Streitkultur-Blog
Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.
Konstruktiv streiten in der digitalen Öffentlichkeit
Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.
Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.
Doch was heißt es eigentlich zu streiten? Streit kann man verstehen als eine verbale (schriftliche oder mündliche) Auseinandersetzung zu einer bestimmten Frage zwischen mindestens zwei Parteien, die prima facie inkompatible Antworten darauf haben. Dabei kann zwischen Auseinandersetzungen über Tatsachenfragen und Auseinandersetzungen über Wertfragen unterschieden werden. Ersteres ist ein Streit darüber, was (deskriptiv) der Fall ist, während Letzteres ein Streit darüber ist, was (normativ) gut oder schlecht bzw. was verboten, erlaubt oder geboten ist. In beiden Fällen werden Meinungen ausgetauscht und in beiden Fällen kann der Auseinandersetzung ein Interessenskonflikt zugrunde liegen, bei dem es letztlich darum geht, welche Interessen bei einer Entscheidung welches Gewicht haben sollen (Coleman und Ferguson 2015). Worin besteht nun die Qualität von Streit in der digitalen Öffentlichkeit? Was macht einen Streit konstruktiv? Diese Frage kann nur beantworten, wem die Ziele, die wir in einem Streitgespräch verfolgen (sollten), hinreichend klar sind. Dies soll in Abschnitt (1) untersucht werden, um dann in Abschnitt (2) allgemeine Kriterien für konstruktiven Streit zu formulieren, in Abschnitt (3) häufige Hindernisse für konstruktives Streiten zu diskutieren und abschließend in Abschnitt (4) einige Besonderheiten des Streits in der digitalen Öffentlichkeit herauszuarbeiten.
1 Ziele von Streit
Warum also streiten wir? Schauen wir uns zunächst einige Ziele an, die Menschen im Allgemeinen häufig durch Streit tatsächlich verfolgen. Erstens – und vielleicht in den meisten Fällen – wollen Menschen eine Auseinandersetzung schlicht gewinnen. Das heißt, sie wollen rhetorisch als Sieger aus ihr hervorgehen; sie wollen den Streit souverän hinter sich lassen. Dieses Ziel wird vermutlich in vielen Talkshows, aber auch oft in Diskussionen auf sozialen Medien verfolgt. Dabei geht es in erster Linie um den Eindruck, den man durch den Streit auf das Gegenüber oder auf Dritte macht – beispielsweise indem man sich auf die richtige Seite stellt und eine bestimmte Position markiert.
Zweitens streiten wir oft, um Andere zu überreden. Wir wollen unsere Interessen durchsetzen oder unsere Meinung als akzeptiert verstanden wissen. Manchmal geht es schlicht darum, in einer bestimmten Situation den längeren Atem zu beweisen – etwa um in einer Parlamentsdebatte das letzte Wort zu haben oder in einer Verhandlung das beste Ergebnis herauszuholen, ungeachtet der Interessen und Überzeugungen des Gegenübers.
Drittens wollen wir die Anderen in einigen Fällen nicht einfach überreden, sondern es ist uns zudem wichtig, sie auch faktisch zu überzeugen. Die Anderen sollen nach dem Streit unsere Meinung teilen und einsehen, dass wir recht haben. Nicht zu selten wird Streit sogar mit dieser Zielsetzung charakterisiert; es gehe bei einem Streit wesentlich darum, das Gegenüber zu überzeugen (van Eemeren und Grootendorst 2010; Johnson 2000; Hamblin 1970).
Diese drei Ziele sind bisweilen (insbesondere aus der jeweiligen individuellen Perspektive) durchaus erstrebenswert – und mit ihnen gehen wir intuitiv in einen Streit, wenn wir uns nicht bewusst ein Ziel setzen. Sie sind eng verbunden mit einer zentralen Funktion des Argumentierens; nämlich der Rechtfertigung von Überzeugungen, Handlungen oder Verhaltensweisen gegenüber unseren Mitmenschen (Mercier und Sperber 2017; Mercier und Landemore 2012; van Eemeren und Grootendorst 2010; Toulmin 2003, S. 12). Dabei führen sie jedoch allzu oft nicht nur nicht zu den von den Einzelnen erhofften Ergebnissen, sondern sind auch aus gesellschaftlicher Sicht wenig sinnvoll (Talisse und Aikin 2014, S. 38–56). Wenn sie richtig geführt werden, haben kontroverse verbale Auseinandersetzungen nämlich eine Reihe von Funktionen, die auch aus epistemischen und damit deliberativ-demokratischen Gesichtspunkten sinnvoll sind.
Denn viertens können wir durch Streitgespräche das Gegenüber besser verstehen, weil wir seine Position in einer bestimmten Frage kennenlernen und die Gründe dafür erfahren. Dies dürfte – so die Hoffnung – auch zu mehr Offenheit und Toleranz führen (Mutz 2006, S. 84-87). Zugleich ist eine grundsätzliche Offenheit notwendig, damit diese Funktion überhaupt erkannt, als Ziel gesetzt und dann erfolgreich in Streitgesprächen verfolgt wird.
Fünftens können wir etwas über die zur Diskussion stehende Sache erfahren, indem wir neue Positionen kennenlernen und die Gründe, die dafür sprechen (Talisse und Aikin 2014, S. 3-16). Dies kann uns selbst dann helfen, die Welt besser zu verstehen, wenn die kennengelernten Positionen letztlich nicht zutreffen oder die dafür vorgebrachten Gründe nicht stichhaltig sind.
Sechstens können Streitgespräche dazu beitragen, die Kohärenz im eigenen Überzeugungssystem zu erhöhen, indem durch den Austausch von Argumenten die inferenziellen Beziehungen zwischen verschiedenen Überzeugungen ans Tageslicht gefördert werden (Betz 2013). Wir lernen Gegengründe gegen unsere eigene Position kennen und haben die Möglichkeit, unsere Überzeugungen in ihrem Licht anzupassen, zu differenzieren und zu präzisieren.
Siebentens stärken diese drei Punkte die eigene Autonomie, da erst durch das reflektierende und systematische Abwägen von Argumenten die eigenen Meinungen zu begründeten Urteilen werden. Erst wenn wir andere Menschen, die Welt und uns selbst hinreichend verstehen und Gründe für unsere Überzeugungen nennen können, können wir uns intellektuell (und damit auch politisch) emanzipieren (Habermas 2011b, S. 573). Erst dann – durch Reflexion und Begründung – werden unsere Meinungen zu unseren eigenen Überzeugungen.
Aus diesen vier – im engeren Sinn epistemischen – Zielen ergeben sich nun drei weitere Ziele, die praktischer Natur sind, aber zugleich von deliberativ-demokratischer Relevanz. So kann nämlich achtens ein Streitgespräch dazu beitragen, einen Konsens oder zumindest einen Kompromiss in einem Konflikt zu erzielen, der andernfalls nicht-verbal und nicht-rational ausgetragen werden müsste. Wenn wir die Interessen und Meinungen des Gegenübers sowie die Gründe, die es dafür hat, erfahren, können wir eher eine Lösung finden, die für alle Betroffenen tragbar ist oder sogar von ihnen befürwortet wird (Gilbert 2008; Thompson 1991).
Neuntens kann – selbst in Fällen, in denen weder Konsens oder Kompromiss gefunden wird – ein Streitgespräch dabei helfen, Entscheidungen zu verbessern, weil wir besser über die Anderen und die Sache Bescheid wissen. Die Hoffnung ist, dass durch die epistemischen Funktionen des Streits am Ende Entscheidungen ermöglicht werden, die für die Mehrheit der Betroffenen positive Konsequenzen haben (Landemore und Estlund 2018; Landemore 2014; Talisse und Aikin 2014, S. 17-37).
Zehntens kann ein Streitgespräch schließlich dazu beitragen, eine Entscheidung zu legitimieren, selbst wenn sie weder objektiv besonders gut ist, noch subjektiv auf besonders hohe Zustimmung trifft, aber durch das Artikulieren von Meinungen, Benennen von Interessen und den Austausch von Argumenten allen Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen (Richardson 2002, S. 23-36; Cohen 1997).
Neben diesen zehn Funktionen gibt es viele weitere Ziele, die Menschen durch Streitgespräche verfolgen. Vielleicht wollen sie Andere demütigen, vielleicht wollen sie von etwas ablenken, vielleicht wollen sie sich einfach nur unterhalten. In diesem Beitrag werde ich mich jedoch auf die hier genannten - direkt oder indirekt epistemischen – Funktionen von Streit konzentrieren.
2 Kriterien für konstruktiven Streit
Streit hat einen schlechten Ruf. Gemeinhin halten wir ihn für etwas Schlechtes und wenig Erstrebenswertes. Das liegt unter anderem daran, dass entweder die falschen Ziele damit verfolgt oder die erhofften Ziele nicht erfüllt werden. Wann also hat ein Streit die Aussicht, seine Funktion zu erfüllen? Wann dürfen wir hoffen, durch einen Streit eines oder mehr der obigen Ziele erreichen?
Ein hilfreicher Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist der Discourse Quality Index (DQI), der in den Politikwissenschaften unter anderem von Steenbergen et al. (2003) entwickelt wurde. Er umfasst vier Dimensionen; nämlich die Partizipation der Teilnehmenden, den gegenseitigen Respekt, das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel der Diskussion sowie den Grad und Inhalt der gegebenen Rechtfertigungen.
Schauen wir uns zuerst die Partizipation der Teilnehmenden an. Mit Blick auf die Legitimität der aus einer Debatte resultierenden Entscheidungen ist eine repräsentative Teilnahme aller Betroffenen zweifelsohne wichtig. Aber auch aus rein epistemischen Gesichtspunkten ist es naheliegend, eine hohe Teilnahme anzustreben – etwa wenn diese (im Sinn eines Mill‘schen Liberalismus) mit einer Pluralisierung des Diskurses einhergeht. Allerdings muss dies nicht der Fall sein. Wie Mutz (2006) gezeigt hat, stehen hohe Partizipation, deliberative Qualität und Meinungspluralismus in einem strukturellen Spannungsverhältnis. Debatten homogener Gruppen haben tendenziell eine höhere deliberative Qualität und gruppeninterne Partizipation als Debatten heterogener Gruppen. In manchen Fällen kann eine Diskussion daher bessere Argumente und Einsichten hervorbringen, wenn nicht möglichst viele Parteien zu Wort kommen; zum Beispiel, wenn durch die Heterogenität einer Gruppe keine hinreichende Diskussionsgrundlage besteht, wenn durch die schiere Häufung von Meinungsäußerungen eine sachliche und gründebasierte Diskussion verhindert wird, oder wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einer pluralen Öffentlichkeit bestimmte Parteien strukturell benachteiligt. Aus epistemischer Sicht ist zentral, dass alle relevanten Positionen und Gründe berücksichtigt werden – und nicht unter den Tisch fallen, weil sie zufällig niemand der Gesprächsparteien teilt. Daher sind konstruktive Debatten in der Regel inklusiv, indem sie möglichst vielen Betroffenen zu partizipieren ermöglichen.
Zudem beinhaltet der DQI als zweite Dimension den Respekt zwischen den Teilnehmenden, der sich im besten Fall in der Sachlichkeit der Redebeiträge niederschlägt. Eine wichtige Unterscheidung hier ist die zwischen dem Gegenüber als Person, ihren Überzeugungen und ihren Äußerungen. Respekt gebührt in jedem Fall der Person, unabhängig davon, was sie (vermeintlich) denkt. Aber oft ist auch gar nicht so unmittelbar ersichtlich, welche Überzeugungen sie tatsächlich hat. Die Äußerungen einer Person können immer auf verschiedene Weise interpretiert werden – und viel häufiger, als man das vermutet, entstehen (ungewollte) Strohmänner und andere Missverständnisse, welche die Qualität der Diskussion beeinträchtigen und verhindern, dass man mit ihr neue Erkenntnisse über das Gegenüber oder die Sache erlangt.
Damit ein Streitgespräch konstruktiv verläuft, bedarf es daher epistemischer Tugenden wie zum Beispiel eine grundsätzlichen Wahrheitsverbundenheit und einer Wertschätzung von auch gegenläufigen Gründen. Die wichtigste dieser Tugenden ist eine Haltung, die durch das Prinzip des interpretativen Wohlwollens ausgedrückt werden kann: Wir sollten die Thesen und Argumente von Anderen – in dem durch Wortlaut und Kontext möglichen Rahmen – stets so plausibel wie möglich interpretieren. Die Akzeptanz und Anwendung dieses Prinzips bildet das Fundament konstruktiver Streitkultur. Es setzt nämlich voraus, dass man einander zuhört und die Thesen und Argumente des Gegenübers grundsätzlich ernst nimmt.
Respekt bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht die Anerkennung von Autoritäten oder gar die Anwendung irgendwelcher Höflichkeitsfloskeln, sondern, dass auf die Äußerungen der Anderen sachlich eingegangen wird. Ein Redebeitrag ist sachlich, wenn er deskriptive und normative Aussagen differenziert und auf irrelevante Wertungen (insbesondere der anderer Gesprächsteilnehmender) verzichtet. Der Ausdruck von Emotionen ist also durchaus mit dem Kriterium der Sachlichkeit vereinbar, das in erster Linie diskriminierende Sprechhandlungen, Beleidigungen und andere verbale Angriffe auf Personen ausschließt; es setzt lediglich die grundlegenden Rahmenbedingungen für konstruktiven Streit.
Der DQI beinhaltet ferner das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel. Nun ist nahezu unstrittig, dass es nicht immer sinnvoll ist, in einer Debatte eine Konsens anzustreben – und so erläutern Steenbergen et al. (2003), dass sich diese Zielsetzung auch durch alternative oder vermittelnde Vorschläge zeigen kann. Meist ist es schlicht unrealistisch, einen Konsens zu erreichen. Zudem kann, gerade wenn nicht unmittelbar Entscheidungen getroffen werden müssen, eine andere Zielsetzung sinnvoller sein. Wichtiger als eine fixe Konsensorientierung ist es, dass überhaupt konkrete, realistische und begründbare Ziele gesetzt werden, bevor ein Streitgespräch beginnt.
Die Qualität einer Diskussion hängt also entscheidend von einer sinnvollen und der Situation angebrachten Zielsetzung ab. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass Menschen Haltungen in Streitgesprächen in Abhängigkeit zu ihren bewusst oder unbewusst gesteckten Zielen einnehmen. Wenn sie nun eine der drei erst genannten Ziele (Gewinnen, Überreden oder Überzeugen) verfolgen, nehmen sie tendenziell eher eine Kampf-Flucht-Haltung ein, die eine konstruktiven Austausch schwierig macht. Wenn sie jedoch eines der sieben (direkt oder indirekt) epistemischen Ziele verfolgen, fällt es leichter eine partizipativ-inklusive und respektvoll-sachliche Diskussion zu führen. In Abhängigkeit zu den Zielen lassen sich neben der Inklusivität und Sachlichkeit noch drei weitere Kriterien ableiten, welche die Qualität von Diskussionen ausmachen und die leichter erfüllt werden, wenn wir eine den Zielen angemessene Haltung einnehmen. So ist für einen konstruktiven Streit zudem eine hinreichende Präzision, Relevanz und Gründebasiertheit der Redebeiträge ausschlaggebend.
Ein Redebeitrag ist präzise, wenn Mehrdeutigkeiten und andere Formen der Unbestimmtheit vermieden sowie Thesen als solche klar benannt und von anderen (verwechselbaren) Thesen differenziert werden. Dafür bedarf es unter anderem einer konsistenten Verwendung geeigneter Begrifflichkeiten. Leider ist in vielen Debatten schon das Thema nicht hinreichend bestimmt, so dass Gesprächsparteien schlicht aneinander vorbeireden und Argumente (als Strohmänner) ins Leere gehen.
Ein Redebeitrag ist relevant, wenn er sich hinreichend auf das Thema und die Beiträge der Anderen bezieht. Dafür müssen die Teilnehmenden unter anderem ausreichend informiert sein, aber auch über eine Reihe von kommunikativen und epistemischen Kompetenzen und insbesondere über eine Haltung interpretativen Wohlwollens verfügen.
Was heißt es nun, dass ein Redebeitrag hinreichend gründebasiert ist? Dies betrifft die vierte Dimension des DQI und damit den Grad und Inhalt der gegebenenRechtfertigungen für die vertretenen Thesen. Dazu müssen in Kontroversen nicht nur Meinungen, sondern auch Argumente tatsächlich ausgetauscht werden. Es muss den Teilnehmenden möglich sein, sich auf der Grundlage der Sichtung und Bewertung der Argumente ein Urteil zu bilden Dazu bedarf es der Gelegenheit einer hinreichenden Sammlung der relevanten Gründe und einer etwaigen Entkräftung von Argumenten. Zentral für die Qualität einer Diskussion ist daher nicht nur der Grad und Inhalt, sondern insbesondere auch die Güte der gegebenen Rechtfertigungen.
Um Rechtfertigungen beurteilen und gute Rechtfertigungen hervorbringen zu können, bedarf es Argumentationskompetenz. Argumentationskompetenz beruht auf dem (mindestens impliziten) Wissen, was ein Argument ist und was es bedeutet, dass Annahmen (die Prämissen) eine These (die Konklusion) begründen. Zugleich umfasst sie praktische Fähigkeiten – unter anderem, wie man einzelne Argumente und ganze Argumentationen erkennt, versteht, bewertet und selbst hervorbringt (Lanius 2022, S. 9). Dazu ist es insbesondere wichtig, (1) zwischen deduktiven und nicht-deduktiven Argumenten unterscheiden zu können, (2) ein Verständnis davon zu haben, was deduktive Gültigkeit und induktive Stärke ist, und schließlich (3) implizite Prämissen in Argumenten ergänzen zu können. Der Vermittlung und Anwendung dieser Fähigkeiten ist ein präzises argumentationstheoretisches Vokabular dienlich, wie es in der modernen Argumentationstheorie entwickelt worden ist (siehe etwa Bowell und Kemp 2009; Betz 2010; Bayer 2011; Feldman 2014; Löwenstein 2022). Dies ist hilfreich, aber nicht notwendig – all diese Fähigkeiten können auch unbewusst, unreflektiert und ohne das entsprechende Vokabular erworben und erfolgreich eingesetzt werden. Beachtenswert ist allerdings, dass den meisten Menschen diese Fähigkeiten nicht in die Wiege gelegt sind – was uns nun zu der Diskussion möglicher Hindernisse für einen konstruktiven Streit im nächsten Abschnitt führt.
3 Häufige Hindernisse für konstruktiven Streit
Die Hoffnung, dass eine Debatte allein durch ihre Freiheit ihre epistemischen und deliberativ-demokratischen Funktionen erfüllt, wie dies noch John Stuart Mill hoffte, hat sich etwas gemindert. Tatsächlich verlaufen viele private wie öffentliche Streitgespräche, gerade wenn sie frei geführt werden, nicht besonders konstruktiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe. An dieser Stelle sollen lediglich einige – vielleicht besonders häufige und ernstzunehmende – Hindernisse aufgeführt und kurz diskutiert werden.
Beginnen wir mit den Zielen der Teilnehmenden eines Streitgesprächs; so erwächst aus einer ungünstigen oder fehlenden Zielsetzung leicht eine Haltung, die mit einem Mangel an intellektuellen oder kommunikativen Tugenden einhergeht. Dies kann sich in Dogmatismus und Rechthaberei auf der einen Seite und Relativismus und Subjektivismus auf der anderen Seite äußern. Wenn wir gewinnen wollen oder Andere nur zu überreden oder zu überzeugen beabsichtigen, reagieren wir schnell dogmatisch und rechthaberisch, was leicht dazu führt, dass die Positionen und Argumente der Anderen nicht hinreichend wohlwollend diskutiert und beurteilt werden. Dies wiederum macht die Beiträge in Diskussionen im Schnitt weniger sachlich, präzise und relevant.
Manchmal verkehrt sich jedoch auch eine Zielsetzung, die nur das Verstehen des Gegenübers im Blick hat, in ihr Gegenteil, wenn dadurch eine relativistisch-subjektivistische Haltung eingenommen wird. So vermeiden einige Menschen jeden Konflikt, indem sie alle Positionen als gleichwertig und gleich gut begründet ansehen oder allein daraus, dass jemand eine bestimmte Meinung vertritt, folgern, dass diese Meinung hinreichend begründet ist. Das zeigt sich dann in Äußerungen wie „Das mag wahr für dich sein, ist aber nicht wahr für mich.“, „Ich habe meine Meinung und jeder kann für wahr halten, was er will.“, „Wir können gar nicht wissen, was wahr oder falsch ist.“ oder „Es gibt keine Wahrheit.“ – Äußerungen, welche die Diskussion insgesamt weniger gründebasiert machen. Um einer solchen relativistisch-subjektivistische Haltung entgegenzutreten, bedarf es eines reflektierten Wissensbegriffs und der Erkenntnis, dass intersubjektive Kriterien für konstruktiven Streit möglich sind (Lanius 2021, S. 199f.).
Doch selbst, wenn eine den Zielen und der Situation angemessene Haltung eingenommen wird, schützt uns dies leider nicht vor unkonstruktiven Diskursen, da wir uns im Denken und Streiten allgemein auf schnelle, aber fehleranfällige Heuristiken stützen und dabei kognitiven Verzerrungen unterliegen. Oft versteifen wir uns in Streitgesprächen auf den erst genannten Lösungsvorschlag, der dann als Anker fungiert („anchoring“) und meist nur widerwillig korrigiert wird (Kahneman 2013, 119–128; Tversky und Kahneman 1974). Damit verbunden ist der Verfügbarkeitsbias („availability bias“); eine kognitive Verzerrung, die uns dazu verleitet, Optionen entsprechend ihrer kognitiven Präsenz und nicht nach ihrer Relevanz auszuwählen (Kahneman 2013, 129–145; Tversky und Kahneman 1973). Die weitverbreitetste kognitive Verzerrung aber ist sicherlich der Bestätigungsfehler („confirmation bias“), der auch für Streitgespräche eine zentrale Bedeutung hat. Im Allgemeinen nehmen wir Informationen bevorzugt wahr, die unsere eigene Auffassung stützen, und tendieren dazu, alternative Positionen, Einwände oder andere gegenläufige Informationen zu verdrängen oder nicht zu beachten; wir interpretieren unsere eigenen Überzeugungen und Interessen bestätigende Informationen grundsätzlich positiver, suchen eher nach ihnen und erinnern sie leichter (Oswald und Grosjean 2005; Nickerson 1998). Dies führt in Streitgesprächen dazu, dass wir das Gegenüber leicht missverstehen, Strohmänner aufbauen sowie unpräzise und irrelevante Redebeiträge liefern. Dies wird verstärkt durch eine allgemeine Tendenz, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu überschätzen („overconfidence bias“) (Moore und Healy 2008; Pallier et al. 2002) – was sich in Streitgesprächen besonders in der Überschätzung der eigenen Argumentationskompetenz zeigt. Ein Faktor, der in Streitgesprächen ebenfalls nicht selten zu einem Problem wird, ist die Abhängigkeit der Urteils- und Entscheidungsfindung von der sprachlichen und emotionalen Rahmung des Themas („framing“) (Tversky und Kahneman 1981). Dabei gibt allein die Formulierung einer Frage in der Regel inhaltliche Grenzen einer Diskussion vor, in welcher relevante Positionen oder Argumente dann nicht mehr berücksichtigt werden. Dies wirkt sich gerade auch auf öffentliche Debatten aus, in denen Framing als politische Strategie eingesetzt wird (Wehling 2016; Wehling und Lakoff 2014).
Diese Heuristiken und kognitive Verzerrungen zeichnen unserer individuelles Denken aus und können in Debatten abgemildert, durch bestimmte Faktoren aber auch verstärkt werden. Streitgespräche haben in aller Regel Nutzungsfunktionen, für die weder Verstehen noch Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. Meist steht die soziale Interaktion im Fokus; wir handeln Beziehungen, Hierarchien und Verantwortlichkeiten aus. Es geht primär um Vertrauen und Zugehörigkeit. Daher entscheiden die sozialen Rollen der Teilnehmenden, der Ort und das Publikum ebenfalls darüber, ob konstruktiver Streit gelingt. Ob man das Gegenüber mit den eigenen Worten erreicht, hängt wesentlich von dem Vertrauen ab, das zwischen den Gesprächsparteien besteht (Boghossian und Lindsay 2019, S. 14–19; McIntyre 2021, S. 139–162). Wenn kein oder zu wenig Vertrauen vorhanden ist, werden die Äußerungen der Anderen nicht wohlwollend interpretiert, so dass Missverständnisse entstehen und die epistemischen Ziele vereitelt werden – ganz zu schweigen davon, dass man das Gegenüber von irgendetwas überzeugen würde. Allerdings kommt Vertrauen in Graden und für konstruktiven Streit bedarf es lediglich eines minimalen Vertrauens, das darin besteht, dem Gegenüber keine strategisches Handeln (im Sinn Habermas‘ 2011a, S. 385) zu unterstellen, sondern davon auszugehen, dass es sich bei seinen Äußerungen um Akte der Verständigung handelt.
Dies ist allerdings aufgrund unserer sozialen und insbesondere tribalistischen Natur vor einem (manchmal auch nur imaginiertem) Publikum nicht immer einfach; schnell verfallen wir in strategisches Handeln, das primär auf die Wirkung abzielt, die sie auf dritte Parteien hat. In Talk-Shows etwa diskutieren die Teilnehmenden in der Regel weniger miteinander, als dass vielmehr eine Diskussion für die Zuschauer(innen) inszeniert wird. Die vorgebrachten Argumente dienen dann nicht der Überzeugung, Verständigung oder des Erkenntnisgewinns, sondern in erster Linie als Signale an die jeweiligen Zielgruppen, dass man ihre Meinungen und Interessen vertritt.
Zugleich gibt es Informationsübertragungsprozesse und -strukturen, welche die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden strukturell ablenken oder reduzieren. Sie wird durch unsere Heuristiken und kognitive Verzerrungen, aber insbesondere auch durch die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation oft so gelenkt, dass Moralisierungen, Strohmänner und Whataboutism befördert und relevante, präzise und gründebasierte Redebeiträge aus der Debatte verdrängt werden. Beachtenswert ist insbesondere, wenn Wertfragen zu Tatsachenfragen gemacht werden - wenn man zum Beispiel nicht riskieren will, moralische Normen öffentlich in Zweifel zu ziehen, und lieber leugnet, dass etwa der Klimawandel menschengemacht ist (statt zuzugeben, dass man die Folgen des Klimawandels für andere Menschen für unerheblich hält). Oder aber es werden Tatsachenfragen zu Wertfragen gemacht – wenn man zum Beispiel bestimmte Tatsachen nicht (mehr) leugnen kann und dafür den Diskurs auf eine Meta-Ebene verschiebt, indem man etwa klimaaktivistische Aktionen moralisch verurteilt (statt womöglich unpopuläre Maßnahmen gegen den Klimawandel zu diskutieren). In beiden Fällen wird vom eigentlichen Thema abgelenkt (Kumkar 2022, 111–175).
Zudem werden diese Informationsübertragungsprozesse maßgeblich von initialen Entwicklungen bestimmt. Informations- und Konformitätskaskaden führen dazu, dass letztlich Positionen akzeptiert werden, für die es sachlich gar keine guten Gründe gibt (Sunstein 2002, 2009, 2014). Das ist in wenig partizipativ-inklusiven Debatten homogener Gruppen besonders wahrscheinlich, in denen andere Positionen und Gegengründe nahezu vollständig ausgeblendet werden können, was die Bildung von epistemischen Blasen und Echokammern begünstigt (Nguyen 2018; Jaster und Lanius 2019, 61–77). Statt politische Polarisierung zu reduzieren, können Streitgespräche sie dadurch also auch verstärken (Boxell et al. 2017; Bail et al. 2018).
Schließlich gibt es stets Parteien, die einen Diskurs für ihre persönlichen oder politischen Ziele nutzen. Ein argumentativer Gedankenaustausch kann leicht mit rhetorischen Strategienabgebrochen oder unterminiert werden, indem die oft ungünstige (unbewusste) Zielsetzung in Diskursen durch die Teilnehmenden, ihre fehleranfälligen Heuristiken und kognitive Verzerrungen, unsere tribalistische Natur, die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation sowie Informations- und Konformitätskaskaden ausgenutzt werden. Dies wird zunehmend zu einem Problem gerade für Streit in der digitalen Öffentlichkeit.
4 Die Besonderheiten der digitalen Öffentlichkeit
Viele politische Debatten und auch private Streitgespräche werden heute öffentlich oder teilöffentlich in sozialen Medien geführt. Hier schlagen die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie voll durch, da die meisten sozialen Medien auf ein Geschäftsmodell setzen, das Aufmerksamkeit monetarisiert. Durch diesen Fokus werden emotional aufgeladene Redebeiträge mit hohem Erregungspotenzial strukturell bevorzugt, was die Diskussion in der Tendenz weniger sachlich, relevant und präzise macht. Die Güte der Argumente spielt in den aufmerksamkeitsoptimierten sozialen Medien kaum eine Rolle; dort sollen möglichst viele Menschen möglichst lange interagieren (Pörksen 2019).
Zugleich machen es uns die sozialen Medien extrem leicht, Meinungen wahrzunehmen, die zu unseren Präferenzen passen – bisweilen direkt durch Algorithmen, die gegenläufige Meinungen aktiv für uns herausfiltern. Durch solche digitalen Echokammern verstärken sie den Bestätigungsfehler, Informations- und Konformitätskaskaden und unsere tribalistische Neigungen (Schweiger 2017, S. 113–153). Dann ist es besonders leicht, sich einer sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen und gegenüber anderen sozialen Gruppen geschlossen aufzutreten – unabhängig davon, ob man selbst gute Gründe für die eigene Position hat (Haidt 2013). In einer solchen Umgebung spielen epistemische Erwägungen eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht darum, Andere zu verstehen, etwas über die Welt oder sich selbst zu lernen, und nicht einmal darum, eine gute Entscheidung zu treffen („post-truth“). Es geht darum, Teil einer sozialen Gruppe zu sein, die sich gegen andere soziale Gruppen – im Zweifel auch mit auf Fake News basierender Hetze – durchsetzt.
Lange wurde die Digitalisierung als Treiber von Partizipation und Demokratie gesehen. Inzwischen ist man jedoch weniger optimistisch. Selbst wenn die sozialen Medien unzählige Möglichkeiten für einen partizipativ-inklusiven Austausch bieten, ist der Ton in vielen digitalen Debatten dramatisch verroht und mit sozialen Sanktionen verbunden. Dies reduziert praktisch die Beteiligung für viele Menschen und könnte zu Schweigespiralen führen (Noelle-Neumann 2001). Dabei hätte der digitale Raum alles, was es für konstruktiven Streit bedürfte; Redebeiträge könnten in Ruhe vorbereitet werden, es gäbe Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Gründe, von persönlichen Befindlichkeiten könnte abstrahiert und sich auf die Sache konzentriert werden, und Debatten könnten zielorientiert (manuell oder automatisiert) moderiert werden.
Tatsächlich ist aber oft das genaue Gegenteil der Fall: Debatten im Netz sind in erster Linie aufmerksamkeitsgetrieben und vor allem von Beschleunigung und dem Ausdruck moralischer Emotionen geprägt (Pörksen 2019; Pörksen und Detel 2012). Das liegt zum Teil am Geschäftsmodell der sozialen Medien, aber auch daran, dass Debatten dort von Selbstdarsteller(inne)n und Saboteur(inn)en geprägt werden, die persönliche, kommerzielle oder politische Interessen mit den verschiedensten Mitteln (von Bots bis zum Kauf von Beiträgen mit Fake News, Hetze und Propaganda) verfolgen (Jaster und Lanius 2020; Benkler et al. 2018). Selbst kleine Eingriffe solcher strategischer Akteure können aufgrund der Mechanismen der Debatte zur Durchsetzung falscher und unbegründeter Mehrheitsmeinungen führen (O'Connor und Weatherall 2019). Tatsächlich werden allerdings ganze Kampagnen geführt, nicht nur um falsche Mehrheitsmeinungen herbeizuführen, sondern um die gesamte Debatte und damit die demokratischen Institutionen als solche zu unterminieren (Woolley und Howard 2019; Benkler et al. 2018; Garrett 2017) Daher kommt es gerade in den sozialen Medien ganz wesentlich darauf an, strategisches Handeln zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren – um es im besten Fall zu einem kommunikativem Handeln und damit wieder in einen konstruktiven Streit zu überführen.
Streitgespräche im Netz verlaufen aber auch dann oft unkonstruktiv, wenn keine Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) involviert sind. Auch aufrichtige Personen vergessen in den sozialen Medien immer wieder, dass ihre Gesprächspartner(innen) echte Menschen mit Interessen und Gefühlen sind. Die Distanz zum Gegenüber verringert unsere Fähigkeit der Empathie (Suler 2004). Zugleich antizipieren wir durch die (Teil-)Öffentlichkeit der sozialen Medien ein Publikum, vor dem wir unser Gesicht verlieren könnten und das unser Handeln sozial beurteilt. Eine falsche Äußerung kann zu sozialen Sanktionen innerhalb der eigenen Gruppe führen; eine richtige Äußerung hingegen kann helfen die soziale Stellung innerhalb der eigenen Gruppe zu verbessern. Dadurch fällt es schwerer, Fehler einzugestehen oder in einem Streitgespräch nachzugeben. Die epistemischen Ziele rücken in den Hintergrund, was zu einem Mangel an Relevanz, Sachlichkeit, Präzision und Begründungen in der Diskussion führt.
Bei Debatten im Internet gilt es also in besonderem Maße, sich die Fallstricke sowohl unserer Psychologie als auch der sozialen Medien bewusst zu machen, sie zu vermeiden und aktiv die Vorteile der digitalen Kommunikation zu nutzen. Denn Redebeiträge im Netz können in Ruhe vorbereitet werden, indem wir die Funktionslogik der sozialen Medien bewusst unterlaufen, nicht direkt auf emotional aufgeladene Beiträge reagieren und uns stattdessen Zeit lassen mit unseren Antworten. Dann gibt es Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Positionen und Gründe, bevor wir etwas teilen oder kommentieren. Zudem können wir von persönlichen Befindlichkeiten abstrahieren; die Emotionen, die manchmal hochkochen, wieder abkühlen lassen, so dass auch leidenschaftliche Streitgespräche sachlich geführt werden können. Noch wichtiger ist jedoch, dass (digitale wie analoge) Debatten zielorientiert moderiert werden. Die Wahrnehmung und Befolgung von Gesprächsnormen hängt von der jeweiligen Situation ab und ist veränderbar. Im Netz wird immer wieder durch Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) aktiv versucht, Gesprächsnormen zu unterminieren. Dem kann man entgegentreten, indem die Ziele und entsprechenden Normen explizit kommuniziert und Beiträge nachträglich gefiltert werden (Engelmann et al. 2022). Dabei sollte primär auf die oben aufgeführten Kriterien geachtet werden – und weniger auf die konkreten Inhalte der Beiträge. Zudem könnten (mehr oder weniger subtile) Anforderungen für ein Geben von Gründen und Reagieren auf Gründe gestellt werden – etwa durch eine (algorithmische) Strukturierung der Debatte entlang epistemischer Kriterien. Insgesamt bieten die sozialen Medien in jedem Fall eine Unmenge an noch ungenutzten Möglichkeit der Entschleunigung, Zivilisierung und Epistemisierung der Debatte.
Literaturverzeichnis
Bail, Christopher A., Lisa P. Argyle, Taylor W. Brown, John P. Bumpus, Haohan Chen, M. B. Fallin Hunzaker, Jaemin Lee, Marcus Mann, Friedolin Merhout, und Alexander Volfovsky. 2018. Exposure to Opposing Views on Social Media Can Increase Political Polarization. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 115 (37): 9216–9221.
Bayer, Klaus. 2011. Argument und Argumentation: Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse, 2. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
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Betz, Gregor. 2010. Theorie dialektischer Strukturen. Frankfurt am Main: Klostermann.
Betz, Gregor. 2013. Debate Dynamics: How Controversy Improves Our Beliefs. Dordrecht: Springer Netherlands.
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Bowell, Tracy, und Gary Kemp. 2009. Critical Thinking: A Concise Guide. London: Routledge.
Boxell, Levi, Matthew Gentzkow, und Jesse M. Shapiro. 2017. Greater Internet Use is Not Associated With Faster Growth in Political Polarization Among US Demographic Groups. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 114 (40): 10612–10617.
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Mit Rechtspopulisten reden
In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.
Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?
In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.
Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?
Doch was zeichnet überhaupt rechtspopulistische Standpunkte aus?
Zunächst einmal gilt es zu verstehen, wie Rechtspopulisten denken. Es ist verlockend, rechtspopulistische Standpunkte als haltlose Parolen abzutun. Tatsächlich aber folgen rechtspopulistische Programme einer recht stringenten inneren Logik. Sie zu durchschauen, ist entscheidend, um einzelne Parolen einordnen und sich treffsicher mit ihnen auseinandersetzen zu können.Im Zentrum jedes rechtspopulistischen Programms steht ein Argument der folgenden Form:
- Es gibt eine Bedrohung.
- Nur die Rechtspopulisten können uns davor bewahren.
- Also müssen die Rechtspopulisten an die Macht kommen.
Hat man das Argument einmal klar vor Augen, so sieht man, dass viele typische Parolen dazu dienen, dieses Argument zu stützen. Die Bedrohung nimmt wahlweise die Form der “Flüchtlingswelle”, des (politischen) Islams, des Niedergangs der deutschen Sprache oder dergleichen mehr an. Die Rettung kann nur durch die Rechtspopulisten erfolgen, weil nur sie die Machenschaften der Lügenpresse durchschauen, gegen das korrupte Establishment vorgehen und die wahren Probleme benennen – kurz: weil nur sie den Willen des Volkes erkennen und verwirklichen werden.
Mit wem reden?
Lohnt es sich überhaupt, mit Leuten zu diskutieren, die ein solches Weltbild haben? Hier gilt es zu unterscheiden. Nicht alle Menschen, die mit rechtspopulistischem Gedankengut sympathisieren, sind radikal. In vielen Fällen hat man es einfach mit einer Person zu tun, die die Welt anders erlebt als man selbst. Hier kann sich eine Diskussion durchaus lohnen.Dabei ist es zielführend, die Technik des argumentativen Reframings anzuwenden. Studien zeigen, dass Menschen ein Argument nur dann überzeugend finden, wenn es Werte anspricht, die sie teilen. Die Herausforderung beim Argumentieren ist daher, gelegentlich die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und sich zu fragen, welche Argumente wohl überzeugend sind, wenn man so denkt wie das Gegenüber – also ganz anders als man selbst.Was, wenn man es mit einem Gegenüber zu tun hat, bei dem keine Offenheit für eine echte Diskussion besteht? Auch dann lohnt sich häufig die Auseinandersetzung. Denn gerade auf öffentlichen Veranstaltungen, auf Panels und an Infoständen adressiert man stets auch die Zuhörer und die Umstehenden. Manchmal gilt es, rote Linien zu markieren oder ein positives Gegenbild zu entwerfen, auch wenn keine Aussicht auf ein Einlenken beim Gegenüber zu erwarten ist.
Strohmänner, Generalisierungen und Parolenhopping
Dennoch scheuen viele Menschen die öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten. Ein häufiger Grund ist die Angst, der Debatte nicht gewachsen zu sein. Auf die gängigsten unsachlichen Argumentationsstrategien sollte man sich daher ein wenig vorbereiten. Besonders typisch für den Diskurs mit Rechtspopulisten sind Strohmänner, unzulässige Generalisierungen und Parolenhopping.Beim Strohmann wird die Position des Gegenübers so verzerrt, dass sie sich besonders leicht widerlegen lässt. Beispiel: Sie sprechen sich für die Reduzierung der Rüstungsausgaben aus und ihnen wird entgegnet, dass wir ohne Rüstungsbudget aufgeschmissen sind. Aber natürlich hatten Sie sich nicht für die Streichung des Rüstungsbudgets ausgesprochen. Hier gilt es aufmerksam zu sein und seine Position umgehend und unmissverständlich klarzustellen.Bei unzulässigen Generalisierungen wird von einem Beispiel auf eine ganze Gruppe verallgemeinert. So werden Geflüchtete pauschal mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Verweis auf die Statistik liegt nahe, überzeugt aber in den seltensten Fällen. Besser ist es, anekdotisch zu antworten und zum Beispiel von konkreten Geflüchteten zu berichten, die sich gesellschaftlich einbringen. Denn emotionale Botschaften verfangen meist besser.Das Problem beim Parolenhopping ist, dass viele verschiedene Themen schnell gestreift werden. Dadurch gibt es keine Einzelposition, gegen die man argumentieren kann. Die souveräne Reaktion ist, auf eines der Themen Bezug zu nehmen und den Rest (zunächst) unter den Tisch fallen zu lassen. Diese Gegenstrategie nennt man Rosinenpicken: Man pickt das Thema, bei dem man sich am besten auskennt. Auf diese Weise kann man die Richtung der Diskussion steuern und eigene schlagkräftige Argumente präsentieren.
"Migrantenwellen", "Asylorkane" und "Flüchtlingstsunamis"
Auf rechtspopulistische Standpunkte Bezug zu nehmen, ist jedoch nicht unproblematisch. Rechtspopulisten bedienen sich häufig einer dramatisierenden und irreführenden Sprache. Begriffe aktivieren Bilder. Diese Bildes (Frames genannt) beeinflussen nachweislich unsere Einstellungen. Spricht man von einer “Flüchtlingswelle”, dann aktiviert das Assoziationen wie “Katastrophe” und “Naturgewalt”.Um diese Assoziationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Sprechweise der Rechtspopulisten nicht einfach zu übernehmen und stattdessen Worte zu wählen, die nicht die problematischen Assoziationen wecken. Durch ein solch terminologisches Reframing wird dann aus dem “Flüchtlingstsunami” lediglich eine große Zahl von Menschen, die in Not sind und bei uns Zuflucht suchen.
Reden lohnt sich!
Abhängig von den eigenen Zielen und vom Gesprächskontext kann man rechtspopulistischen Standpunkten also durchaus souverän und
konstruktiv begegnen. Wenn sich das Gegenüber für eine echte Diskussion bereit zeigt, ist es häufig zielführend, ein Vier-Augen-Gespräch zu suchen und durch argumentatives Reframing zu überzeugen. Das setzt voraus, dass wir versuchen, das Gegenüber wirklich zu verstehen. Ist das Ziel dagegen, lediglich die Kontrolle über die Debatte zu behalten, dann hilft es, auf die Argumentationsstrategien der Rechtspopulisten mit entsprechenden (vorbereiteten) Gegenstrategien zu antworten, terminologisches Reframing einzusetzen und sich (begründet) zu positionieren.Dieser Artikel erscheint auch hier in dem Nord-Süd-Magazin Südlink von INKOTA.
Was ist gute Streitkultur?
Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.
Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.
Herr Lanius, Wann haben Sie zum letzten Mal gestritten?
Gerade eben, mit meiner Partnerin.
Worum ging es?
Um die ganz klassischen Dinge; wie wir Arbeit und Partnerschaft unter einen Hut bringen. Wir streiten oft. Es ist wichtig, Konflikte offen auszutragen. Und das ist ja nicht nur in einer Beziehung so, sondern, wenn ich das mal so grundsätzlich und pathetisch sagen darf, auch in einer Demokratie.
Das müssen Sie jetzt natürlich auch sagen: Sie forschen über Populismus am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie, arbeiten auch als Argumentationstrainer. Warum finden sie das Streiten so wichtig?
Aus mindestens drei Gründen. Erstens denke ich, dass nur Streit zuverlässige Erkenntnis bringt. Das ist in der Wissenschaft besonders deutlich: Als Wissenschaftler erlange ich Wissen, indem ich mich kritisch und im besten Fall auch selbstkritisch mit den Einsichten meiner Kollegen auseinandersetze. Erst im Streit kann ich erkennen, ob meine Argumente stimmig sind. Erst in Abgleich mit anderen Theorien, Perspektiven und Überzeugungen kann ich überprüfen, ob ich nicht kognitiven Verzerrungen oder logischen Fehlschlüssen unterlegen bin. Das gilt insbesondere auch für die Gründe, die andere Menschen für ihre Überzeugungen und gegen meine Position anführen.Zweitens erfahre ich in einem Streit nicht nur viel über die Sache, über die wir streiten, sondern auch über die Person, mit der ich streite: Wer ist das? Was bewegt sie? Wieso denkt sie, was sie denkt? In jeder sozialen Konstellation, in der ich mit anderen Menschen kooperieren möchte, ist es essentiell, miteinander im Gespräch zu bleiben, sie anzuhören und mit ihnen Gründe auszutauschen. Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Freundschaften, Vereine, Unternehmen oder unsere Gesellschaft als Ganzes.Und das ist der dritte Grund: Unsere Demokratie lebt von der politischen Auseinandersetzung – vom Streit. Nur durch ständige öffentliche Debatte können wir erfolgreich unsere Interessen koordinieren. Nur im Streit klären wir, was uns als Gesellschaft wichtig ist, welche Werte wir ganz grundsätzlich vertreten wollen und welche politischen Entscheidungen wir als Gesellschaft zu tragen bereit sind.
Am Anfang einer Trainingseinheit steht ja oft die Bestandsaufnahme. Fangen wir doch damit an: Wie steht es um die Streitkultur in Deutschland?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin Philosoph, kein Soziologe. Und selbst wenn ich Soziologe wäre, gibt es keine unkontroverse Art, wie man die Qualität gesellschaftlicher Streitkultur angemessen operationalisieren kann. Es hängt von zu vielen Faktoren ab, was es bedeutet, dass in einer bestimmten Situation gut oder schlecht gestritten wird. Zudem gibt es meines Wissens nach keine systematische Untersuchung dieser Frage. Daher werde ich von anekdotischer Evidenz ausgehen, um Ihre Frage zu beantworten.Häufig wird ja behauptet, dass sich die Streitkultur verschlechtert, dass wir Deutschen verlernt hätten zu streiten. Meine Beobachtungen bestätigen jedoch nicht, dass die Streitkultur früher wirklich besser war und man in den 1920er oder 1960er Jahren am Stammtisch oder im Parlament auf gepflegtere Art Argumente ausgetauscht hat. Ich glaube noch nicht einmal, dass sich der Ton dramatisch verschärft hat. Vieles von dem, was heute die AfD sagt und worüber die Empörung dann groß ist, wäre in der CDU/CSU oder der SPD in den 1980er oder 1990er Jahren überhaupt nicht als anstößig aufgefallen.
Aber trotzdem könnten wir besser streiten, oder?
Auf jeden Fall!
Was sind typische Fehler beim politischen Streit?
Es gibt strukturelle Gründe für manche Fehler, die immer wieder begangen werden, die sich jedoch in der öffentlichen Debatte und im privaten Gespräch unterscheiden. Bedauerlicherweise werden Politiker in der Regel gecoacht, in öffentlichen Debatten möglichst viel Redezeit einzunehmen und das Gespräch zu dominieren – mit dem Effekt, dass sie häufig ihrem Gegenüber nicht zuhören, seine Position falsch oder verzerrt wiedergeben und nicht inhaltlich, sondern rein rhetorisch auf seine Einwände reagieren. Das liegt an den spezifischen Interessen der Politiker, die in solchen Debatten weder Erkenntnis suchen noch auf Austausch oder Kooperation aus sind. Sie wollen Aufmerksamkeit und letztlich Wählerstimmen gewinnen. Leider lassen sich nicht nur Politiker, sondern oft auch Journalisten und andere Debattenteilnehmer von solchen Fehlanreizen verleiten.Umgekehrt kann man im privaten Bereich bisweilen zu viel falsch verstandenen Respekt – eine falsch verstandene Zurückhaltung – beobachten. Häufig denken gerade jüngere, progressive, gebildete Menschen, dass jedes Argument irgendwie richtig sei und es Priorität habe, den Anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen. Das führt dazu, dass heikle Themen oft gar nicht angesprochen werden. Man will niemanden verletzen oder zu nahetreten. Dabei könnten wir die persönliche Nähe etwa zu einem Verwandten, der andere politische Ansichten hat, auch als Ressource für ein gutes politisches Gespräch ansehen. Wenn Menschen offen miteinander reden, verstehen sie sich besser und neigen weniger zu Extremen.
Eine Strategie, dem Streit auszuweichen, besteht doch auch in dem in eher linken Kreisen beliebten Privilegien-Argument: „Ich diskutiere nicht mit dir, weil du ein weißer Mann bist und daher das Problem, über das wir hier sprechen, überhaupt nicht kennst.“
Diese Strategie kann es sehr schwierig machen, ein Streitgespräch konstruktiv zu führen. Ich würde da allerdings gerne zwei Ebenen unterscheiden. Wir alle nehmen bestimmte Positionen in der Gesellschaft ein, erfahren dadurch strukturelle Bevorzugungen oder Benachteiligungen und nehmen damit eine bestimmte Perspektive auf uns und andere ein. Unter bestimmten Umständen kann es daher sinnvoll und wichtig sein, das Gegenüber darauf hinzuweisen, das es bestimmte Dinge (vermutlich) nicht sieht, weil ihm entsprechende Erfahrungen fehlen.Auf der sachlichen Ebene beinhaltet diese Strategie hingegen einen Fehlschluss. Es handelt sich um ein Ad Hominem-Argument: Was du sagst, ist falsch oder irrelevant, einfach nur weil du bist, wer du bist. Das ist natürlich Unsinn. Nichts folgt aus meinem Weiß- oder Männlich-Sein über die Wahrheit oder Falschheit meiner politischen Äußerungen – ob zum Beispiel eine bestimmte Handlung sexistisch oder rassistisch ist. Allerdings ist es gerade in Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen häufig auch sachlich zielführend, Privilegien zu benennen und das direkt am Gegenüber zu markieren. In einem guten Streitgespräch können solche Themen genauso diskutiert werden wie zum Beispiel die letzte Fußballweltmeisterschaft.
Immer wieder wird sich ja auch über die Streitkultur im Internet beklagt.
Auch hier würde ich vor einem vorschnellen Urteil zurückscheuen. Ich bin viel im Netz unterwegs. Es gibt viele Beispiele von gelungenen Diskussionen, in denen sich die Leute große Mühe geben, respektvoll und sachlich miteinander zu reden. Ich finde es auch großartig, welche Möglichkeiten die sozialen Netzwerke bieten, mit Menschen mit anderen politischen Meinungen in Kontakt zu kommen.Die These der digitalen Filterblase ist nicht haltbar. Mit ein, zwei Klicks zerplatzt die Blase und ich bin in einer Diskussion mit radikalen Feministen, Kreationisten oder populistischen Merkel-Gegnern. Vielleicht erschrecken die Menschen auch deswegen über den Ton in den sozialen Netzwerken so sehr, weil sie im analogen Leben diese Auseinandersetzungen weit seltener erleben. Denn tatsächlich bewegen wir uns ja im analogen Leben viel mehr in Echokammern, viel mehr unter Gleichgesinnten, als das im Netz der Fall wäre.
Damit kommen wir zu einer Frage, die sich vermutlich sehr viele unserer Leser stellen: Wie kann man mit Rechten streiten? Bevor man da nach Antworten sucht, muss man sich natürlich auch fragen: Soll man überhaupt mit Rechten streiten?
Auf jeden Fall! Allerdings ist ja nicht immer unmittelbar klar, wer oder was "die Rechten" überhaupt sind. Ich spreche lieber von Menschen mit rechtsextremen, rechtspopulistischen oder vielleicht sogar nur konservativen, reaktionären oder patriotischen Überzeugungen. Aber in jedem Fall sollte man mit Menschen sprechen, die eine andere Meinung haben – auch Meinungen, die man kategorisch ablehnt.Ich mache das zum Einen aus einem ganz persönlichen Interesse. Es ist doch wahnsinnig spannend, zu erfahren, was Menschen umtreibt, was ihnen Sorgen bereitet, was für Gründe sie anführen, welche Sicht sie auf die Welt und andere Menschen haben. Und auch politisch finde ich es sinnvoll, mit der AfD ins Gespräch zu kommen.Dabei laufen wir zwar einerseits Gefahr, die AfD zu sehr zu hofieren und ihren Positionen zu viel Raum zu geben, so dass sich als Reaktion die Standards des öffentlichen Diskurses verschieben, etwa bei der Frage, wie wir mit Geflüchteten in Deutschland umgehen. Das Problem besteht dabei in den Bildern und Narrativen, die die AfD durch Framing erzeugt. Die Ereignisse des Jahres 2015, als relativ viele Menschen nach Deutschland flüchteten und die Politik nur schleppend darauf reagierte, wurden mit Begriffen wie "Flüchtlings-Tsunami", "Umvolkung", "großer Austausch" oder "muslimische Invasion" beschrieben. Die Bilder, die dadurch erzeugt werden, haben leider einen großen Einfluss auf unser Urteil über diese Ereignisse.Auf der anderen Seite ist es jedoch keine Lösung, die Vertreter der AfD nicht mehr in Talkshows einzuladen oder sie aus Fußballvereinen zu werfen. Damit bestätigt man letztlich nur das Weltbild vieler AfD-Anhänger. Dieses besagt ja gerade, dass es in Deutschland weder Demokratie noch Meinungsfreiheit gebe. Da ist der Vorwurf der "korrupten Eliten" oder "Lügenpresse" nicht weit.Ich denke daher, dass man sowohl im privaten Diskussionen als auch in öffentlichen Debatten durchaus auch einmal radikale Positionen zu Wort kommen lassen sollte, um daraufhin jedoch höflich, klar und begründet seine eigene Position zu vertreten. Man sollte gerade in Situationen mit Publikum (wie Talk-Shows, aber eben auch Facebook-Walls) ganz klar ansprechen, wo man anderer Meinung ist, und dabei auf das Framing achten. Man kann die Position des Gegenübers wiedergeben, ohne dessen Bilder und Narrative zu verwenden.Das nennt man dann Reframing. Es ist eine traurige Tatsache, dass viele rechtspopulistische Frames (wie das der "Altparteien" oder des "Flüchtlings-Tsunamis") auch von demokratischen Politikern und Medienvertretern aufgenommen wurden und die AfD damit in der Tat die Debatte zu ihren Gunsten verändert.
Kann man denn wirklich einen AfD-Politiker von einer anderen Meinung überzeugen?
Das ist das klassische Argument der Diskussionsverweigerer: „Das sind Nazis; mit denen braucht man nicht zu sprechen.“ Damit macht man es sich aber zu leicht. Es ist natürlich richtig; ich werde Alice Weidel oder Alexander Gauland nicht von meiner Position überzeugen. Doch viele politische Streits werden ja nicht geführt, um das Gegenüber von seiner Position zu überzeugen. Oft ist der eigentliche Adressat das Publikum. Weil es eine Bundestagsdebatte verfolgt, weil es eine Talkshow sieht, weil es einen Diskussionsverlauf in einem Facebook-Newsfeed, Forum oder die Kommentare unter einem Video oder Zeitungsartikel liest.Grundsätzlich sollte man sich jedoch von der Vorstellung verabschieden, dass es in Streitgesprächen darum ginge, das Gegenüber, oder überhaupt irgendwen, zu überzeugen. Ich denke, dass wir mehr Bereitschaft zeigen sollten, von Anderen zu lernen und im Zweifel auch einmal einzugestehen, dass wir uns geirrt haben. Wir müssen von der absurden Idee wegkommen, dass es schlecht sei, zuzugeben, dass der Andere recht hat.Meine These lautet: Streitgespräche werden umso konstruktiver, je mehr wir die Meinungen der Anderen respektieren und aufrichtiges Interesse an den Gründen für diese Meinungen und an den Gründen haben, die sie gegen die eigene Meinung anführen. Ich bin optimistisch, dass sich dann am Ende die Meinungen durchsetzen werden, für die die besten Gründe sprechen.
Wirklich?
Es ist es natürlich schwierig, ein konstruktives Gespräch zu führen, wenn gemeinsame Grundlagen fehlen und das Gegenüber nicht bereit ist, auf Gründe zu reagieren. Ich denke jedoch, dass man sogar Verschwörungstheoretikern rational begegnen kann – und zwar indem man auf der Meta-Ebene ansetzt. Man muss also die großen Fragen klären: Wie erlange ich Wissen? Welchen Quellen kann ich vertrauen?Da zeigt sich dann, wo sich Widersprüche im Weltbild des Verschwörungstheoretikers auftun. Beispielsweise, dass er bestimmten Quellen willkürlich sein Vertrauen schenkt und es anderen genauso willkürlich abspricht. Diese Einsicht muss der Verschwörungstheoretiker jedoch selbst gewinnen – es wird nur in den seltensten Fällen helfen, ihn direkt darauf aufmerksam zu machen. Fragen sind übrigens allgemein eine sehr viel effektivere Methode im Streitgespräch, als viele Menschen denken!
Wenn man Ihre Analyse des AfD-Programms liest, fällt die Katastrophenrhetorik besonders auf, eine Semantik der Sorge. Inwiefern sollte man solche Sorgen ernst nehmen?
Zunächst einmal sollte man genau hinsehen. Was sind diese Sorgen? Wer hat sie? Wer hat sie wirklich? Die AfD ist daran interessiert, Empörung und Angst zu schüren. Einerseits sind Empörung und Angst Emotionen, die hohen Aufmerksamkeitswert versprechen. Nachrichten, die solche Emotionen auslösen, verbreiten sich schneller in den sozialen Netzen und bleiben besser in Erinnerung.Andererseits geben sie der AfD eine Art Existenzberechtigung; denn nur wenn "die da oben" – die demokratischen Institutionen, die EU und die Medien – mit der akuten Gefahr durch "die Anderen" – die Geflüchteten und die Muslime – überfordert oder sogar dafür verantwortlich sind, braucht es eine "Alternative für Deutschland", die "den Willen des Volkes" kennt und ihm wieder zur Geltung verhilft. Die AfD spricht damit Menschen an, die tendenziell ein geschlossenes Weltbild haben, an das man von außen kaum mehr herankommt. Sie sind quasi fakten-resistent. Wenn ich ihnen einen Beleg für meine Thesen präsentiere, ist es einfach für sie zu sagen, dass er unglaubwürdig – weil Produkt des korrupten Systems – ist.Das sind im Grunde Verschwörungstheorien. Sie immunisieren sich gegen Kritik, indem sie eine passende Erklärung für jeden Einwand und jede Richtigstellung mitliefern – warum die Politik, die Medien, die Wissenschaft uns gezielt täuschen. Man muss also identifizieren, welche Sorgen in der Bevölkerung tatsächlich vorhanden und welche davon auch begründet sind. Manche Sorgen existieren nur in der AfD-Rhetorik. Andere Sorgen existieren zwar in bestimmten Teilen der Bevölkerung, sind aber letztlich gegenstandslos – weil sie auf Fehleinschätzungen beruhen und im Extremfall auf Verschwörungstheorien. Wieder andere Sorgen sind in der Tat begründet; beispielsweise, dass immer mehr Menschen mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommen.
Was sollte man außerdem noch beachten?
Wenn man sich auf einen Streit einlässt, muss man wirklich bereit sein, zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht. In der Philosophie sprechen wir vom „Prinzip des interpretativen Wohlwollens“. Das fehlt oft bei der Auseinandersetzung mit der AfD – gerade auch von Vertretern der Medien oder der demokratischen Parteien.Etwa in der Berliner Runde zur Bundestagswahl 2017 versuchten die Moderatoren mit Suggestiv-Fragen Jörg Meuthen an die Wand zu spielen. Sie fragten ihn: "Was haben Sie sich für diese Legislaturperiode vorgenommen – Krawall und Populismus wie bisher oder wollen Sie eine konstruktive Opposition sein?" Das ist selbst kein konstruktiver Gesprächsbeitrag – unterstellt er doch von vornherein, dass die AfD nicht konstruktiv arbeiten will.Auch gibt es immer wieder abwertende Parlamentsreden von Politikern der demokratischen Parteien. Ein Beispiel möchte ich hier nennen, weil es ein großer viraler Erfolg war und von Feuilletons in der ganzen Republik hochgelobt wurde: Die Replik von Hans-Ulrich Rülke (FDP) auf eine Rede von Jörg Meuthen im baden-württembergischen Landtag letztes Jahr gilt für Viele als Musterfall, wie man mit der AfD umgehen sollte. Dabei war sie kaum mehr als eine pointierte und vor allem polemische Stammtischrede, die keinen Punkt der AfD inhaltlich aufgriff, sondern sich vor allem über sie lustig machte. Solche rhetorischen Manöver haben das Ziel, bestimmte Meinungen und Argumente erst gar nicht in der öffentlichen Debatte zuzulassen.Leider spielt man hier der AfD in die Hände, weil man sie scheinbar in ihrer Opferrolle und ihren Behauptungen zu Meinungsfreiheit und Zensur in Deutschland bestätigt. Diesen Gefallen sollten wir ihnen jedoch nicht tun. Auf dieses von der AfD systematisch eingesetzte Argumentationsmuster sollte man vielmehr mit kühler Sachlichkeit reagieren, indem man inhaltliche Punkte aufgreift und, wo erforderlich, differenziert und klar widerlegt.
Welche Argumentationsmuster verwendet die AfD zum Beispiel noch?
Was man bei der AfD immer wieder beobachten kann, ist die Taktik, erst einmal eine sehr starke Behauptung aufzustellen wie zum Beispiel: "In Deutschland wird ein Bevölkerungsaustausch geplant." Das provoziert und hat eine gute Chance, von den Medien aufgegriffen zu werden. Widerlegt man die Behauptung, läuft man Gefahr, sie zu wiederholen und zu ihrer Verbreitung noch beizutragen. Die schrille Provokation bleibt in Erinnerung, während die sachliche Widerlegung vergessen wird.Im Anschluss an solche Provokationen relativiert die AfD dann häufig wieder, was sie gesagt hat: "Das meinen wir gar nicht so." Oder noch radikaler; sie leugnet, dass es überhaupt Tatsachen gibt – frei nach dem Motto "Du hast deine Wahrheit, ich habe meine." oder mit den unsterblichen Worten von Trump-Sprecherin Kellyanne Conway: "Wir haben alternative Fakten."
Was lässt sich da erwidern?
Dieses Argumentationsmuster ist ungemein zynisch, denn es unterwandert jede sinnhafte Diskussion. Gerade weil unser Wissen über die Welt in einem kollektiven Prozess entsteht, müssen wir in der Auseinandersetzung überprüfen, welche Theorien und Begriffe die Welt am besten beschreiben. Wer behauptet, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, dürfte sich erst gar nicht auf die Diskussion einlassen. Tut er es doch, verfängt er sich in einen performativen Widerspruch. Er erhebt den Anspruch, dass es in einem intersubjektiven Sinn wahr ist, dass Wahrheit subjektiv ist. Darauf sollte man aufmerksam machen.
Was sind weitere typische Argumentationsweisen von Rechtspopulisten?
Weit verbreitet ist auch das Themen-Hopping. Dabei wird von einem Thema zum nächsten gesprungen und in einen einzelnen Redebeitrag beispielsweise der Verlust der Leitkultur, die Einführung der Scharia, der internationale Terrorismus und die leeren Sozialkassen untergebracht. Keine der Thesen wird klar formuliert und Argumente werden höchstens angedeutet. Darauf kann man in aller Regel nicht umfassend antworten. Stattdessen sollte man probieren, das Gespräch konkret auf ein einzelnes Thema oder Argument zurückzuführen.Auch wenn es schwerfällt, prinzipiell helfen immer Genauigkeit und Sachlichkeit – gerade auch gegenüber einem weiteren Argumentationsmuster, das Philosophen „Strohmann-Argument“ nennen. Dabei gibt man die Position des Gegenübers verzerrt, übertrieben oder schlicht falsch wieder und baut so, bildlich gesprochen einen Strohmann auf, den man leichter bekämpfen kann. Gerade erklärt die SPD-Politikerin, warum sie die Obergrenze für problematisch hält. Daraufhin entgegnet der AfD-Politiker, dass offene Grenzen nicht funktionieren werden. Das hatte sie aber gar nicht gefordert. Häufig fällt das jedoch niemandem auf – nicht einmal der Person, deren Position falsch dargestellt wurde.
Kann es sein, dass es vielen auch prinzipiell wohlmeinenden Menschen im Streit ohnehin gar nicht so sehr um das Gegenüber geht, als vor allem selbst gut dazustehen, vor sich selbst oder vor einem Publikum? Das vorgebliche Argumentieren und Kritisieren ist dann vor allem eine Art Pose.
Das ist in der Tat sehr verbreitet. Ich glaube jedoch, dass wir diese Haltung überwinden können. Zudem lassen sich Anreize schaffen, sicherzustellen, dass trotz dieser Haltung das Argumentieren und Kritisieren konstruktiv bleibt – zum Beispiel, indem wir gutes Streitverhalten sozial belohnen und schlechtes Streitverhalten sanktionieren. Dann steht man nur gut da, wenn man auch tatsächlich inhaltlich und im Ton konstruktiv streitet. Das bedeutet, Mechanismen zu entwickeln für eine Art "foolproof democracy" – eine Demokratie, die resistent ist gegenüber Populismus, Fake News und schlechtes Streitverhalten.
Gehören auch sehr moralische Argumentationsweisen zum schlechten Streitverhalten? Etwa wenn man den Anderen mehr oder weniger verschlüsselt sagt: Ich bin ein guter, liberaler, weltoffener Mensch und du nicht.
Gerade linksprogressive Menschen, die sich für besonders tolerant halten, verfallen gerne auf solche Argumentationsweisen. Sie sind nicht bereit über ihre Werte zu streiten, sondern kommen lieber mit dem tadelnden Zeigefinger und erheben sich damit moralisch über den Anderen. Das erzeugt eher eine Abwehrreaktion als Einsicht. Dabei kann man wunderbar über Werte streiten!Das erfordert jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Und wenn man mit Menschen diskutiert, die man nur als rassistische Nazis oder linksversiffte Gutmenschen wahrnimmt, fällt das schwer. Wenn man allerdings die Fähigkeit und Bereitschaft dazu mitbringt, empfiehlt es sich, die Werte des Gegenübers aufzugreifen und als Prämissen in den eigenen Argumenten zu verwenden – wie das beispielsweise Jörg Thadeusz in einem Interview mit Alexander Gauland getan hat, als er in der Verteidigung von SPD-Politikerin Aydan Özoğuz an bürgerliche Werte wie Anstand und Ehre appellierte. Das nennt man auch moralisches Reframing.
Wo kann man das Streiten üben?
Warum nicht im Internet? Das ein großartiger Ort, weil man sehr leicht mit andersdenkenden Menschen in Kontakt kommt. Zugleich kann man dort vergleichsweise gefahrlos streiten; in einer Nazi-Kneipe oder auf einer Pegida-Demo kann es dagegen ungemütlich werden, wenn man den falschen Ton trifft. Die digitale Diskussion kann man sofort verlassen, wenn es einem zu verrückt wird.Und das Diskutieren im Netz bietet noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man ist nicht unter demselben Zugzwang wie bei einer analogen Diskussion, in der man direkt auf das eben Gehörte reagieren muss. Man kann sich auch mal im Stuhl zurücklehnen oder kurz auf den Balkon gehen und seine Emotionen in die Welt schreien. Und dann wieder etwas ruhiger und entspannter an den Computer zurückgehen und eine überlegte Antwort schreiben.
Was sind die Anfängerfehler beim Streiten?
Ich denke, der größte Fehler ist ein Haltungsfehler – dass man das Streiten als Kampf ansieht, nicht als einen kooperativen Prozess, bei dem es um Erkenntnisgewinn und Austausch geht. Viele wollen einfach gewinnen, wenn sie streiten. Diese Haltung bewirkt jedoch biochemische Reaktionen, die sehr nachteilig für die Streitkultur sind: Adrenalin wird ausgeschüttet, als würde man einem Raubtier gegenüberstehen, als ginge es ums Überleben. Man reagiert aggressiv oder defensiv und ist weniger offen – mit der Konsequenz, dass man dem Anderen nicht mehr richtig zuhört und ihm schneller Dinge unterstellt, die er weder gesagt noch gedacht hat. Man baut also ganz unabsichtlich einen Strohmann auf oder bewegt sich sogar von vornherein nicht mehr auf einer inhaltlichen Ebene. Das kann man vermeiden, indem man sich sagt, dass man nichts verliert, sondern im Zweifel sogar gewinnt, wenn man sich von seinem Gegenüber überzeugen lässt.Ein häufiges Problem ist auch, dass so unspezifisch und vage geredet und kritisiert wird, dass weder das Gegenüber noch das Publikum irgendwo ansetzen können: „Deutschland muss sicherer werden, in Russland herrscht keine Demokratie, der Kapitalismus ist schlecht“ – es ist völlig unklar, was damit gemeint ist; bevor man darauf inhaltlich reagieren kann, muss zuerst geklärt werden, worum es überhaupt geht, was mit "sicher", "Demokratie" und "Kapitalismus" hier gemeint ist.
Woran erkennt man den Streitprofi?
Vereinfacht gesagt, der Streitprofi hört seinem Gegenüber genau zu, fragt im Zweifel nach, reagiert auch bei emotionalen Themen gelassen, formuliert präzise und gibt differenzierte Argumente für seine Überzeugungen. Am Wichtigsten ist jedoch: Der Streitprofi ist bereit, seine Überzeugungen zu revidieren, wenn er gute Gründe dafür hat.
Kann man denn überhaupt zu viel streiten?
Wenn man es richtig macht, nein!Das Interview erschien in dem Buch "Kritik üben", das eine Art Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung von Jakob Schrenk und Friedrich von Borries ist. Das Buch enthält darüberhinaus absolut lesenswerte Interviews von Irmhild Saake, Rahel Jaeggi, Harald Welzer, Armin Nassehi, Kevin Kühnert, Meredith Haaf und Thomas Macho.
Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands
Was macht eigentlich gute Streitkultur aus? Zum einen ist da die emotionale und soziale Intelligenz: Wie gehe ich auf meinen Gesprächspartner als Menschen ein? Beachte ich das Prinzip der wohlwollenden Interpretation? Betrachte ich mein Gegenüber als Gesprächspartner oder als meinen Kontrahenten?Zum anderen sind da aber natürlich auch inhaltliche und logische Anforderungen; wir wollen gut argumentieren und die Argumente unserer Gesprächspartner angemessen beurteilen. Sind die Argumente meines Gesprächspartners stichhaltig? Sind seine Thesen verständlich, relevant und nachvollziehbar? Wie reagiere ich darauf am besten?
Was macht eigentlich gute Streitkultur aus? Zum einen ist da die emotionale und soziale Intelligenz: Wie gehe ich auf meinen Gesprächspartner als Menschen ein? Beachte ich das Prinzip der wohlwollenden Interpretation? Betrachte ich mein Gegenüber als Gesprächspartner oder als meinen Kontrahenten?Zum anderen sind da aber natürlich auch inhaltliche und logische Anforderungen; wir wollen gut argumentieren und die Argumente unserer Gesprächspartner angemessen beurteilen. Sind die Argumente meines Gesprächspartners stichhaltig? Sind seine Thesen verständlich, relevant und nachvollziehbar? Wie reagiere ich darauf am besten?
Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands als Regeln für eine gute Diskussion
Nikil Mukerji hat jüngst ein sehr lehrreiches Buch über die zehn Gebote des gesunden Menschenverstands geschrieben. Zwar sind die von ihm aufgezählten Gebote allgemeine Regeln für den Vernunftgebrauch in beruflichen, privaten, politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Fragen. Doch eignen sie sich auch hervorragend als Regeln für eine gute Diskussion.Sein Buch “Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands” zeigt auf ausgesprochen nachvollziehbare Weise, worauf man in Streitgesprächen achten sollte. Nikil Mukerji beruft sich dabei auf einige grundlegende Erkenntnisse aus der Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie und Psychologie. Im Kern sind die Gebote jedoch selbst Instanzen des gesunden Menschenverstands. Denn wer vernünftig ist, so seine These, hält sich beim Denken an die 10 Gebote, weil dies die eigene Vernunft gebietet.
Die 10 Gebote lauten
- Bringen Sie Ordnung in Ihr Denken
- Denken Sie lückenlos
- Treffen Sie glaubwürdige Annahmen
- Fragen Sie nach der Beweislast
- Denken Sie klar und präzise
- Bleiben Sie logisch sauber
- Tappen Sie nicht in die Sprachfalle
- Seien Sie schlauer als ein junger Jagdhund
- Schauen Sie mit beiden Augen hin
- Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden
Was genau sagen wir eigentlich?
Das erste, zweite und fünfte Gebot sind Grundvoraussetzung nicht nur für gute Streitgespräche und eine sinnhafte Debatte, sondern allgemein für vernünftiges Denken und Handeln. Denn nur wer den eigenen Standpunkt präzise und vollständig formulieren kann, kann sinnvoll dafür argumentieren und zielgerichtet danach handeln.
Was dürfen wir annehmen?
Die beiden nächsten Gebote betreffen die Quellen, mit denen wir unsere Annahmen belegen. Auch sie sind essentiell für eine gute Diskussion, da wir ohne Regeln zu dem, was wir als glaubwürdig und beweiskräftig ansehen, keine Grundlage haben, über die Annehmbarkeit der zu diskutierenden Annahmen zu entscheiden. In unserer Zeit der “Fake News” und “alternativen Fakten” sind das Gebote, deren Wichtigkeit kaum zu überschätzen ist.
Was ist ein gutes Argument?
Das sechste Gebot fordert logische Stichhaltigkeit. Etwas, das den meisten Menschen beim Argumentieren schwer fällt und das häufig bei der Beurteilung eines Arguments außer Acht gelassen wird. Wir neigen dazu, uns mit unserer Kritik auf einzelne Annahmen zu stürzen und dabei zu übersehen, dass viele Argumente nicht zeigen, was sie zeigen sollen, selbst wenn wir alle ihnen zugrundeliegenden Annahmen akzeptieren würden.
Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation
Das siebte Gebot warnt uns davor, in die Sprachfalle zu tappen. Seine Missachtung ist vermutlich Ursache vieler missglückter Streitgespräche. Denn wir neigen dazu, die Äußerungen unserer Gesprächspartner auf Grundlage unserer Sichtweise zu interpretieren, und vergessen dabei häufig, wie mehrdeutig und unterbestimmt Sprache in der Regel ist. Ein wichtiges Prinzip, solche Missgeschicke zu vermeiden, ist das Prinzip der wohlwollenden Interpretation. Es besagt, seinem Gesprächspartner (nach Möglichkeit jederzeit) zu unterstellen, dass er sinnvolle und gut gemeinte Beiträge zur Diskussion stellt.
Strohmann-Argumente
Das achte Gebot hilft zwischen relevanten und irrelevanten Gesprächsbeiträgen zu unterscheiden. Insbesondere sollten wir in Streitgesprächen auf (beabsichtigte oder unbeabsichtigte) Strohmann-Argumente achten. Strohmann-Argumente sind kardinale Verletzungen des Prinzips der wohlwollenden Interpretation. Strohmann-Argumente sind Argumente, die den Standpunkt des Gegenübers vereinfacht, überspitzt oder schlicht falsch darstellen, um sie anschließend (in der Regel) leichter widerlegen zu können.
Bestätigungsfehler
Das neunte Gebot warnt uns vor kognitiven Verzerrungen (cognitive biases) und logischen Fehlschlüssen. Die wichtigste Art kognitiver Verzerrungen, denen unser Denken unterliegen kann, ist der Bestätigungsfehler (confirmation bias): wir tendieren im Allgemeinen dazu, nach Informationen zu suchen, Informationen dahingehend zu interpretieren und uns an Informationen zu erinnern, die unsere vorhandenen Überzeugungen und Hypothesen bestätigen (und lassen andere möglicherweise relevantere Informationen außer Acht).
Was macht gute Streitkultur aus?
Das zehnte Gebot zeigt auf, wie wir Standpunkte, mit denen wir konfrontiert werden, kritisch prüfen und ungerechtfertigte Behauptungen erkennen können. Wie genau, das kann man in Nikil Mukerjis wunderbaren Buch "Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands" nachlesen. Erwerbbar bei bücher.de oder direkt über die Website gesundermenschenverstand.online.Zusammengenommen sind die "10 Gebote des gesunden Menschenverstands" eine ausgezeichnete Vorbereitung und Grundlage für konstruktive Streitgespräche und eine gute Streitkultur!
Die Kunst der Ignoratio Elenchi
Wir sehnen uns nach Antworten in dieser komplizierten Welt. Populisten bieten einfache Lösungen. Damit punkten sie. Doch Lösungen für was?
Das ist oft gar nicht so klar. Geht es wirklich um die Gefährlichkeit des islamistischen Terrors? Geht es tatsächlich um die Globalisierung, die uns unsere Jobs und unseren Lebensstandard streitig macht?Populisten wie Donald Trump oder Frauke Petry machen sich unsere Anfälligkeit für einen klassichen Fehlschluss zunutze. In einer Ignoratio Elenchi wird ein Satz begründet, der gar nicht zur Debatte steht, auch wenn er in der Regel thematisch verwandt damit ist.
Wir sehnen uns nach Antworten in dieser komplizierten Welt. Populisten bieten einfache Lösungen. Damit punkten sie. Doch Lösungen für was?
Das Schema der Ignoratio Elenchi
Das ist oft gar nicht so klar. Geht es wirklich um die Gefährlichkeit des islamistischen Terrors? Geht es tatsächlich um die Globalisierung, die uns unsere Jobs und unseren Lebensstandard streitig macht?Populisten wie Donald Trump oder Frauke Petry machen sich unsere Anfälligkeit für einen klassichen Fehlschluss zunutze. In einer Ignoratio Elenchi wird ein Satz begründet, der gar nicht zur Debatte steht, auch wenn er in der Regel thematisch verwandt damit ist.
Zwei Funktionen der Ignoratio Elenchi
Dadurch erfüllt eine Ignoratio Elench zwei Funktionen. Erstens, sie lenkt von der eigentlichen Frage ab, weil nun eine neue (möglicherweise ebenfalls kontroverse) Behauptung im Raum steht. Zweitens, sie führt oft unbemerkt auf ein weniger schwieriges Terrain für den Populisten, da der neue Satz einfacher begründet werden kann oder bereits allgemein akzeptiert wird.Donald Trump ist unangefochtener Meister der Ignoratio Elenchi. Beispielsweise antwortete er auf die wiederholte Meldung, dass russische Geheimdienste den amerikanischen Wahlkampf beeinflussten, mit der Behauptung, dass es keine Manipulation der Stimmautomaten gab. Das ist zwar vermutlich wahr. Doch hat es nichts mit den Vorwürfen der Einflussnahme auf den Wahlkampf zu tun.
Was tun?
Was können wir dagegen tun? Genau hinhören und feststellen, was tatsächlich gesagt wurde, um dann mit Nachdruck auf die eigentliche Frage zurückzukommen. Leider wird dies jedoch auf Facebook, im Fernsehen und auch in persönlichen Diskussionen viel zu selten gemacht und Manipulatoren wie Trump haben leichtes Spiel.