Streitkultur-Blog
Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.
Demokratische Streitkultur für eine digitale Öffentlichkeit
Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.
Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.
Dieser aufgezeichnete Webtalk fand am 25. März 2025 im Rahmen der Reihe „Kultur unter Druck – Kulturgespräche 2025“ der Kulturdezernate des LWL und LVR statt. Thematisch geht es vor allem um die Frage, welche Rolle Kultureinrichtungen in Zeiten antidemokratischer Bewegungen einnehmen können.
https://www.youtube.com/watch?v=8Gzy-vCoL5w
Konstruktiv streiten in der digitalen Öffentlichkeit
Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.
Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.
Doch was heißt es eigentlich zu streiten? Streit kann man verstehen als eine verbale (schriftliche oder mündliche) Auseinandersetzung zu einer bestimmten Frage zwischen mindestens zwei Parteien, die prima facie inkompatible Antworten darauf haben. Dabei kann zwischen Auseinandersetzungen über Tatsachenfragen und Auseinandersetzungen über Wertfragen unterschieden werden. Ersteres ist ein Streit darüber, was (deskriptiv) der Fall ist, während Letzteres ein Streit darüber ist, was (normativ) gut oder schlecht bzw. was verboten, erlaubt oder geboten ist. In beiden Fällen werden Meinungen ausgetauscht und in beiden Fällen kann der Auseinandersetzung ein Interessenskonflikt zugrunde liegen, bei dem es letztlich darum geht, welche Interessen bei einer Entscheidung welches Gewicht haben sollen (Coleman und Ferguson 2015). Worin besteht nun die Qualität von Streit in der digitalen Öffentlichkeit? Was macht einen Streit konstruktiv? Diese Frage kann nur beantworten, wem die Ziele, die wir in einem Streitgespräch verfolgen (sollten), hinreichend klar sind. Dies soll in Abschnitt (1) untersucht werden, um dann in Abschnitt (2) allgemeine Kriterien für konstruktiven Streit zu formulieren, in Abschnitt (3) häufige Hindernisse für konstruktives Streiten zu diskutieren und abschließend in Abschnitt (4) einige Besonderheiten des Streits in der digitalen Öffentlichkeit herauszuarbeiten.
1 Ziele von Streit
Warum also streiten wir? Schauen wir uns zunächst einige Ziele an, die Menschen im Allgemeinen häufig durch Streit tatsächlich verfolgen. Erstens – und vielleicht in den meisten Fällen – wollen Menschen eine Auseinandersetzung schlicht gewinnen. Das heißt, sie wollen rhetorisch als Sieger aus ihr hervorgehen; sie wollen den Streit souverän hinter sich lassen. Dieses Ziel wird vermutlich in vielen Talkshows, aber auch oft in Diskussionen auf sozialen Medien verfolgt. Dabei geht es in erster Linie um den Eindruck, den man durch den Streit auf das Gegenüber oder auf Dritte macht – beispielsweise indem man sich auf die richtige Seite stellt und eine bestimmte Position markiert.
Zweitens streiten wir oft, um Andere zu überreden. Wir wollen unsere Interessen durchsetzen oder unsere Meinung als akzeptiert verstanden wissen. Manchmal geht es schlicht darum, in einer bestimmten Situation den längeren Atem zu beweisen – etwa um in einer Parlamentsdebatte das letzte Wort zu haben oder in einer Verhandlung das beste Ergebnis herauszuholen, ungeachtet der Interessen und Überzeugungen des Gegenübers.
Drittens wollen wir die Anderen in einigen Fällen nicht einfach überreden, sondern es ist uns zudem wichtig, sie auch faktisch zu überzeugen. Die Anderen sollen nach dem Streit unsere Meinung teilen und einsehen, dass wir recht haben. Nicht zu selten wird Streit sogar mit dieser Zielsetzung charakterisiert; es gehe bei einem Streit wesentlich darum, das Gegenüber zu überzeugen (van Eemeren und Grootendorst 2010; Johnson 2000; Hamblin 1970).
Diese drei Ziele sind bisweilen (insbesondere aus der jeweiligen individuellen Perspektive) durchaus erstrebenswert – und mit ihnen gehen wir intuitiv in einen Streit, wenn wir uns nicht bewusst ein Ziel setzen. Sie sind eng verbunden mit einer zentralen Funktion des Argumentierens; nämlich der Rechtfertigung von Überzeugungen, Handlungen oder Verhaltensweisen gegenüber unseren Mitmenschen (Mercier und Sperber 2017; Mercier und Landemore 2012; van Eemeren und Grootendorst 2010; Toulmin 2003, S. 12). Dabei führen sie jedoch allzu oft nicht nur nicht zu den von den Einzelnen erhofften Ergebnissen, sondern sind auch aus gesellschaftlicher Sicht wenig sinnvoll (Talisse und Aikin 2014, S. 38–56). Wenn sie richtig geführt werden, haben kontroverse verbale Auseinandersetzungen nämlich eine Reihe von Funktionen, die auch aus epistemischen und damit deliberativ-demokratischen Gesichtspunkten sinnvoll sind.
Denn viertens können wir durch Streitgespräche das Gegenüber besser verstehen, weil wir seine Position in einer bestimmten Frage kennenlernen und die Gründe dafür erfahren. Dies dürfte – so die Hoffnung – auch zu mehr Offenheit und Toleranz führen (Mutz 2006, S. 84-87). Zugleich ist eine grundsätzliche Offenheit notwendig, damit diese Funktion überhaupt erkannt, als Ziel gesetzt und dann erfolgreich in Streitgesprächen verfolgt wird.
Fünftens können wir etwas über die zur Diskussion stehende Sache erfahren, indem wir neue Positionen kennenlernen und die Gründe, die dafür sprechen (Talisse und Aikin 2014, S. 3-16). Dies kann uns selbst dann helfen, die Welt besser zu verstehen, wenn die kennengelernten Positionen letztlich nicht zutreffen oder die dafür vorgebrachten Gründe nicht stichhaltig sind.
Sechstens können Streitgespräche dazu beitragen, die Kohärenz im eigenen Überzeugungssystem zu erhöhen, indem durch den Austausch von Argumenten die inferenziellen Beziehungen zwischen verschiedenen Überzeugungen ans Tageslicht gefördert werden (Betz 2013). Wir lernen Gegengründe gegen unsere eigene Position kennen und haben die Möglichkeit, unsere Überzeugungen in ihrem Licht anzupassen, zu differenzieren und zu präzisieren.
Siebentens stärken diese drei Punkte die eigene Autonomie, da erst durch das reflektierende und systematische Abwägen von Argumenten die eigenen Meinungen zu begründeten Urteilen werden. Erst wenn wir andere Menschen, die Welt und uns selbst hinreichend verstehen und Gründe für unsere Überzeugungen nennen können, können wir uns intellektuell (und damit auch politisch) emanzipieren (Habermas 2011b, S. 573). Erst dann – durch Reflexion und Begründung – werden unsere Meinungen zu unseren eigenen Überzeugungen.
Aus diesen vier – im engeren Sinn epistemischen – Zielen ergeben sich nun drei weitere Ziele, die praktischer Natur sind, aber zugleich von deliberativ-demokratischer Relevanz. So kann nämlich achtens ein Streitgespräch dazu beitragen, einen Konsens oder zumindest einen Kompromiss in einem Konflikt zu erzielen, der andernfalls nicht-verbal und nicht-rational ausgetragen werden müsste. Wenn wir die Interessen und Meinungen des Gegenübers sowie die Gründe, die es dafür hat, erfahren, können wir eher eine Lösung finden, die für alle Betroffenen tragbar ist oder sogar von ihnen befürwortet wird (Gilbert 2008; Thompson 1991).
Neuntens kann – selbst in Fällen, in denen weder Konsens oder Kompromiss gefunden wird – ein Streitgespräch dabei helfen, Entscheidungen zu verbessern, weil wir besser über die Anderen und die Sache Bescheid wissen. Die Hoffnung ist, dass durch die epistemischen Funktionen des Streits am Ende Entscheidungen ermöglicht werden, die für die Mehrheit der Betroffenen positive Konsequenzen haben (Landemore und Estlund 2018; Landemore 2014; Talisse und Aikin 2014, S. 17-37).
Zehntens kann ein Streitgespräch schließlich dazu beitragen, eine Entscheidung zu legitimieren, selbst wenn sie weder objektiv besonders gut ist, noch subjektiv auf besonders hohe Zustimmung trifft, aber durch das Artikulieren von Meinungen, Benennen von Interessen und den Austausch von Argumenten allen Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen (Richardson 2002, S. 23-36; Cohen 1997).
Neben diesen zehn Funktionen gibt es viele weitere Ziele, die Menschen durch Streitgespräche verfolgen. Vielleicht wollen sie Andere demütigen, vielleicht wollen sie von etwas ablenken, vielleicht wollen sie sich einfach nur unterhalten. In diesem Beitrag werde ich mich jedoch auf die hier genannten - direkt oder indirekt epistemischen – Funktionen von Streit konzentrieren.
2 Kriterien für konstruktiven Streit
Streit hat einen schlechten Ruf. Gemeinhin halten wir ihn für etwas Schlechtes und wenig Erstrebenswertes. Das liegt unter anderem daran, dass entweder die falschen Ziele damit verfolgt oder die erhofften Ziele nicht erfüllt werden. Wann also hat ein Streit die Aussicht, seine Funktion zu erfüllen? Wann dürfen wir hoffen, durch einen Streit eines oder mehr der obigen Ziele erreichen?
Ein hilfreicher Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist der Discourse Quality Index (DQI), der in den Politikwissenschaften unter anderem von Steenbergen et al. (2003) entwickelt wurde. Er umfasst vier Dimensionen; nämlich die Partizipation der Teilnehmenden, den gegenseitigen Respekt, das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel der Diskussion sowie den Grad und Inhalt der gegebenen Rechtfertigungen.
Schauen wir uns zuerst die Partizipation der Teilnehmenden an. Mit Blick auf die Legitimität der aus einer Debatte resultierenden Entscheidungen ist eine repräsentative Teilnahme aller Betroffenen zweifelsohne wichtig. Aber auch aus rein epistemischen Gesichtspunkten ist es naheliegend, eine hohe Teilnahme anzustreben – etwa wenn diese (im Sinn eines Mill‘schen Liberalismus) mit einer Pluralisierung des Diskurses einhergeht. Allerdings muss dies nicht der Fall sein. Wie Mutz (2006) gezeigt hat, stehen hohe Partizipation, deliberative Qualität und Meinungspluralismus in einem strukturellen Spannungsverhältnis. Debatten homogener Gruppen haben tendenziell eine höhere deliberative Qualität und gruppeninterne Partizipation als Debatten heterogener Gruppen. In manchen Fällen kann eine Diskussion daher bessere Argumente und Einsichten hervorbringen, wenn nicht möglichst viele Parteien zu Wort kommen; zum Beispiel, wenn durch die Heterogenität einer Gruppe keine hinreichende Diskussionsgrundlage besteht, wenn durch die schiere Häufung von Meinungsäußerungen eine sachliche und gründebasierte Diskussion verhindert wird, oder wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einer pluralen Öffentlichkeit bestimmte Parteien strukturell benachteiligt. Aus epistemischer Sicht ist zentral, dass alle relevanten Positionen und Gründe berücksichtigt werden – und nicht unter den Tisch fallen, weil sie zufällig niemand der Gesprächsparteien teilt. Daher sind konstruktive Debatten in der Regel inklusiv, indem sie möglichst vielen Betroffenen zu partizipieren ermöglichen.
Zudem beinhaltet der DQI als zweite Dimension den Respekt zwischen den Teilnehmenden, der sich im besten Fall in der Sachlichkeit der Redebeiträge niederschlägt. Eine wichtige Unterscheidung hier ist die zwischen dem Gegenüber als Person, ihren Überzeugungen und ihren Äußerungen. Respekt gebührt in jedem Fall der Person, unabhängig davon, was sie (vermeintlich) denkt. Aber oft ist auch gar nicht so unmittelbar ersichtlich, welche Überzeugungen sie tatsächlich hat. Die Äußerungen einer Person können immer auf verschiedene Weise interpretiert werden – und viel häufiger, als man das vermutet, entstehen (ungewollte) Strohmänner und andere Missverständnisse, welche die Qualität der Diskussion beeinträchtigen und verhindern, dass man mit ihr neue Erkenntnisse über das Gegenüber oder die Sache erlangt.
Damit ein Streitgespräch konstruktiv verläuft, bedarf es daher epistemischer Tugenden wie zum Beispiel eine grundsätzlichen Wahrheitsverbundenheit und einer Wertschätzung von auch gegenläufigen Gründen. Die wichtigste dieser Tugenden ist eine Haltung, die durch das Prinzip des interpretativen Wohlwollens ausgedrückt werden kann: Wir sollten die Thesen und Argumente von Anderen – in dem durch Wortlaut und Kontext möglichen Rahmen – stets so plausibel wie möglich interpretieren. Die Akzeptanz und Anwendung dieses Prinzips bildet das Fundament konstruktiver Streitkultur. Es setzt nämlich voraus, dass man einander zuhört und die Thesen und Argumente des Gegenübers grundsätzlich ernst nimmt.
Respekt bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht die Anerkennung von Autoritäten oder gar die Anwendung irgendwelcher Höflichkeitsfloskeln, sondern, dass auf die Äußerungen der Anderen sachlich eingegangen wird. Ein Redebeitrag ist sachlich, wenn er deskriptive und normative Aussagen differenziert und auf irrelevante Wertungen (insbesondere der anderer Gesprächsteilnehmender) verzichtet. Der Ausdruck von Emotionen ist also durchaus mit dem Kriterium der Sachlichkeit vereinbar, das in erster Linie diskriminierende Sprechhandlungen, Beleidigungen und andere verbale Angriffe auf Personen ausschließt; es setzt lediglich die grundlegenden Rahmenbedingungen für konstruktiven Streit.
Der DQI beinhaltet ferner das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel. Nun ist nahezu unstrittig, dass es nicht immer sinnvoll ist, in einer Debatte eine Konsens anzustreben – und so erläutern Steenbergen et al. (2003), dass sich diese Zielsetzung auch durch alternative oder vermittelnde Vorschläge zeigen kann. Meist ist es schlicht unrealistisch, einen Konsens zu erreichen. Zudem kann, gerade wenn nicht unmittelbar Entscheidungen getroffen werden müssen, eine andere Zielsetzung sinnvoller sein. Wichtiger als eine fixe Konsensorientierung ist es, dass überhaupt konkrete, realistische und begründbare Ziele gesetzt werden, bevor ein Streitgespräch beginnt.
Die Qualität einer Diskussion hängt also entscheidend von einer sinnvollen und der Situation angebrachten Zielsetzung ab. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass Menschen Haltungen in Streitgesprächen in Abhängigkeit zu ihren bewusst oder unbewusst gesteckten Zielen einnehmen. Wenn sie nun eine der drei erst genannten Ziele (Gewinnen, Überreden oder Überzeugen) verfolgen, nehmen sie tendenziell eher eine Kampf-Flucht-Haltung ein, die eine konstruktiven Austausch schwierig macht. Wenn sie jedoch eines der sieben (direkt oder indirekt) epistemischen Ziele verfolgen, fällt es leichter eine partizipativ-inklusive und respektvoll-sachliche Diskussion zu führen. In Abhängigkeit zu den Zielen lassen sich neben der Inklusivität und Sachlichkeit noch drei weitere Kriterien ableiten, welche die Qualität von Diskussionen ausmachen und die leichter erfüllt werden, wenn wir eine den Zielen angemessene Haltung einnehmen. So ist für einen konstruktiven Streit zudem eine hinreichende Präzision, Relevanz und Gründebasiertheit der Redebeiträge ausschlaggebend.
Ein Redebeitrag ist präzise, wenn Mehrdeutigkeiten und andere Formen der Unbestimmtheit vermieden sowie Thesen als solche klar benannt und von anderen (verwechselbaren) Thesen differenziert werden. Dafür bedarf es unter anderem einer konsistenten Verwendung geeigneter Begrifflichkeiten. Leider ist in vielen Debatten schon das Thema nicht hinreichend bestimmt, so dass Gesprächsparteien schlicht aneinander vorbeireden und Argumente (als Strohmänner) ins Leere gehen.
Ein Redebeitrag ist relevant, wenn er sich hinreichend auf das Thema und die Beiträge der Anderen bezieht. Dafür müssen die Teilnehmenden unter anderem ausreichend informiert sein, aber auch über eine Reihe von kommunikativen und epistemischen Kompetenzen und insbesondere über eine Haltung interpretativen Wohlwollens verfügen.
Was heißt es nun, dass ein Redebeitrag hinreichend gründebasiert ist? Dies betrifft die vierte Dimension des DQI und damit den Grad und Inhalt der gegebenenRechtfertigungen für die vertretenen Thesen. Dazu müssen in Kontroversen nicht nur Meinungen, sondern auch Argumente tatsächlich ausgetauscht werden. Es muss den Teilnehmenden möglich sein, sich auf der Grundlage der Sichtung und Bewertung der Argumente ein Urteil zu bilden Dazu bedarf es der Gelegenheit einer hinreichenden Sammlung der relevanten Gründe und einer etwaigen Entkräftung von Argumenten. Zentral für die Qualität einer Diskussion ist daher nicht nur der Grad und Inhalt, sondern insbesondere auch die Güte der gegebenen Rechtfertigungen.
Um Rechtfertigungen beurteilen und gute Rechtfertigungen hervorbringen zu können, bedarf es Argumentationskompetenz. Argumentationskompetenz beruht auf dem (mindestens impliziten) Wissen, was ein Argument ist und was es bedeutet, dass Annahmen (die Prämissen) eine These (die Konklusion) begründen. Zugleich umfasst sie praktische Fähigkeiten – unter anderem, wie man einzelne Argumente und ganze Argumentationen erkennt, versteht, bewertet und selbst hervorbringt (Lanius 2022, S. 9). Dazu ist es insbesondere wichtig, (1) zwischen deduktiven und nicht-deduktiven Argumenten unterscheiden zu können, (2) ein Verständnis davon zu haben, was deduktive Gültigkeit und induktive Stärke ist, und schließlich (3) implizite Prämissen in Argumenten ergänzen zu können. Der Vermittlung und Anwendung dieser Fähigkeiten ist ein präzises argumentationstheoretisches Vokabular dienlich, wie es in der modernen Argumentationstheorie entwickelt worden ist (siehe etwa Bowell und Kemp 2009; Betz 2010; Bayer 2011; Feldman 2014; Löwenstein 2022). Dies ist hilfreich, aber nicht notwendig – all diese Fähigkeiten können auch unbewusst, unreflektiert und ohne das entsprechende Vokabular erworben und erfolgreich eingesetzt werden. Beachtenswert ist allerdings, dass den meisten Menschen diese Fähigkeiten nicht in die Wiege gelegt sind – was uns nun zu der Diskussion möglicher Hindernisse für einen konstruktiven Streit im nächsten Abschnitt führt.
3 Häufige Hindernisse für konstruktiven Streit
Die Hoffnung, dass eine Debatte allein durch ihre Freiheit ihre epistemischen und deliberativ-demokratischen Funktionen erfüllt, wie dies noch John Stuart Mill hoffte, hat sich etwas gemindert. Tatsächlich verlaufen viele private wie öffentliche Streitgespräche, gerade wenn sie frei geführt werden, nicht besonders konstruktiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe. An dieser Stelle sollen lediglich einige – vielleicht besonders häufige und ernstzunehmende – Hindernisse aufgeführt und kurz diskutiert werden.
Beginnen wir mit den Zielen der Teilnehmenden eines Streitgesprächs; so erwächst aus einer ungünstigen oder fehlenden Zielsetzung leicht eine Haltung, die mit einem Mangel an intellektuellen oder kommunikativen Tugenden einhergeht. Dies kann sich in Dogmatismus und Rechthaberei auf der einen Seite und Relativismus und Subjektivismus auf der anderen Seite äußern. Wenn wir gewinnen wollen oder Andere nur zu überreden oder zu überzeugen beabsichtigen, reagieren wir schnell dogmatisch und rechthaberisch, was leicht dazu führt, dass die Positionen und Argumente der Anderen nicht hinreichend wohlwollend diskutiert und beurteilt werden. Dies wiederum macht die Beiträge in Diskussionen im Schnitt weniger sachlich, präzise und relevant.
Manchmal verkehrt sich jedoch auch eine Zielsetzung, die nur das Verstehen des Gegenübers im Blick hat, in ihr Gegenteil, wenn dadurch eine relativistisch-subjektivistische Haltung eingenommen wird. So vermeiden einige Menschen jeden Konflikt, indem sie alle Positionen als gleichwertig und gleich gut begründet ansehen oder allein daraus, dass jemand eine bestimmte Meinung vertritt, folgern, dass diese Meinung hinreichend begründet ist. Das zeigt sich dann in Äußerungen wie „Das mag wahr für dich sein, ist aber nicht wahr für mich.“, „Ich habe meine Meinung und jeder kann für wahr halten, was er will.“, „Wir können gar nicht wissen, was wahr oder falsch ist.“ oder „Es gibt keine Wahrheit.“ – Äußerungen, welche die Diskussion insgesamt weniger gründebasiert machen. Um einer solchen relativistisch-subjektivistische Haltung entgegenzutreten, bedarf es eines reflektierten Wissensbegriffs und der Erkenntnis, dass intersubjektive Kriterien für konstruktiven Streit möglich sind (Lanius 2021, S. 199f.).
Doch selbst, wenn eine den Zielen und der Situation angemessene Haltung eingenommen wird, schützt uns dies leider nicht vor unkonstruktiven Diskursen, da wir uns im Denken und Streiten allgemein auf schnelle, aber fehleranfällige Heuristiken stützen und dabei kognitiven Verzerrungen unterliegen. Oft versteifen wir uns in Streitgesprächen auf den erst genannten Lösungsvorschlag, der dann als Anker fungiert („anchoring“) und meist nur widerwillig korrigiert wird (Kahneman 2013, 119–128; Tversky und Kahneman 1974). Damit verbunden ist der Verfügbarkeitsbias („availability bias“); eine kognitive Verzerrung, die uns dazu verleitet, Optionen entsprechend ihrer kognitiven Präsenz und nicht nach ihrer Relevanz auszuwählen (Kahneman 2013, 129–145; Tversky und Kahneman 1973). Die weitverbreitetste kognitive Verzerrung aber ist sicherlich der Bestätigungsfehler („confirmation bias“), der auch für Streitgespräche eine zentrale Bedeutung hat. Im Allgemeinen nehmen wir Informationen bevorzugt wahr, die unsere eigene Auffassung stützen, und tendieren dazu, alternative Positionen, Einwände oder andere gegenläufige Informationen zu verdrängen oder nicht zu beachten; wir interpretieren unsere eigenen Überzeugungen und Interessen bestätigende Informationen grundsätzlich positiver, suchen eher nach ihnen und erinnern sie leichter (Oswald und Grosjean 2005; Nickerson 1998). Dies führt in Streitgesprächen dazu, dass wir das Gegenüber leicht missverstehen, Strohmänner aufbauen sowie unpräzise und irrelevante Redebeiträge liefern. Dies wird verstärkt durch eine allgemeine Tendenz, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu überschätzen („overconfidence bias“) (Moore und Healy 2008; Pallier et al. 2002) – was sich in Streitgesprächen besonders in der Überschätzung der eigenen Argumentationskompetenz zeigt. Ein Faktor, der in Streitgesprächen ebenfalls nicht selten zu einem Problem wird, ist die Abhängigkeit der Urteils- und Entscheidungsfindung von der sprachlichen und emotionalen Rahmung des Themas („framing“) (Tversky und Kahneman 1981). Dabei gibt allein die Formulierung einer Frage in der Regel inhaltliche Grenzen einer Diskussion vor, in welcher relevante Positionen oder Argumente dann nicht mehr berücksichtigt werden. Dies wirkt sich gerade auch auf öffentliche Debatten aus, in denen Framing als politische Strategie eingesetzt wird (Wehling 2016; Wehling und Lakoff 2014).
Diese Heuristiken und kognitive Verzerrungen zeichnen unserer individuelles Denken aus und können in Debatten abgemildert, durch bestimmte Faktoren aber auch verstärkt werden. Streitgespräche haben in aller Regel Nutzungsfunktionen, für die weder Verstehen noch Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. Meist steht die soziale Interaktion im Fokus; wir handeln Beziehungen, Hierarchien und Verantwortlichkeiten aus. Es geht primär um Vertrauen und Zugehörigkeit. Daher entscheiden die sozialen Rollen der Teilnehmenden, der Ort und das Publikum ebenfalls darüber, ob konstruktiver Streit gelingt. Ob man das Gegenüber mit den eigenen Worten erreicht, hängt wesentlich von dem Vertrauen ab, das zwischen den Gesprächsparteien besteht (Boghossian und Lindsay 2019, S. 14–19; McIntyre 2021, S. 139–162). Wenn kein oder zu wenig Vertrauen vorhanden ist, werden die Äußerungen der Anderen nicht wohlwollend interpretiert, so dass Missverständnisse entstehen und die epistemischen Ziele vereitelt werden – ganz zu schweigen davon, dass man das Gegenüber von irgendetwas überzeugen würde. Allerdings kommt Vertrauen in Graden und für konstruktiven Streit bedarf es lediglich eines minimalen Vertrauens, das darin besteht, dem Gegenüber keine strategisches Handeln (im Sinn Habermas‘ 2011a, S. 385) zu unterstellen, sondern davon auszugehen, dass es sich bei seinen Äußerungen um Akte der Verständigung handelt.
Dies ist allerdings aufgrund unserer sozialen und insbesondere tribalistischen Natur vor einem (manchmal auch nur imaginiertem) Publikum nicht immer einfach; schnell verfallen wir in strategisches Handeln, das primär auf die Wirkung abzielt, die sie auf dritte Parteien hat. In Talk-Shows etwa diskutieren die Teilnehmenden in der Regel weniger miteinander, als dass vielmehr eine Diskussion für die Zuschauer(innen) inszeniert wird. Die vorgebrachten Argumente dienen dann nicht der Überzeugung, Verständigung oder des Erkenntnisgewinns, sondern in erster Linie als Signale an die jeweiligen Zielgruppen, dass man ihre Meinungen und Interessen vertritt.
Zugleich gibt es Informationsübertragungsprozesse und -strukturen, welche die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden strukturell ablenken oder reduzieren. Sie wird durch unsere Heuristiken und kognitive Verzerrungen, aber insbesondere auch durch die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation oft so gelenkt, dass Moralisierungen, Strohmänner und Whataboutism befördert und relevante, präzise und gründebasierte Redebeiträge aus der Debatte verdrängt werden. Beachtenswert ist insbesondere, wenn Wertfragen zu Tatsachenfragen gemacht werden - wenn man zum Beispiel nicht riskieren will, moralische Normen öffentlich in Zweifel zu ziehen, und lieber leugnet, dass etwa der Klimawandel menschengemacht ist (statt zuzugeben, dass man die Folgen des Klimawandels für andere Menschen für unerheblich hält). Oder aber es werden Tatsachenfragen zu Wertfragen gemacht – wenn man zum Beispiel bestimmte Tatsachen nicht (mehr) leugnen kann und dafür den Diskurs auf eine Meta-Ebene verschiebt, indem man etwa klimaaktivistische Aktionen moralisch verurteilt (statt womöglich unpopuläre Maßnahmen gegen den Klimawandel zu diskutieren). In beiden Fällen wird vom eigentlichen Thema abgelenkt (Kumkar 2022, 111–175).
Zudem werden diese Informationsübertragungsprozesse maßgeblich von initialen Entwicklungen bestimmt. Informations- und Konformitätskaskaden führen dazu, dass letztlich Positionen akzeptiert werden, für die es sachlich gar keine guten Gründe gibt (Sunstein 2002, 2009, 2014). Das ist in wenig partizipativ-inklusiven Debatten homogener Gruppen besonders wahrscheinlich, in denen andere Positionen und Gegengründe nahezu vollständig ausgeblendet werden können, was die Bildung von epistemischen Blasen und Echokammern begünstigt (Nguyen 2018; Jaster und Lanius 2019, 61–77). Statt politische Polarisierung zu reduzieren, können Streitgespräche sie dadurch also auch verstärken (Boxell et al. 2017; Bail et al. 2018).
Schließlich gibt es stets Parteien, die einen Diskurs für ihre persönlichen oder politischen Ziele nutzen. Ein argumentativer Gedankenaustausch kann leicht mit rhetorischen Strategienabgebrochen oder unterminiert werden, indem die oft ungünstige (unbewusste) Zielsetzung in Diskursen durch die Teilnehmenden, ihre fehleranfälligen Heuristiken und kognitive Verzerrungen, unsere tribalistische Natur, die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation sowie Informations- und Konformitätskaskaden ausgenutzt werden. Dies wird zunehmend zu einem Problem gerade für Streit in der digitalen Öffentlichkeit.
4 Die Besonderheiten der digitalen Öffentlichkeit
Viele politische Debatten und auch private Streitgespräche werden heute öffentlich oder teilöffentlich in sozialen Medien geführt. Hier schlagen die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie voll durch, da die meisten sozialen Medien auf ein Geschäftsmodell setzen, das Aufmerksamkeit monetarisiert. Durch diesen Fokus werden emotional aufgeladene Redebeiträge mit hohem Erregungspotenzial strukturell bevorzugt, was die Diskussion in der Tendenz weniger sachlich, relevant und präzise macht. Die Güte der Argumente spielt in den aufmerksamkeitsoptimierten sozialen Medien kaum eine Rolle; dort sollen möglichst viele Menschen möglichst lange interagieren (Pörksen 2019).
Zugleich machen es uns die sozialen Medien extrem leicht, Meinungen wahrzunehmen, die zu unseren Präferenzen passen – bisweilen direkt durch Algorithmen, die gegenläufige Meinungen aktiv für uns herausfiltern. Durch solche digitalen Echokammern verstärken sie den Bestätigungsfehler, Informations- und Konformitätskaskaden und unsere tribalistische Neigungen (Schweiger 2017, S. 113–153). Dann ist es besonders leicht, sich einer sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen und gegenüber anderen sozialen Gruppen geschlossen aufzutreten – unabhängig davon, ob man selbst gute Gründe für die eigene Position hat (Haidt 2013). In einer solchen Umgebung spielen epistemische Erwägungen eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht darum, Andere zu verstehen, etwas über die Welt oder sich selbst zu lernen, und nicht einmal darum, eine gute Entscheidung zu treffen („post-truth“). Es geht darum, Teil einer sozialen Gruppe zu sein, die sich gegen andere soziale Gruppen – im Zweifel auch mit auf Fake News basierender Hetze – durchsetzt.
Lange wurde die Digitalisierung als Treiber von Partizipation und Demokratie gesehen. Inzwischen ist man jedoch weniger optimistisch. Selbst wenn die sozialen Medien unzählige Möglichkeiten für einen partizipativ-inklusiven Austausch bieten, ist der Ton in vielen digitalen Debatten dramatisch verroht und mit sozialen Sanktionen verbunden. Dies reduziert praktisch die Beteiligung für viele Menschen und könnte zu Schweigespiralen führen (Noelle-Neumann 2001). Dabei hätte der digitale Raum alles, was es für konstruktiven Streit bedürfte; Redebeiträge könnten in Ruhe vorbereitet werden, es gäbe Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Gründe, von persönlichen Befindlichkeiten könnte abstrahiert und sich auf die Sache konzentriert werden, und Debatten könnten zielorientiert (manuell oder automatisiert) moderiert werden.
Tatsächlich ist aber oft das genaue Gegenteil der Fall: Debatten im Netz sind in erster Linie aufmerksamkeitsgetrieben und vor allem von Beschleunigung und dem Ausdruck moralischer Emotionen geprägt (Pörksen 2019; Pörksen und Detel 2012). Das liegt zum Teil am Geschäftsmodell der sozialen Medien, aber auch daran, dass Debatten dort von Selbstdarsteller(inne)n und Saboteur(inn)en geprägt werden, die persönliche, kommerzielle oder politische Interessen mit den verschiedensten Mitteln (von Bots bis zum Kauf von Beiträgen mit Fake News, Hetze und Propaganda) verfolgen (Jaster und Lanius 2020; Benkler et al. 2018). Selbst kleine Eingriffe solcher strategischer Akteure können aufgrund der Mechanismen der Debatte zur Durchsetzung falscher und unbegründeter Mehrheitsmeinungen führen (O'Connor und Weatherall 2019). Tatsächlich werden allerdings ganze Kampagnen geführt, nicht nur um falsche Mehrheitsmeinungen herbeizuführen, sondern um die gesamte Debatte und damit die demokratischen Institutionen als solche zu unterminieren (Woolley und Howard 2019; Benkler et al. 2018; Garrett 2017) Daher kommt es gerade in den sozialen Medien ganz wesentlich darauf an, strategisches Handeln zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren – um es im besten Fall zu einem kommunikativem Handeln und damit wieder in einen konstruktiven Streit zu überführen.
Streitgespräche im Netz verlaufen aber auch dann oft unkonstruktiv, wenn keine Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) involviert sind. Auch aufrichtige Personen vergessen in den sozialen Medien immer wieder, dass ihre Gesprächspartner(innen) echte Menschen mit Interessen und Gefühlen sind. Die Distanz zum Gegenüber verringert unsere Fähigkeit der Empathie (Suler 2004). Zugleich antizipieren wir durch die (Teil-)Öffentlichkeit der sozialen Medien ein Publikum, vor dem wir unser Gesicht verlieren könnten und das unser Handeln sozial beurteilt. Eine falsche Äußerung kann zu sozialen Sanktionen innerhalb der eigenen Gruppe führen; eine richtige Äußerung hingegen kann helfen die soziale Stellung innerhalb der eigenen Gruppe zu verbessern. Dadurch fällt es schwerer, Fehler einzugestehen oder in einem Streitgespräch nachzugeben. Die epistemischen Ziele rücken in den Hintergrund, was zu einem Mangel an Relevanz, Sachlichkeit, Präzision und Begründungen in der Diskussion führt.
Bei Debatten im Internet gilt es also in besonderem Maße, sich die Fallstricke sowohl unserer Psychologie als auch der sozialen Medien bewusst zu machen, sie zu vermeiden und aktiv die Vorteile der digitalen Kommunikation zu nutzen. Denn Redebeiträge im Netz können in Ruhe vorbereitet werden, indem wir die Funktionslogik der sozialen Medien bewusst unterlaufen, nicht direkt auf emotional aufgeladene Beiträge reagieren und uns stattdessen Zeit lassen mit unseren Antworten. Dann gibt es Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Positionen und Gründe, bevor wir etwas teilen oder kommentieren. Zudem können wir von persönlichen Befindlichkeiten abstrahieren; die Emotionen, die manchmal hochkochen, wieder abkühlen lassen, so dass auch leidenschaftliche Streitgespräche sachlich geführt werden können. Noch wichtiger ist jedoch, dass (digitale wie analoge) Debatten zielorientiert moderiert werden. Die Wahrnehmung und Befolgung von Gesprächsnormen hängt von der jeweiligen Situation ab und ist veränderbar. Im Netz wird immer wieder durch Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) aktiv versucht, Gesprächsnormen zu unterminieren. Dem kann man entgegentreten, indem die Ziele und entsprechenden Normen explizit kommuniziert und Beiträge nachträglich gefiltert werden (Engelmann et al. 2022). Dabei sollte primär auf die oben aufgeführten Kriterien geachtet werden – und weniger auf die konkreten Inhalte der Beiträge. Zudem könnten (mehr oder weniger subtile) Anforderungen für ein Geben von Gründen und Reagieren auf Gründe gestellt werden – etwa durch eine (algorithmische) Strukturierung der Debatte entlang epistemischer Kriterien. Insgesamt bieten die sozialen Medien in jedem Fall eine Unmenge an noch ungenutzten Möglichkeit der Entschleunigung, Zivilisierung und Epistemisierung der Debatte.
Literaturverzeichnis
Bail, Christopher A., Lisa P. Argyle, Taylor W. Brown, John P. Bumpus, Haohan Chen, M. B. Fallin Hunzaker, Jaemin Lee, Marcus Mann, Friedolin Merhout, und Alexander Volfovsky. 2018. Exposure to Opposing Views on Social Media Can Increase Political Polarization. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 115 (37): 9216–9221.
Bayer, Klaus. 2011. Argument und Argumentation: Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse, 2. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
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Betz, Gregor. 2010. Theorie dialektischer Strukturen. Frankfurt am Main: Klostermann.
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Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen
Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.de, Reclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!
Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.
Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.
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Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.
Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.
Rezensionen zum Buch
Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)
Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)
Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)
Weitere lesenswerte Bücher zum Thema
- Cailin O'Connor & James Owen Weatherall: The Misinformation Age: How False Beliefs Spread, Yale University Press, 2019.
- Lee McIntyre: Post-Truth, MIT Press, 2018.
- Vincent F. Hendricks & Mads Vestergaard: Postfaktisch. Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien, Blessing, 2018.
- Yochai Benkler, Robert Faris & Hal Roberts: Network Propaganda: Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics, Oxford University Press, 2018.
- Michiko Kakutani: The Death of Truth, William Collins, 2018.
- Ingrid Brodnig: Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik manipulieren, Brandstätter-Verlag, 2017.
- Karoline Kuhla: Fake News, Carlsen Verlag, 2017. (Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler)
- Wolfgang Schweiger: Der (des)informierte Bürger im Netz: Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern, Springer, 2017.
Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können
In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.
Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?
In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.
Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?
Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem eines: recht behalten. Glaubt man Psychologen, ist das ist auch nicht verwunderlich. Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, empfinden wir als Störfaktoren. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "kognitiver Dissonanz". Wenn wir die verspüren, haben wir vor allem einen Impuls: die Argumente des Gegenübers zu entkräften.
Das ist nicht so irrational, wie es klingt. In einer Demokratie entscheiden schließlich alle Bürger darüber, was geschieht. Je mehr Menschen wir von unserer Meinung überzeugen, desto wahrscheinlicher werden politische Entscheidungen, die uns gefallen. Doch wie überzeugt man überhaupt jemanden von seiner Meinung?
Viele Menschen kritisieren das politische Gegenüber direkt oder konfrontieren es sofort mit der eigenen Meinung. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.
Wir können verstehen lernen
Eines der berühmtesten Experimente hierzu stammt aus den USA. Die Forscher gaben ihren Versuchsteilnehmern hierfür einen erfundenen Zeitungsartikel zu lesen. Darin stand die These, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Anschließend bekamen die Probanden starke Belege dafür, dass diese Information falsch ist – darunter ein Zitat des damaligen Präsidenten George W. Bush, in dem dieser die Existenz der Waffen verneint. Das Ergebnis der Studie war erstaunlich. Nicht nur glaubten vor allem konservative Versuchsteilnehmer weiter an die irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie waren von ihrer Position sogar noch stärker überzeugt als vorher.
Zwar ist noch nicht belegt, dass Menschen im Angesicht konträrer Informationen tatsächlich im Sinne des backfire effect ihre Überzeugungen verhärten. Mit Sicherheit wissen wir jedoch, dass es gar nicht so einfach ist, eine andere Person von ihrem Standpunkt abzubringen. Für viele Menschen scheint es eine große Überwindung zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Bisweilen scheint durch eine Meinungsänderung nicht nur ein politischer Standpunkt, sondern auch das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken zu geraten. Wer überzeugen will, sollte also vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, als Person abgewertet zu werden.
Der Philosoph Daniel Dennett hat in Anlehnung an den Psychologen Anatol Rapaport vier Regeln aufgestellt, die dabei helfen können. Glaubt man Dennett, beginnt eine gute Kritik immer damit, dass der Diskutant zuerst in eigenen Worten wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat. Dann stellt er heraus, worin sich beide einig sind, und macht drittens explizit, was er vom Gegenüber gelernt hat. Erst dann – im letzten Schritt – legt der Diskutant möglichst präzise dar, warum er anderer Meinung ist. Wer seine Kritik derart höflich und konstruktiv formuliert, erhöht laut Dennett seine Chancen, gehört zu werden. Womöglich kann er sogar leichter das Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.
Es gibt aber noch ein anderes Ziel, das man sich in einer Debatte setzen kann: zu verstehen, wie der andere denkt. In westlichen Gesellschaften scheint das momentan ein Problem zu sein. Über die Anderen denken wir zunehmend nur noch in Stereotypen: Wer bei Pegida mitläuft, ist ein Rassist, wer Flüchtlingen hilft, hat den Bezug zur Realität verloren. Dieses Denken führt dazu, dass sich die Menschen in ihren politischen Meinungen zunehmend radikalisieren.
Das Problem ist bloß: Die allerwenigsten Menschen entsprechen in Wahrheit diesen Stereotypen. Oft sind unsere Vorstellungen vom Anderen einfach falsch. Diskussionen können dieses Denken aufbrechen.
Ein Mittel, um Diskussionen besser zu machen: offene Fragen
Das geht allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Und es gelingt nicht immer. Gespräche können auch – ganz im Gegenteil – dazu führen, dass Stereotype verstärkt werden. Unsere Meinungen verfestigen sich dann, Unverständnis und Intoleranz wachsen.Wie kann man ein Gespräch also angehen, wenn man es richtig machen will? Ein einfaches Mittel sind offene Fragen. Sie eignen sich besonders gut, um etwas über unseren Gesprächspartner herauszufinden. Jede Frage, die sich nicht nur mit Ja oder Nein beantworten lässt, gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, in seine Gedankenwelt Einblick zu geben. Gute Fragen in einer Debatte sind also: "Warum denken Sie das?" Oder: "Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit diesem Problem umgehen?"Offene Fragen sind übrigens auch eine wirksame Strategie, um Schwächen in der Position des Gegenübers aufzudecken. Studien zeigen, dass Menschen massiv ihr Verständnis komplexer Zusammenhänge überschätzen. In einer Diskussion kann es daher ratsam sein, zu fragen: "Wie erklärt sich das Ihrer Meinung nach?" Oder: "Wie hängt das in Ihren Augen zusammen?" Geschicktes Fragen kann dem Gegenüber klarmachen, dass sein Verständnis des Themas begrenzt ist.Wie wirkungsvoll offene Fragen sein können, hat der afroamerikanische Musiker Daryl Davis gezeigt. Davis, eigentlich ein Pianist und Bluesmusiker, führt seit Jahren Gespräche mit Mitgliedern des rechtsextremen Ku-Klux-Klans. Doch statt sie zu kritisieren, stellte er ihnen offene Fragen. Eine Frage lautete sinngemäß: "Warum glaubst du, dass Schwarze gewalttätiger sind als Weiße?" Obwohl Davis selbst immer wieder von Rassismus betroffen war, interessierte er sich aufrichtig für die Frage, wie die Mitglieder zu ihrem rassistischen Weltbild kamen. Die Methode hatte offenbar Erfolg: Nach den Gesprächen lösten sich Teile des Ku-Klux-Klans im Bundesstaat Maryland auf.
Es gibt aber noch einen dritten Grund, mit politisch Andersdenkenden zu diskutieren: der eigene Erkenntnisgewinn. Eine Diskussion, das vergessen wir oft, ist ein extrem gutes Mittel, um die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Das ist auch deshalb entscheidend, weil wir Menschen zu Denkfehlern neigen.
Ein besonders häufiger Denkfehler ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder confirmation bias. Die bekannteste Studie hierzu stammt aus Großbritannien. Der Denkpsychologe Peter Wason bat seine Studierenden, die Regel hinter einer von ihm ausgedachten Zahlenreihe herauszufinden. Die Reihe lautete: 2,4,6. Fast alle Studierenden waren anschließend der Ansicht, dass die Regel darin bestünde, dass einfach jedes Mal eine zwei addiert werde.
Die Studierenden durften anschließend weitere Zahlenreihen nennen, um zu prüfen, ob sie mit ihrer Hypothese richtig lagen. Die meisten Studierenden prüften ihre Hypothese, indem sie weitere Zahlenreihen bildeten, die der Regel "Addiere 2!" folgten. Also: 8,10,12 oder 6,8,10.
Damit jedoch gingen sie dem Bestätigungsfehler auf den Leim. Sie hatten nicht mehr nach der Wahrheit, sondern ausschließlich eine Bestätigung für ihre Hypothese gesucht. Für die Studie wäre es jedoch klug gewesen, auch Zahlenreihen der Form "1,2,3" oder "7,2,1" abzufragen. Hätten die Studierenden das getan, hätte sich schnell die Regel herausgestellt, die der ursprünglichen Zahlenreihe zugrunde lag. Sie lautete nämlich schlicht: "Addiere irgendeine Zahl!"
Streitgespräche müssen kein Kampf sein
Studien zeigen immer wieder, dass wir viel besser darin sind, die Denkfehler anderer zu erkennen als unsere eigenen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Austausch von Argumenten also sehr viel effizienter und effektiver als das individuelle Abwägen von Gründen. Daher sind Diskussionen so nützlich für den Erkenntnisgewinn.
Wie sollte man also in ein Streitgespräch hineingehen, wenn man möglichst schlau wieder herauskommen will? Es geht im Wesentlichen darum, die richtige Haltung zu finden. Die Kampfmetaphorik, mit der wir Streitgespräche beschreiben, suggeriert, dass wir eine Debatte gewinnen müssen oder zumindest unsere Position erfolgreich verteidigen. Wenn wir das nicht schaffen, fühlen wir uns schlecht. Das Gegenüber wird damit zum Gegner in einem Duell, der uns gefährlich werden kann und den wir besiegen müssen.
Diese Haltung hat jedoch in erster Linie negative Konsequenzen. Adrenalin wird ausgeschüttet, weil wir uns bedroht fühlen. Das führt dazu, dass wir zwar schneller und rhetorisch geschickter reagieren können. Wir sind aber auch weniger aufnahmefähig, weniger empathisch und weniger zugewandt.
Streitgespräche müssen jedoch keine Kämpfe sein, die in Siegen oder Niederlagen enden. Wir können sie als kooperative Unterfangen verstehen, bei denen wir voneinander lernen. Dann kann eine Niederlage auch einmal ein Sieg sein. Zum Beispiel dann, wenn man eine nicht haltbare Überzeugung angesichts guter Gründe aufgibt. So zu denken, ist sicherlich viel verlangt. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf ZEIT ONLINE am 21. September 2018 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D18.
Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können, erklärt Romy in diesem Video:
Was die Aktion "Deutschland spricht" für die Diskussionskultur bedeutet, erläutert David in diesem Interview:
Was ist gute Streitkultur?
Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.
Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.
Herr Lanius, Wann haben Sie zum letzten Mal gestritten?
Gerade eben, mit meiner Partnerin.
Worum ging es?
Um die ganz klassischen Dinge; wie wir Arbeit und Partnerschaft unter einen Hut bringen. Wir streiten oft. Es ist wichtig, Konflikte offen auszutragen. Und das ist ja nicht nur in einer Beziehung so, sondern, wenn ich das mal so grundsätzlich und pathetisch sagen darf, auch in einer Demokratie.
Das müssen Sie jetzt natürlich auch sagen: Sie forschen über Populismus am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie, arbeiten auch als Argumentationstrainer. Warum finden sie das Streiten so wichtig?
Aus mindestens drei Gründen. Erstens denke ich, dass nur Streit zuverlässige Erkenntnis bringt. Das ist in der Wissenschaft besonders deutlich: Als Wissenschaftler erlange ich Wissen, indem ich mich kritisch und im besten Fall auch selbstkritisch mit den Einsichten meiner Kollegen auseinandersetze. Erst im Streit kann ich erkennen, ob meine Argumente stimmig sind. Erst in Abgleich mit anderen Theorien, Perspektiven und Überzeugungen kann ich überprüfen, ob ich nicht kognitiven Verzerrungen oder logischen Fehlschlüssen unterlegen bin. Das gilt insbesondere auch für die Gründe, die andere Menschen für ihre Überzeugungen und gegen meine Position anführen.Zweitens erfahre ich in einem Streit nicht nur viel über die Sache, über die wir streiten, sondern auch über die Person, mit der ich streite: Wer ist das? Was bewegt sie? Wieso denkt sie, was sie denkt? In jeder sozialen Konstellation, in der ich mit anderen Menschen kooperieren möchte, ist es essentiell, miteinander im Gespräch zu bleiben, sie anzuhören und mit ihnen Gründe auszutauschen. Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Freundschaften, Vereine, Unternehmen oder unsere Gesellschaft als Ganzes.Und das ist der dritte Grund: Unsere Demokratie lebt von der politischen Auseinandersetzung – vom Streit. Nur durch ständige öffentliche Debatte können wir erfolgreich unsere Interessen koordinieren. Nur im Streit klären wir, was uns als Gesellschaft wichtig ist, welche Werte wir ganz grundsätzlich vertreten wollen und welche politischen Entscheidungen wir als Gesellschaft zu tragen bereit sind.
Am Anfang einer Trainingseinheit steht ja oft die Bestandsaufnahme. Fangen wir doch damit an: Wie steht es um die Streitkultur in Deutschland?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin Philosoph, kein Soziologe. Und selbst wenn ich Soziologe wäre, gibt es keine unkontroverse Art, wie man die Qualität gesellschaftlicher Streitkultur angemessen operationalisieren kann. Es hängt von zu vielen Faktoren ab, was es bedeutet, dass in einer bestimmten Situation gut oder schlecht gestritten wird. Zudem gibt es meines Wissens nach keine systematische Untersuchung dieser Frage. Daher werde ich von anekdotischer Evidenz ausgehen, um Ihre Frage zu beantworten.Häufig wird ja behauptet, dass sich die Streitkultur verschlechtert, dass wir Deutschen verlernt hätten zu streiten. Meine Beobachtungen bestätigen jedoch nicht, dass die Streitkultur früher wirklich besser war und man in den 1920er oder 1960er Jahren am Stammtisch oder im Parlament auf gepflegtere Art Argumente ausgetauscht hat. Ich glaube noch nicht einmal, dass sich der Ton dramatisch verschärft hat. Vieles von dem, was heute die AfD sagt und worüber die Empörung dann groß ist, wäre in der CDU/CSU oder der SPD in den 1980er oder 1990er Jahren überhaupt nicht als anstößig aufgefallen.
Aber trotzdem könnten wir besser streiten, oder?
Auf jeden Fall!
Was sind typische Fehler beim politischen Streit?
Es gibt strukturelle Gründe für manche Fehler, die immer wieder begangen werden, die sich jedoch in der öffentlichen Debatte und im privaten Gespräch unterscheiden. Bedauerlicherweise werden Politiker in der Regel gecoacht, in öffentlichen Debatten möglichst viel Redezeit einzunehmen und das Gespräch zu dominieren – mit dem Effekt, dass sie häufig ihrem Gegenüber nicht zuhören, seine Position falsch oder verzerrt wiedergeben und nicht inhaltlich, sondern rein rhetorisch auf seine Einwände reagieren. Das liegt an den spezifischen Interessen der Politiker, die in solchen Debatten weder Erkenntnis suchen noch auf Austausch oder Kooperation aus sind. Sie wollen Aufmerksamkeit und letztlich Wählerstimmen gewinnen. Leider lassen sich nicht nur Politiker, sondern oft auch Journalisten und andere Debattenteilnehmer von solchen Fehlanreizen verleiten.Umgekehrt kann man im privaten Bereich bisweilen zu viel falsch verstandenen Respekt – eine falsch verstandene Zurückhaltung – beobachten. Häufig denken gerade jüngere, progressive, gebildete Menschen, dass jedes Argument irgendwie richtig sei und es Priorität habe, den Anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen. Das führt dazu, dass heikle Themen oft gar nicht angesprochen werden. Man will niemanden verletzen oder zu nahetreten. Dabei könnten wir die persönliche Nähe etwa zu einem Verwandten, der andere politische Ansichten hat, auch als Ressource für ein gutes politisches Gespräch ansehen. Wenn Menschen offen miteinander reden, verstehen sie sich besser und neigen weniger zu Extremen.
Eine Strategie, dem Streit auszuweichen, besteht doch auch in dem in eher linken Kreisen beliebten Privilegien-Argument: „Ich diskutiere nicht mit dir, weil du ein weißer Mann bist und daher das Problem, über das wir hier sprechen, überhaupt nicht kennst.“
Diese Strategie kann es sehr schwierig machen, ein Streitgespräch konstruktiv zu führen. Ich würde da allerdings gerne zwei Ebenen unterscheiden. Wir alle nehmen bestimmte Positionen in der Gesellschaft ein, erfahren dadurch strukturelle Bevorzugungen oder Benachteiligungen und nehmen damit eine bestimmte Perspektive auf uns und andere ein. Unter bestimmten Umständen kann es daher sinnvoll und wichtig sein, das Gegenüber darauf hinzuweisen, das es bestimmte Dinge (vermutlich) nicht sieht, weil ihm entsprechende Erfahrungen fehlen.Auf der sachlichen Ebene beinhaltet diese Strategie hingegen einen Fehlschluss. Es handelt sich um ein Ad Hominem-Argument: Was du sagst, ist falsch oder irrelevant, einfach nur weil du bist, wer du bist. Das ist natürlich Unsinn. Nichts folgt aus meinem Weiß- oder Männlich-Sein über die Wahrheit oder Falschheit meiner politischen Äußerungen – ob zum Beispiel eine bestimmte Handlung sexistisch oder rassistisch ist. Allerdings ist es gerade in Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen häufig auch sachlich zielführend, Privilegien zu benennen und das direkt am Gegenüber zu markieren. In einem guten Streitgespräch können solche Themen genauso diskutiert werden wie zum Beispiel die letzte Fußballweltmeisterschaft.
Immer wieder wird sich ja auch über die Streitkultur im Internet beklagt.
Auch hier würde ich vor einem vorschnellen Urteil zurückscheuen. Ich bin viel im Netz unterwegs. Es gibt viele Beispiele von gelungenen Diskussionen, in denen sich die Leute große Mühe geben, respektvoll und sachlich miteinander zu reden. Ich finde es auch großartig, welche Möglichkeiten die sozialen Netzwerke bieten, mit Menschen mit anderen politischen Meinungen in Kontakt zu kommen.Die These der digitalen Filterblase ist nicht haltbar. Mit ein, zwei Klicks zerplatzt die Blase und ich bin in einer Diskussion mit radikalen Feministen, Kreationisten oder populistischen Merkel-Gegnern. Vielleicht erschrecken die Menschen auch deswegen über den Ton in den sozialen Netzwerken so sehr, weil sie im analogen Leben diese Auseinandersetzungen weit seltener erleben. Denn tatsächlich bewegen wir uns ja im analogen Leben viel mehr in Echokammern, viel mehr unter Gleichgesinnten, als das im Netz der Fall wäre.
Damit kommen wir zu einer Frage, die sich vermutlich sehr viele unserer Leser stellen: Wie kann man mit Rechten streiten? Bevor man da nach Antworten sucht, muss man sich natürlich auch fragen: Soll man überhaupt mit Rechten streiten?
Auf jeden Fall! Allerdings ist ja nicht immer unmittelbar klar, wer oder was "die Rechten" überhaupt sind. Ich spreche lieber von Menschen mit rechtsextremen, rechtspopulistischen oder vielleicht sogar nur konservativen, reaktionären oder patriotischen Überzeugungen. Aber in jedem Fall sollte man mit Menschen sprechen, die eine andere Meinung haben – auch Meinungen, die man kategorisch ablehnt.Ich mache das zum Einen aus einem ganz persönlichen Interesse. Es ist doch wahnsinnig spannend, zu erfahren, was Menschen umtreibt, was ihnen Sorgen bereitet, was für Gründe sie anführen, welche Sicht sie auf die Welt und andere Menschen haben. Und auch politisch finde ich es sinnvoll, mit der AfD ins Gespräch zu kommen.Dabei laufen wir zwar einerseits Gefahr, die AfD zu sehr zu hofieren und ihren Positionen zu viel Raum zu geben, so dass sich als Reaktion die Standards des öffentlichen Diskurses verschieben, etwa bei der Frage, wie wir mit Geflüchteten in Deutschland umgehen. Das Problem besteht dabei in den Bildern und Narrativen, die die AfD durch Framing erzeugt. Die Ereignisse des Jahres 2015, als relativ viele Menschen nach Deutschland flüchteten und die Politik nur schleppend darauf reagierte, wurden mit Begriffen wie "Flüchtlings-Tsunami", "Umvolkung", "großer Austausch" oder "muslimische Invasion" beschrieben. Die Bilder, die dadurch erzeugt werden, haben leider einen großen Einfluss auf unser Urteil über diese Ereignisse.Auf der anderen Seite ist es jedoch keine Lösung, die Vertreter der AfD nicht mehr in Talkshows einzuladen oder sie aus Fußballvereinen zu werfen. Damit bestätigt man letztlich nur das Weltbild vieler AfD-Anhänger. Dieses besagt ja gerade, dass es in Deutschland weder Demokratie noch Meinungsfreiheit gebe. Da ist der Vorwurf der "korrupten Eliten" oder "Lügenpresse" nicht weit.Ich denke daher, dass man sowohl im privaten Diskussionen als auch in öffentlichen Debatten durchaus auch einmal radikale Positionen zu Wort kommen lassen sollte, um daraufhin jedoch höflich, klar und begründet seine eigene Position zu vertreten. Man sollte gerade in Situationen mit Publikum (wie Talk-Shows, aber eben auch Facebook-Walls) ganz klar ansprechen, wo man anderer Meinung ist, und dabei auf das Framing achten. Man kann die Position des Gegenübers wiedergeben, ohne dessen Bilder und Narrative zu verwenden.Das nennt man dann Reframing. Es ist eine traurige Tatsache, dass viele rechtspopulistische Frames (wie das der "Altparteien" oder des "Flüchtlings-Tsunamis") auch von demokratischen Politikern und Medienvertretern aufgenommen wurden und die AfD damit in der Tat die Debatte zu ihren Gunsten verändert.
Kann man denn wirklich einen AfD-Politiker von einer anderen Meinung überzeugen?
Das ist das klassische Argument der Diskussionsverweigerer: „Das sind Nazis; mit denen braucht man nicht zu sprechen.“ Damit macht man es sich aber zu leicht. Es ist natürlich richtig; ich werde Alice Weidel oder Alexander Gauland nicht von meiner Position überzeugen. Doch viele politische Streits werden ja nicht geführt, um das Gegenüber von seiner Position zu überzeugen. Oft ist der eigentliche Adressat das Publikum. Weil es eine Bundestagsdebatte verfolgt, weil es eine Talkshow sieht, weil es einen Diskussionsverlauf in einem Facebook-Newsfeed, Forum oder die Kommentare unter einem Video oder Zeitungsartikel liest.Grundsätzlich sollte man sich jedoch von der Vorstellung verabschieden, dass es in Streitgesprächen darum ginge, das Gegenüber, oder überhaupt irgendwen, zu überzeugen. Ich denke, dass wir mehr Bereitschaft zeigen sollten, von Anderen zu lernen und im Zweifel auch einmal einzugestehen, dass wir uns geirrt haben. Wir müssen von der absurden Idee wegkommen, dass es schlecht sei, zuzugeben, dass der Andere recht hat.Meine These lautet: Streitgespräche werden umso konstruktiver, je mehr wir die Meinungen der Anderen respektieren und aufrichtiges Interesse an den Gründen für diese Meinungen und an den Gründen haben, die sie gegen die eigene Meinung anführen. Ich bin optimistisch, dass sich dann am Ende die Meinungen durchsetzen werden, für die die besten Gründe sprechen.
Wirklich?
Es ist es natürlich schwierig, ein konstruktives Gespräch zu führen, wenn gemeinsame Grundlagen fehlen und das Gegenüber nicht bereit ist, auf Gründe zu reagieren. Ich denke jedoch, dass man sogar Verschwörungstheoretikern rational begegnen kann – und zwar indem man auf der Meta-Ebene ansetzt. Man muss also die großen Fragen klären: Wie erlange ich Wissen? Welchen Quellen kann ich vertrauen?Da zeigt sich dann, wo sich Widersprüche im Weltbild des Verschwörungstheoretikers auftun. Beispielsweise, dass er bestimmten Quellen willkürlich sein Vertrauen schenkt und es anderen genauso willkürlich abspricht. Diese Einsicht muss der Verschwörungstheoretiker jedoch selbst gewinnen – es wird nur in den seltensten Fällen helfen, ihn direkt darauf aufmerksam zu machen. Fragen sind übrigens allgemein eine sehr viel effektivere Methode im Streitgespräch, als viele Menschen denken!
Wenn man Ihre Analyse des AfD-Programms liest, fällt die Katastrophenrhetorik besonders auf, eine Semantik der Sorge. Inwiefern sollte man solche Sorgen ernst nehmen?
Zunächst einmal sollte man genau hinsehen. Was sind diese Sorgen? Wer hat sie? Wer hat sie wirklich? Die AfD ist daran interessiert, Empörung und Angst zu schüren. Einerseits sind Empörung und Angst Emotionen, die hohen Aufmerksamkeitswert versprechen. Nachrichten, die solche Emotionen auslösen, verbreiten sich schneller in den sozialen Netzen und bleiben besser in Erinnerung.Andererseits geben sie der AfD eine Art Existenzberechtigung; denn nur wenn "die da oben" – die demokratischen Institutionen, die EU und die Medien – mit der akuten Gefahr durch "die Anderen" – die Geflüchteten und die Muslime – überfordert oder sogar dafür verantwortlich sind, braucht es eine "Alternative für Deutschland", die "den Willen des Volkes" kennt und ihm wieder zur Geltung verhilft. Die AfD spricht damit Menschen an, die tendenziell ein geschlossenes Weltbild haben, an das man von außen kaum mehr herankommt. Sie sind quasi fakten-resistent. Wenn ich ihnen einen Beleg für meine Thesen präsentiere, ist es einfach für sie zu sagen, dass er unglaubwürdig – weil Produkt des korrupten Systems – ist.Das sind im Grunde Verschwörungstheorien. Sie immunisieren sich gegen Kritik, indem sie eine passende Erklärung für jeden Einwand und jede Richtigstellung mitliefern – warum die Politik, die Medien, die Wissenschaft uns gezielt täuschen. Man muss also identifizieren, welche Sorgen in der Bevölkerung tatsächlich vorhanden und welche davon auch begründet sind. Manche Sorgen existieren nur in der AfD-Rhetorik. Andere Sorgen existieren zwar in bestimmten Teilen der Bevölkerung, sind aber letztlich gegenstandslos – weil sie auf Fehleinschätzungen beruhen und im Extremfall auf Verschwörungstheorien. Wieder andere Sorgen sind in der Tat begründet; beispielsweise, dass immer mehr Menschen mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommen.
Was sollte man außerdem noch beachten?
Wenn man sich auf einen Streit einlässt, muss man wirklich bereit sein, zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht. In der Philosophie sprechen wir vom „Prinzip des interpretativen Wohlwollens“. Das fehlt oft bei der Auseinandersetzung mit der AfD – gerade auch von Vertretern der Medien oder der demokratischen Parteien.Etwa in der Berliner Runde zur Bundestagswahl 2017 versuchten die Moderatoren mit Suggestiv-Fragen Jörg Meuthen an die Wand zu spielen. Sie fragten ihn: "Was haben Sie sich für diese Legislaturperiode vorgenommen – Krawall und Populismus wie bisher oder wollen Sie eine konstruktive Opposition sein?" Das ist selbst kein konstruktiver Gesprächsbeitrag – unterstellt er doch von vornherein, dass die AfD nicht konstruktiv arbeiten will.Auch gibt es immer wieder abwertende Parlamentsreden von Politikern der demokratischen Parteien. Ein Beispiel möchte ich hier nennen, weil es ein großer viraler Erfolg war und von Feuilletons in der ganzen Republik hochgelobt wurde: Die Replik von Hans-Ulrich Rülke (FDP) auf eine Rede von Jörg Meuthen im baden-württembergischen Landtag letztes Jahr gilt für Viele als Musterfall, wie man mit der AfD umgehen sollte. Dabei war sie kaum mehr als eine pointierte und vor allem polemische Stammtischrede, die keinen Punkt der AfD inhaltlich aufgriff, sondern sich vor allem über sie lustig machte. Solche rhetorischen Manöver haben das Ziel, bestimmte Meinungen und Argumente erst gar nicht in der öffentlichen Debatte zuzulassen.Leider spielt man hier der AfD in die Hände, weil man sie scheinbar in ihrer Opferrolle und ihren Behauptungen zu Meinungsfreiheit und Zensur in Deutschland bestätigt. Diesen Gefallen sollten wir ihnen jedoch nicht tun. Auf dieses von der AfD systematisch eingesetzte Argumentationsmuster sollte man vielmehr mit kühler Sachlichkeit reagieren, indem man inhaltliche Punkte aufgreift und, wo erforderlich, differenziert und klar widerlegt.
Welche Argumentationsmuster verwendet die AfD zum Beispiel noch?
Was man bei der AfD immer wieder beobachten kann, ist die Taktik, erst einmal eine sehr starke Behauptung aufzustellen wie zum Beispiel: "In Deutschland wird ein Bevölkerungsaustausch geplant." Das provoziert und hat eine gute Chance, von den Medien aufgegriffen zu werden. Widerlegt man die Behauptung, läuft man Gefahr, sie zu wiederholen und zu ihrer Verbreitung noch beizutragen. Die schrille Provokation bleibt in Erinnerung, während die sachliche Widerlegung vergessen wird.Im Anschluss an solche Provokationen relativiert die AfD dann häufig wieder, was sie gesagt hat: "Das meinen wir gar nicht so." Oder noch radikaler; sie leugnet, dass es überhaupt Tatsachen gibt – frei nach dem Motto "Du hast deine Wahrheit, ich habe meine." oder mit den unsterblichen Worten von Trump-Sprecherin Kellyanne Conway: "Wir haben alternative Fakten."
Was lässt sich da erwidern?
Dieses Argumentationsmuster ist ungemein zynisch, denn es unterwandert jede sinnhafte Diskussion. Gerade weil unser Wissen über die Welt in einem kollektiven Prozess entsteht, müssen wir in der Auseinandersetzung überprüfen, welche Theorien und Begriffe die Welt am besten beschreiben. Wer behauptet, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, dürfte sich erst gar nicht auf die Diskussion einlassen. Tut er es doch, verfängt er sich in einen performativen Widerspruch. Er erhebt den Anspruch, dass es in einem intersubjektiven Sinn wahr ist, dass Wahrheit subjektiv ist. Darauf sollte man aufmerksam machen.
Was sind weitere typische Argumentationsweisen von Rechtspopulisten?
Weit verbreitet ist auch das Themen-Hopping. Dabei wird von einem Thema zum nächsten gesprungen und in einen einzelnen Redebeitrag beispielsweise der Verlust der Leitkultur, die Einführung der Scharia, der internationale Terrorismus und die leeren Sozialkassen untergebracht. Keine der Thesen wird klar formuliert und Argumente werden höchstens angedeutet. Darauf kann man in aller Regel nicht umfassend antworten. Stattdessen sollte man probieren, das Gespräch konkret auf ein einzelnes Thema oder Argument zurückzuführen.Auch wenn es schwerfällt, prinzipiell helfen immer Genauigkeit und Sachlichkeit – gerade auch gegenüber einem weiteren Argumentationsmuster, das Philosophen „Strohmann-Argument“ nennen. Dabei gibt man die Position des Gegenübers verzerrt, übertrieben oder schlicht falsch wieder und baut so, bildlich gesprochen einen Strohmann auf, den man leichter bekämpfen kann. Gerade erklärt die SPD-Politikerin, warum sie die Obergrenze für problematisch hält. Daraufhin entgegnet der AfD-Politiker, dass offene Grenzen nicht funktionieren werden. Das hatte sie aber gar nicht gefordert. Häufig fällt das jedoch niemandem auf – nicht einmal der Person, deren Position falsch dargestellt wurde.
Kann es sein, dass es vielen auch prinzipiell wohlmeinenden Menschen im Streit ohnehin gar nicht so sehr um das Gegenüber geht, als vor allem selbst gut dazustehen, vor sich selbst oder vor einem Publikum? Das vorgebliche Argumentieren und Kritisieren ist dann vor allem eine Art Pose.
Das ist in der Tat sehr verbreitet. Ich glaube jedoch, dass wir diese Haltung überwinden können. Zudem lassen sich Anreize schaffen, sicherzustellen, dass trotz dieser Haltung das Argumentieren und Kritisieren konstruktiv bleibt – zum Beispiel, indem wir gutes Streitverhalten sozial belohnen und schlechtes Streitverhalten sanktionieren. Dann steht man nur gut da, wenn man auch tatsächlich inhaltlich und im Ton konstruktiv streitet. Das bedeutet, Mechanismen zu entwickeln für eine Art "foolproof democracy" – eine Demokratie, die resistent ist gegenüber Populismus, Fake News und schlechtes Streitverhalten.
Gehören auch sehr moralische Argumentationsweisen zum schlechten Streitverhalten? Etwa wenn man den Anderen mehr oder weniger verschlüsselt sagt: Ich bin ein guter, liberaler, weltoffener Mensch und du nicht.
Gerade linksprogressive Menschen, die sich für besonders tolerant halten, verfallen gerne auf solche Argumentationsweisen. Sie sind nicht bereit über ihre Werte zu streiten, sondern kommen lieber mit dem tadelnden Zeigefinger und erheben sich damit moralisch über den Anderen. Das erzeugt eher eine Abwehrreaktion als Einsicht. Dabei kann man wunderbar über Werte streiten!Das erfordert jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Und wenn man mit Menschen diskutiert, die man nur als rassistische Nazis oder linksversiffte Gutmenschen wahrnimmt, fällt das schwer. Wenn man allerdings die Fähigkeit und Bereitschaft dazu mitbringt, empfiehlt es sich, die Werte des Gegenübers aufzugreifen und als Prämissen in den eigenen Argumenten zu verwenden – wie das beispielsweise Jörg Thadeusz in einem Interview mit Alexander Gauland getan hat, als er in der Verteidigung von SPD-Politikerin Aydan Özoğuz an bürgerliche Werte wie Anstand und Ehre appellierte. Das nennt man auch moralisches Reframing.
Wo kann man das Streiten üben?
Warum nicht im Internet? Das ein großartiger Ort, weil man sehr leicht mit andersdenkenden Menschen in Kontakt kommt. Zugleich kann man dort vergleichsweise gefahrlos streiten; in einer Nazi-Kneipe oder auf einer Pegida-Demo kann es dagegen ungemütlich werden, wenn man den falschen Ton trifft. Die digitale Diskussion kann man sofort verlassen, wenn es einem zu verrückt wird.Und das Diskutieren im Netz bietet noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man ist nicht unter demselben Zugzwang wie bei einer analogen Diskussion, in der man direkt auf das eben Gehörte reagieren muss. Man kann sich auch mal im Stuhl zurücklehnen oder kurz auf den Balkon gehen und seine Emotionen in die Welt schreien. Und dann wieder etwas ruhiger und entspannter an den Computer zurückgehen und eine überlegte Antwort schreiben.
Was sind die Anfängerfehler beim Streiten?
Ich denke, der größte Fehler ist ein Haltungsfehler – dass man das Streiten als Kampf ansieht, nicht als einen kooperativen Prozess, bei dem es um Erkenntnisgewinn und Austausch geht. Viele wollen einfach gewinnen, wenn sie streiten. Diese Haltung bewirkt jedoch biochemische Reaktionen, die sehr nachteilig für die Streitkultur sind: Adrenalin wird ausgeschüttet, als würde man einem Raubtier gegenüberstehen, als ginge es ums Überleben. Man reagiert aggressiv oder defensiv und ist weniger offen – mit der Konsequenz, dass man dem Anderen nicht mehr richtig zuhört und ihm schneller Dinge unterstellt, die er weder gesagt noch gedacht hat. Man baut also ganz unabsichtlich einen Strohmann auf oder bewegt sich sogar von vornherein nicht mehr auf einer inhaltlichen Ebene. Das kann man vermeiden, indem man sich sagt, dass man nichts verliert, sondern im Zweifel sogar gewinnt, wenn man sich von seinem Gegenüber überzeugen lässt.Ein häufiges Problem ist auch, dass so unspezifisch und vage geredet und kritisiert wird, dass weder das Gegenüber noch das Publikum irgendwo ansetzen können: „Deutschland muss sicherer werden, in Russland herrscht keine Demokratie, der Kapitalismus ist schlecht“ – es ist völlig unklar, was damit gemeint ist; bevor man darauf inhaltlich reagieren kann, muss zuerst geklärt werden, worum es überhaupt geht, was mit "sicher", "Demokratie" und "Kapitalismus" hier gemeint ist.
Woran erkennt man den Streitprofi?
Vereinfacht gesagt, der Streitprofi hört seinem Gegenüber genau zu, fragt im Zweifel nach, reagiert auch bei emotionalen Themen gelassen, formuliert präzise und gibt differenzierte Argumente für seine Überzeugungen. Am Wichtigsten ist jedoch: Der Streitprofi ist bereit, seine Überzeugungen zu revidieren, wenn er gute Gründe dafür hat.
Kann man denn überhaupt zu viel streiten?
Wenn man es richtig macht, nein!Das Interview erschien in dem Buch "Kritik üben", das eine Art Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung von Jakob Schrenk und Friedrich von Borries ist. Das Buch enthält darüberhinaus absolut lesenswerte Interviews von Irmhild Saake, Rahel Jaeggi, Harald Welzer, Armin Nassehi, Kevin Kühnert, Meredith Haaf und Thomas Macho.
Was sind Fake News?
An Fake News kommt man in jüngerer Zeit im öffentlichen Diskurs schwer vorbei. Diskussionsrunden in ganz Europa erörtern die Frage, wie man das Problem in den Griff bekommen kann; Forschungsprojekte versuchen, die Effekte von Fake News auf Politik und Gesellschaft zu bestimmen; Unternehmen wie Facebook sehen sich unter Druck, gegen Fake News vorzugehen.Aber was sind überhaupt Fake News? Unsere These ist, dass es sich bei Fake News um Berichterstattungen handelt, die in zweierlei Hinsicht problematisch sind. Erstens sind sie entweder falsch oder irreführend. Und zweitens verfolgen ihre Verfasser entweder eine Täuschungsabsicht oder sie sind der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Fake News weisen also zwei entscheidende Mängel auf: sie zeichnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und werden von Menschen in die Welt gesetzt oder verbreitet, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.
An Fake News kommt man in jüngerer Zeit im öffentlichen Diskurs schwer vorbei. Diskussionsrunden in ganz Europa erörtern die Frage, wie man das Problem in den Griff bekommen kann; Forschungsprojekte versuchen, die Effekte von Fake News auf Politik und Gesellschaft zu bestimmen; Unternehmen wie Facebook sehen sich unter Druck, gegen Fake News vorzugehen.Aber was sind überhaupt Fake News? Unsere These ist, dass es sich bei Fake News um Berichterstattungen handelt, die in zweierlei Hinsicht problematisch sind. Erstens sind sie entweder falsch oder irreführend. Und zweitens verfolgen ihre Verfasser entweder eine Täuschungsabsicht oder sie sind der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Fake News weisen also zwei entscheidende Mängel auf: sie zeichnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und werden von Menschen in die Welt gesetzt oder verbreitet, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.
Das falsche Bild der Wirklichkeit
Häufig werden Fake News als eine bestimmte Art der Falschmeldung verstanden. Im Duden etwa ist zu lesen, Fake News seien in den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen.Doch so eng die Verbindung zwischen Fake News und falscher Berichterstattung auch erscheint, nicht immer sind Fake News tatsächlich falsch. Häufig sind sie einfach irreführend: Eine wahre Information wird so ausgedrückt, dass über die reine – oft im wörtlichen Sinne wahre – Information hinaus falsche Informationen kommuniziert werden.Fake News haben häufig diese Form. Ein gutes Beispiel ist eine Meldung des US-amerikanischen Online-Portals Breitbart aus dem Januar 2017. Nachdem es in der Silvesternacht auf einem Platz in Dortmund zu einem Tumult unter, wie die Ruhr-Nachrichten schreiben, überwiegend jungen Männern gekommen war, meldete Breitbart, der “Mob” habe “Deutschlands älteste Kirche in Brand gesetzt”.
Wahr ist, dass es einen Brand gegeben hatte. Eine Rakete war in ein Fangnetz eines Baugerüstes geflogen, das an der Kirche angebracht war, und hatte es in Brand gesetzt. Wie die Feuerwehr meldete, sei der Brand klein und leicht zu löschen gewesen.In Anbetracht dieser Geschehnisse ist es demnach nicht falsch, dass die Gruppe die Kirche in Brand gesetzt hat. Dennoch, und das ist in unserem Zusammenhang der entscheidende Punkt, ist die Meldung hochgradig irreführend, denn es wird durch die Wortwahl allerlei Falsches kommuniziert. Es wird zum Beispiel kommuniziert, dass das Feuer mutwillig gelegt wurde, dass die Kirche selbst, und nicht nur ein Fangnetz, betroffen war und dass der Brand ein nennenswertes Ausmaß hatte. All das ist, wie wir wissen, falsch. Die Meldung zeichnet demnach ein falsches Bild von der Wirklichkeit, ohne eine tatsächlich falsche Behauptung aufzustellen.Es wäre daher verkürzt, Fake News als Falschmeldungen zu charakterisieren. Auch wahre, aber irreführende Meldungen können Fake News sein. Was alle Fälle von Fake News verbindet, ist, dass ein falsches Bild der Wirklichkeit gezeichnet wird.
Es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen
Ebenfalls eine Verkürzung – und eine gefährliche noch dazu – wäre es allerdings, Fake News schlichtweg als falsche oder irreführende Berichterstattung zu charakterisieren. Hier ist der Duden auf der richtigen Fährte, wenn er die Täuschungsabsicht ins Spiel bringt, die Verfasser von Fake News häufig verfolgen.Fiele die Täuschungsabsicht in der Definition einfach weg, wäre es nicht mehr möglich, Fake News von versehentlichen journalistischen Fehlern abzugrenzen. Diesen Unterschied zu markieren, ist aber von zentraler Bedeutung. Denn selbst im Falle fehlerhafter Berichte gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Berichterstattung seriöser Medien und Fake News. Der Unterschied besteht darin, dass seriöse Medien falsche oder irreführende Berichte nur versehentlich publizieren.
Die Verfasser von Fake News hingegen nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Häufig ist ihr Ziel in der Tat, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen und zu täuschen. Wenn Donald Trump behauptet, die Kriminalität in Deutschland sei in den letzten Jahren um 10% gestiegen, dann ist das nicht nur falsch, man muss auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eine Täuschungsabsicht verfolgt. Häufig sind Fake News also schlichtweg Lügen.
Allerdings besteht, und hier stößt die Definition des Dudens an ihre Grenzen, nicht immer eine Täuschungsabsicht. Manchmal stehen die Verfasser von Fake News der Wahrheit oder Falschheit ihrer Behauptungen auch schlichtweg gleichgültig gegenüber. Der Philosoph Harry Frankfurt spricht in solchen Fällen von “Bullshit”. Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordere nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.
Im Bereich von Fake News spielt Bullshit eine zentrale Rolle. Die wahrscheinlich prominentesten Bullshitter im Fake News-Geschäft sind die in den Medien breit verhandelten mazedonischen Teenager, die 2016 mit der Herstellung falscher und irreführender Meldungen Zehntausende Dollar verdienten. Aus Interviews mit diesen Teenagern wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, größtmögliche Klickzahlen zu generieren – ein klarer Fall von Bullshit.
Eine Definition von Fake News
Was also sind Fake News? Die Definition, die wir eingangs vorgestellt haben, lässt sich in einem Satz zusammenfassen:
Fake News sind Berichterstattungen, die entweder falsch oder irreführend sind, und von Menschen verbreitet werden, die entweder eine Täuschungsabsicht verfolgen oder der Wahrheit gegenüber gleichgültig sind.
Dieser Beitrag ist auch auf dem Blog von philosophie.ch erschienen. Mehr Hintergund zum Begriff der Fake News und ihrer Verbreitung in den sozialen Medien durch politische und kommerzielle Akteure gibt es in unserem neuen Buch "Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen" bei Reclam.
Zehn Regeln für eine gute Debatte
Viele halten es für Schicksal, ob eine Debatte eskaliert. Dabei kennt die Forschung Verhaltensweisen, die jedes Gespräch besser machen. Hier sind zehn Regeln für eine gute Debatte.
1. Versuchen Sie, wirklich zu verstehen
Hören Sie zu, wenn Ihr Gegenüber spricht, und versuchen Sie zu verstehen, worum es ihm im Kern geht. Fassen Sie zusammen, was bei Ihnen angekommen ist. Sie können zum Beispiel sagen: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist Ihre Sorge, dass …" oder "Ihr Punkt ist also, dass …" Nur so können Sie sicherstellen, dass Sie wirklich verstanden haben, was dem anderen wichtig ist. In der Theorie der gewaltfreien Kommunikation nennt man dieses Vorgehen "aktives Zuhören".
2. Bleiben Sie beim Thema
Menschen neigen in Diskussionen dazu, an entscheidenden Stellen abrupt das Thema zu wechseln oder in schneller Abfolge verschiedene Meinungen zu äußern. Das führt dazu, dass Streitpunkte aus dem Blick geraten, bevor Sie ihnen auf den Grund gegangen sind. Machen Sie das Parolenspringen nicht mit. Moderieren Sie das Gespräch und haken Sie nach: "Das scheint mir ein neuer Punkt zu sein. Können Sie mir erst noch erklären, was Sie gemeint haben mit …"
3. Stellen Sie so viele offene Fragen wie möglich
Stellen Sie Ihrem Gegenüber offene Fragen. Sie signalisieren damit den aufrichtigen Wunsch, die Position des Gegenübers zu verstehen, und schaffen sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene eine gute Grundlage für die weitere Diskussion. Die wichtigste Frage für eine gelingende Debatte ist: "Warum glauben Sie, dass …?"
4. Finden Sie Gemeinsamkeiten
In jedem Gespräch und mit jedem Gegenüber lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Machen Sie deutlich, worin Sie mit Ihrem Gegenüber übereinstimmen. Sie schaffen damit ein gutes Klima für die weitere Diskussion und finden heraus, an welchem Punkt Ihre Auffassungen auseinandergehen. Womöglich liegen Ihre Positionen weniger weit voneinander entfernt, als Sie ursprünglich dachten.
5. Belehren Sie Ihr Gegenüber nicht
Wer belehrt, demonstriert höhere Erkenntnis und ruft beim Gegenüber Abwehr hervor. Vermeiden Sie es, zu moralisieren. Fragen Sie lieber nach und stellen persönliche Bezüge her: "Ist es Ihnen selbst schon einmal widerfahren, dass …?"
6. Begründen Sie Ihren Standpunkt
Ihre Meinung ist wichtig. Aber durch das bloße Aufeinanderprallen von Meinungen ist noch nichts gewonnen. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist es entscheidend, warum Sie dieser Meinung sind. Begründen Sie Ihren Standpunkt und laden Sie Ihr Gegenüber ein, das Gleiche zu tun. Bloße Meinungsbekundungen und Polemisierungen bringen das Gespräch nicht weiter.
7. Interpretieren Sie wohlwollend
Stürzen Sie sich nicht auf die offensichtlichen Schwächen in den Argumenten Ihres Gegenübers. Versuchen Sie, jedes Argument in seinem bestmöglichen Sinn zu interpretieren und auf die stärkste Version des Punktes einzugehen – selbst wenn Ihr Gegenüber nicht in der Lage ist, das Argument in Perfektion zu entwickeln. In der Argumentationslehre nennt man diesen Grundsatz "Prinzip des Wohlwollens".
8. Üben Sie sachliche Kritik
Korrigieren Sie falsche Informationen. Decken Sie voreilige Schlüsse und Pauschalisierungen auf. Weisen Sie auf lückenhafte oder widersprüchliche Stellen in der Argumentation hin. Gehen Sie mit Ihrer Kritik jedoch sparsam um und vermeiden Sie, wenn möglich, offene Konfrontation.
9. Deeskalieren Sie
In Diskussionen kochen häufig Emotionen hoch. Achten Sie darauf, dass Ihr Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, wenn Sie Kritik üben. Bringen Sie gelegentlich Witz oder Ironie ein und sprechen Sie Ihre Gefühle und die des Gegenübers an. Sagen Sie so etwas wie "Ich merke, dass Sie/mich dieses Thema sehr wütend macht." Wichtig ist in jedem Fall: ruhig bleiben.
10. Wechseln Sie die Perspektive
Oft scheitern Diskussionen nicht nur an unterschiedlichen Meinungen, sondern an entgegengesetzten Wertvorstellungen. In solchen Fällen kann es helfen, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und zu überlegen, wie Sie argumentieren können, wenn Sie die Wertvorstellungen Ihres Gegenübers zugrunde legen. Wenn Ihrem Gegenüber der Schutz der Familie ein besonders hohes Gut ist, können Sie versuchen, vor diesem Hintergrund für Ihre Position zu argumentieren. Im wissenschaftlichen Diskurs nennt man dieses Vorgehen "reframing". Wichtig ist dabei, authentisch zu bleiben und die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten.
Die zehn Regeln für eine gute Debatte erschienen zuerst auf ZEIT ONLINE am 22. Mai 2017 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D17.
Towards Foolproof Democracy: Advancing Public Debate and Political Decision-Making (CfP/English)
The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.
The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.
A special issue on Foolproof Democracy
In view of these developments, the question of the desired relation between democracy, deliberation, and truth looms large. Moral Philosophy and Politics invites contributions that seek to articulate this relation from the viewpoint of philosophy and political science. Suitable contributions may address such questions as:
- How, if at all, can we improve public opinion formation?
- Is deliberation the best way to generate political decisions in modern democracy?
- How can we make democracy more resistant to populism and other forms of mass manipulation? Should politics be allowed (and perhaps even obligated) to exert influence on opinion formation in society?
- Is there a way to methodically and impartially check the quality of debate in the public sphere?
- Are political polarization and “echo chambers” a problem for democracy? And, if so, how can we guard against their formation and maintenance?
- What ought to be the role of science and the humanities in the democratic process?
Papers should be submitted before June 30, 2018 and should not exceed 8000 words; shorter articles will also be accepted for review.
All submissions will undergo MOPP’s double-blind refereeing process.Please note that this process is not organized by the guest editors but by the journal’s founding editors who will also have the final word on publication decisions.The journal’s manuscript submission site can accessed here: http://mc.manuscriptcentral.com/mopp
Guest editors
- David Lanius (davidlanius.de) (Karlsruhe)
- Ioannis Votsis (votsis.org) (London)
Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands
Was macht eigentlich gute Streitkultur aus? Zum einen ist da die emotionale und soziale Intelligenz: Wie gehe ich auf meinen Gesprächspartner als Menschen ein? Beachte ich das Prinzip der wohlwollenden Interpretation? Betrachte ich mein Gegenüber als Gesprächspartner oder als meinen Kontrahenten?Zum anderen sind da aber natürlich auch inhaltliche und logische Anforderungen; wir wollen gut argumentieren und die Argumente unserer Gesprächspartner angemessen beurteilen. Sind die Argumente meines Gesprächspartners stichhaltig? Sind seine Thesen verständlich, relevant und nachvollziehbar? Wie reagiere ich darauf am besten?
Was macht eigentlich gute Streitkultur aus? Zum einen ist da die emotionale und soziale Intelligenz: Wie gehe ich auf meinen Gesprächspartner als Menschen ein? Beachte ich das Prinzip der wohlwollenden Interpretation? Betrachte ich mein Gegenüber als Gesprächspartner oder als meinen Kontrahenten?Zum anderen sind da aber natürlich auch inhaltliche und logische Anforderungen; wir wollen gut argumentieren und die Argumente unserer Gesprächspartner angemessen beurteilen. Sind die Argumente meines Gesprächspartners stichhaltig? Sind seine Thesen verständlich, relevant und nachvollziehbar? Wie reagiere ich darauf am besten?
Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands als Regeln für eine gute Diskussion
Nikil Mukerji hat jüngst ein sehr lehrreiches Buch über die zehn Gebote des gesunden Menschenverstands geschrieben. Zwar sind die von ihm aufgezählten Gebote allgemeine Regeln für den Vernunftgebrauch in beruflichen, privaten, politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Fragen. Doch eignen sie sich auch hervorragend als Regeln für eine gute Diskussion.Sein Buch “Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands” zeigt auf ausgesprochen nachvollziehbare Weise, worauf man in Streitgesprächen achten sollte. Nikil Mukerji beruft sich dabei auf einige grundlegende Erkenntnisse aus der Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie und Psychologie. Im Kern sind die Gebote jedoch selbst Instanzen des gesunden Menschenverstands. Denn wer vernünftig ist, so seine These, hält sich beim Denken an die 10 Gebote, weil dies die eigene Vernunft gebietet.
Die 10 Gebote lauten
- Bringen Sie Ordnung in Ihr Denken
- Denken Sie lückenlos
- Treffen Sie glaubwürdige Annahmen
- Fragen Sie nach der Beweislast
- Denken Sie klar und präzise
- Bleiben Sie logisch sauber
- Tappen Sie nicht in die Sprachfalle
- Seien Sie schlauer als ein junger Jagdhund
- Schauen Sie mit beiden Augen hin
- Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden
Was genau sagen wir eigentlich?
Das erste, zweite und fünfte Gebot sind Grundvoraussetzung nicht nur für gute Streitgespräche und eine sinnhafte Debatte, sondern allgemein für vernünftiges Denken und Handeln. Denn nur wer den eigenen Standpunkt präzise und vollständig formulieren kann, kann sinnvoll dafür argumentieren und zielgerichtet danach handeln.
Was dürfen wir annehmen?
Die beiden nächsten Gebote betreffen die Quellen, mit denen wir unsere Annahmen belegen. Auch sie sind essentiell für eine gute Diskussion, da wir ohne Regeln zu dem, was wir als glaubwürdig und beweiskräftig ansehen, keine Grundlage haben, über die Annehmbarkeit der zu diskutierenden Annahmen zu entscheiden. In unserer Zeit der “Fake News” und “alternativen Fakten” sind das Gebote, deren Wichtigkeit kaum zu überschätzen ist.
Was ist ein gutes Argument?
Das sechste Gebot fordert logische Stichhaltigkeit. Etwas, das den meisten Menschen beim Argumentieren schwer fällt und das häufig bei der Beurteilung eines Arguments außer Acht gelassen wird. Wir neigen dazu, uns mit unserer Kritik auf einzelne Annahmen zu stürzen und dabei zu übersehen, dass viele Argumente nicht zeigen, was sie zeigen sollen, selbst wenn wir alle ihnen zugrundeliegenden Annahmen akzeptieren würden.
Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation
Das siebte Gebot warnt uns davor, in die Sprachfalle zu tappen. Seine Missachtung ist vermutlich Ursache vieler missglückter Streitgespräche. Denn wir neigen dazu, die Äußerungen unserer Gesprächspartner auf Grundlage unserer Sichtweise zu interpretieren, und vergessen dabei häufig, wie mehrdeutig und unterbestimmt Sprache in der Regel ist. Ein wichtiges Prinzip, solche Missgeschicke zu vermeiden, ist das Prinzip der wohlwollenden Interpretation. Es besagt, seinem Gesprächspartner (nach Möglichkeit jederzeit) zu unterstellen, dass er sinnvolle und gut gemeinte Beiträge zur Diskussion stellt.
Strohmann-Argumente
Das achte Gebot hilft zwischen relevanten und irrelevanten Gesprächsbeiträgen zu unterscheiden. Insbesondere sollten wir in Streitgesprächen auf (beabsichtigte oder unbeabsichtigte) Strohmann-Argumente achten. Strohmann-Argumente sind kardinale Verletzungen des Prinzips der wohlwollenden Interpretation. Strohmann-Argumente sind Argumente, die den Standpunkt des Gegenübers vereinfacht, überspitzt oder schlicht falsch darstellen, um sie anschließend (in der Regel) leichter widerlegen zu können.
Bestätigungsfehler
Das neunte Gebot warnt uns vor kognitiven Verzerrungen (cognitive biases) und logischen Fehlschlüssen. Die wichtigste Art kognitiver Verzerrungen, denen unser Denken unterliegen kann, ist der Bestätigungsfehler (confirmation bias): wir tendieren im Allgemeinen dazu, nach Informationen zu suchen, Informationen dahingehend zu interpretieren und uns an Informationen zu erinnern, die unsere vorhandenen Überzeugungen und Hypothesen bestätigen (und lassen andere möglicherweise relevantere Informationen außer Acht).
Was macht gute Streitkultur aus?
Das zehnte Gebot zeigt auf, wie wir Standpunkte, mit denen wir konfrontiert werden, kritisch prüfen und ungerechtfertigte Behauptungen erkennen können. Wie genau, das kann man in Nikil Mukerjis wunderbaren Buch "Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands" nachlesen. Erwerbbar bei bücher.de oder direkt über die Website gesundermenschenverstand.online.Zusammengenommen sind die "10 Gebote des gesunden Menschenverstands" eine ausgezeichnete Vorbereitung und Grundlage für konstruktive Streitgespräche und eine gute Streitkultur!
Sind Filterblasen gefährlich?
Alle Jahre wieder treffen wir auf Menschen aus unserem Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis, die uns mit unerwarteten Ansichten überraschen. So habe ich auch neulich eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir hatten seit dem Abitur kaum Kontakt. Als wir uns nun bei einem Kaffee gegenüber saßen, sprudelte es aus ihr heraus: "Ach, es ist alles so düster derzeit. Die Amerikaner haben Europa voll im Griff, wogegen die nächste GroKo ja auch wieder nichts machen wird. Die sind ja eh alle gekauft. Merkel lädt weiter schön Flüchtlinge zu uns ein und die anderen Staaten nehmen keine auf. Warum müssen die denn alle zu uns kommen?"
Erreichen uns grundsätzlich andere Informationen?
So düster sieht es in Deutschland doch gar nicht aus? Und woher kamen diese verkürzten Aussagen? Ich dachte in den folgenden Tagen über mein Umfeld nach, die Nachrichten, die ich bekomme, meine Informationsquellen, mein Facebook-Newsfeed. Mich erreichen wohl einfach andere Informationen als meine Schulkameradin. Wir lesen unterschiedliche Zeitungen, hören unterschiedliche Radiosender, lesen unterschiedliche Blogs, haben unterschiedliche Freunde – und überdies generieren uns Facebook und Google unterschiedliche "News" basierend auf unseren unterschiedlichen Interessen. Kurz: Wir leben in unterschiedlichen "Filterblasen".
Was sind Filterblasen?
Der Begriff “Filterblase” geht auf Eli Pariser zurück, den Internetaktivisten und Aufsichtsratsvorsitzenden von moveon.org. Pariser verwendet den Begriff im Zusammenhang mit digitalen Räumen, die den Nutzerinnen und Nutzer vorrangig Inhalte präsentieren, die ihren bestehenden Interessen entsprechen und damit ihre Einstellungen dazu verstärken.Wenn man allgemein von dem Phänomen spricht, dass wir uns in verschiedenen sozialen Räumen bewegen, in denen überwiegend Informationen ausgetauscht werden, die wir für wahr halten, ist der Begriff "Echokammer" besser geeignet. Eine Echokammer ist ein sozialer Raum, in dem die eigene Meinung gespiegelt und nicht mit anderen Meinungen konfrontiert wird. Leider verwenden viele Menschen Filterblase und Echokammer synonym. In diesem Blog-Eintrag wollen wir es (der Einfachheit halber) diesen Menschen gleichtun und ebenfalls diesen weiten Begriff von Filterblase verwenden.
Warum wir Filterblasen eigentlich ganz gern haben..
Zu den meisten unserer Überzeugungen sind wir nicht durch direkte Wahrnehmung gelangt. Wir glauben, was wir glauben, weil es uns Experten, Medien oder unsere Freunde und Verwandte mitgeteilt haben. Was wir glauben, hängt davon ab, von welchen Personen wir unsere Informationen beziehen und wie glaubwürdig diese in unseren Augen sind.In aller Regel wollen wir gar nicht mit Informationen konfrontiert werden, die unseren bereits bestehenden Meinungen widersprechen. Werden wir doch damit konfrontiert, nehmen wir sie meistens nicht wahr oder finden Gründe, sie abzulehnen. Es bereitet uns ein unangenehmes Gefühl, uns mit Positionen zu beschäftigen, die nicht unsere eigenen sind. Man spricht dabei auch vom Bestätigungsfehler (confirmation bias). Wir vermeiden kognitive Dissonanz, indem wir selektiv wahrnehmen, was wir wahrnehmen wollen.Deswegen reden wir normalerweise auch kaum mit Menschen, die wir nicht mögen und die andere politische Meinungen haben als wir selbst. Wir wählen unseren Stammtisch, unsere Freunde und unser Umfeld allgemein nach dem Kriterium der Ähnlichkeit aus. Wir finden diejenigen sympathisch, die Gemeinsamkeiten – Interessen, Meinungen oder auch reine Äußerlichkeiten – mit uns teilen.
Was ist also das Problem von Filterblasen?
Das Problem dabei ist, dass wir nicht immer richtig liegen und dass Menschen mit anderen Interessen, Meinungen, Redeweisen oder einem anderen Kleidungsstil oft relevante Informationen für uns besitzen, von denen wir nichts mitbekommen.Es beginnt damit, dass wir uns eher Menschen als Freunde suchen, die unsere Einstellungen teilen, und endet damit, dass Facebook und Google uns nur die Inhalte zeigen, die unseren bisherigen Interessen und Meinungen entsprechen. Zusätzlich abonnieren wir nur Newsletter von uns nahen Organisationen, lesen Zeitungen mit unserer politischen Ausrichtung und vermeiden Infoveranstaltungen von Parteien, die wir ohnehin nicht wählen würden.Mit dem Aufkommen von personalisierten digitalen Medien entstehen Filterblasen schneller, werden undurchlässiger und einseitiger. Aber was ist so schlimm daran, dass Youtube mir immer zuerst Katzenvideos zeigt, weil es gelernt hat, dass ich darauf am ehesten mit Klicks reagiere?
Sind Filterblasen eine Gefahr für die Demokratie?
Informationsverbreitung in den digitalen Medien ist zumeist fremdbestimmt und hochgradig automatisiert. Wir haben kaum Kontrolle darüber, welche Nachrichten und Suchergebnisse uns von Facebook und Google angezeigt werden. Richtig problematisch werden Filterblasen, wenn sie gezielt ausgenutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Denn Filterblasen spielen eine essentielle Rolle bei der Verbreitung von Fake News. Wenn alle meine Freunde eine Nachricht für wahr halten, dann habe ich bereits einen guten Grund, diese Nachricht ebenfalls für wahr zu halten. Dies nennt man auch den Konformitätseffekt. Filterblasen können also verhindern, dass Falschmeldungen korrigiert werden.Filterblasen können damit zu einer Gefahr für demokratische Meinungs- und Entscheidungsprozesse werden. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedlicher Meinung Gehör finden und trotz Meinungsverschiedenheiten kooperieren. Dies wird durch Filterblasen jedoch erschwert. Es ist nicht nur so, dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einander nicht hören, sondern die Meinungen, die sie haben, radikalisieren sich durch Filterblasen noch. Dies nennt man auch Gruppen-Polarisation.Ein eindrückliches Beispiel für die negativen Folgen von Filterblasen sind die Facebook-Gruppen, die durch eine Aktion der PARTEI aufgedeckt worden sind. Diese Filterblasen sind künstlich erzeugt und verstärkt worden (vgl. diesen heise-Artikel). Das perfide: Auch wenn man als Mitglied dieser Gruppen nicht aktiv war, reichen die Facebook-Algorithmen aus, dass man zunehmend rechtspopulistischen Inhalten ausgesetzt wird. Dies ist selbst dann der Fall, wenn man nur einige wenige AfD-kompatible Meinungen im Vorfeld hatte.
Was können wir gegen die negativen Folgen von Filterblasen tun?
Was können wir aber tun, um Filterblasen zu durchbrechen? Online können wir relativ einfach ein paar Einstellungen ändern, um weniger maßgeschneiderte Informationen zu bekommen:
- Wir können auf Facebook unsere Newsfeed-Einstellungen ändern und ein paar Seiten (von Zeitungen oder Nachrichtensendungen zum Beispiel) abonnieren, deren Ausrichtung wir nicht teilen.
- Wir können die Google-Einstellungen ändern, damit uns Suchergebnisse nicht in Abhängigkeit zu unseren bisherigen Suchanfragen und unserem Standort angezeigt werden (zum Beispiel, indem wir eine Proxy-Seite wie startpage verwenden.
- Allgemein können wir Informationen hinterfragen, die unsere Überzeugungen und Vorurteile bestätigen. Gerade Nachrichten, die nur allzu gut in unser Weltbild passen, verdienen besondere Skepsis und Aufmerksamkeit.
- Und wir können natürlich aktiv online und im echten Leben Kontakt mit Andersdenkenden suchen.
Wir alle können andere Standpunkte nachvollziehen, ohne sie zwangsläufig teilen zu müssen. Nur wenn wir uns gegenseitig zuhören und konstruktiv streiten, können wir Filterblasen mit konstruktivem Streit und radikaler Höflichkeit durchbrechen!Dies ist eine leicht abgewandelte Fassung eines Blog-Artikels auf kleinerfünf.de. Der Artikel hätte ohne die tatkräftige Unterstützung und Mitwirkung von Frederik Gottschling und Joe Weis nicht verwirklicht werden können.

