Streitkultur-Blog

Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.

Demokratische Streitkultur für eine digitale Öffentlichkeit

Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.

Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.

Dieser aufgezeichnete Webtalk fand am 25. März 2025 im Rahmen der Reihe „Kultur unter Druck – Kulturgespräche 2025“ der Kulturdezernate des LWL und LVR statt. Thematisch geht es vor allem um die Frage, welche Rolle Kultureinrichtungen in Zeiten antidemokratischer Bewegungen einnehmen können.

https://www.youtube.com/watch?v=8Gzy-vCoL5w

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Demokratie, Konstruktiver Diskurs David Lanius Demokratie, Konstruktiver Diskurs David Lanius

Demokratietag Berlin: Konstruktiv streiten!

Auf dem Berliner Demokratietag findet unter anderem ein Workshop zu "Konstruktiv Diskutieren – Gespräche als Baustein von Demokratie" von Patrick Wentorp statt:

Bist du bereit, in den Dialog mit Menschen zu gehen, die unterschiedliche Standpunkte und Wertevorstellungen vertreten? Lerne eine neue Art des Verstehens und praktische Methoden der Kommunikation.

Auf dem Berliner Demokratietag findet unter anderem ein Workshop zu "Konstruktiv Diskutieren – Gespräche als Baustein von Demokratie" von Patrick Wentorp statt:

Bist du bereit, in den Dialog mit Menschen zu gehen, die unterschiedliche Standpunkte und Wertevorstellungen vertreten? Lerne eine neue Art des Verstehens und praktische Methoden der Kommunikation.

Der Kurs geht über drei Tage (11.09., 12.09., 13.09.) und findet an diesen Tagen von 9-15 Uhr statt.

Anmeldung: Informationen zum Kurs und zur Anmeldung unter Die Berliner Volkshochschulen – Kursdetails.

Ort: Haus der Volkshochschule Pankow, Schulstraße 29, 13187 Berlin

Veranstalter: Patrick Wentorp und Volkshochschule Pankow

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Demokratie, Öffentliche Debatte David Lanius Demokratie, Öffentliche Debatte David Lanius

Debattieren auf Englisch als Ansatz für mehr Demokratie und Teilhabe in der Schule

Nicht erst seit Erstarken der Verschwörungserzählungen und sog. Querdenker im Zuge der Coronapandemie ist deutlich, dass der gesellschaftliche Konsens über die Grundwerte, die unsere Demokratie tragen, nicht von allen Menschen geteilt wird. Rechtsextremes, völkisches und radikalreligiöses Gedankengut und Handeln findet eine besorgniserregende Verbreitung – im Internet und in der analogen Öffentlichkeit. Diese Tendenzen in allen Teilen der Gesellschaft spiegeln sich auch im Raum Schule.

Nicht erst seit Erstarken der Verschwörungserzählungen und sog. Querdenker im Zuge der Coronapandemie ist deutlich, dass der gesellschaftliche Konsens über die Grundwerte, die unsere Demokratie tragen, nicht von allen Menschen geteilt wird. Rechtsextremes, völkisches und radikalreligiöses Gedankengut und Handeln findet eine besorgniserregende Verbreitung – im Internet und in der analogen Öffentlichkeit. Diese Tendenzen in allen Teilen der Gesellschaft spiegeln sich auch im Raum Schule.

Schule muss darauf reagieren und tut es auch: Nicht umsonst formuliert das Berliner Schulgesetz den demokratiefördernden Auftrag von Schule, Schüler:innen zu befähigen, „das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie (…) zu gestalten“ (§1 Berliner Schulgesetz), an allererster Stelle. In der Praxis bedeutet dies, dass die Schüler:innen im Politikunterricht, aber auch in vielen weiteren Fächern, u. A. dem Fremdsprachenunterricht, lernen, was Demokratie und demokratisches Handeln bedeuten.

Der Argumentations- und Urteilskompetenz von Schüler:innen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Zu kontroversen Themen einen Standpunkt entwickeln und für diesen eintreten zu können, ist eine Kernkompetenz, auf die nicht nur unsere Gesellschaft als Ganzes, sondern auch jede:r Heranwachsende für sich angewiesen ist. Gerade das Debattieren in der Lingua franca und Brückensprache Englisch erscheint in Zeiten zunehmender Globalisierung und Mehrsprachigkeit als wichtige Zukunftsressource und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, insbesondere in multikulturellen und vielsprachigen Metropolen wie Berlin.

Anmeldung und mehr Informationen zur Veranstaltungsreihe hier:

Im Rahmen dieser Fortbildungsreihe gibt es auch einen Vortrag zur Förderung von Argumentations- und Urteilskompetenz durch Debattieren im Unterricht.

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Die demokratiezersetzende Wirkung von Fake News

Das Phänomen "Fake News" und seine Auswirkungen auf demokratische Entscheidungsprozesse wird spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Brexit-Referendum breit diskutiert. Der Philosoph und Streitforscher David Lanius hat sich eingehend mit "Fake News" beschäftigt. Lydia Skrabania vom Diesseits-Magazin hat mit ihm über ihre probematische Rolle in den sozialen Medien und ihren Einfluss auf die Politik gesprochen - und darüber, was wir Fake News entgegensetzen können.

Das Phänomen "Fake News" und seine Auswirkungen auf demokratische Entscheidungsprozesse wird spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Brexit-Referendum breit diskutiert. Der Philosoph und Streitforscher David Lanius hat sich eingehend mit "Fake News" beschäftigt. Lydia Skrabania vom Diesseits-Magazin hat mit ihm über ihre probematische Rolle in den sozialen Medien und ihren Einfluss auf die Politik gesprochen - und darüber, was wir Fake News entgegensetzen können.

Herr Lanius, wir müssen zunächst mal klären, was „Fake News“ eigentlich sind. Oft werden mit diesem Begriff ja ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet.

Ja, meiner Kollegin Romy Jaster und mir war das vor einigen Jahren auch aufgefallen. Daraufhin haben wir uns diesem Problem angenommen und eine ordentliche Begriffsbestimmung vorgenommen. Wir haben uns viele mögliche Definitionen angeschaut und sind die verschiedenen Fälle durchgegangen, die als Fake News erfasst werden sollten – und auch Fälle, die eben nicht als Fake News erfasst werden sollten, z.B. Satire oder journalistische Fehler oder auch Verschwörungstheorien. Das lässt sich nur klar differenzieren, wenn man eine Definition von „Fake News“ hat. Und die haben wir entwickelt.

Und sie lautet…?

Fake News sind Nachrichten, die zwei Mängel aufweisen: einen Mangel an Wahrheit und einen Mangel an Wahrhaftigkeit. Mangel an Wahrheit bedeutet, dass diese Nachrichten entweder falsch sind – da steht etwas wörtlich Falsches – oder sie sind irreführend – da steht zwar nichts wörtlich Falsches, aber was darüber hinaus kommuniziert wird, ist falsch. Solche Irreführungen findet man bei einer ganzen Reihe von Fake News. Der Grund: die Autor*innen können sich in diesem Fall besser herausreden, wenn sie der Falschheit überführt werden. Ein Mangel an Wahrheit ist also eine notwendige Bedingung dafür, dass eine Nachricht Fake News ist.

Und die zweite notwendige Bedingung ist der Mangel an Wahrhaftigkeit?

Richtig. Mangel an Wahrhaftigkeit bedeutet, dass die Nachrichten entweder mit einer Täuschungsabsicht oder mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit in die Welt gesetzt wurden. So gibt es politische Akteure, die die Menschen über bestimmte Sachverhalte täuschen wollen und dazu entsprechende Fake News in die Welt setzen. Was aber – vor allem in den sozialen Medien – noch häufiger ist, ist Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Im Fachjargon nennt man das auch „Bullshit-Einstellung“, das heißt, hier haben wir Akteure, denen es egal ist, ob das, was sie verbreiten, wahr oder falsch ist – Hauptsache sie erreichen ihre Ziele. Ein Beispiel hierfür ist der Fall der mazedonischen Teenager, die im Jahr 2016 während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes damit angefangen haben, Fake News zu verbreiten, und denen es dabei völlig egal war, was diese Nachrichten aussagen oder welche politische Botschaft sie haben – Hauptsache, sie konnten damit Geld verdienen.

In dem Buch, dass sie gemeinsam mit Romy Jaster geschrieben haben, heißt es, Fake News habe es schon immer gegeben. Was heute aber neu ist, seien ihr Ausmaß und ihre Verbreitung, vor allem durch die soziale Medien.

Ja, wenn man sich im Internet bewegt, kommt man an diesem Phänomen kaum noch vorbei. Allerdings gibt vermutlich auch ein erhöhtes Problembewusstsein dafür. Unsere These in dem Buch ist, dass es heute mehr Fake News gibt, sie sichtbarer sind und durch die Dynamik in den sozialen Medien Probleme entstehen, die vorher so nicht bestanden.

Welche wären das?

Leider befinden wir uns noch in einem relativ frühen Stadium der Forschung , so dass es bislang noch wenig Hypothesen gibt, die empirisch klar bestätigt sind. Was man aber wohl sagen kann: Fake News führen tendenziell zu schlechteren Entscheidungen, weil Menschen falsch informiert sind oder von den relevanten Fragen abgelenkt werden. Außerdem führen sie tendenziell zu einem allgemeinen Vertrauensverlust. Rezipient*innen von Fake News zweifeln eher an den normalen epistemischen Autoritäten – also an den klassischen Medien, an Politiker*innen und an Wissenschaftler*innen. Dabei ist allerdings noch offen, wie groß der Anteil ist, den Fake News an dieser Entwicklung haben und wie stark andere Faktoren dazu beitragen, wie z.B. Filterblasen. Was wir sicher wissen, ist, dass es Akteure gibt, die genau dieses Ziel haben; die eine Art „Infokrieg“ betreiben, um auf diesem Wege die westlichen Demokratien zu destabilisieren und hierzu u.a. Fake News verbreiten. Wenn Menschen nicht mehr wissen, welchen Kanälen sie vertrauen können – auch wenn sie nicht unbedingt jeder Fake News glauben –, dann erzeugt das eine Irritation, die auch gesamtgesellschaftlich Entscheidungsprozesse schwieriger machen kann.

Müsste man Fake News hier nicht auch noch einmal differenzierter betrachten? Eine ausgedachte Nachricht über die Hochzeit eines Promis in der Klatschpresse ist in ihrer Wirkmacht ja nicht gleichzusetzen mit gezielten Desinformationskampagnen und den Fake News, die wir zum Beispiel im Vorfeld des Brexit-Referendums gesehen haben.

Das ist absolut richtig. Ich glaube allerdings, dass ein Effekt stets darin besteht, dass der Wert Wahrheit in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert verliert. Dass es den Menschen, die Fake News konsumieren, zunehmend gleichgültiger wird, was tatsächlich wahr ist – sie wollen einfach unterhalten werden. Das ist auch ein Teilaspekt, der die sozialen Medien allgemein problematisch macht; denn primär geht es den meisten Menschen bei der Nutzung der sozialen Medien darum, unterhalten zu werden oder soziale Beziehungen zu pflegen – es geht fast nie um Erkenntnis und Wahrheit.

Welchen Einfluss haben Fake News auf die Politik?

Das ist schwer allgemein zu beantworten. Ich denke, in Deutschland hält sich die Problematik relativ in Grenzen. Wir sind vergleichsweise gut gewappnet mit unserem sehr eingespielten, halbwegs solide finanzierten Mediensystem, wo in den allermeisten Fällen nach journalistischen Qualitätsstandards gearbeitet wird. Wir haben eine ganze Reihe an hervorragenden Akteuren wie Correctiv oder dem Faktencheck der Tagesschau, die Fake News etwas entgegensetzen können, zumindest im Nachhinein. Das ist allein war keine Lösung, aber doch ein wichtiger Baustein. Außerdem haben wir eine Politik, die relativ gut funktioniert, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Probleme werden aufgedeckt und, wenn es zu Fehlverhalten kommt, folgen daraus im Regelfall Konsequenzen. Es sind verschiedene Institutionen, die zusammenspielen und dazu beitragen, dass Fake News eben nicht den Effekt hat, den die genannten Akteure sich erhoffen. In vielen anderen Ländern – wie in Ungarn, Russland, Nigeria, Indien und zeitweise auch in den USA unter Trump – ist der Effekt von Fake News auf die Politik vermutlich größer – zumal dort die Politik zum Teil selbst mitmischt und Fake News als Instrument für die eigenen Belange einsetzt. In Russland ist dies vielleicht am deutlichsten zu sehen. Dort ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien allgemein sehr niedrig, weil konstant Falschheiten kolportiert werden – was am Ende den nachhaltigen Effekt hat, dass die demokratische Meinungsbildung der Bürger*innen erschwert wird und dann demokratische Entscheidungsprozesse nicht mehr funktionieren.

Was ist mit dem Phänomen derjenigen in Deutschland, die „Lügenpresse“ schreien? In dieser Gruppe herrscht ja ein starkes Misstrauen gegenüber den seriösen, vor allem öffentlich-rechtlichen Medien. Ist das eine Randerscheinung? Etwas, das in der Realität kleiner ist als es wirkt, einfach weil diese Leute so laut sind?

In Deutschland ist das auf jeden Fall ein Randphänomen. Es ist eine kleine, überschaubare Gruppe, die zumindest in letzter Zeit auch nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Es gibt verschiedene Studien, die klar zeigen, dass das Medienvertrauen insgesamt in letzter Zeit wieder gestiegen ist und dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ein relativ hohes Vertrauen in die seriösen Medien hat. Auf der anderen Seite gibt es allerdings etwa zehn Prozent, die man als radikale Systemgegner bezeichnen kann, die tatsächlich „Lügenpresse“ rufen, sich über ihre eigenen Parallel-Medienuniversen informieren und auch nicht mehr so leicht ansprechbar sind. Das ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. In anderen Ländern kann man sehen, dass diese Gruppe von Leuten, die den epistemischen Autoritäten der Gesellschaft nicht mehr vertrauen, wachsen kann. Zum Glück gibt es in Deutschland dafür aber momentan keine Anzeichen.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die informierte Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie ist. Wie wirkt sich der Zuwachs von Fake News darauf aus?

Nur, wenn die Bevölkerung ungefähr weiß, was die großen gesellschaftlichen Fragen sind, welche Positionen die politischen Parteien dazu einnehmen und was die Wissenschaft zu den empirischen Grundlagen dieser Fragen sagt, kann sie Entscheidungen treffen, die ihre eigenen Interessen abbilden. In Ländern wie Ungarn oder Russland, die nicht (mehr) klarerweise Demokratien sind, in denen jedoch Wahlen stattfinden, sehen wir, dass die Bevölkerung häufig nicht weiß, welche Wahlentscheidungen ihre eigenen Interessen abbilden. Wenn Menschen fehlinformiert sind, setzen sie ihr Häkchen am Ende eher dort, wo sie es nicht setzen würden, wenn sie richtig informiert wären. Das allein würde das demokratische System noch nicht unterminieren, auch wenn es die Legitimität demokratischer Entscheidungen infrage stellt. Aber wenn zusätzlich Akteure auf der politischen Bühne erscheinen, die die Demokratie verachten und Fake News für ihre Ziele einsetzen, dann gibt es ein Problem. Wenn solche Leute gewählt werden, dann wird die Demokratie schrittweise abgeschafft. Das ist etwas, das wir leider derzeit vermehrt beobachten können.

Was kann man Fake News und deren zunehmender Verbreitung entgegensetzen? 

Kurzfristig im Prinzip nur zweierlei: löschen und korrigieren. Faktenschecks hatten wir bereits angesprochen. Vor allem dann, wenn Fake News strafrechtlich relevant sind, sollten sie zudem gelöscht werden. Denn oft haben Fake News Komponenten von Hate Speech. Der Grund: sie sind besonders erfolgreich, wenn sie emotionalisieren und mobilisieren – und das geht am einfachsten gegen Andere. Diese Kombination mit Hate Speech macht sie neben ihrer demokratiezersetzenden Wirkung noch gefährlicher: dass Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und Gewaltaufrufe sowie tatsächliche Gewalt provoziert werden. Löschen und korrigieren hilft dabei leider nur sehr begrenzt; es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Eben, wir können nicht nur den Plattformen hinterherrennen und versuchen, bereits entstandenen Schaden abzumildern. Sie haben im Buch ja auch einige Lösungsansätze beschrieben – was ist noch zu tun?

Romy Jaster und ich sehen zwei grundlegende Ansätze, die zwar nachhaltiger sind – aber leider auch nicht so schnell Früchte tragen. So liegt ein Teil der Lösung in besserer Bildung, und zwar nicht im Sinne von Wissensvermittlung, sondern von einer Schulung kritischen Denkens, auch zur Vermeidung eigener Denkfehler. Das passiert an deutschen Schulen bisher kaum und, wenn, dann nicht systematisch. Der zweite Ansatz fordert es, in der Öffentlichkeit eine Streitkultur zu leben, die diesen Namen auch verdient. Dass wir als Bürger*innen sehen, die Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens halten sich an grundsätzliche moralische und epistemische Normen. Es werden Argumente ausgetauscht und bei Fehlern wird tatsächlich nachgebessert. Die klassischen Talkshows sind das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen sollte. Hier wird nicht aufeinander eingegangen, hier inszeniert man sich für das Publikum und die anderen Gesprächspartner*innen sind nur Statist*innen für die eigene Performance. Dadurch wird ein Bild von demokratischem Streit vermittelt, der nicht förderlich ist, weil dabei Fakten nicht so wichtig sind und epistemische Normen verletzt werden. Dort sind tatsächlich ähnliche Mechanismen am Werk wie in den sozialen Medien. Bis zu einem gewissen Grad ist das legitim, weil wir natürlich auch ein Recht auf Unterhaltung haben. Aber aus einer demokratischen Perspektive ist das Bild von Streitkultur und Politik, das dadurch in den Köpfen der Menschen entsteht, höchst problematisch. Das könnte man anders machen, indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Indem man zeigt, dass man sich von Argumenten des Gegenübers überzeugen lassen kann. Dass einem Fakten wichtig sind. Dass man, wenn man erkannt hat, dass man etwas falsch verstanden hat, das auch eingesteht. All das sind zentrale Werte, die in unserer Demokratie auf jeden Fall ausbaufähig sind und sie widerstandsfähiger gegen Fake News machen würde.

Herr Lanius, wir müssen zunächst mal klären, was „Fake News“ eigentlich sind. Oft werden mit diesem Begriff ja ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet.

Ja, meiner Kollegin Romy Jaster und mir war das vor einigen Jahren auch aufgefallen. Daraufhin haben wir uns diesem Problem angenommen und eine ordentliche Begriffsbestimmung vorgenommen. Wir haben uns viele mögliche Definitionen angeschaut und sind die verschiedenen Fälle durchgegangen, die als Fake News erfasst werden sollten – und auch Fälle, die eben nicht als Fake News erfasst werden sollten, z.B. Satire oder journalistische Fehler oder auch Verschwörungstheorien. Das lässt sich nur klar differenzieren, wenn man eine Definition von „Fake News“ hat. Und die haben wir entwickelt.

Und sie lautet…?

Fake News sind Nachrichten, die zwei Mängel aufweisen: einen Mangel an Wahrheit und einen Mangel an Wahrhaftigkeit. Mangel an Wahrheit bedeutet, dass diese Nachrichten entweder falsch sind – da steht etwas wörtlich Falsches – oder sie sind irreführend – da steht zwar nichts wörtlich Falsches, aber was darüber hinaus kommuniziert wird, ist falsch. Solche Irreführungen findet man bei einer ganzen Reihe von Fake News. Der Grund: die Autor*innen können sich in diesem Fall besser herausreden, wenn sie der Falschheit überführt werden. Ein Mangel an Wahrheit ist also eine notwendige Bedingung dafür, dass eine Nachricht Fake News ist.

Und die zweite notwendige Bedingung ist der Mangel an Wahrhaftigkeit?

Richtig. Mangel an Wahrhaftigkeit bedeutet, dass die Nachrichten entweder mit einer Täuschungsabsicht oder mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit in die Welt gesetzt wurden. So gibt es politische Akteure, die die Menschen über bestimmte Sachverhalte täuschen wollen und dazu entsprechende Fake News in die Welt setzen. Was aber – vor allem in den sozialen Medien – noch häufiger ist, ist Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Im Fachjargon nennt man das auch „Bullshit-Einstellung“, das heißt, hier haben wir Akteure, denen es egal ist, ob das, was sie verbreiten, wahr oder falsch ist – Hauptsache sie erreichen ihre Ziele. Ein Beispiel hierfür ist der Fall der mazedonischen Teenager, die im Jahr 2016 während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes damit angefangen haben, Fake News zu verbreiten, und denen es dabei völlig egal war, was diese Nachrichten aussagen oder welche politische Botschaft sie haben – Hauptsache, sie konnten damit Geld verdienen.

In dem Buch, dass sie gemeinsam mit Romy Jaster geschrieben haben, heißt es, Fake News habe es schon immer gegeben. Was heute aber neu ist, seien ihr Ausmaß und ihre Verbreitung, vor allem durch die soziale Medien.

Ja, wenn man sich im Internet bewegt, kommt man an diesem Phänomen kaum noch vorbei. Allerdings gibt vermutlich auch ein erhöhtes Problembewusstsein dafür. Unsere These in dem Buch ist, dass es heute mehr Fake News gibt, sie sichtbarer sind und durch die Dynamik in den sozialen Medien Probleme entstehen, die vorher so nicht bestanden.

Welche wären das?

Leider befinden wir uns noch in einem relativ frühen Stadium der Forschung , so dass es bislang noch wenig Hypothesen gibt, die empirisch klar bestätigt sind. Was man aber wohl sagen kann: Fake News führen tendenziell zu schlechteren Entscheidungen, weil Menschen falsch informiert sind oder von den relevanten Fragen abgelenkt werden. Außerdem führen sie tendenziell zu einem allgemeinen Vertrauensverlust. Rezipient*innen von Fake News zweifeln eher an den normalen epistemischen Autoritäten – also an den klassischen Medien, an Politiker*innen und an Wissenschaftler*innen. Dabei ist allerdings noch offen, wie groß der Anteil ist, den Fake News an dieser Entwicklung haben und wie stark andere Faktoren dazu beitragen, wie z.B. Filterblasen. Was wir sicher wissen, ist, dass es Akteure gibt, die genau dieses Ziel haben; die eine Art „Infokrieg“ betreiben, um auf diesem Wege die westlichen Demokratien zu destabilisieren und hierzu u.a. Fake News verbreiten. Wenn Menschen nicht mehr wissen, welchen Kanälen sie vertrauen können – auch wenn sie nicht unbedingt jeder Fake News glauben –, dann erzeugt das eine Irritation, die auch gesamtgesellschaftlich Entscheidungsprozesse schwieriger machen kann.

Müsste man Fake News hier nicht auch noch einmal differenzierter betrachten? Eine ausgedachte Nachricht über die Hochzeit eines Promis in der Klatschpresse ist in ihrer Wirkmacht ja nicht gleichzusetzen mit gezielten Desinformationskampagnen und den Fake News, die wir zum Beispiel im Vorfeld des Brexit-Referendums gesehen haben.

Das ist absolut richtig. Ich glaube allerdings, dass ein Effekt stets darin besteht, dass der Wert Wahrheit in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert verliert. Dass es den Menschen, die Fake News konsumieren, zunehmend gleichgültiger wird, was tatsächlich wahr ist – sie wollen einfach unterhalten werden. Das ist auch ein Teilaspekt, der die sozialen Medien allgemein problematisch macht; denn primär geht es den meisten Menschen bei der Nutzung der sozialen Medien darum, unterhalten zu werden oder soziale Beziehungen zu pflegen – es geht fast nie um Erkenntnis und Wahrheit.

Welchen Einfluss haben Fake News auf die Politik?

Das ist schwer allgemein zu beantworten. Ich denke, in Deutschland hält sich die Problematik relativ in Grenzen. Wir sind vergleichsweise gut gewappnet mit unserem sehr eingespielten, halbwegs solide finanzierten Mediensystem, wo in den allermeisten Fällen nach journalistischen Qualitätsstandards gearbeitet wird. Wir haben eine ganze Reihe an hervorragenden Akteuren wie Correctiv oder dem Faktencheck der Tagesschau, die Fake News etwas entgegensetzen können, zumindest im Nachhinein. Das ist allein war keine Lösung, aber doch ein wichtiger Baustein. Außerdem haben wir eine Politik, die relativ gut funktioniert, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Probleme werden aufgedeckt und, wenn es zu Fehlverhalten kommt, folgen daraus im Regelfall Konsequenzen. Es sind verschiedene Institutionen, die zusammenspielen und dazu beitragen, dass Fake News eben nicht den Effekt hat, den die genannten Akteure sich erhoffen. In vielen anderen Ländern – wie in Ungarn, Russland, Nigeria, Indien und zeitweise auch in den USA unter Trump – ist der Effekt von Fake News auf die Politik vermutlich größer – zumal dort die Politik zum Teil selbst mitmischt und Fake News als Instrument für die eigenen Belange einsetzt. In Russland ist dies vielleicht am deutlichsten zu sehen. Dort ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien allgemein sehr niedrig, weil konstant Falschheiten kolportiert werden – was am Ende den nachhaltigen Effekt hat, dass die demokratische Meinungsbildung der Bürger*innen erschwert wird und dann demokratische Entscheidungsprozesse nicht mehr funktionieren.

Was ist mit dem Phänomen derjenigen in Deutschland, die „Lügenpresse“ schreien? In dieser Gruppe herrscht ja ein starkes Misstrauen gegenüber den seriösen, vor allem öffentlich-rechtlichen Medien. Ist das eine Randerscheinung? Etwas, das in der Realität kleiner ist als es wirkt, einfach weil diese Leute so laut sind?

In Deutschland ist das auf jeden Fall ein Randphänomen. Es ist eine kleine, überschaubare Gruppe, die zumindest in letzter Zeit auch nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Es gibt verschiedene Studien, die klar zeigen, dass das Medienvertrauen insgesamt in letzter Zeit wieder gestiegen ist und dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ein relativ hohes Vertrauen in die seriösen Medien hat. Auf der anderen Seite gibt es allerdings etwa zehn Prozent, die man als radikale Systemgegner bezeichnen kann, die tatsächlich „Lügenpresse“ rufen, sich über ihre eigenen Parallel-Medienuniversen informieren und auch nicht mehr so leicht ansprechbar sind. Das ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. In anderen Ländern kann man sehen, dass diese Gruppe von Leuten, die den epistemischen Autoritäten der Gesellschaft nicht mehr vertrauen, wachsen kann. Zum Glück gibt es in Deutschland dafür aber momentan keine Anzeichen.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die informierte Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie ist. Wie wirkt sich der Zuwachs von Fake News darauf aus?

Nur, wenn die Bevölkerung ungefähr weiß, was die großen gesellschaftlichen Fragen sind, welche Positionen die politischen Parteien dazu einnehmen und was die Wissenschaft zu den empirischen Grundlagen dieser Fragen sagt, kann sie Entscheidungen treffen, die ihre eigenen Interessen abbilden. In Ländern wie Ungarn oder Russland, die nicht (mehr) klarerweise Demokratien sind, in denen jedoch Wahlen stattfinden, sehen wir, dass die Bevölkerung häufig nicht weiß, welche Wahlentscheidungen ihre eigenen Interessen abbilden. Wenn Menschen fehlinformiert sind, setzen sie ihr Häkchen am Ende eher dort, wo sie es nicht setzen würden, wenn sie richtig informiert wären. Das allein würde das demokratische System noch nicht unterminieren, auch wenn es die Legitimität demokratischer Entscheidungen infrage stellt. Aber wenn zusätzlich Akteure auf der politischen Bühne erscheinen, die die Demokratie verachten und Fake News für ihre Ziele einsetzen, dann gibt es ein Problem. Wenn solche Leute gewählt werden, dann wird die Demokratie schrittweise abgeschafft. Das ist etwas, das wir leider derzeit vermehrt beobachten können.

Was kann man Fake News und deren zunehmender Verbreitung entgegensetzen? 

Kurzfristig im Prinzip nur zweierlei: löschen und korrigieren. Faktenschecks hatten wir bereits angesprochen. Vor allem dann, wenn Fake News strafrechtlich relevant sind, sollten sie zudem gelöscht werden. Denn oft haben Fake News Komponenten von Hate Speech. Der Grund: sie sind besonders erfolgreich, wenn sie emotionalisieren und mobilisieren – und das geht am einfachsten gegen Andere. Diese Kombination mit Hate Speech macht sie neben ihrer demokratiezersetzenden Wirkung noch gefährlicher: dass Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und Gewaltaufrufe sowie tatsächliche Gewalt provoziert werden. Löschen und korrigieren hilft dabei leider nur sehr begrenzt; es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Eben, wir können nicht nur den Plattformen hinterherrennen und versuchen, bereits entstandenen Schaden abzumildern. Sie haben im Buch ja auch einige Lösungsansätze beschrieben – was ist noch zu tun?

Romy Jaster und ich sehen zwei grundlegende Ansätze, die zwar nachhaltiger sind – aber leider auch nicht so schnell Früchte tragen. So liegt ein Teil der Lösung in besserer Bildung, und zwar nicht im Sinne von Wissensvermittlung, sondern von einer Schulung kritischen Denkens, auch zur Vermeidung eigener Denkfehler. Das passiert an deutschen Schulen bisher kaum und, wenn, dann nicht systematisch. Der zweite Ansatz fordert es, in der Öffentlichkeit eine Streitkultur zu leben, die diesen Namen auch verdient. Dass wir als Bürger*innen sehen, die Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens halten sich an grundsätzliche moralische und epistemische Normen. Es werden Argumente ausgetauscht und bei Fehlern wird tatsächlich nachgebessert. Die klassischen Talkshows sind das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen sollte. Hier wird nicht aufeinander eingegangen, hier inszeniert man sich für das Publikum und die anderen Gesprächspartner*innen sind nur Statist*innen für die eigene Performance. Dadurch wird ein Bild von demokratischem Streit vermittelt, der nicht förderlich ist, weil dabei Fakten nicht so wichtig sind und epistemische Normen verletzt werden. Dort sind tatsächlich ähnliche Mechanismen am Werk wie in den sozialen Medien. Bis zu einem gewissen Grad ist das legitim, weil wir natürlich auch ein Recht auf Unterhaltung haben. Aber aus einer demokratischen Perspektive ist das Bild von Streitkultur und Politik, das dadurch in den Köpfen der Menschen entsteht, höchst problematisch. Das könnte man anders machen, indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Indem man zeigt, dass man sich von Argumenten des Gegenübers überzeugen lassen kann. Dass einem Fakten wichtig sind. Dass man, wenn man erkannt hat, dass man etwas falsch verstanden hat, das auch eingesteht. All das sind zentrale Werte, die in unserer Demokratie auf jeden Fall ausbaufähig sind und sie widerstandsfähiger gegen Fake News machen würde.

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Demokratie, Fake News, Streitkultur David Lanius Demokratie, Fake News, Streitkultur David Lanius

Wie sollten Lehrende mit Fake News und Verschwörungstheorien im Unterricht umgehen?

Diesen Monat erscheint der Band “Dürfen Lehrer ihre Meinung sagen? Demokratische Bildung und die Kontroverse über Kontroversitätsgebote” von Johannes Drerup, Miguel Zulaica y Mugica und Douglas Yacek. Die Beiträge sind allesamt lesenswert und für das Thema Streitkultur einschlägig.

Mit dabei ist auch ein Beitrag zu der Frage “Wie sollten Lehrende mit Fake News und Verschwörungstheorien im Unterricht umgehen?” von David Lanius. Darin versucht er zu zeigen, was Fake News und Verschwörungstheorien sind, was sie unterscheidet, wer daran glaubt, was das Problem dabei ist und schließlich wie man sowohl in der Prävention als auch in der direkten Konfrontation als Lehrkraft damit umgehen kann.

Diesen Monat erscheint der Band “Dürfen Lehrer ihre Meinung sagen? Demokratische Bildung und die Kontroverse über Kontroversitätsgebote” von Johannes Drerup, Miguel Zulaica y Mugica und Douglas Yacek. Die Beiträge sind allesamt lesenswert und für das Thema Streitkultur einschlägig.

Mit dabei ist auch ein Beitrag zu der Frage “Wie sollten Lehrende mit Fake News und Verschwörungstheorien im Unterricht umgehen?” von David Lanius. Darin versucht er zu zeigen, was Fake News und Verschwörungstheorien sind, was sie unterscheidet, wer daran glaubt, was das Problem dabei ist und schließlich wie man sowohl in der Prävention als auch in der direkten Konfrontation als Lehrkraft damit umgehen kann.

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Demonstrativer Bullshit in der politischen Kommunikation

In der Politik findet sich zunehmend ein sprachliches Mittel, das wir demonstrativen Bullshit nennen. Populisten und Demagogen setzen ihn ein, um die Normen des politischen Diskurses in ihrem Sinn zu verschieben, wie unsere Analyse aufzeigt.

In der Politik findet sich zunehmend ein sprachliches Mittel, das wir demonstrativen Bullshit nennen. Populisten und Demagogen setzen ihn ein, um die Normen des politischen Diskurses in ihrem Sinn zu verschieben, wie unsere Analyse aufzeigt.

Lügen und Bullshit

Politiker lügen von Zeit zu Zeit. Einer gängigen Definition zufolge ist eine Lüge eine Behauptung, die der Sprecher für falsch hält und mit der Absicht tätigt, den Adressaten in Bezug auf den Inhalt zu täuschen. Neben klassischen Lügen offenbart die gegenwärtige öffentliche Kommunikation jedoch auch in besonderem Maße ein verwandtes Phänomen, das in der philosophischen Fachliteratur als »Bullshit« bezeichnet wird. Im Unterschied zum Lügner, der über die Tatsachen täuschen will, zeichnet sich Bullshit durch die vollständige Gleichgültigkeit des Sprechers gegenüber der Wahrheit aus. Ein gutes Beispiel für Bullshit ist Donald Trumps Behauptung, bei seiner Amtseinweihung habe es im Moment seiner Vereidigung zu regnen aufgehört und die Sonne habe geschienen. 

Demonstrativer Bullshit

Normalerweise bemühen sich Bullshitter darum, ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit zu verschleiern. In der politischen Kommunikation lässt sich allerdings in jüngerer Zeit ein Phänomen beobachten, das wir demonstrativen Bullshit nennen wollen: Das Aufstellen von Behauptungen, ohne an der Wahrheitsfindung interessiert zu sein und ohne den Versuch zu unternehmen, die eigene wahrheitsindifferente Haltung zu verbergen. Trumps Behauptung, die Sonne habe während seiner Amtseinweihung geschienen, ist ein solcher Fall.

Die Administration Trump hat sich demonstrativen Bullshit immer wieder zunutze gemacht. So etwa als sein Pressesprecher Sean Spicer auch dann noch behauptete, die Menschenmenge bei Trumps Amtseinführung sei größer gewesen als bei Obamas Einführung, als Fotos vorlagen, die die deutlich kleinere Menschenmenge bei Trumps Veranstaltung belegten. Trumps Beraterin Kellyanne Conway rechtfertigte Spicers Behauptung später mit der Aussage, Spicer habe mit seiner Aussage lediglich »alternative Fakten« angeboten. Ähnlich argumentierte Newt Gingrich, als er in einem Interview mit der Journalistin Alisyn Camerota äußerte, Gefühle seien für ihn als Politiker wichtiger als Tatsachen.

Auch in Deutschland haben Politiker begonnen, den Wert der Wahrheit ganz offen in Zweifel zu ziehen. So bemerkte beispielsweise der AfD-Pressesprecher Christian Lüth dem Faktenfinder der ARD gegenüber explizit: »Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist« (Becker, 2017).

Ziele des demonstrativen Bullshittens

Die Ziele demonstrativer Bullshitter sind vielfältig. Wir wollen hier nur eines nennen: Demonstrativer Bullshit kann ein wirksames Mittel sein, um die Normen des politischen Diskurses in eine Richtung zu verschieben, die Populisten und Demagogen in die Karten spielt. Wenn politische Akteure öffentlichkeitswirksam und regelmäßig demonstrativ bullshitten, dann widersetzen sie sich damit ganz explizit den Normen der Wahrheitsfindung im gesellschaftlichen Diskurs. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, die Grundlage für demokratische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zu zersetzen.

Das ist nicht nur ein moralisches Problem. Zwar sind sich die großen deontologischen und konsequentialistischen Moraltheorien einig, dass Lügen und Bullshitten moralisch falsch sind. Entscheidender für unsere Zusammenhänge ist aber, dass die Erosion der genannten Erkenntnisnormen Demokratien erheblichen Schaden zufügen kann.

Wie Bernard Williams anmerkt, neigen Politiker zu illegitimen Handlungen, die ohne eine entsprechende Informiertheit der Bürger nicht aufgedeckt werden können: »Governments are disposed to commit illegitimate actions which they will wish to conceal […]. It is in citizens’ interest that these be checked. They cannot be checked without true information.« (Williams, 2010, S. 207)

Darüber hinaus beruht die Qualität der öffentlichen Debatte insgesamt wesentlich auf dem Zugang der Bürger zu hinreichend genauen und korrekten Informationen und damit auf der Wahrhaftigkeit derer, die an ihr teilhaben (z.B. Fishkin, 2009, S. 126). Versteht man die öffentliche Debatte als entscheidenden Teil des demokratischen Deliberationsprozesses und in dieser Funktion als grundlegend für die Legitimität politischer Entscheidungen, ist Wahrhaftigkeit als Norm zudem eine zentrale Bedingung dafür, dass die erfolgten politischen Entscheidungen legitim sind und als solche anerkannt werden sollten (Cohen, 1997; Habermas, 1998, S. 141).

Eine Normenverschiebung, die den Wert der Wahrhaftigkeit in Bedrängnis bringt, ist also eine direkte Bedrohung für das Funktionieren der öffentlichen Debatte und damit für die (deliberative) Demokratie als solche. Man kann davon ausgehen, dass einige populistische Akteure sie aus genau diesem Grund aktiv anstreben. Demonstratives Bullshitting kann ein wirkmächtiges politisches Instrument sein, um demokratische Deliberationsprozesse zu unterminieren. Es lässt sich strategisch einsetzen, um Bullshitting als Form des politischen Diskurses zu etablieren und die Wahrheitsfindungsprozesse der demokratischen Institutionen nach und nach zu unterlaufen.

Herausforderungen für die politische Bildung

Vor diesem Hintergrund ergibt sich, dass ein Ziel politischer Bildung darin bestehen sollte, Erkenntnisnormen wie Orientierung an der Wahrheitssuche, Streben nach Wahrhaftigkeit und Einfordern von Rechtfertigung in der öffentlichen Debatte zu stärken. Die Prävalenz demonstrativen Bullshits unterminiert die epistemischen Normen, die für das Funktionieren einer Demokratie, einschließlich des demokratischen Deliberationsprozesses, von zentraler Bedeutung sind. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken erfordert zweierlei: eine Vermittlung der Wirkweise demonstrativen Bullshits und eine Stärkung der unter Beschuss stehenden Erkenntnisnormen selbst.

Das beinhaltet unter anderem die Problematisierung von Kommunikationsstrategien, die diese Werte systematisch unterlaufen, und die Stärkung eines selbstständigen, reflektierten und kreativen Umgangs mit diesen Kommunikationsstrategien durch Bürgerinnen und Bürger.

Beides erfordert die Förderung von drei, miteinander verbundener Einsichten:

  • Wahrheit ist ein kostbares Gut.
  • Bullshit in der Politik ist problematisch, destruktiv und in letzter Konsequenz demokratiegefährdend.
  • Bürgerinnen und Bürger stehen als Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien in der Pflicht, Informationen ausreichend zu prüfen; und selbiges sollten sie auch von anderen Menschen einfordern, indem sie Bullshit und die (stillschweigende) Akzeptanz von Bullshit sozial sanktionieren.

Anders gewendet: Es ist eine drängende Aufgabe politischer Bildung, Dispositionen der Bürgerinnen und Bürger zu stärken, sich an der Wahrheitsfindung zu orientieren.


Literatur

  • Becker, K. (2017). AfD teilt falsches Antifa-Foto: Fake? Egal! »Es geht um die Message«. ARD-Faktenfinder. https://web.archive.org/web/20180330201709/http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/falsches-antifa-foto-101.html. Abgerufen am 12.08.2020.
  • Cohen, J. (1997). Deliberation and Democratic Legitimacy. In J. Bohman & W. Rehg (Hrsg.), Deliberative Democracy: Essays on Reason and Politics (67–92). Cambridge, MA: MIT Press.
  • Frankfurt, H. G. (2005). On Bullshit. Princeton: Princeton University Press.
  • Habermas, J. (1998). Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Williams, B. (2010). Truth and Truthfulness. An Essay in Genealogy. Princeton: Princeton University Press.

Dieser Beitrag ist in leicht unterschiedlichen Fassungen ebenfalls auf defacto.expert und auf higgs.ch erschienen und basiert auf einem wissenschaftlichen Artikel, der in dem Sammelband "Politische Bildung für die «neue» Öffentlichkeit?" erschienen ist.

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Eine bessere Streitkultur für Politik und Gesellschaft?

Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.

Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.

Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.

Podiumsdiskussion mit Andrea Römmele und Annette Leßmöllmann

Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.

Ausgangspunkt für die Diskussion ist das in diesem Jahr veröffentlichte Buch "Zur Sache!" von Andrea Römmele. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wird es Raum für Fragen und eine offene Diskussion im Plenum geben.

Zeit: 15. Oktober 2019, von 19 bis 21 Uhr
Ort: Karlshochschule, Karlstraße 36-38, 76133 Karlsruhe

Die Podiumsdiskussion wird organisiert und moderiert von David Lanius (DebateLab, KIT) in Kooperation mit der Karlshochschule, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Hertie School of Governance.

Der Eintritt ist kostenlos und eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr Informationen gibt es auch auf Facebook.

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Demokratie, Fake News, Populismus Romy Jaster Demokratie, Fake News, Populismus Romy Jaster

Die Wahrheit über die Wahrheit

Die Wahrheit hat dieser Tage nicht den besten Stand. Seit der Brexit-Bus durch Großbritannien rollte und Donald Trump als 45. Präsident der USA kandidierte, beherrschen Lügen, Bullshit, Fake News und andere Abgründigkeiten das politische Zeitgeschehen. Derart unverhohlen wird die Wahrheit gebogen, dass in den Feuilletons längst vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist.

Kaum ist das neue Zeitalter ausgerufen, sind auch schon die Schuldigen ausgemacht. An dem ganzen Malheur seien nämlich die Postmodernisten schuld. Schließlich sei es ein allgemeines Credo des Postmodernismus, dass es so etwas wie „die“ Wahrheit gar nicht gebe. Vielmehr hänge Wahrheit stets von Machtbeziehungen ab, von Sprache, von Weltbildern. Durch dieses Denken sei die Wahrheit über Jahrzehnte hinweg derart in Verruf gekommen, dass nun der Nährboden für eine Politik der Wahrheitsbiegung besser nicht sein könnte. Wer selbst nicht an eine objektive Wahrheit glaubt, hat in der Auseinandersetzung mit den Biegern der Wahrheit wenig Munition.

Das mag alles sein, macht aber einen Nebenschauplatz auf. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist nicht, wer an was Schuld ist, was Postmodernisten über Wahrheit denken oder wie sie in der Auseinandersetzung mit Populisten abschneiden. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist: Was sollten wir über Wahrheit denken? Und was haben wir den Biegern der Wahrheit eigentlich entgegenzusetzen?

Die Wahrheit hat dieser Tage nicht den besten Stand. Seit der Brexit-Bus durch Großbritannien rollte und Donald Trump als 45. Präsident der USA kandidierte, beherrschen Lügen, Bullshit, Fake News und andere Abgründigkeiten das politische Zeitgeschehen. Derart unverhohlen wird die Wahrheit gebogen, dass in den Feuilletons längst vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist.

Kaum ist das neue Zeitalter ausgerufen, sind auch schon die Schuldigen ausgemacht. An dem ganzen Malheur seien nämlich die Postmodernisten schuld. Schließlich sei es ein allgemeines Credo des Postmodernismus, dass es so etwas wie „die“ Wahrheit gar nicht gebe. Vielmehr hänge Wahrheit stets von Machtbeziehungen ab, von Sprache, von Weltbildern. Durch dieses Denken sei die Wahrheit über Jahrzehnte hinweg derart in Verruf gekommen, dass nun der Nährboden für eine Politik der Wahrheitsbiegung besser nicht sein könnte. Wer selbst nicht an eine objektive Wahrheit glaubt, hat in der Auseinandersetzung mit den Biegern der Wahrheit wenig Munition.

Das mag alles sein, macht aber einen Nebenschauplatz auf. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist nicht, wer an was Schuld ist, was Postmodernisten über Wahrheit denken oder wie sie in der Auseinandersetzung mit Populisten abschneiden. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist: Was sollten wir über Wahrheit denken? Und was haben wir den Biegern der Wahrheit eigentlich entgegenzusetzen?

Man muss keine einzige Schrift eines Postmodernisten studiert haben, um diese Fragen herausfordernd zu finden. Gibt es so etwas wie Wahrheit überhaupt? Gibt es nur eine Wahrheit oder viele? Hat nicht am Ende jeder seine eigene Wahrheit? Hängt Wahrheit nicht auch davon ab, was wir für wahr halten? Und wie steht es um Wahrheit in Bereichen, über die wir rein gar nichts wissen können? Vielleicht sind diese Fragen postmodernistisch. In jedem Fall treiben sie ziemlich viele Menschen um, wenn sie sich fragen, was es mit der Wahrheit eigentlich auf sich hat.

Klar ist: Die weit verbreitete Skepsis gegenüber der Wahrheit verträgt sich schlecht mit den gängigen Diagnosen über die Probleme unserer Zeit. Wer lügt, der sagt Unwahres. Wer bullshittet, dem ist die Wahrheit gleichgültig. Wer Fake News verbreitet, bringt Nachrichten in Umlauf, die ein unwahres Bild der Wirklichkeit zeichnen. Wie sollten diese Anschuldigungen gegen die Bieger der Wahrheit aufrechtzuerhalten sein, wenn grundlegende Zweifel daran bestehen, dass es so etwas wie die Wahrheit überhaupt gibt? An welchem Standard messen wir Lügner, Bullshitter und die Verbreiter von Fake News, wenn nicht am Standard der Wahrheit selbst?

Um die Probleme der Gegenwart beim Namen nennen zu können, müssen wir die Wahrheit entmystifizieren. Das geht verhältnismäßig einfach. Aber es erfordert, Abstand von der Idee zu nehmen, bei der Wahrheit handle es sich um eine philosophisch tiefe Angelegenheit. Drei Sätze genügen, um ein Verständnis von Wahrheit zu umreißen, das uns das Rüstzeug gibt, es mit den Biegern der Wahrheit aufzunehmen. Also tief durchatmen, hier kommt die Wahrheit über die Wahrheit.

  • Erstens: Wahr ist eine Behauptung, wenn sie die Wirklichkeit korrekt beschreibt.
  • Zweitens: Eine Behauptung beschreibt die Wirklichkeit korrekt, wenn das, was sie behauptet, tatsächlich der Fall ist.
  • Drittens: Was tatsächlich der Fall ist, hat nichts damit zu tun, wie wir es wahrnehmen oder ob wir Wissen darüber haben.

In einem solchen Bild gibt es zwar viele wahre Behauptungen; wahr ist schließlich alles, was die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Was es aber niemals geben kann, sind gegenteilige Behauptungen, die dennoch beide wahr sind. Wenn Sie glauben, dass es regnet, und ich glaube, dass es nicht regnet, dann muss einer von uns falsch liegen. Wenn es regnet, ist Ihre Überzeugung wahr und meine falsch. Wenn es nicht regnet, ist es andersherum. Mehr gibt es über Wahrheit in dem grundlegenden Sinn, um den es hier geht, nicht zu sagen.

Wenn das stimmt, dann gibt es tatsächlich nur eine Wahrheit: Wahr ist, was der Wirklichkeit entspricht. Aussprüche wie „Jeder hat seine eigene Wahrheit“ stellen sich als bloße Redeweisen heraus, die unterschiedliche Bedeutungen haben können: dass jeder die Wirklichkeit auf seine Weise wahrnimmt; dass unterschiedliche Menschen gute Gründe für gegensätzliche Überzeugungen haben; dass am Ende jeder sein eigenes Urteil fällen muss. Was auch immer aber gemeint ist, es hat nichts mit Wahrheit im grundlegenden Sinn zu tun. Denn nichts von dem, was gemeint sein könnte, steht im Konflikt zu der Erkenntnis, dass nur derjenige etwas Wahres denkt, dessen Überzeugungen sich mit der Wirklichkeit decken.

Natürlich stimmt es, dass wir manchmal nicht wissen, ob eine Behauptung die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Aber für die Wahrheit der Behauptung ist das unerheblich. Wahrheit im grundlegenden Sinn erfordert nicht, dass wir wissen, ob eine Behauptung wahr ist. Zwei gegensätzliche, gleich gut begründete Behauptungen können miteinander im Wettstreit stehen, ohne dass wir ihre Wahrheit überprüfen könnten. Die Geschichte der Wissenschaften liefert uns dafür haufenweise Beispiele. Das heißt aber nicht, dass keine der beiden Behauptungen wahr ist oder gar dass beide „irgendwie“ wahr sind. Ganz im Gegenteil: Nur eine der Behauptungen kann wahr sein, und zwar diejenige, die die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Dass wir die Wirklichkeit nicht kennen, bedeutet lediglich, dass wir nicht wissen, welche der beiden Behauptungen das ist.

Zugestanden: Man muss das alles nicht einkaufen. „Meine Wahrheit, deine Wahrheit“ - wenn man will, kann man daran festhalten, dass diese Redeweise ganz wörtlich verstanden Sinn ergibt. In dem Fall allerdings wird es schwierig zu begreifen, was es heißt, die Wahrheit zu biegen. Es sieht dann nämlich ganz so aus, als hätte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich einen Punkt gehabt, als er 2016 in einem Interview verlauten ließ, auch wenn die Daten es nicht stützten, sei es eine Tatsache, dass die Kriminalität zugenommen habe. Seine Begründung: Die Leute fühlen es.

Die hässliche Alternative zu einem handfesten Verständnis der Wahrheit sind alternative Fakten.

Dieser Text wird im Herbst 2019 im Programmheft der Münchner Symphoniker erscheinen.

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Wann ist Provokation sinnvoll und legitim?

Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.

US-Präsident Donald Trump vergleicht am 3. Januar den Bau der geplanten Grenzmauer zu Mexiko mit der Fantasy-Serie "Game of Thrones" und provoziert damit gekonnt seine politischen Gegner.

Trump: The Wall is Coming

Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.

Provokation als Strategie

Bei Trump mag es sich um eine narzistische Persönlichkeitsstörung handeln, die gut mit der Aufmerksamkeitsökonomie der modernen öffentlichen Debatte zusammenspielt.

Bei vielen Rechtspopulisten weltweit ist sie erklärte Strategie. So bezeichnete der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki im DLF Provokation als "Stilmittel" der AfD. Und damit hat er recht: der AfD-Ideologe Götz Kubitschek kürte gezielte Provokation sogar als zentrale Säule der Strategie der AfD seit dem Bundestagswahlkampf 2017: die Partei solle "ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein [und] auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken."

Kubitschek meint, dass "harte und provokante Slogans wichtiger als lange, um Differenzierung bemühte Sätze" seien. Ziel sei es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und in den Medien zu bleiben. Aber Provokation solle auch gezielt moralisierendes Verhalten der anderen Debattenteilnehmenden hervorrufen, das dann als Zielscheibe genutzt werden kann, um wiederum Empörung bei den eigenen Wählern zu erzeugen und sich in der Opferrolle zu inszenieren.

Gewollte, ungewollte und missglückte Provokation

Natürlich ist Provokation nicht immer Strategie. Manche Handlungen oder Äußerungen provozieren andere Menschen, ohne dass das Ziel der Handlung oder Äußerung ist. Mini-Röcke wurden lange als Provokation aufgefasst (und werden es mancherorts noch), aber das heißt nicht, dass jede Frau, die einen Mini-Rock trägt, provozieren will.

Manchmal versuchen Menschen auch zu provozieren, aber scheitern dann damit. Andrea Nahles' Spruch "Jetzt gibt es auf die Fresse" war wohl als Provokation gedacht, erntete aber vor allem Spott und war aus PR-Sicht desaströs. In der öffentlichen Debatte soll Provokation in erster Linie Aufmerksamkeit einfangen: Die Werbung bedient sich dieses Mittels genauso wie Stars, Politiker und die Medien selbst.

Provokation als Aufmerksamkeitsmagnet

Aufmerksamkeit ist ein zentrales Kapital in der öffentlichen Debatte. So können Stars die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, an Unternehmen, für die sie Werbung machen, verkaufen. Mit Aufmerksamkeit wird gehandelt - zuvorderst im Internet. Fernsehen und Facebook haben gemeinsam, dass ihre Kunden Werbetreibende sind, denen die Aufmerksamkeit der Nutzer verkauft wird

Provokation kann natürlich auch genutzt werden, um auf etwas Wichtiges aufmerksam zu machen. Gute Kunst funkioniert so. Das Musikvideo "Like a prayer" von 1989 stellt sich Madona selbst zufolge "gegen Rassismus. Es ist wohl immer noch ein Tabu, eine Beziehung zwischen Schwarz und Weiß zu zeigen! Und dann noch fröhliche Ausgelassenheit in einer Kirche. Ja, das waren viele Tabus. Das hat einigen Leuten Angst gemacht. Wahrscheinlich genau den Leuten, die ein Problem mit genau diesen Themen haben!" Ob das nun der eigentliche Grund für die Provokation war, ist offen. Immerhin war das Video ein großer finanzieller Erfolg für Madonna: Denn die dadruch erzeugte Aufmerksamkeit hat ihr auch viele Millionen Dollar eingebracht.

Was ist Provokation?

Doch was ist Provokation überhaupt? So klar ist das leider gar nicht. Eine bekannte Definition lautet:

Provokation ist ein "absichtlich herbeigeführter überraschender Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch diskreditiert und entlarvt."

(Rainer Paris 1998, 58)

Etwas allgemeiner könnte man auch sagen: Provokation ist das Hervorrufen eines (unbedachten) Verhaltens durch Normbruch und mittels einer emotionalen Reaktion bei anderen Personen (meist Ärger, Wut oder Empörung). Wichtig ist in jedem Fall zwischen den tatsächlichen Intentionen des Provokateurs (Beispiel: Provokationsversuch von Andrea Nahles), den unterstellten Intentionen des Provokateurs durch den Provozierten (Beispiel: Tabuisierung des Minirocks) und der tatsächlichen Reaktion des Provozierten (Beispiel: Gefühl der Provokation durch Minirock).

Allein die Tatsache, dass eine Frau einen Minirock trägt, wird bisweilen als Provokation aufgefasst – ganz unabhängig von den tatsächlichen Intentionen der Frau, die im Zweifel gar nicht auf die Person gerichtet sind, die sich dann provoziert fühlt.

Manche provozieren aber auch, weil sie Andere klein machen wollen. Klaus Kinski mag bei seinen Pöbeleien ein solcher Kandidat gewesen sein. Aber eben auch Donald Trump scheint durch Provokation seine Macht ausloten zu wollen. Gezielte Verstöße von Normen demostrieren, dass man über den normalen Regeln der Gesellschaft steht.

Aus demselbem Grund haben Punks in den 1980ern in Abgrenzung zur damaligen Norm Nazi-Symbole als provokative Stilmittel und Tabubrecher genutzt, um den Empörten des Bürgertums genau jene Reaktionen der Intoleranz zu entlocken, die sie bei ihnen hinter der Fassade der Toleranz vermuteten.

Warum und mit welchem Ziel wird provoziert?

Mit welchen Zielen wird Provokation im öffentlichen Diskurs (oder aber auch in privaten Auseinandersetzungen) eingesetzt? Aufmerksamkeit ist fast immer der primäre Grund; allerdings kann man verschiedenste fernere Ziele durch die erzeugte Aufmerksamkeit verfolgen.

Klassisch ist etwa die Provokation in Spiel- oder Kampfsituationen: man provoziert den Gegner zu einem Zug, der ihm mittel- oder langfristig schaden wird (beim Boxen, indem man ihn beleidigt); ein anderes Beispiel ist die Provokation von Menschen, an denen sich der Provokateur abreagieren will; erst provoziert er sie zu einer Handlung, die er selbst als Provokation auslegen kann, um dann beispielsweise eine Schlägerei vom Zaun brechen zu können.

Ganz generell sollte man also zwischen beabsichtigter, strategischer Provokation wie im Fall der AfD (oder auch häufig in der Werbung), beabsichtigter, aber nicht strategischer Provokation wie im Fall von Raufbolden und unbeabsichtigter, oft sogar unbewusster Provokation wie im Fall von Musliminnen, die in Deutschland Kopftuch tragen (was gar nicht im engeren Sinn eine Provokation ist; die Leute fühlen sich nur provoziert).

Zusammenfassend kann man sagen, dass Menschen provozieren,

  • um sich selbst groß zu machen, indem sie andere klein machen.
  • um von eigenen Schwächen abzulenken.
  • um anderen zu zeigen, dass sie die Stärksten und Überlegensten sind.
  • weil sie eifersüchtig sind.
  • weil ihnen langweilig ist.
  • weil sie schon aggressiv sind und ihre Aggression ausleben wollen.
  • um einen Fehler der Gegenseite in einer Auseinandersetzung herbeizuführen.
  • um Aufmerksamkeit von anderen zu erhalten.

Wann ist Provokation legitim?

Wenn sie ein legitimes Ziel zu erreichen hilft. Provokation ist meist Normverletzung. Das kann sinnvoll sein, wenn die Normen selbst problematisch oder unsinnig sind (zum Beispiel ganz häufig bei Normen der Sexualmoral) oder wenn diese (oder andere) Normen ohnehin nicht eingehalten werden (provokative Kunst zu Nationalsozialismus, Kapitalismus, etc.).

Für Individuen ist es bisweilen absolut sinnvoll zu provozieren, weil sie ihre kurzfristigen und individuellen Interessen durch eine gezielte Provokation durchsetzen können. Für die Gesellschaft als Ganzes ist es meist eher fragwürdig, ob Provokation zielführend ist. Schließlich sind Provokationen meist Normverletzungen, die ihrerseits Normverletzungen hervorrufen sollen. Das spricht erstmal gegen ein kooperatives, nach gemeinsamen Normen organisiertes Miteinander.

Im Einzelfall (wenn bereits Normen nicht eingehalten werden) kann eine gezielte Provokation jedoch hilfreich sein, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. So kann Provokation sinnvoll als didaktisches Mittel im Schuluntericht eingesetzt werden. Unterschwellige Konflikte oder Probleme können, wenn man kommunikativ geschickt ist, durch eine gezielte Provokation offengelegt werden; damit das jedoch insgesamt sinnvoll ist, muss die Provokation in ein weiteres Gespräch eingebettet sein, das den Konflikt konstruktiv verhandelt!

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Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen

Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.deReclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

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Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

Rezensionen zum Buch

Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)

Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)

Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)

Weitere lesenswerte Bücher zum Thema

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Was Online-Redakteure gegen Fake News und Hatespeech tun können

Gestern hat der Verein #ichbinhier einen offenen Brief an die Online-Redakteure reichweitenstarker Facebookseiten geschrieben und sie darin aufgefordert, sich stärker gegen Fake News, Desinformation, Hatespeech, Hetze, Lügen und Verdrehungen einzusetzen.

Der offene Brief gibt einige konstruktive Ratschläge, was Online-Redakteure besser machen könnten. Das wünscht sich der Verein ichbinhier von den Online-Redakteuren:

Gestern hat der Verein #ichbinhier einen offenen Brief an die Online-Redakteure reichweitenstarker Facebookseiten geschrieben und sie darin aufgefordert, sich stärker gegen Fake News, Desinformation, Hatespeech, Hetze, Lügen und Verdrehungen einzusetzen.

Der offene Brief gibt einige konstruktive Ratschläge, was Online-Redakteure besser machen könnten. Das wünscht sich der Verein ichbinhier von den Online-Redakteuren:

1. Weniger Triggerthemen!

Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, "Ausländerkriminalität" pp. schreibt.

2. Fakten statt Spekulation!

Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.

3. Verzichtet auf Clickbaiting!

Seriöser Journalismus kommt ohne aus.Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!

4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!

Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!

5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!

Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.

6. Steht für journalistische Qualität ein!

Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können

Der Verein #ichbinhier engagiert sich für ein friedliches Miteinander. In der Facebookgruppe des Vereins können wir uns alle für eine bessere Streitkultur im Internet einsetzen!

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Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können

In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.

Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?

In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.

Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?

Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem eines: recht behalten. Glaubt man Psychologen, ist das ist auch nicht verwunderlich. Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, empfinden wir als Störfaktoren. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "kognitiver Dissonanz". Wenn wir die verspüren, haben wir vor allem einen Impuls: die Argumente des Gegenübers zu entkräften.

Das ist nicht so irrational, wie es klingt. In einer Demokratie entscheiden schließlich alle Bürger darüber, was geschieht. Je mehr Menschen wir von unserer Meinung überzeugen, desto wahrscheinlicher werden politische Entscheidungen, die uns gefallen. Doch wie überzeugt man überhaupt jemanden von seiner Meinung?

Viele Menschen kritisieren das politische Gegenüber direkt oder konfrontieren es sofort mit der eigenen Meinung. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.

Wir können verstehen lernen

Eines der berühmtesten Experimente hierzu stammt aus den USA. Die Forscher gaben ihren Versuchsteilnehmern hierfür einen erfundenen Zeitungsartikel zu lesen. Darin stand die These, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Anschließend bekamen die Probanden starke Belege dafür, dass diese Information falsch ist – darunter ein Zitat des damaligen Präsidenten George W. Bush, in dem dieser die Existenz der Waffen verneint. Das Ergebnis der Studie war erstaunlich. Nicht nur glaubten vor allem konservative Versuchsteilnehmer weiter an die irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie waren von ihrer Position sogar noch stärker überzeugt als vorher.

Zwar ist noch nicht belegt, dass Menschen im Angesicht konträrer Informationen tatsächlich im Sinne des backfire effect ihre Überzeugungen verhärten. Mit Sicherheit wissen wir jedoch, dass es gar nicht so einfach ist, eine andere Person von ihrem Standpunkt abzubringen. Für viele Menschen scheint es eine große Überwindung zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Bisweilen scheint durch eine Meinungsänderung nicht nur ein politischer Standpunkt, sondern auch das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken zu geraten. Wer überzeugen will, sollte also vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, als Person abgewertet zu werden.

Der Philosoph Daniel Dennett hat in Anlehnung an den Psychologen Anatol Rapaport vier Regeln aufgestellt, die dabei helfen können. Glaubt man Dennett, beginnt eine gute Kritik immer damit, dass der Diskutant zuerst in eigenen Worten wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat. Dann stellt er heraus, worin sich beide einig sind, und macht drittens explizit, was er vom Gegenüber gelernt hat. Erst dann – im letzten Schritt – legt der Diskutant möglichst präzise dar, warum er anderer Meinung ist. Wer seine Kritik derart höflich und konstruktiv formuliert, erhöht laut Dennett seine Chancen, gehört zu werden. Womöglich kann er sogar leichter das Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Es gibt aber noch ein anderes Ziel, das man sich in einer Debatte setzen kann: zu verstehen, wie der andere denkt. In westlichen Gesellschaften scheint das momentan ein Problem zu sein. Über die Anderen denken wir zunehmend nur noch in Stereotypen: Wer bei Pegida mitläuft, ist ein Rassist, wer Flüchtlingen hilft, hat den Bezug zur Realität verloren. Dieses Denken führt dazu, dass sich die Menschen in ihren politischen Meinungen zunehmend radikalisieren.

Das Problem ist bloß: Die allerwenigsten Menschen entsprechen in Wahrheit diesen Stereotypen. Oft sind unsere Vorstellungen vom Anderen einfach falsch. Diskussionen können dieses Denken aufbrechen.

Ein Mittel, um Diskussionen besser zu machen: offene Fragen

Das geht allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Und es gelingt nicht immer. Gespräche können auch – ganz im Gegenteil – dazu führen, dass Stereotype verstärkt werden. Unsere Meinungen verfestigen sich dann, Unverständnis und Intoleranz wachsen.Wie kann man ein Gespräch also angehen, wenn man es richtig machen will? Ein einfaches Mittel sind offene Fragen. Sie eignen sich besonders gut, um etwas über unseren Gesprächspartner herauszufinden. Jede Frage, die sich nicht nur mit Ja oder Nein beantworten lässt, gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, in seine Gedankenwelt Einblick zu geben. Gute Fragen in einer Debatte sind also: "Warum denken Sie das?" Oder: "Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit diesem Problem umgehen?"Offene Fragen sind übrigens auch eine wirksame Strategie, um Schwächen in der Position des Gegenübers aufzudecken. Studien zeigen, dass Menschen massiv ihr Verständnis komplexer Zusammenhänge überschätzen. In einer Diskussion kann es daher ratsam sein, zu fragen: "Wie erklärt sich das Ihrer Meinung nach?" Oder: "Wie hängt das in Ihren Augen zusammen?" Geschicktes Fragen kann dem Gegenüber klarmachen, dass sein Verständnis des Themas begrenzt ist.Wie wirkungsvoll offene Fragen sein können, hat der afroamerikanische Musiker Daryl Davis gezeigt. Davis, eigentlich ein Pianist und Bluesmusiker, führt seit Jahren Gespräche mit Mitgliedern des rechtsextremen Ku-Klux-Klans. Doch statt sie zu kritisieren, stellte er ihnen offene Fragen. Eine Frage lautete sinngemäß: "Warum glaubst du, dass Schwarze gewalttätiger sind als Weiße?" Obwohl Davis selbst immer wieder von Rassismus betroffen war, interessierte er sich aufrichtig für die Frage, wie die Mitglieder zu ihrem rassistischen Weltbild kamen. Die Methode hatte offenbar Erfolg: Nach den Gesprächen lösten sich Teile des Ku-Klux-Klans im Bundesstaat Maryland auf.

Es gibt aber noch einen dritten Grund, mit politisch Andersdenkenden zu diskutieren: der eigene Erkenntnisgewinn. Eine Diskussion, das vergessen wir oft, ist ein extrem gutes Mittel, um die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Das ist auch deshalb entscheidend, weil wir Menschen zu Denkfehlern neigen.

Ein besonders häufiger Denkfehler ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder confirmation bias. Die bekannteste Studie hierzu stammt aus Großbritannien. Der Denkpsychologe Peter Wason bat seine Studierenden, die Regel hinter einer von ihm ausgedachten Zahlenreihe herauszufinden. Die Reihe lautete: 2,4,6. Fast alle Studierenden waren anschließend der Ansicht, dass die Regel darin bestünde, dass einfach jedes Mal eine zwei addiert werde.

Die Studierenden durften anschließend weitere Zahlenreihen nennen, um zu prüfen, ob sie mit ihrer Hypothese richtig lagen. Die meisten Studierenden prüften ihre Hypothese, indem sie weitere Zahlenreihen bildeten, die der Regel "Addiere 2!" folgten. Also: 8,10,12 oder 6,8,10.

Damit jedoch gingen sie dem Bestätigungsfehler auf den Leim. Sie hatten nicht mehr nach der Wahrheit, sondern ausschließlich eine Bestätigung für ihre Hypothese gesucht. Für die Studie wäre es jedoch klug gewesen, auch Zahlenreihen der Form "1,2,3" oder "7,2,1" abzufragen. Hätten die Studierenden das getan, hätte sich schnell die Regel herausgestellt, die der ursprünglichen Zahlenreihe zugrunde lag. Sie lautete nämlich schlicht: "Addiere irgendeine Zahl!"

Streitgespräche müssen kein Kampf sein

Studien zeigen immer wieder, dass wir viel besser darin sind, die Denkfehler anderer zu erkennen als unsere eigenen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Austausch von Argumenten also sehr viel effizienter und effektiver als das individuelle Abwägen von Gründen. Daher sind Diskussionen so nützlich für den Erkenntnisgewinn.

Wie sollte man also in ein Streitgespräch hineingehen, wenn man möglichst schlau wieder herauskommen will? Es geht im Wesentlichen darum, die richtige Haltung zu finden. Die Kampfmetaphorik, mit der wir Streitgespräche beschreiben, suggeriert, dass wir eine Debatte gewinnen müssen oder zumindest unsere Position erfolgreich verteidigen. Wenn wir das nicht schaffen, fühlen wir uns schlecht. Das Gegenüber wird damit zum Gegner in einem Duell, der uns gefährlich werden kann und den wir besiegen müssen.

Diese Haltung hat jedoch in erster Linie negative Konsequenzen. Adrenalin wird ausgeschüttet, weil wir uns bedroht fühlen. Das führt dazu, dass wir zwar schneller und rhetorisch geschickter reagieren können. Wir sind aber auch weniger aufnahmefähig, weniger empathisch und weniger zugewandt.

Streitgespräche müssen jedoch keine Kämpfe sein, die in Siegen oder Niederlagen enden. Wir können sie als kooperative Unterfangen verstehen, bei denen wir voneinander lernen. Dann kann eine Niederlage auch einmal ein Sieg sein. Zum Beispiel dann, wenn man eine nicht haltbare Überzeugung angesichts guter Gründe aufgibt. So zu denken, ist sicherlich viel verlangt. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ZEIT ONLINE am 21. September 2018 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D18.D18

Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können, erklärt Romy in diesem Video:

Was die Aktion "Deutschland spricht" für die Diskussionskultur bedeutet, erläutert David in diesem Interview:

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Mit Rechtspopulisten reden

In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.

Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?

In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.

Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?

Doch was zeichnet überhaupt rechtspopulistische Standpunkte aus?

Zunächst einmal gilt es zu verstehen, wie Rechtspopulisten denken. Es ist verlockend, rechtspopulistische Standpunkte als haltlose Parolen abzutun. Tatsächlich aber folgen rechtspopulistische Programme einer recht stringenten inneren Logik. Sie zu durchschauen, ist entscheidend, um einzelne Parolen einordnen und sich treffsicher mit ihnen auseinandersetzen zu können.Im Zentrum jedes rechtspopulistischen Programms steht ein Argument der folgenden Form:

  1. Es gibt eine Bedrohung.
  2. Nur die Rechtspopulisten können uns davor bewahren.
  3. Also müssen die Rechtspopulisten an die Macht kommen.

Hat man das Argument einmal klar vor Augen, so sieht man, dass viele typische Parolen dazu dienen, dieses Argument zu stützen. Die Bedrohung nimmt wahlweise die Form der “Flüchtlingswelle”, des (politischen) Islams, des Niedergangs der deutschen Sprache oder dergleichen mehr an. Die Rettung kann nur durch die Rechtspopulisten erfolgen, weil nur sie die Machenschaften der Lügenpresse durchschauen, gegen das korrupte Establishment vorgehen und die wahren Probleme benennen – kurz: weil nur sie den Willen des Volkes erkennen und verwirklichen werden.

Mit wem reden?

Lohnt es sich überhaupt, mit Leuten zu diskutieren, die ein solches Weltbild haben? Hier gilt es zu unterscheiden. Nicht alle Menschen, die mit rechtspopulistischem Gedankengut sympathisieren, sind radikal. In vielen Fällen hat man es einfach mit einer Person zu tun, die die Welt anders erlebt als man selbst. Hier kann sich eine Diskussion durchaus lohnen.Dabei ist es zielführend, die Technik des argumentativen  Reframings anzuwenden. Studien zeigen, dass Menschen ein Argument nur dann überzeugend finden, wenn es Werte anspricht, die sie teilen. Die Herausforderung beim Argumentieren ist daher, gelegentlich die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und sich zu fragen, welche Argumente wohl überzeugend sind, wenn man so denkt wie das Gegenüber – also ganz anders als man selbst.Was, wenn man es mit einem Gegenüber zu tun hat, bei dem keine Offenheit für eine echte Diskussion besteht? Auch dann lohnt sich häufig die Auseinandersetzung. Denn gerade auf öffentlichen Veranstaltungen, auf Panels und an Infoständen adressiert man stets auch die Zuhörer und die Umstehenden. Manchmal gilt es, rote Linien zu markieren oder ein positives Gegenbild zu entwerfen, auch wenn keine Aussicht auf ein Einlenken beim Gegenüber zu erwarten ist.

Strohmänner, Generalisierungen und Parolenhopping

Dennoch scheuen viele Menschen die öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten. Ein häufiger Grund ist die Angst, der Debatte nicht gewachsen zu sein. Auf die gängigsten unsachlichen Argumentationsstrategien sollte man sich daher ein wenig vorbereiten. Besonders typisch für den Diskurs mit Rechtspopulisten sind Strohmänner, unzulässige Generalisierungen und Parolenhopping.Beim Strohmann wird die Position des Gegenübers so verzerrt, dass sie sich besonders leicht widerlegen lässt. Beispiel: Sie sprechen sich für die Reduzierung der Rüstungsausgaben aus und ihnen wird entgegnet, dass wir ohne Rüstungsbudget aufgeschmissen sind. Aber natürlich hatten Sie sich nicht für die Streichung des Rüstungsbudgets ausgesprochen. Hier gilt es aufmerksam zu sein und seine Position umgehend und unmissverständlich klarzustellen.Bei unzulässigen Generalisierungen wird von einem Beispiel auf eine ganze Gruppe verallgemeinert. So werden Geflüchtete pauschal mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Verweis auf die Statistik liegt nahe, überzeugt aber in den seltensten Fällen. Besser ist es, anekdotisch zu antworten und zum Beispiel von konkreten Geflüchteten zu berichten, die sich gesellschaftlich einbringen. Denn emotionale Botschaften verfangen meist besser.Das Problem beim Parolenhopping ist, dass viele verschiedene Themen schnell gestreift werden. Dadurch gibt es keine Einzelposition, gegen die man argumentieren kann. Die souveräne Reaktion ist, auf eines der Themen Bezug zu nehmen und den Rest (zunächst) unter den Tisch fallen zu lassen. Diese Gegenstrategie nennt man Rosinenpicken: Man pickt das Thema, bei dem man sich am besten auskennt. Auf diese Weise kann man die Richtung der Diskussion steuern und eigene schlagkräftige Argumente präsentieren.

"Migrantenwellen", "Asylorkane" und "Flüchtlingstsunamis"

Auf rechtspopulistische Standpunkte Bezug zu nehmen, ist jedoch nicht unproblematisch. Rechtspopulisten bedienen sich häufig einer dramatisierenden und irreführenden Sprache. Begriffe aktivieren Bilder. Diese Bildes (Frames genannt) beeinflussen nachweislich unsere Einstellungen. Spricht man von einer “Flüchtlingswelle”, dann aktiviert das Assoziationen wie “Katastrophe” und “Naturgewalt”.Um diese Assoziationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Sprechweise der Rechtspopulisten nicht einfach zu übernehmen und stattdessen Worte zu wählen, die nicht die problematischen Assoziationen wecken. Durch ein solch terminologisches Reframing wird dann aus dem “Flüchtlingstsunami” lediglich eine große Zahl von Menschen, die in Not sind und bei uns Zuflucht suchen.

Reden lohnt sich!

Abhängig von den eigenen Zielen und vom Gesprächskontext kann man rechtspopulistischen Standpunkten also durchaus souverän und Artikel im Südlinkkonstruktiv begegnen. Wenn sich das Gegenüber für eine echte Diskussion bereit zeigt, ist es häufig zielführend, ein Vier-Augen-Gespräch zu suchen und durch argumentatives Reframing zu überzeugen. Das setzt voraus, dass wir versuchen, das Gegenüber wirklich zu verstehen. Ist das Ziel dagegen, lediglich die Kontrolle über die Debatte zu behalten, dann hilft es, auf die Argumentationsstrategien der Rechtspopulisten mit entsprechenden (vorbereiteten) Gegenstrategien zu antworten, terminologisches Reframing einzusetzen und sich (begründet) zu positionieren.Dieser Artikel erscheint auch hier in dem Nord-Süd-Magazin Südlink von INKOTA.

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Was ist gute Streitkultur?

Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.

Kritik übenDie Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.

Herr Lanius, Wann haben Sie zum letzten Mal gestritten?

Gerade eben, mit meiner Partnerin.

Worum ging es?

Um die ganz klassischen Dinge; wie wir Arbeit und Partnerschaft unter einen Hut bringen. Wir streiten oft. Es ist wichtig, Konflikte offen auszutragen. Und das ist ja nicht nur in einer Beziehung so, sondern, wenn ich das mal so grundsätzlich und pathetisch sagen darf, auch in einer Demokratie.

Das müssen Sie jetzt natürlich auch sagen: Sie forschen über Populismus am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie, arbeiten auch als Argumentationstrainer. Warum finden sie das Streiten so wichtig?

Aus mindestens drei Gründen. Erstens denke ich, dass nur Streit zuverlässige Erkenntnis bringt. Das ist in der Wissenschaft besonders deutlich: Als Wissenschaftler erlange ich Wissen, indem ich mich kritisch und im besten Fall auch selbstkritisch mit den Einsichten meiner Kollegen auseinandersetze. Erst im Streit kann ich erkennen, ob meine Argumente stimmig sind. Erst in Abgleich mit anderen Theorien, Perspektiven und Überzeugungen kann ich überprüfen, ob ich nicht kognitiven Verzerrungen oder logischen Fehlschlüssen unterlegen bin. Das gilt insbesondere auch für die Gründe, die andere Menschen für ihre Überzeugungen und gegen meine Position anführen.Zweitens erfahre ich in einem Streit nicht nur viel über die Sache, über die wir streiten, sondern auch über die Person, mit der ich streite: Wer ist das? Was bewegt sie? Wieso denkt sie, was sie denkt? In jeder sozialen Konstellation, in der ich mit anderen Menschen kooperieren möchte, ist es essentiell, miteinander im Gespräch zu bleiben, sie anzuhören und mit ihnen Gründe auszutauschen. Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Freundschaften, Vereine, Unternehmen oder unsere Gesellschaft als Ganzes.Und das ist der dritte Grund: Unsere Demokratie lebt von der politischen Auseinandersetzung – vom Streit. Nur durch ständige öffentliche Debatte können wir erfolgreich unsere Interessen koordinieren. Nur im Streit klären wir, was uns als Gesellschaft wichtig ist, welche Werte wir ganz grundsätzlich vertreten wollen und welche politischen Entscheidungen wir als Gesellschaft zu tragen bereit sind.

Am Anfang einer Trainingseinheit steht ja oft die Bestandsaufnahme. Fangen wir doch damit an: Wie steht es um die Streitkultur in Deutschland?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin Philosoph, kein Soziologe. Und selbst wenn ich Soziologe wäre, gibt es keine unkontroverse Art, wie man die Qualität gesellschaftlicher Streitkultur angemessen operationalisieren kann. Es hängt von zu vielen Faktoren ab, was es bedeutet, dass in einer bestimmten Situation gut oder schlecht gestritten wird. Zudem gibt es meines Wissens nach keine systematische Untersuchung dieser Frage. Daher werde ich von anekdotischer Evidenz ausgehen, um Ihre Frage zu beantworten.Häufig wird ja behauptet, dass sich die Streitkultur verschlechtert, dass wir Deutschen verlernt hätten zu streiten. Meine Beobachtungen bestätigen jedoch nicht, dass die Streitkultur früher wirklich besser war und man in den 1920er oder 1960er Jahren am Stammtisch oder im Parlament auf gepflegtere Art Argumente ausgetauscht hat. Ich glaube noch nicht einmal, dass sich der Ton dramatisch verschärft hat. Vieles von dem, was heute die AfD sagt und worüber die Empörung dann groß ist, wäre in der CDU/CSU oder der SPD in den 1980er oder 1990er Jahren überhaupt nicht als anstößig aufgefallen.

Aber trotzdem könnten wir besser streiten, oder?

Auf jeden Fall!

Was sind typische Fehler beim politischen Streit?

Es gibt strukturelle Gründe für manche Fehler, die immer wieder begangen werden, die sich jedoch in der öffentlichen Debatte und im privaten Gespräch unterscheiden. Bedauerlicherweise werden Politiker in der Regel gecoacht, in öffentlichen Debatten möglichst viel Redezeit einzunehmen und das Gespräch zu dominieren – mit dem Effekt, dass sie häufig ihrem Gegenüber nicht zuhören, seine Position falsch oder verzerrt wiedergeben und nicht inhaltlich, sondern rein rhetorisch auf seine Einwände reagieren. Das liegt an den spezifischen Interessen der Politiker, die in solchen Debatten weder Erkenntnis suchen noch auf Austausch oder Kooperation aus sind. Sie wollen Aufmerksamkeit und letztlich Wählerstimmen gewinnen. Leider lassen sich nicht nur Politiker, sondern oft auch Journalisten und andere Debattenteilnehmer von solchen Fehlanreizen verleiten.Umgekehrt kann man im privaten Bereich bisweilen zu viel falsch verstandenen Respekt – eine falsch verstandene Zurückhaltung – beobachten. Häufig denken gerade jüngere, progressive, gebildete Menschen, dass jedes Argument irgendwie richtig sei und es Priorität habe, den Anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen. Das führt dazu, dass heikle Themen oft gar nicht angesprochen werden. Man will niemanden verletzen oder zu nahetreten. Dabei könnten wir die persönliche Nähe etwa zu einem Verwandten, der andere politische Ansichten hat, auch als Ressource für ein gutes politisches Gespräch ansehen. Wenn Menschen offen miteinander reden, verstehen sie sich besser und neigen weniger zu Extremen.

Eine Strategie, dem Streit auszuweichen, besteht doch auch in dem in eher linken Kreisen beliebten Privilegien-Argument: „Ich diskutiere nicht mit dir, weil du ein weißer Mann bist und daher das Problem, über das wir hier sprechen, überhaupt nicht kennst.“

Diese Strategie kann es sehr schwierig machen, ein Streitgespräch konstruktiv zu führen. Ich würde da allerdings gerne zwei Ebenen unterscheiden. Wir alle nehmen bestimmte Positionen in der Gesellschaft ein, erfahren dadurch strukturelle Bevorzugungen oder Benachteiligungen und nehmen damit eine bestimmte Perspektive auf uns und andere ein. Unter bestimmten Umständen kann es daher sinnvoll und wichtig sein, das Gegenüber darauf hinzuweisen, das es bestimmte Dinge (vermutlich) nicht sieht, weil ihm entsprechende Erfahrungen fehlen.Auf der sachlichen Ebene beinhaltet diese Strategie hingegen einen Fehlschluss. Es handelt sich um ein Ad Hominem-Argument: Was du sagst, ist falsch oder irrelevant, einfach nur weil du bist, wer du bist. Das ist natürlich Unsinn. Nichts folgt aus meinem Weiß- oder Männlich-Sein über die Wahrheit oder Falschheit meiner politischen Äußerungen – ob zum Beispiel eine bestimmte Handlung sexistisch oder rassistisch ist. Allerdings ist es gerade in Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen häufig auch sachlich zielführend, Privilegien zu benennen und das direkt am Gegenüber zu markieren. In einem guten Streitgespräch können solche Themen genauso diskutiert werden wie zum Beispiel die letzte Fußballweltmeisterschaft.

Immer wieder wird sich ja auch über die Streitkultur im Internet beklagt.

Auch hier würde ich vor einem vorschnellen Urteil zurückscheuen. Ich bin viel im Netz unterwegs. Es gibt viele Beispiele von gelungenen Diskussionen, in denen sich die Leute große Mühe geben, respektvoll und sachlich miteinander zu reden. Ich finde es auch großartig, welche Möglichkeiten die sozialen Netzwerke bieten, mit Menschen mit anderen politischen Meinungen in Kontakt zu kommen.Die These der digitalen Filterblase ist nicht haltbar. Mit ein, zwei Klicks zerplatzt die Blase und ich bin in einer Diskussion mit radikalen Feministen, Kreationisten oder populistischen Merkel-Gegnern. Vielleicht erschrecken die Menschen auch deswegen über den Ton in den sozialen Netzwerken so sehr, weil sie im analogen Leben diese Auseinandersetzungen weit seltener erleben. Denn tatsächlich bewegen wir uns ja im analogen Leben viel mehr in Echokammern, viel mehr unter Gleichgesinnten, als das im Netz der Fall wäre.

Damit kommen wir zu einer Frage, die sich vermutlich sehr viele unserer Leser stellen: Wie kann man mit Rechten streiten? Bevor man da nach Antworten sucht, muss man sich natürlich auch fragen: Soll man überhaupt mit Rechten streiten?

Auf jeden Fall! Allerdings ist ja nicht immer unmittelbar klar, wer oder was "die Rechten" überhaupt sind. Ich spreche lieber von Menschen mit rechtsextremen, rechtspopulistischen oder vielleicht sogar nur konservativen, reaktionären oder patriotischen Überzeugungen. Aber in jedem Fall sollte man mit Menschen sprechen, die eine andere Meinung haben – auch Meinungen, die man kategorisch ablehnt.Ich mache das zum Einen aus einem ganz persönlichen Interesse. Es ist doch wahnsinnig spannend, zu erfahren, was Menschen umtreibt, was ihnen Sorgen bereitet, was für Gründe sie anführen, welche Sicht sie auf die Welt und andere Menschen haben. Und auch politisch finde ich es sinnvoll, mit der AfD ins Gespräch zu kommen.Dabei laufen wir zwar einerseits Gefahr, die AfD zu sehr zu hofieren und ihren Positionen zu viel Raum zu geben, so dass sich als Reaktion die Standards des öffentlichen Diskurses verschieben, etwa bei der Frage, wie wir mit Geflüchteten in Deutschland umgehen. Das Problem besteht dabei in den Bildern und Narrativen, die die AfD durch Framing erzeugt. Die Ereignisse des Jahres 2015, als relativ viele Menschen nach Deutschland flüchteten und die Politik nur schleppend darauf reagierte, wurden mit Begriffen wie "Flüchtlings-Tsunami", "Umvolkung", "großer Austausch" oder "muslimische Invasion" beschrieben. Die Bilder, die dadurch erzeugt werden, haben leider einen großen Einfluss auf unser Urteil über diese Ereignisse.Auf der anderen Seite ist es jedoch keine Lösung, die Vertreter der AfD nicht mehr in Talkshows einzuladen oder sie aus Fußballvereinen zu werfen. Damit bestätigt man letztlich nur das Weltbild vieler AfD-Anhänger. Dieses besagt ja gerade, dass es in Deutschland weder Demokratie noch Meinungsfreiheit gebe. Da ist der Vorwurf der "korrupten Eliten" oder "Lügenpresse" nicht weit.Ich denke daher, dass man sowohl im privaten Diskussionen als auch in öffentlichen Debatten durchaus auch einmal radikale Positionen zu Wort kommen lassen sollte, um daraufhin jedoch höflich, klar und begründet seine eigene Position zu vertreten. Man sollte gerade in Situationen mit Publikum (wie Talk-Shows, aber eben auch Facebook-Walls) ganz klar ansprechen, wo man anderer Meinung ist, und dabei auf das Framing achten. Man kann die Position des Gegenübers wiedergeben, ohne dessen Bilder und Narrative zu verwenden.Das nennt man dann Reframing. Es ist eine traurige Tatsache, dass viele rechtspopulistische Frames (wie das der "Altparteien" oder des "Flüchtlings-Tsunamis") auch von demokratischen Politikern und Medienvertretern aufgenommen wurden und die AfD damit in der Tat die Debatte zu ihren Gunsten verändert.

Kann man denn wirklich einen AfD-Politiker von einer anderen Meinung überzeugen?

Das ist das klassische Argument der Diskussionsverweigerer: „Das sind Nazis; mit denen braucht man nicht zu sprechen.“ Damit macht man es sich aber zu leicht. Es ist natürlich richtig; ich werde Alice Weidel oder Alexander Gauland nicht von meiner Position überzeugen. Doch viele politische Streits werden ja nicht geführt, um das Gegenüber von seiner Position zu überzeugen. Oft ist der eigentliche Adressat das Publikum. Weil es eine Bundestagsdebatte verfolgt, weil es eine Talkshow sieht, weil es einen Diskussionsverlauf in einem Facebook-Newsfeed, Forum oder die Kommentare unter einem Video oder Zeitungsartikel liest.Grundsätzlich sollte man sich jedoch von der Vorstellung verabschieden, dass es in Streitgesprächen darum ginge, das Gegenüber, oder überhaupt irgendwen, zu überzeugen. Ich denke, dass wir mehr Bereitschaft zeigen sollten, von Anderen zu lernen und im Zweifel auch einmal einzugestehen, dass wir uns geirrt haben. Wir müssen von der absurden Idee wegkommen, dass es schlecht sei, zuzugeben, dass der Andere recht hat.Meine These lautet: Streitgespräche werden umso konstruktiver, je mehr wir die Meinungen der Anderen respektieren und aufrichtiges Interesse an den Gründen für diese Meinungen und an den Gründen haben, die sie gegen die eigene Meinung anführen. Ich bin optimistisch, dass sich dann am Ende die Meinungen durchsetzen werden, für die die besten Gründe sprechen.

Wirklich?

Es ist es natürlich schwierig, ein konstruktives Gespräch zu führen, wenn gemeinsame Grundlagen fehlen und das Gegenüber nicht bereit ist, auf Gründe zu reagieren. Ich denke jedoch, dass man sogar Verschwörungstheoretikern rational begegnen kann – und zwar indem man auf der Meta-Ebene ansetzt. Man muss also die großen Fragen klären: Wie erlange ich Wissen? Welchen Quellen kann ich vertrauen?Da zeigt sich dann, wo sich Widersprüche im Weltbild des Verschwörungstheoretikers auftun. Beispielsweise, dass er bestimmten Quellen willkürlich sein Vertrauen schenkt und es anderen genauso willkürlich abspricht. Diese Einsicht muss der Verschwörungstheoretiker jedoch selbst gewinnen – es wird nur in den seltensten Fällen helfen, ihn direkt darauf aufmerksam zu machen. Fragen sind übrigens allgemein eine sehr viel effektivere Methode im Streitgespräch, als viele Menschen denken!

Wenn man Ihre Analyse des AfD-Programms liest, fällt die Katastrophenrhetorik besonders auf, eine Semantik der Sorge. Inwiefern sollte man solche Sorgen ernst nehmen?

Zunächst einmal sollte man genau hinsehen. Was sind diese Sorgen? Wer hat sie? Wer hat sie wirklich? Die AfD ist daran interessiert, Empörung und Angst zu schüren. Einerseits sind Empörung und Angst Emotionen, die hohen Aufmerksamkeitswert versprechen. Nachrichten, die solche Emotionen auslösen, verbreiten sich schneller in den sozialen Netzen und bleiben besser in Erinnerung.Andererseits geben sie der AfD eine Art Existenzberechtigung; denn nur wenn "die da oben" – die demokratischen Institutionen, die EU und die Medien – mit der akuten Gefahr durch "die Anderen" – die Geflüchteten und die Muslime – überfordert oder sogar dafür verantwortlich sind, braucht es eine "Alternative für Deutschland", die "den Willen des Volkes" kennt und ihm wieder zur Geltung verhilft. Die AfD spricht damit Menschen an, die tendenziell ein geschlossenes Weltbild haben, an das man von außen kaum mehr herankommt. Sie sind quasi fakten-resistent. Wenn ich ihnen einen Beleg für meine Thesen präsentiere, ist es einfach für sie zu sagen, dass er unglaubwürdig – weil Produkt des korrupten Systems – ist.Das sind im Grunde Verschwörungstheorien. Sie immunisieren sich gegen Kritik, indem sie eine passende Erklärung für jeden Einwand und jede Richtigstellung mitliefern – warum die Politik, die Medien, die Wissenschaft uns gezielt täuschen. Man muss also identifizieren, welche Sorgen in der Bevölkerung tatsächlich vorhanden und welche davon auch begründet sind. Manche Sorgen existieren nur in der AfD-Rhetorik. Andere Sorgen existieren zwar in bestimmten Teilen der Bevölkerung, sind aber letztlich gegenstandslos – weil sie auf Fehleinschätzungen beruhen und im Extremfall auf Verschwörungstheorien. Wieder andere Sorgen sind in der Tat begründet; beispielsweise, dass immer mehr Menschen mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommen.

Was sollte man außerdem noch beachten?

Wenn man sich auf einen Streit einlässt, muss man wirklich bereit sein, zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht. In der Philosophie sprechen wir vom „Prinzip des interpretativen Wohlwollens“. Das fehlt oft bei der Auseinandersetzung mit der AfD – gerade auch von Vertretern der Medien oder der demokratischen Parteien.Etwa in der Berliner Runde zur Bundestagswahl 2017 versuchten die Moderatoren mit Suggestiv-Fragen Jörg Meuthen an die Wand zu spielen. Sie fragten ihn: "Was haben Sie sich für diese Legislaturperiode vorgenommen – Krawall und Populismus wie bisher oder wollen Sie eine konstruktive Opposition sein?" Das ist selbst kein konstruktiver Gesprächsbeitrag – unterstellt er doch von vornherein, dass die AfD nicht konstruktiv arbeiten will.Auch gibt es immer wieder abwertende Parlamentsreden von Politikern der demokratischen Parteien. Ein Beispiel möchte ich hier nennen, weil es ein großer viraler Erfolg war und von Feuilletons in der ganzen Republik hochgelobt wurde: Die Replik von Hans-Ulrich Rülke (FDP) auf eine Rede von Jörg Meuthen im baden-württembergischen Landtag letztes Jahr gilt für Viele als Musterfall, wie man mit der AfD umgehen sollte. Dabei war sie kaum mehr als eine pointierte und vor allem polemische Stammtischrede, die keinen Punkt der AfD inhaltlich aufgriff, sondern sich vor allem über sie lustig machte. Solche rhetorischen Manöver haben das Ziel, bestimmte Meinungen und Argumente erst gar nicht in der öffentlichen Debatte zuzulassen.Leider spielt man hier der AfD in die Hände, weil man sie scheinbar in ihrer Opferrolle und ihren Behauptungen zu Meinungsfreiheit und Zensur in Deutschland bestätigt. Diesen Gefallen sollten wir ihnen jedoch nicht tun. Auf dieses von der AfD systematisch eingesetzte Argumentationsmuster sollte man vielmehr mit kühler Sachlichkeit reagieren, indem man inhaltliche Punkte aufgreift und, wo erforderlich, differenziert und klar widerlegt.

Welche Argumentationsmuster verwendet die AfD zum Beispiel noch?

Was man bei der AfD immer wieder beobachten kann, ist die Taktik, erst einmal eine sehr starke Behauptung aufzustellen wie zum Beispiel: "In Deutschland wird ein Bevölkerungsaustausch geplant." Das provoziert und hat eine gute Chance, von den Medien aufgegriffen zu werden. Widerlegt man die Behauptung, läuft man Gefahr, sie zu wiederholen und zu ihrer Verbreitung noch beizutragen. Die schrille Provokation bleibt in Erinnerung, während die sachliche Widerlegung vergessen wird.Im Anschluss an solche Provokationen relativiert die AfD dann häufig wieder, was sie gesagt hat: "Das meinen wir gar nicht so." Oder noch radikaler; sie leugnet, dass es überhaupt Tatsachen gibt – frei nach dem Motto "Du hast deine Wahrheit, ich habe meine." oder mit den unsterblichen Worten von Trump-Sprecherin Kellyanne Conway: "Wir haben alternative Fakten."

Was lässt sich da erwidern?

Dieses Argumentationsmuster ist ungemein zynisch, denn es unterwandert jede sinnhafte Diskussion. Gerade weil unser Wissen über die Welt in einem kollektiven Prozess entsteht, müssen wir in der Auseinandersetzung überprüfen, welche Theorien und Begriffe die Welt am besten beschreiben. Wer behauptet, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, dürfte sich erst gar nicht auf die Diskussion einlassen. Tut er es doch, verfängt er sich in einen performativen Widerspruch. Er erhebt den Anspruch, dass es in einem intersubjektiven Sinn wahr ist, dass Wahrheit subjektiv ist. Darauf sollte man aufmerksam machen.

Was sind weitere typische Argumentationsweisen von Rechtspopulisten?

Weit verbreitet ist auch das Themen-Hopping. Dabei wird von einem Thema zum nächsten gesprungen und in einen einzelnen Redebeitrag beispielsweise der Verlust der Leitkultur, die Einführung der Scharia, der internationale Terrorismus und die leeren Sozialkassen untergebracht. Keine der Thesen wird klar formuliert und Argumente werden höchstens angedeutet. Darauf kann man in aller Regel nicht umfassend antworten. Stattdessen sollte man probieren, das Gespräch konkret auf ein einzelnes Thema oder Argument zurückzuführen.Auch wenn es schwerfällt, prinzipiell helfen immer Genauigkeit und Sachlichkeit – gerade auch gegenüber einem weiteren Argumentationsmuster, das Philosophen „Strohmann-Argument“ nennen. Dabei gibt man die Position des Gegenübers verzerrt, übertrieben oder schlicht falsch wieder und baut so, bildlich gesprochen einen Strohmann auf, den man leichter bekämpfen kann. Gerade erklärt die SPD-Politikerin, warum sie die Obergrenze für problematisch hält. Daraufhin entgegnet der AfD-Politiker, dass offene Grenzen nicht funktionieren werden. Das hatte sie aber gar nicht gefordert. Häufig fällt das jedoch niemandem auf – nicht einmal der Person, deren Position falsch dargestellt wurde.

Kann es sein, dass es vielen auch prinzipiell wohlmeinenden Menschen im Streit ohnehin gar nicht so sehr um das Gegenüber geht, als vor allem selbst gut dazustehen, vor sich selbst oder vor einem Publikum? Das vorgebliche Argumentieren und Kritisieren ist dann vor allem eine Art Pose.

Das ist in der Tat sehr verbreitet. Ich glaube jedoch, dass wir diese Haltung überwinden können. Zudem lassen sich Anreize schaffen, sicherzustellen, dass trotz dieser Haltung das Argumentieren und Kritisieren konstruktiv bleibt – zum Beispiel, indem wir gutes Streitverhalten sozial belohnen und schlechtes Streitverhalten sanktionieren. Dann steht man nur gut da, wenn man auch tatsächlich inhaltlich und im Ton konstruktiv streitet. Das bedeutet, Mechanismen zu entwickeln für eine Art "foolproof democracy" – eine Demokratie, die resistent ist gegenüber Populismus, Fake News und schlechtes Streitverhalten.

Gehören auch sehr moralische Argumentationsweisen zum schlechten Streitverhalten? Etwa wenn man den Anderen mehr oder weniger verschlüsselt sagt: Ich bin ein guter, liberaler, weltoffener Mensch und du nicht.

Gerade linksprogressive Menschen, die sich für besonders tolerant halten, verfallen gerne auf solche Argumentationsweisen. Sie sind nicht bereit über ihre Werte zu streiten, sondern kommen lieber mit dem tadelnden Zeigefinger und erheben sich damit moralisch über den Anderen. Das erzeugt eher eine Abwehrreaktion als Einsicht. Dabei kann man wunderbar über Werte streiten!Das erfordert jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Und wenn man mit Menschen diskutiert, die man nur als rassistische Nazis oder linksversiffte Gutmenschen wahrnimmt, fällt das schwer. Wenn man allerdings die Fähigkeit und Bereitschaft dazu mitbringt, empfiehlt es sich, die Werte des Gegenübers aufzugreifen und als Prämissen in den eigenen Argumenten zu verwenden – wie das beispielsweise Jörg Thadeusz in einem Interview mit Alexander Gauland getan hat, als er in der Verteidigung von SPD-Politikerin Aydan Özoğuz an bürgerliche Werte wie Anstand und Ehre appellierte. Das nennt man auch moralisches Reframing.

Wo kann man das Streiten üben?

Warum nicht im Internet? Das ein großartiger Ort, weil man sehr leicht mit andersdenkenden Menschen in Kontakt kommt. Zugleich kann man dort vergleichsweise gefahrlos streiten; in einer Nazi-Kneipe oder auf einer Pegida-Demo kann es dagegen ungemütlich werden, wenn man den falschen Ton trifft. Die digitale Diskussion kann man sofort verlassen, wenn es einem zu verrückt wird.Und das Diskutieren im Netz bietet noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man ist nicht unter demselben Zugzwang wie bei einer analogen Diskussion, in der man direkt auf das eben Gehörte reagieren muss. Man kann sich auch mal im Stuhl zurücklehnen oder kurz auf den Balkon gehen und seine Emotionen in die Welt schreien. Und dann wieder etwas ruhiger und entspannter an den Computer zurückgehen und eine überlegte Antwort schreiben.

Was sind die Anfängerfehler beim Streiten?

Ich denke, der größte Fehler ist ein Haltungsfehler – dass man das Streiten als Kampf ansieht, nicht als einen kooperativen Prozess, bei dem es um Erkenntnisgewinn und Austausch geht. Viele wollen einfach gewinnen, wenn sie streiten. Diese Haltung bewirkt jedoch biochemische Reaktionen, die sehr nachteilig für die Streitkultur sind: Adrenalin wird ausgeschüttet, als würde man einem Raubtier gegenüberstehen, als ginge es ums Überleben. Man reagiert aggressiv oder defensiv und ist weniger offen – mit der Konsequenz, dass man dem Anderen nicht mehr richtig zuhört und ihm schneller Dinge unterstellt, die er weder gesagt noch gedacht hat. Man baut also ganz unabsichtlich einen Strohmann auf oder bewegt sich sogar von vornherein nicht mehr auf einer inhaltlichen Ebene. Das kann man vermeiden, indem man sich sagt, dass man nichts verliert, sondern im Zweifel sogar gewinnt, wenn man sich von seinem Gegenüber überzeugen lässt.Ein häufiges Problem ist auch, dass so unspezifisch und vage geredet und kritisiert wird, dass weder das Gegenüber noch das Publikum irgendwo ansetzen können: „Deutschland muss sicherer werden, in Russland herrscht keine Demokratie, der Kapitalismus ist schlecht“ – es ist völlig unklar, was damit gemeint ist; bevor man darauf inhaltlich reagieren kann, muss zuerst geklärt werden, worum es überhaupt geht, was mit "sicher", "Demokratie" und "Kapitalismus" hier gemeint ist.

Woran erkennt man den Streitprofi?

Vereinfacht gesagt, der Streitprofi hört seinem Gegenüber genau zu, fragt im Zweifel nach, reagiert auch bei emotionalen Themen gelassen, formuliert präzise und gibt differenzierte Argumente für seine Überzeugungen. Am Wichtigsten ist jedoch: Der Streitprofi ist bereit, seine Überzeugungen zu revidieren, wenn er gute Gründe dafür hat.

Kann man denn überhaupt zu viel streiten?

Wenn man es richtig macht, nein!Das Interview erschien in dem Buch "Kritik üben", das eine Art Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung von Jakob Schrenk und Friedrich von Borries ist. Das Buch enthält darüberhinaus absolut lesenswerte Interviews von Irmhild Saake, Rahel Jaeggi, Harald Welzer, Armin Nassehi, Kevin Kühnert, Meredith Haaf und Thomas Macho.

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Towards Foolproof Democracy: Advancing Public Debate and Political Decision-Making (CfP/English)

The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.

The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.

A special issue on Foolproof Democracy

In view of these developments, the question of the desired relation between democracy, deliberation, and truth looms large. Moral Philosophy and Politics invites contributions that seek to articulate this relation from the viewpoint of philosophy and political science. Suitable contributions may address such questions as:

  • How, if at all, can we improve public opinion formation?
  • Is deliberation the best way to generate political decisions in modern democracy?
  • How can we make democracy more resistant to populism and other forms of mass manipulation? Should politics be allowed (and perhaps even obligated) to exert influence on opinion formation in society?
  • Is there a way to methodically and impartially check the quality of debate in the public sphere?
  • Are political polarization and “echo chambers” a problem for democracy? And, if so, how can we guard against their formation and maintenance?
  • What ought to be the role of science and the humanities in the democratic process?
Papers should be submitted before June 30, 2018 and should not exceed 8000 words; shorter articles will also be accepted for review.

All submissions will undergo MOPP’s double-blind refereeing process.Please note that this process is not organized by the guest editors but by the journal’s founding editors who will also have the final word on publication decisions.The journal’s manuscript submission site can accessed here: http://mc.manuscriptcentral.com/mopp

Guest editors

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Sind Filterblasen gefährlich?

Alle Jahre wieder treffen wir auf Menschen aus unserem Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis, die uns mit unerwarteten Ansichten überraschen. So habe ich auch neulich eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir hatten seit dem Abitur kaum Kontakt. Als wir uns nun bei einem Kaffee gegenüber saßen, sprudelte es aus ihr heraus: "Ach, es ist alles so düster derzeit. Die Amerikaner haben Europa voll im Griff, wogegen die nächste GroKo ja auch wieder nichts machen wird. Die sind ja eh alle gekauft. Merkel lädt weiter schön Flüchtlinge zu uns ein und die anderen Staaten nehmen keine auf. Warum müssen die denn alle zu uns kommen?"

Alle Jahre wieder treffen wir auf Menschen aus unserem Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis, die uns mit unerwarteten Ansichten überraschen. So habe ich auch neulich eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir hatten seit dem Abitur kaum Kontakt. Als wir uns nun bei einem Kaffee gegenüber saßen, sprudelte es aus ihr heraus: "Ach, es ist alles so düster derzeit. Die Amerikaner haben Europa voll im Griff, wogegen die nächste GroKo ja auch wieder nichts machen wird. Die sind ja eh alle gekauft. Merkel lädt weiter schön Flüchtlinge zu uns ein und die anderen Staaten nehmen keine auf. Warum müssen die denn alle zu uns kommen?"

Erreichen uns grundsätzlich andere Informationen?

So düster sieht es in Deutschland doch gar nicht aus? Und woher kamen diese verkürzten Aussagen? Ich dachte in den folgenden Tagen über mein Umfeld nach, die Nachrichten, die ich bekomme, meine Informationsquellen, mein Facebook-Newsfeed. Mich erreichen wohl einfach andere Informationen als meine Schulkameradin. Wir lesen unterschiedliche Zeitungen, hören unterschiedliche Radiosender, lesen unterschiedliche Blogs, haben unterschiedliche Freunde – und überdies generieren uns Facebook und Google unterschiedliche "News" basierend auf unseren unterschiedlichen Interessen. Kurz: Wir leben in unterschiedlichen "Filterblasen".

Was sind Filterblasen?

Der Begriff “Filterblase” geht auf Eli Pariser zurück, den Internetaktivisten und Aufsichtsratsvorsitzenden von moveon.org. Pariser verwendet den Begriff im Zusammenhang mit digitalen Räumen, die den Nutzerinnen und Nutzer vorrangig Inhalte präsentieren, die ihren bestehenden Interessen entsprechen und damit ihre Einstellungen dazu verstärken.Wenn man allgemein von dem Phänomen spricht, dass wir uns in verschiedenen sozialen Räumen bewegen, in denen überwiegend Informationen ausgetauscht werden, die wir für wahr halten, ist der Begriff "Echokammer" besser geeignet. Eine Echokammer ist ein sozialer Raum, in dem die eigene Meinung gespiegelt und nicht mit anderen Meinungen konfrontiert wird. Leider verwenden viele Menschen Filterblase und Echokammer synonym. In diesem Blog-Eintrag wollen wir es (der Einfachheit halber) diesen Menschen gleichtun und ebenfalls diesen weiten Begriff von Filterblase verwenden.

Warum wir Filterblasen eigentlich ganz gern haben..

Zu den meisten unserer Überzeugungen sind wir nicht durch direkte Wahrnehmung gelangt. Wir glauben, was wir glauben, weil es uns Experten, Medien oder unsere Freunde und Verwandte mitgeteilt haben. Was wir glauben, hängt davon ab, von welchen Personen wir unsere Informationen beziehen und wie glaubwürdig diese in unseren Augen sind.In aller Regel wollen wir gar nicht mit Informationen konfrontiert werden, die unseren bereits bestehenden Meinungen widersprechen. Werden wir doch damit konfrontiert, nehmen wir sie meistens nicht wahr oder finden Gründe, sie abzulehnen. Es bereitet uns ein unangenehmes Gefühl, uns mit Positionen zu beschäftigen, die nicht unsere eigenen sind. Man spricht dabei auch vom Bestätigungsfehler (confirmation bias). Wir vermeiden kognitive Dissonanz, indem wir selektiv wahrnehmen, was wir wahrnehmen wollen.Deswegen reden wir normalerweise auch kaum mit Menschen, die wir nicht mögen und die andere politische Meinungen haben als wir selbst. Wir wählen unseren Stammtisch, unsere Freunde und unser Umfeld allgemein nach dem Kriterium der Ähnlichkeit aus. Wir finden diejenigen sympathisch, die Gemeinsamkeiten – Interessen, Meinungen oder auch reine Äußerlichkeiten – mit uns teilen.

Was ist also das Problem von Filterblasen?

Das Problem dabei ist, dass wir nicht immer richtig liegen und dass Menschen mit anderen Interessen, Meinungen, Redeweisen oder einem anderen Kleidungsstil oft relevante Informationen für uns besitzen, von denen wir nichts mitbekommen.Es beginnt damit, dass wir uns eher Menschen als Freunde suchen, die unsere Einstellungen teilen, und endet damit, dass Facebook und Google uns nur die Inhalte zeigen, die unseren bisherigen Interessen und Meinungen entsprechen. Zusätzlich abonnieren wir nur Newsletter von uns nahen Organisationen, lesen Zeitungen mit unserer politischen Ausrichtung und vermeiden Infoveranstaltungen von Parteien, die wir ohnehin nicht wählen würden.Mit dem Aufkommen von personalisierten digitalen Medien entstehen Filterblasen schneller, werden undurchlässiger und einseitiger. Aber was ist so schlimm daran, dass Youtube mir immer zuerst Katzenvideos zeigt, weil es gelernt hat, dass ich darauf am ehesten mit Klicks reagiere?

Sind Filterblasen eine Gefahr für die Demokratie?

Informationsverbreitung in den digitalen Medien ist zumeist fremdbestimmt und hochgradig automatisiert. Wir haben kaum Kontrolle darüber, welche Nachrichten und Suchergebnisse uns von Facebook und Google angezeigt werden. Richtig problematisch werden Filterblasen, wenn sie gezielt ausgenutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Denn Filterblasen spielen eine essentielle Rolle bei der Verbreitung von Fake News. Wenn alle meine Freunde eine Nachricht für wahr halten, dann habe ich bereits einen guten Grund, diese Nachricht ebenfalls für wahr zu halten. Dies nennt man auch den Konformitätseffekt. Filterblasen können also verhindern, dass Falschmeldungen korrigiert werden.Filterblasen können damit zu einer Gefahr für demokratische Meinungs- und Entscheidungsprozesse werden. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedlicher Meinung Gehör finden und trotz Meinungsverschiedenheiten kooperieren. Dies wird durch Filterblasen jedoch erschwert. Es ist nicht nur so, dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einander nicht hören, sondern die Meinungen, die sie haben, radikalisieren sich durch Filterblasen noch. Dies nennt man auch Gruppen-Polarisation.Ein eindrückliches Beispiel für die negativen Folgen von Filterblasen sind die Facebook-Gruppen, die durch eine Aktion der PARTEI aufgedeckt worden sind. Diese Filterblasen sind künstlich erzeugt und verstärkt worden (vgl. diesen heise-Artikel). Das perfide: Auch wenn man als Mitglied dieser Gruppen nicht aktiv war, reichen die Facebook-Algorithmen aus, dass man zunehmend rechtspopulistischen Inhalten ausgesetzt wird. Dies ist selbst dann der Fall, wenn man nur einige wenige AfD-kompatible Meinungen im Vorfeld hatte.

Was können wir gegen die negativen Folgen von Filterblasen tun?

Was können wir aber tun, um Filterblasen zu durchbrechen? Online können wir relativ einfach ein paar Einstellungen ändern, um weniger maßgeschneiderte Informationen zu bekommen:

  • Wir können auf Facebook unsere Newsfeed-Einstellungen ändern und ein paar Seiten (von Zeitungen oder Nachrichtensendungen zum Beispiel) abonnieren, deren Ausrichtung wir nicht teilen.
  • Wir können die Google-Einstellungen ändern, damit uns Suchergebnisse nicht in Abhängigkeit zu unseren bisherigen Suchanfragen und unserem Standort angezeigt werden (zum Beispiel, indem wir eine Proxy-Seite wie startpage verwenden.
  • Allgemein können wir Informationen hinterfragen, die unsere Überzeugungen und Vorurteile bestätigen. Gerade Nachrichten, die nur allzu gut in unser Weltbild passen, verdienen besondere Skepsis und Aufmerksamkeit.
  • Und wir können natürlich aktiv online und im echten Leben Kontakt mit Andersdenkenden suchen.

Wir alle können andere Standpunkte nachvollziehen, ohne sie zwangsläufig teilen zu müssen. Nur wenn wir uns gegenseitig zuhören und konstruktiv streiten, können wir Filterblasen mit konstruktivem Streit und radikaler Höflichkeit durchbrechen!Dies ist eine leicht abgewandelte Fassung eines Blog-Artikels auf kleinerfünf.de. Der Artikel hätte ohne die tatkräftige Unterstützung und Mitwirkung von Frederik Gottschling und Joe Weis nicht verwirklicht werden können.

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Die AfD und der Kirchentag

Zwei Überraschungen habe ich vom diesjährigen Kirchentag mitgenommen. Positiv überrascht hat mich, dass sachliche Argumente doch weiter tragen, als ich zu hoffen wagte. Negativ überrascht hat mich, dass überhaupt so viele Argumente von Nöten waren.Denn der Kirchentag war voll von Menschen, die offen mit der AfD sympathisieren oder aus Überzeugung gar nicht erst wählen gehen. Ich war dort mit einem Stand von Kleiner Fünf - einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, rechtspopulistische Parteien mit demokratischen Mitteln und radikaler Höflichkeit unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken. Es kam zu hitzigen Diskussionen und spannenden Kontroversen - glücklicherweise ohne Wut, Pöbeleien oder Hass.

Zwei Überraschungen habe ich vom diesjährigen Kirchentag mitgenommen. Positiv überrascht hat mich, dass sachliche Argumente doch weiter tragen, als ich zu hoffen wagte. Negativ überrascht hat mich, dass überhaupt so viele Argumente von Nöten waren.Denn der Kirchentag war voll von Menschen, die offen mit der AfD sympathisieren oder aus Überzeugung gar nicht erst wählen gehen. Ich war dort mit einem Stand von Kleiner Fünf - einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, rechtspopulistische Parteien mit demokratischen Mitteln und radikaler Höflichkeit unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken. Es kam zu hitzigen Diskussionen und spannenden Kontroversen - glücklicherweise ohne Wut, Pöbeleien oder Hass.

Mit AfDlern argumentieren

Ein Mann beispielsweise wollte die AfD wählen, weil er (und jetzt folgt seine Argumentation) nicht einsähe, dass er mit nur 50.000 Euro Jahreseinkommen den Höchststeuersatz zahle. Er werde unverhältnismäßig geschröpft, während andere ganz auf Kosten des Staates lebten. Die AfD habe als einzige Partei dieses Problem erkannt und würde im Gegensatz zu allen anderen Parteien daran auch wirklich etwas ändern.

Die Wahl der eigenen argumentativen Strategie

Wie sollte ich reagieren? Zwar zahlt in Deutschland niemand mit 50.000 Euro Jahreseinkommen faktisch den Höchststeuersatz. Doch das wollte er mir nicht glauben. Auch Gerechtigkeitsüberlegungen perlten an ihm ab wie Wasser auf Lack.Was blieb mir in diesem Fall anderes als an seinen Eigennutzen zu appellieren? In der Tat fordert die AfD einen Einheitssteuersatz, der deutlich geringer als der Höchststeuersatz ist und für alle Einkommen über 20.000 Euro gelten soll. Das führt nun zu einem recht offensichtlichen Problem. Die massiven Steuerausfälle, die dadurch und durch die ebenfalls von der AfD geforderte Absenkung der Mehrwertsteuer (um sieben Prozentpunkte) entstehen würden, müssten an anderer Stelle oder aber durch eine äquivalente Absenkung an Leistungen und Subventionen ausgeglichen werden - Leistungen und Subventionen, von denen auch der Mann vom Kirchentag profitiert, wie er mir offen zustimmte.

Appell an das Eigeninteresse

Was ihn jedoch am ehesten zu überzeugen schien, war mein Argument, dass ihm der von der AfD geforderte Stufentarif, der den momentanen progressiven Steuersatz ersetzen soll, gar nichts nützen würde. Aufgrund der anteiligen Verrechnung der Einkommenssteuer zahlt nämlich selbst jemand, der den Höchststeuersatz zahlt, nur auf einen Bruchteil seines Einkommens tatsächlich 42 Prozent Steuern. Selbst wenn der Mann vom Kirchentag also mit seinen 50.000 Euro Jahreseinkommen den Höchststeuersatz zahlt, dann zahlt er vielleicht auf 500 oder 1.000 Euro seines Jahreseinkommens 42 Prozent; auf den überwiegenden Rest seines Einkommens zahlt er gar nichts oder deutlich weniger - insgesamt vermutlich um die 25 Prozent.Daran würde sich aber wohl kaum etwas ändern, wenn die AfD ihre Steuerpolitik umsetzen könnte. Denn dann würde er auf einen Großteil seines Einkommens den Höchststeuersatz zahlen müssen. Der AfD-Steuersatz wäre zwar niedriger, würde aber schon sehr viel früher einsetzen - und damit würde die Steuerbelastung des Mannes vom Kirchentag vermutlich nicht viel weniger als die momentanen 25 Prozent betragen. Letztlich bevorzugt die AfD die noch deutlich Wohlhabenderen (bei denen sich die Senkung des Höchststeuersatzes wirklich auszahlt) und erhöht dabei das Risiko aller anderen, in die Armut abzurutschen.

Was können Argumente bewirken?

Nun kann ich mir leider nicht sicher sein, dass ich ihn wirklich überzeugt habe. Aber er schien zumindest inspiriert, eigene Nachforschungen anzustellen. Er war nachdenklich und zog die Möglichkeit, eine andere Partei als die AfD zu wählen, in Betracht.Man mag nun einwenden, dass wir über das falsche Thema gesprochen haben. Hätte ich ihn nicht eigentlich davon überzeugen müssen, dass es (moralisch) falsch ist, die AfD aus Eigennutz zu wählen - ob der Eigennutz nun real ist oder nicht?

Wir gegen die anderen?

Solche "kalten" Kosten-Nutzen-Argumente sind nicht jedermanns Sache. Vielleicht wollen manche Menschen gar niemanden überzeugen, der nicht für (die eigenen) Gerechtigkeitsüberlegungen offen ist. Ich kann das gut verstehen. Aber es gibt sie - diese Menschen mit anderen Überzeugungen, mit anderen Wertvorstellungen und anderen Zielen. Und wir leben mit ihnen zusammen. Wir sollten sie dort abholen, wo sie sich befinden!Wir ändern unsere Werte nicht eben mal so in einem Gespräch. Wir haben viele tiefsitzende Überzeugungen, die sich natürlich langfristig verändern können. Doch seien wir einmal ehrlich, wer hat sich schon jemals von einem Fremden auf der Straße davon überzeugen lassen, dass es moralisch vertretbar ist, Geflüchtete abzuschieben und womöglich verhungern zu lassen (bzw. dass es moralisch geboten ist, sie aufzunehmen, selbst wenn es Millionen werden)?Was wir in einem Gespräch bewirken können, ist, mit dem Gegenüber ein kleines Stückchen gemeinsamen Grund zu erarbeiten. In einem Gespräch können beide Seiten etwas lernen. In jedem Gespräch. Wenn wir ein paar wenige und einfach zu befolgende Hinweise (zum Beispiel bei Kleiner Fünf, auf ZEIT ONLINE oder hier) berücksichtigen, kann aus einer aggressiven Konfrontation ein konstruktiver Dialog werden.

Wir müssen reden!

Denn fast schlimmer noch als diskussionsfreudige AfD-Sympathisanten scheinen mir diejenigen zu sein, die unreflektiert alles gut finden, was in ihr Überzeugungssystem passt. Wie viel weniger kann ich diejenigen verstehen, die an den Stand von Kleiner Fünf kamen und sich einfach nur kurz ihr Weltbild bestätigen lassen wollten.Das eigentliche Problem für unsere Demokratie scheinen mir doch diejenigen zu sein, die nicht mehr miteinander reden wollen, die für keine Argumente mehr zugänglich sind und die letztlich allem Pluralismus abgeschworen haben - selbst wenn sie meinen, gegen die Rechtspopulisten und für die Demokratie zu sein.

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