook hat eine doppelte Funktion, da er nicht nur eine Reaktion auf einen vorherigen Beitrag ist, sondern sich auch (bewusst oder unbewusst) an das weitere Publikum richtet. Auf diese Weise ähnelt ein Kommentar auf Facebook einer öffentlichen Diskussion zwischen zwei (oder mehreren) einander gegenüberstehenden Gruppen.Man stelle sich vor, drei Menschen mit SPD-nahen politischen Meinungen und drei Menschen mit AfD-nahen politischen Meinungen stehen sich auf einem Marktplatz gegenüber und versuchen über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu diskutieren. Kann daraus ein echtes Gespräch entstehen?Unwahrscheinlich. Denn jede Äußerung ist ein Sprechakt, der sich zugleich auch an die eigene Gruppe richtet. Jedes Mitglied muss in seiner Äußerung immer auch der eigenen Gruppe seine Gruppenzugehörigkeit versichern. Eine ganze Reihe an psychologischen Gruppenphänomenen wie pluralistische Ignoranz, Informationskaskaden, Gruppenpolarisation oder Zuschauereffekt verstärken dadurch die ohnehin schon bestehende Radikalisierung in den Sozialen Medien.
Der Umgang mit radikalen Kommentaren
Wie geht man also mit Radikalisierung, Hass und Hetze im Netz um? Lass uns zunächst zwischen zwei Typen von Kommentaren unterscheiden. Denn einige wenige Menschen sind an keiner Diskussion interessiert. Sie sind wirklich von Hass getrieben und würden auch in einem Vieraugengespräch wenig von ihren Überzeugungen abweichen. Diese Menschen sollte man ignorieren. Dies sind die Trolle, die es nicht zu füttern gilt.Doch viele andere Menschen fühlen sich zwar angesprochen von radikaler Kritik gegenüber dem politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Establishment. Und oft ja auch nicht ohne Grund! Sie verbreiten rechtspopulistisches, rassistisches und sexistisches Gedankengut wie die Trolle. Aber im Gegensatz zu ihnen wollen sie wirklich gehört werden. Sie wollen eine Reaktion des Establishments. Sie sind an einer echten Diskussion interessiert.Nur bedauerlicherweise ist dies im öffentlichen Raum der Sozialen Medien kaum möglich. Diskussion erfordert, dass man dem Gegenüber zuhört. Dass man den Zweifeln und der anderen Meinung Raum gibt. Doch diese Offenheit ist gefährlich, wenn die rechtspopulistischen Trolle auf der Lauer liegen.
Zwei Taktiken
Daher scheint es sinnvoll zu sein, zweigleisig zu fahren. Im Umgang mit rechtspopulistischen Positionen in den Sozialen Medien zwar im Ton freundlich bleiben, aber inhaltlich klare Linie zeigen. Darauf verzichten, Rückfragen zu stellen, sondern direkt und bestimmt mögliche Fehlschlüsse, Beleidigungen, Irreführungen und Unwahrheiten korrigieren. Offensiv und aktiv auf Plattformen, seine Meinung mit Gründen verteidigen.Dabei geht es in der Regel gar nicht darum, den vorherigen Kommentator anzusprechen und zu überzeugen, sondern all den inaktiven Leserinnen und Lesern in den Sozialen Medien zu signalisieren, dass die liberale Demokratie der rechtspopulistischen Hetze etwas entgegensetzen kann. Schließlich war ein Grund, warum Trump und die europäischen Rechtspopulisten so stark werden konnten, dass empörte und wütenden Menschen mit radikalen und hetzerischen Meinungen in den (Sozialen) Medien eine überproportional große Aufmerksamkeit bekommen. Dem muss und kann gegengesteuert werden!Im Umgang mit rechtspopulistischen Positionen in persönlichen Nachrichten sollte die Taktik jedoch eine grundlegend andere sein. Hier kann aktiv zugehört werden. Hier kann nachgefragt werden. Hier kann sogar die Perspektive gewechselt und Zugeständnisse gemacht werden.Wir müssen sichtbarer werden im Dialog mit der "anderen Seite". In den Sozialen Medien mit klarer Kante. Und im Vieraugengespräch versöhnlich.
Sieben Strategien für einen erfolgreichen Umgang mit Populisten
Der Siegeszug des Populismus hat mit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus einen neuen Höhepunkt erreicht. Populisten in ganz Europa reiten auf der Welle aus Wut, Empörung und Angst, die sich in Parolen wie "Die Flüchtlinge überfremden uns; außerdem sind sie sowieso alle entweder kriminell oder Terroristen" oder "Die heutigen Politiker sind faul und korrupt; wir brauchen endlich wieder einen starken Mann" äußern.
Der Siegeszug des Populismus hat mit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus einen neuen Höhepunkt erreicht. Populisten in ganz Europa reiten auf der Welle aus Wut, Empörung und Angst, die sich in Parolen wie "Die Flüchtlinge überfremden uns; außerdem sind sie sowieso alle entweder kriminell oder Terroristen" oder "Die heutigen Politiker sind faul und korrupt; wir brauchen endlich wieder einen starken Mann" äußern.
Populistische Parolen werden salonfähig
Immer mehr Menschen fühlen sich solchen Parolen hingezogen und machen sie wieder salonfähig. Wie können wir diese Menschen für demokratische und rechtsstaatliche Ideen gewinnen? Kann man in Zeiten "alternativer Fakten" durch Argumente überhaupt überzeugen?Der Dialog mit Menschen anderer Meinungen ist zentraler Bestandteil der Demokratie. Wir müssen Menschen anderer Meinungen ernst nehmen und respektieren. Es hilf nichts sich über die "Dummheit" oder "Menschenverachtung" solcher Äußerungen zu echauffieren.
Reden - aber mit wem?
Einigen populistischen Politikerinnen und Politikern darf man das Gespräch jedoch getrost verweigern. Es geht ja nicht allen Menschen um die Vertretung ihrer Werte oder Meinungen, wenn sie den Mund aufmachen. Manche Menschen äußern solche Parolen sehr zielgerichtet und interessengeleitet. Bei den meisten Politikerinnen und Politiker der AfD, des Front National oder der Partij voor de Vrijheid gehen die meisten Argumente in der Tat ins Leere.Auf der anderen Seite gibt es aber auch die vielen potentiellen Wählerinnen und Wähler populistischer Parteien. Mit diesen sollten wir einen konstruktiven Austausch auf Augenhöhe suchen. Wir sollten unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger ansprechen - und zwar mit Respekt, selbst wenn wir deren Meinungen für falsch oder unmoralisch halten.
Strategien im Umgang mit populistischen Parolen
Im Alltag sollten wir daher beherzt eingreifen, wenn rassistische, sexistische, demokratiefeindliche oder anderweitig menschenverachtende Parolen geäußert werden. Auf das darauffolgende Streitgespräch kann man sich sowohl inhaltlich als auch sprachlich gut vorbereiten.Diese sieben Strategien bieten eine erste Hilfe, das Gespräch mit Populisten erfolgreicher zu gestalten:
- Beim Thema bleiben. In Diskussionen wird oft abrupt das Thema gewechselt und vereinfachende Parolen werden schnell hintereinander geäußert. Wie reagiert man darauf? Am wichtigsten: Das Parolenspringen nicht mitmachen. Lieber einfach nochmal nachhaken: "Kannst du mir erst noch erklären, was du gemeint hast, als du sagtest..."
- Gezielt nachfragen. Oft ist nämlich auch den Parolenschwingern selbst nicht ganz klar, was sie sagen. Dabei ist es essentiell, zunächst zu verstehen, was das Gegenüber überhaupt behauptet. Daher steht am Anfang immer der aufrichtige Wunsch zu verstehen. Und das sollte möglichst auch signalisiert werden: "Ich verstehe das noch nicht genau. Was genau meinst du, wenn du sagst, dass die Politiker korrupt sind?"
- Nicht belehren. Wer belehrt, demonstriert höhere Erkenntnis. Das schafft zunächst einmal (nicht unbegründet) Abwehr. Fakten überzeugen nur bedingt. Und wer will schon moralische Wahrheiten gepredigt bekommen? Vermeide daher zu moralisieren. Besser ist es zu fragen und persönliche Bezüge herzustellen: "Wie ging es deutschen, geflüchteten Familien nach dem zweiten Weltkrieg? Was unterscheidet sie von syrischen Familien heute?"
- Probleme verdeutlichen. Populistische Parolen sprechen pauschalisierend in Stereotypen von den Anderen. Zwar reichen einzelne Ausnahmen in der Regel nicht, um ein Stereotyp aufzubrechen. Aber es hilft dennoch, das "Die" aufzulösen: "Du behauptest, die Politiker sind korrupt. Aber was ist mit dem und dem und dem.." Zudem stecken populistische Parolen oft voller Widersprüche, die du mit etwas Hintergrundwissen leicht aufdecken kannst. Beinahe jeder - auch die meisten "post-faktischen" Anhänger Trumps oder der AfD - sind an innerer Widerspruchsfreiheit interessiert.
- Deeskalieren. Populismus lebt von Angst und Wut. Diese Gefühle brechen oft auch im Gespräch auf und führen dazu, dass ein richtiger Meinungsaustausch unmöglich wird. Dem kannst du entgegenwirken, indem du diese Gefühle ansprichst und Witz oder Ironie einbringst. Wichtig ist daher: Ruhig bleiben. Die eigenen Emotionen kontrollieren - und, wenn möglich, die des Gegenübers auch.
- Perspektive wechseln. Die Gräben zwischen den Gesprächsparteien scheinen oft unüberbrückbar. Ganze Ideologien prallen aufeinander. Die erzeugte Angst und Wut verstärken die Kluft noch. Hier können oft auch inhaltlich Brücken gebaut werden. Statt zu moralisieren kannst du Argumente mit den Werten des Populisten "reframen" (hier sind einige Beispiele). Damit kannst du auch Menschen mit diametral anderen Wertvorstellungen und Weltbildern abholen. Wichtig ist jedoch, dass du dabei authentisch bleibst und gewisse Grenzen nicht überschreitest. Wie sinnvoll ist es, den AfDler zu überzeugen, dass die etablierten Partien nicht alle schlechte Politik machen, indem man darauf verweist, dass auch sie geflüchtete Menschen zum Teil unmenschlich behandeln?
- Ansprüche reduzieren. Gleichzeitig solltest du dir nicht immer zum Ziel setzen, dein Gegenüber zu überzeugen. Demokratie lebt von Meinungsverschiedenheiten. Andere Menschen haben ein Recht darauf, ihre - von der deinigen abweichende - Meinung zu haben. Wichtig ist daher, auch auf die (noch) Unentschiedenen zu achten. Diese kann man in einer Diskussion, in der du dich gegen Populisten stellst, davon überzeugen, dass es auch die andere - differenzierte und (empirisch und moralisch) besser begründete - Meinung gibt. Selbst wenn die Chancen gering sind, die Diskussion mit Argumenten zu gewinnen, sollten wir das Feld nicht den Populisten überlassen!
Die sieben Strategien für den Umgang mit Populisten ähneln den zehn Regeln für eine gute Debatte auf ZEIT ONLINE. Eine gute Voraussetzung für ein konstruktives Streitgespräch mit Populisten ist auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Populismus.
Die sieben Regeln des erfolgreichen Populisten
Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat bereits im Jahr 2000 sieben Regeln veröffentlicht, wie man als Demagoge (damals noch am Beispiel Jörg Haiders) erfolgreich ist. Heute werden sie von vielen Populisten fast wortgetreu umgesetzt. Sie lauten in aktualisierter und gekürzter Form:
Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat bereits im Jahr 2000 sieben Regeln veröffentlicht, wie man als Demagoge (damals noch am Beispiel Jörg Haiders) erfolgreich ist. Heute werden sie von vielen Populisten fast wortgetreu umgesetzt. Sie lauten in aktualisierter und gekürzter Form:
Verkünde eine einfache Botschaft! Wir wissen insgeheim, dass gesellschaftliche und politische Zusammenhänge komplex sind. Aber die einfachen Antworten des Populismus sind einfach überzeugender. Verkünde daher fröhlich: Ausländer sind faul und Politiker korrupt.
Teile die Welt in ein Wir gegen die Anderen! Wir sind die Guten. Die Anderen sind die Bösen. Und wir werden von den Anderen bedroht. (dies zeigt sich sehr schön im AfD-Wahlprogramm)
Gib dich unfehlbar! Erfinde Sündenböcke! Damit lassen sich alle Probleme erklären: Es sind wahlweise entweder die Ausländer oder die Eliten. Sei Opfer und Hoffnung in einer Person. Stehe stellvertretend für die kleinen Leute. Du leidest wie sie, aber du kannst auch, was der „kleine Mann“ nicht tut: Aufstehen, auf den Tisch hauen und die Tabus der Anderen brechen.
Poche auf Gefühle! Verwende kurze, prägnante Sätze. Verwende bildhafte Begriffe, die Wut oder Angst erzeugen wie "Asylantenflut" oder "Sumpf austrocknen".
Bedrohe die Anderen! Politik ist Kampf. Befriedige die Gewaltphantasien deiner Anhänger!
Erzähle Geschichten! Greife Einzelfälle der Anderen heraus, stelle sie exemplarisch an den Pranger, stricke daraus ein Narrativ. Mache dich frei von Fakten! Verweise stattdessen auf "alternative Fakten"! Sei kreativ und überwinde die Wirklichkeit. Erfinde deine eigenen Daten, Gesetze oder Personen, wenn es dir dienlich ist.
Wiederhole! Nachdem du eine absurde Behauptung aufgestellt hast, wiederhole sie so lange, bis sie geglaubt wird – ohne Rücksicht darauf, ob sie durch Fakten widerlegt wird. Bleibe zäh! Je öfter du sie wiederholst, desto mehr Leute werden daran glauben.
Diese sieben Regeln eignen sich besonders gut für die Anwendung in sozialen Medien. Auf Twitter zählen einfache Botschaften, die nicht belegt oder begründet werden müssen. Angst, Wut und Empörung verbreiten sich auf Facebook rasend schnell und die dazugehörigen Narrative werden automatisch vertausendfacht. Es war noch nie so einfach, Populist zu sein!
Die AfD und der Kirchentag
Zwei Überraschungen habe ich vom diesjährigen Kirchentag mitgenommen. Positiv überrascht hat mich, dass sachliche Argumente doch weiter tragen, als ich zu hoffen wagte. Negativ überrascht hat mich, dass überhaupt so viele Argumente von Nöten waren.Denn der Kirchentag war voll von Menschen, die offen mit der AfD sympathisieren oder aus Überzeugung gar nicht erst wählen gehen. Ich war dort mit einem Stand von Kleiner Fünf - einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, rechtspopulistische Parteien mit demokratischen Mitteln und radikaler Höflichkeit unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken. Es kam zu hitzigen Diskussionen und spannenden Kontroversen - glücklicherweise ohne Wut, Pöbeleien oder Hass.
Zwei Überraschungen habe ich vom diesjährigen Kirchentag mitgenommen. Positiv überrascht hat mich, dass sachliche Argumente doch weiter tragen, als ich zu hoffen wagte. Negativ überrascht hat mich, dass überhaupt so viele Argumente von Nöten waren.Denn der Kirchentag war voll von Menschen, die offen mit der AfD sympathisieren oder aus Überzeugung gar nicht erst wählen gehen. Ich war dort mit einem Stand von Kleiner Fünf - einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, rechtspopulistische Parteien mit demokratischen Mitteln und radikaler Höflichkeit unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken. Es kam zu hitzigen Diskussionen und spannenden Kontroversen - glücklicherweise ohne Wut, Pöbeleien oder Hass.
Mit AfDlern argumentieren
Ein Mann beispielsweise wollte die AfD wählen, weil er (und jetzt folgt seine Argumentation) nicht einsähe, dass er mit nur 50.000 Euro Jahreseinkommen den Höchststeuersatz zahle. Er werde unverhältnismäßig geschröpft, während andere ganz auf Kosten des Staates lebten. Die AfD habe als einzige Partei dieses Problem erkannt und würde im Gegensatz zu allen anderen Parteien daran auch wirklich etwas ändern.
Die Wahl der eigenen argumentativen Strategie
Wie sollte ich reagieren? Zwar zahlt in Deutschland niemand mit 50.000 Euro Jahreseinkommen faktisch den Höchststeuersatz. Doch das wollte er mir nicht glauben. Auch Gerechtigkeitsüberlegungen perlten an ihm ab wie Wasser auf Lack.Was blieb mir in diesem Fall anderes als an seinen Eigennutzen zu appellieren? In der Tat fordert die AfD einen Einheitssteuersatz, der deutlich geringer als der Höchststeuersatz ist und für alle Einkommen über 20.000 Euro gelten soll. Das führt nun zu einem recht offensichtlichen Problem. Die massiven Steuerausfälle, die dadurch und durch die ebenfalls von der AfD geforderte Absenkung der Mehrwertsteuer (um sieben Prozentpunkte) entstehen würden, müssten an anderer Stelle oder aber durch eine äquivalente Absenkung an Leistungen und Subventionen ausgeglichen werden - Leistungen und Subventionen, von denen auch der Mann vom Kirchentag profitiert, wie er mir offen zustimmte.
Appell an das Eigeninteresse
Was ihn jedoch am ehesten zu überzeugen schien, war mein Argument, dass ihm der von der AfD geforderte Stufentarif, der den momentanen progressiven Steuersatz ersetzen soll, gar nichts nützen würde. Aufgrund der anteiligen Verrechnung der Einkommenssteuer zahlt nämlich selbst jemand, der den Höchststeuersatz zahlt, nur auf einen Bruchteil seines Einkommens tatsächlich 42 Prozent Steuern. Selbst wenn der Mann vom Kirchentag also mit seinen 50.000 Euro Jahreseinkommen den Höchststeuersatz zahlt, dann zahlt er vielleicht auf 500 oder 1.000 Euro seines Jahreseinkommens 42 Prozent; auf den überwiegenden Rest seines Einkommens zahlt er gar nichts oder deutlich weniger - insgesamt vermutlich um die 25 Prozent.Daran würde sich aber wohl kaum etwas ändern, wenn die AfD ihre Steuerpolitik umsetzen könnte. Denn dann würde er auf einen Großteil seines Einkommens den Höchststeuersatz zahlen müssen. Der AfD-Steuersatz wäre zwar niedriger, würde aber schon sehr viel früher einsetzen - und damit würde die Steuerbelastung des Mannes vom Kirchentag vermutlich nicht viel weniger als die momentanen 25 Prozent betragen. Letztlich bevorzugt die AfD die noch deutlich Wohlhabenderen (bei denen sich die Senkung des Höchststeuersatzes wirklich auszahlt) und erhöht dabei das Risiko aller anderen, in die Armut abzurutschen.
Was können Argumente bewirken?
Nun kann ich mir leider nicht sicher sein, dass ich ihn wirklich überzeugt habe. Aber er schien zumindest inspiriert, eigene Nachforschungen anzustellen. Er war nachdenklich und zog die Möglichkeit, eine andere Partei als die AfD zu wählen, in Betracht.Man mag nun einwenden, dass wir über das falsche Thema gesprochen haben. Hätte ich ihn nicht eigentlich davon überzeugen müssen, dass es (moralisch) falsch ist, die AfD aus Eigennutz zu wählen - ob der Eigennutz nun real ist oder nicht?
Wir gegen die anderen?
Solche "kalten" Kosten-Nutzen-Argumente sind nicht jedermanns Sache. Vielleicht wollen manche Menschen gar niemanden überzeugen, der nicht für (die eigenen) Gerechtigkeitsüberlegungen offen ist. Ich kann das gut verstehen. Aber es gibt sie - diese Menschen mit anderen Überzeugungen, mit anderen Wertvorstellungen und anderen Zielen. Und wir leben mit ihnen zusammen. Wir sollten sie dort abholen, wo sie sich befinden!Wir ändern unsere Werte nicht eben mal so in einem Gespräch. Wir haben viele tiefsitzende Überzeugungen, die sich natürlich langfristig verändern können. Doch seien wir einmal ehrlich, wer hat sich schon jemals von einem Fremden auf der Straße davon überzeugen lassen, dass es moralisch vertretbar ist, Geflüchtete abzuschieben und womöglich verhungern zu lassen (bzw. dass es moralisch geboten ist, sie aufzunehmen, selbst wenn es Millionen werden)?Was wir in einem Gespräch bewirken können, ist, mit dem Gegenüber ein kleines Stückchen gemeinsamen Grund zu erarbeiten. In einem Gespräch können beide Seiten etwas lernen. In jedem Gespräch. Wenn wir ein paar wenige und einfach zu befolgende Hinweise (zum Beispiel bei Kleiner Fünf, auf ZEIT ONLINE oder hier) berücksichtigen, kann aus einer aggressiven Konfrontation ein konstruktiver Dialog werden.
Wir müssen reden!
Denn fast schlimmer noch als diskussionsfreudige AfD-Sympathisanten scheinen mir diejenigen zu sein, die unreflektiert alles gut finden, was in ihr Überzeugungssystem passt. Wie viel weniger kann ich diejenigen verstehen, die an den Stand von Kleiner Fünf kamen und sich einfach nur kurz ihr Weltbild bestätigen lassen wollten.Das eigentliche Problem für unsere Demokratie scheinen mir doch diejenigen zu sein, die nicht mehr miteinander reden wollen, die für keine Argumente mehr zugänglich sind und die letztlich allem Pluralismus abgeschworen haben - selbst wenn sie meinen, gegen die Rechtspopulisten und für die Demokratie zu sein.
Der strategische Einsatz von Unbestimmtheit im Recht
Das Grundgesetz besagt, dass die Menschenwürde unantastbar ist. Doch niemand sagt uns, was das konkret heißt und unter welchen Umständen die Menschenwürde angetastet wird. Laut Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) müssen Arbeitsverträge für die Zeit nach dem Studium künftig dem Qualifizierungsziel angemessen sein. Doch was "angemessen" genau bedeutet, darüber gibt das Gesetz keine Auskunft.
Das Grundgesetz besagt, dass die Menschenwürde unantastbar ist. Doch niemand sagt uns, was das konkret heißt und unter welchen Umständen die Menschenwürde angetastet wird. Laut Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) müssen Arbeitsverträge für die Zeit nach dem Studium künftig dem Qualifizierungsziel angemessen sein. Doch was "angemessen" genau bedeutet, darüber gibt das Gesetz keine Auskunft.
Unbestimmtheit als Strategie
Ist diese Unbestimmtheit im Gesetz einfach nur das Ergebnis schlechter Gesetzgebung oder schlichter Notwendigkeit? Vermutlich nicht. Vermutlich gibt es einen Grund, warum unbestimmte Rechtsbegriffe und Generalklauseln Jahrzehnte und Jahrhunderte der Rechtspraxis überlebt haben. Setzen Gesetzgeber Unbestimmtheit also gezielt ein?Juristen scheinen eine Art Hassliebe zu sprachlicher Unbestimmtheit zu pflegen. Auf der einen Seite hassen sie Unbestimmtheit, da sie eine Bedrohung für rechtsstaatliche Prinzipien wie den Bestimmtheitsgrundsatz und der Gewaltenteilung darstellt.
Flexibilität durch Unbestimmtheit
Auf der anderen Seite lieben sie Unbestimmtheit. Denn das Recht muss flexibel sein, sagen sie. Es muss sich an die Gegebenheit des Einzelfalls und an sich ändernde soziale und technologische Umstände anpassen lassen können. Völlige Bestimmtheit des Rechts würde es entmenschlichen, sagen manche Rechtstheoretiker. Arthur Kaufmann beispielsweise warnt etwas polemisch davor, dass ein Rechtscomputer, der "nur ein einziges Mal per saecula saeculorum programmiert wird, auch den unerschütterlichsten Positivisten das Gruseln lehren würde."Doch warum können überhaupt gewisse Begriffe wie "Menschenwürde" oder "angemessen" strategisch eingesetzt werden? Auf welche Weise wird die so oft gepriesene Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Rechts erreicht?
Strategische Unbestimmtheit im Recht
Ich denke, dass dies grundsätzlich auf mindestens fünf verschiedene Weisen möglich ist. Vermutlich ist der häufigste Grund, Unbestimmtheit strategisch einzusetzen, Meinungsverschiedenheiten zu überbrücken. Durch unbestimmte Formulierungen kann zum Teil eine Einigung erzielt werden, die nicht möglich wäre, wenn alle Differenzen explizit wären. Viele Gesetze, internationale Verträge und auch manche Gerichtsurteile kommen nur deshalb zustande, weil manche Punkte nicht präzise bestimmt, also nicht eindeutig entschieden werden.Ein schönes Beispiel ist der Urteilsspruch in Brown v. Board of Education des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten im Jahr 1955, welcher verfügte, dass die staatlichen Schulen sich "with all deliberate speed" desegregieren müssen. Chief Justice Earl Warren wollte aufgrund der Brisanz des Falls ein einstimmiges Urteil. Nur durch die Wahl dieser Formulierung konnte er alle Bundesrichter auf Linie bringen.
Entscheidungen auf Gerichte delegieren
Durch Unbestimmtheit kann der Gesetzgeber die nicht zu verhindernde Über- und Unterinklusivität des Rechts mindern. Das heißt, falsch-positive und falsch-negative Fälle können durch die Delegation der Entscheidung an eine besser informierte Partei wie ein Gericht oder eine Behörde verringert werden. In der Tat werden die meisten Gesetze erst von Behörden durch Verwaltungsvorschriften präzisiert und konkretisiert.Unbestimmtheit kann strategisch eingesetzt werden, um Transaktionskosten zu reduzieren. Gesetzgeber oder Vertragspartner einigen sich bisweilen auf unbestimmte Formulierungen, weil sie erwarten, dass gewisse schwer vorherzusehende oder strittige Punkte zu einem späteren Zeitpunkt mit weniger Aufwand geklärt werden können. Gerade in Verträgen ist dieses Vorgehen oft sinnvoll, da man darauf hoffen kann, dass jene schwer vorherzusehenden und strittigen Eventualitäten gar nicht erst eintreten werden.
Double Talk und Compliance
Diesen drei erst genannten Funktionen ist gemein, dass Unbestimmtheit eine Delegation an eine dritte Partei bzw. einen Aufschub zu einem späteren Zeitpunkt bewirkt. Die beiden folgenden Funktionen sind wesentlich anders.Unbestimmt formulierte Rechtsäußerungen können als Double Talk verwendet werden. Manche Gesetze, aber auch Gerichtsurteile, sind so politisch brisant, dass durch Unbestimmtheit versucht wird, verschiedene Parteien in der Gesellschaft mit unterschiedlichen Botschaften anzusprechen. Zum Beispiel hat der amerikanische Congress im Jahr 1885 das Alien Contract Labor Law erlassen, welches eine ganze Reihe von unbestimmt definierten Berufsgruppen von der Einreise in die USA ausschloss, aber insgeheim zum Ziel hatte, die Immigration von chinesischen Einwanderern zu verhindern. Während die Rechtsvollstreckung dieses Ziel ungehindert durchsetzen sollte, wollte der Gesetzgeber die Öffentlichkeit nicht mit einem offen rassistischen Gesetz in Aufregung versetzen.Unbestimmtheit kann strategisch eingesetzt werden, um die Compliance zu verbessern. Unbestimmte Versicherungsverträge sind ein klassisches Beispiel dafür, aber auch repressive Staaten können Overcompliance durch unbestimmt formulierte Gesetzen erreichen, da die Furcht vor Strafe dazu führt, dass Bürgerinnen und Bürger sich bewusst von jeder potentiell als strafbar bewertbaren Handlung abgrenzen. So definierte der nationalsozialistische Erlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung von 1937 jeden als "asozial" "wer durch sein gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten zeigt, dass er sich nicht in die Gemeinschaft einfügen [...] will." Nicht ganz unähnlich ächtete das sowjetische Strafrecht "Parasiten".Dies ist eine Kurz-Zusammenfassung meines Buches "Strategic Indeterminacy in the Law".
Die Kunst der Ignoratio Elenchi
Wir sehnen uns nach Antworten in dieser komplizierten Welt. Populisten bieten einfache Lösungen. Damit punkten sie. Doch Lösungen für was?
Das ist oft gar nicht so klar. Geht es wirklich um die Gefährlichkeit des islamistischen Terrors? Geht es tatsächlich um die Globalisierung, die uns unsere Jobs und unseren Lebensstandard streitig macht?Populisten wie Donald Trump oder Frauke Petry machen sich unsere Anfälligkeit für einen klassichen Fehlschluss zunutze. In einer Ignoratio Elenchi wird ein Satz begründet, der gar nicht zur Debatte steht, auch wenn er in der Regel thematisch verwandt damit ist.
Wir sehnen uns nach Antworten in dieser komplizierten Welt. Populisten bieten einfache Lösungen. Damit punkten sie. Doch Lösungen für was?
Das Schema der Ignoratio Elenchi
Das ist oft gar nicht so klar. Geht es wirklich um die Gefährlichkeit des islamistischen Terrors? Geht es tatsächlich um die Globalisierung, die uns unsere Jobs und unseren Lebensstandard streitig macht?Populisten wie Donald Trump oder Frauke Petry machen sich unsere Anfälligkeit für einen klassichen Fehlschluss zunutze. In einer Ignoratio Elenchi wird ein Satz begründet, der gar nicht zur Debatte steht, auch wenn er in der Regel thematisch verwandt damit ist.
Zwei Funktionen der Ignoratio Elenchi
Dadurch erfüllt eine Ignoratio Elench zwei Funktionen. Erstens, sie lenkt von der eigentlichen Frage ab, weil nun eine neue (möglicherweise ebenfalls kontroverse) Behauptung im Raum steht. Zweitens, sie führt oft unbemerkt auf ein weniger schwieriges Terrain für den Populisten, da der neue Satz einfacher begründet werden kann oder bereits allgemein akzeptiert wird.Donald Trump ist unangefochtener Meister der Ignoratio Elenchi. Beispielsweise antwortete er auf die wiederholte Meldung, dass russische Geheimdienste den amerikanischen Wahlkampf beeinflussten, mit der Behauptung, dass es keine Manipulation der Stimmautomaten gab. Das ist zwar vermutlich wahr. Doch hat es nichts mit den Vorwürfen der Einflussnahme auf den Wahlkampf zu tun.
Was tun?
Was können wir dagegen tun? Genau hinhören und feststellen, was tatsächlich gesagt wurde, um dann mit Nachdruck auf die eigentliche Frage zurückzukommen. Leider wird dies jedoch auf Facebook, im Fernsehen und auch in persönlichen Diskussionen viel zu selten gemacht und Manipulatoren wie Trump haben leichtes Spiel.
