Streitkultur-Blog

Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.

Miteinander reden! Aber wie?

Auf der Fachtagung "Miteinander reden! Aber wie? Wie Dialog über polarisierte Themen funktionieren kann", die am 05.12.25 in Berlin stattfindet, stellt Eugen Pissarskoi das Ideal konstruktiven Streitens vor und reflektiert über die Möglichkeiten seiner Realisierung angesichts der aktuellen Debattenkultur.

Auf der Fachtagung "Miteinander reden! Aber wie? Wie Dialog über polarisierte Themen funktionieren kann", die am 05.12.25 in Berlin stattfindet, stellt Eugen Pissarskoi das Ideal konstruktiven Streitens vor und reflektiert über die Möglichkeiten seiner Realisierung angesichts der aktuellen Debattenkultur.

Die von Crisp-Berlin organisierte Fachtagung will zivilgesellschaftliche Akteure zusammenbringen, die Dialoge zu kontroversen Themen durchführen. Hier ist der Link zu den Folien der Präsentation: https://nextclouds.webo.hosting/s/9T82P9btpLdFDos.

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Demokratische Streitkultur für eine digitale Öffentlichkeit

Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.

Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.

Dieser aufgezeichnete Webtalk fand am 25. März 2025 im Rahmen der Reihe „Kultur unter Druck – Kulturgespräche 2025“ der Kulturdezernate des LWL und LVR statt. Thematisch geht es vor allem um die Frage, welche Rolle Kultureinrichtungen in Zeiten antidemokratischer Bewegungen einnehmen können.

https://www.youtube.com/watch?v=8Gzy-vCoL5w

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Konstruktiv streiten in der digitalen Öffentlichkeit

Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.

Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.

Doch was heißt es eigentlich zu streiten? Streit kann man verstehen als eine verbale (schriftliche oder mündliche) Auseinandersetzung zu einer bestimmten Frage zwischen mindestens zwei Parteien, die prima facie inkompatible Antworten darauf haben. Dabei kann zwischen Auseinandersetzungen über Tatsachenfragen und Auseinandersetzungen über Wertfragen unterschieden werden. Ersteres ist ein Streit darüber, was (deskriptiv) der Fall ist, während Letzteres ein Streit darüber ist, was (normativ) gut oder schlecht bzw. was verboten, erlaubt oder geboten ist. In beiden Fällen werden Meinungen ausgetauscht und in beiden Fällen kann der Auseinandersetzung ein Interessenskonflikt zugrunde liegen, bei dem es letztlich darum geht, welche Interessen bei einer Entscheidung welches Gewicht haben sollen (Coleman und Ferguson 2015). Worin besteht nun die Qualität von Streit in der digitalen Öffentlichkeit? Was macht einen Streit konstruktiv? Diese Frage kann nur beantworten, wem die Ziele, die wir in einem Streitgespräch verfolgen (sollten), hinreichend klar sind. Dies soll in Abschnitt (1) untersucht werden, um dann in Abschnitt (2) allgemeine Kriterien für konstruktiven Streit zu formulieren, in Abschnitt (3) häufige Hindernisse für konstruktives Streiten zu diskutieren und abschließend in Abschnitt (4) einige Besonderheiten des Streits in der digitalen Öffentlichkeit herauszuarbeiten.

1 Ziele von Streit

Warum also streiten wir? Schauen wir uns zunächst einige Ziele an, die Menschen im Allgemeinen häufig durch Streit tatsächlich verfolgen. Erstens – und vielleicht in den meisten Fällen – wollen Menschen eine Auseinandersetzung schlicht gewinnen. Das heißt, sie wollen rhetorisch als Sieger aus ihr hervorgehen; sie wollen den Streit souverän hinter sich lassen. Dieses Ziel wird vermutlich in vielen Talkshows, aber auch oft in Diskussionen auf sozialen Medien verfolgt. Dabei geht es in erster Linie um den Eindruck, den man durch den Streit auf das Gegenüber oder auf Dritte macht – beispielsweise indem man sich auf die richtige Seite stellt und eine bestimmte Position markiert.

Zweitens streiten wir oft, um Andere zu überreden. Wir wollen unsere Interessen durchsetzen oder unsere Meinung als akzeptiert verstanden wissen. Manchmal geht es schlicht darum, in einer bestimmten Situation den längeren Atem zu beweisen – etwa um in einer Parlamentsdebatte das letzte Wort zu haben oder in einer Verhandlung das beste Ergebnis herauszuholen, ungeachtet der Interessen und Überzeugungen des Gegenübers.

Drittens wollen wir die Anderen in einigen Fällen nicht einfach überreden, sondern es ist uns zudem wichtig, sie auch faktisch zu überzeugen. Die Anderen sollen nach dem Streit unsere Meinung teilen und einsehen, dass wir recht haben. Nicht zu selten wird Streit sogar mit dieser Zielsetzung charakterisiert; es gehe bei einem Streit wesentlich darum, das Gegenüber zu überzeugen (van Eemeren und Grootendorst 2010; Johnson 2000; Hamblin 1970).

Diese drei Ziele sind bisweilen (insbesondere aus der jeweiligen individuellen Perspektive) durchaus erstrebenswert – und mit ihnen gehen wir intuitiv in einen Streit, wenn wir uns nicht bewusst ein Ziel setzen. Sie sind eng verbunden mit einer zentralen Funktion des Argumentierens; nämlich der Rechtfertigung von Überzeugungen, Handlungen oder Verhaltensweisen gegenüber unseren Mitmenschen (Mercier und Sperber 2017; Mercier und Landemore 2012; van Eemeren und Grootendorst 2010; Toulmin 2003, S. 12). Dabei führen sie jedoch allzu oft nicht nur nicht zu den von den Einzelnen erhofften Ergebnissen, sondern sind auch aus gesellschaftlicher Sicht wenig sinnvoll (Talisse und Aikin 2014, S. 38–56). Wenn sie richtig geführt werden, haben kontroverse verbale Auseinandersetzungen nämlich eine Reihe von Funktionen, die auch aus epistemischen und damit deliberativ-demokratischen Gesichtspunkten sinnvoll sind.

Denn viertens können wir durch Streitgespräche das Gegenüber besser verstehen, weil wir seine Position in einer bestimmten Frage kennenlernen und die Gründe dafür erfahren. Dies dürfte – so die Hoffnung – auch zu mehr Offenheit und Toleranz führen (Mutz 2006, S. 84-87). Zugleich ist eine grundsätzliche Offenheit notwendig, damit diese Funktion überhaupt erkannt, als Ziel gesetzt und dann erfolgreich in Streitgesprächen verfolgt wird.

Fünftens können wir etwas über die zur Diskussion stehende Sache erfahren, indem wir neue Positionen kennenlernen und die Gründe, die dafür sprechen (Talisse und Aikin 2014, S. 3-16). Dies kann uns selbst dann helfen, die Welt besser zu verstehen, wenn die kennengelernten Positionen letztlich nicht zutreffen oder die dafür vorgebrachten Gründe nicht stichhaltig sind.

Sechstens können Streitgespräche dazu beitragen, die Kohärenz im eigenen Überzeugungssystem zu erhöhen, indem durch den Austausch von Argumenten die inferenziellen Beziehungen zwischen verschiedenen Überzeugungen ans Tageslicht gefördert werden (Betz 2013). Wir lernen Gegengründe gegen unsere eigene Position kennen und haben die Möglichkeit, unsere Überzeugungen in ihrem Licht anzupassen, zu differenzieren und zu präzisieren.

Siebentens stärken diese drei Punkte die eigene Autonomie, da erst durch das reflektierende und systematische Abwägen von Argumenten die eigenen Meinungen zu begründeten Urteilen werden. Erst wenn wir andere Menschen, die Welt und uns selbst hinreichend verstehen und Gründe für unsere Überzeugungen nennen können, können wir uns intellektuell (und damit auch politisch) emanzipieren (Habermas 2011b, S. 573). Erst dann – durch Reflexion und Begründung – werden unsere Meinungen zu unseren eigenen Überzeugungen.

Aus diesen vier – im engeren Sinn epistemischen – Zielen ergeben sich nun drei weitere Ziele, die praktischer Natur sind, aber zugleich von deliberativ-demokratischer Relevanz. So kann nämlich achtens ein Streitgespräch dazu beitragen, einen Konsens oder zumindest einen Kompromiss in einem Konflikt zu erzielen, der andernfalls nicht-verbal und nicht-rational ausgetragen werden müsste. Wenn wir die Interessen und Meinungen des Gegenübers sowie die Gründe, die es dafür hat, erfahren, können wir eher eine Lösung finden, die für alle Betroffenen tragbar ist oder sogar von ihnen befürwortet wird (Gilbert 2008; Thompson 1991).

Neuntens kann – selbst in Fällen, in denen weder Konsens oder Kompromiss gefunden wird – ein Streitgespräch dabei helfen, Entscheidungen zu verbessern, weil wir besser über die Anderen und die Sache Bescheid wissen. Die Hoffnung ist, dass durch die epistemischen Funktionen des Streits am Ende Entscheidungen ermöglicht werden, die für die Mehrheit der Betroffenen positive Konsequenzen haben (Landemore und Estlund 2018; Landemore 2014; Talisse und Aikin 2014, S. 17-37).

Zehntens kann ein Streitgespräch schließlich dazu beitragen, eine Entscheidung zu legitimieren, selbst wenn sie weder objektiv besonders gut ist, noch subjektiv auf besonders hohe Zustimmung trifft, aber durch das Artikulieren von Meinungen, Benennen von Interessen und den Austausch von Argumenten allen Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen (Richardson 2002, S. 23-36; Cohen 1997).

Neben diesen zehn Funktionen gibt es viele weitere Ziele, die Menschen durch Streitgespräche verfolgen. Vielleicht wollen sie Andere demütigen, vielleicht wollen sie von etwas ablenken, vielleicht wollen sie sich einfach nur unterhalten. In diesem Beitrag werde ich mich jedoch auf die hier genannten - direkt oder indirekt epistemischen – Funktionen von Streit konzentrieren.

2 Kriterien für konstruktiven Streit

Streit hat einen schlechten Ruf. Gemeinhin halten wir ihn für etwas Schlechtes und wenig Erstrebenswertes. Das liegt unter anderem daran, dass entweder die falschen Ziele damit verfolgt oder die erhofften Ziele nicht erfüllt werden. Wann also hat ein Streit die Aussicht, seine Funktion zu erfüllen? Wann dürfen wir hoffen, durch einen Streit eines oder mehr der obigen Ziele erreichen?

Ein hilfreicher Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist der Discourse Quality Index (DQI), der in den Politikwissenschaften unter anderem von Steenbergen et al. (2003) entwickelt wurde. Er umfasst vier Dimensionen; nämlich die Partizipation der Teilnehmenden, den gegenseitigen Respekt, das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel der Diskussion sowie den Grad und Inhalt der gegebenen Rechtfertigungen.

Schauen wir uns zuerst die Partizipation der Teilnehmenden an. Mit Blick auf die Legitimität der aus einer Debatte resultierenden Entscheidungen ist eine repräsentative Teilnahme aller Betroffenen zweifelsohne wichtig. Aber auch aus rein epistemischen Gesichtspunkten ist es naheliegend, eine hohe Teilnahme anzustreben – etwa wenn diese (im Sinn eines Mill‘schen Liberalismus) mit einer Pluralisierung des Diskurses einhergeht. Allerdings muss dies nicht der Fall sein. Wie Mutz (2006) gezeigt hat, stehen hohe Partizipation, deliberative Qualität und Meinungspluralismus in einem strukturellen Spannungsverhältnis. Debatten homogener Gruppen haben tendenziell eine höhere deliberative Qualität und gruppeninterne Partizipation als Debatten heterogener Gruppen. In manchen Fällen kann eine Diskussion daher bessere Argumente und Einsichten hervorbringen, wenn nicht möglichst viele Parteien zu Wort kommen; zum Beispiel, wenn durch die Heterogenität einer Gruppe keine hinreichende Diskussionsgrundlage besteht, wenn durch die schiere Häufung von Meinungsäußerungen eine sachliche und gründebasierte Diskussion verhindert wird, oder wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einer pluralen Öffentlichkeit bestimmte Parteien strukturell benachteiligt. Aus epistemischer Sicht ist zentral, dass alle relevanten Positionen und Gründe berücksichtigt werden – und nicht unter den Tisch fallen, weil sie zufällig niemand der Gesprächsparteien teilt. Daher sind konstruktive Debatten in der Regel inklusiv, indem sie möglichst vielen Betroffenen zu partizipieren ermöglichen.

Zudem beinhaltet der DQI als zweite Dimension den Respekt zwischen den Teilnehmenden, der sich im besten Fall in der Sachlichkeit der Redebeiträge niederschlägt. Eine wichtige Unterscheidung hier ist die zwischen dem Gegenüber als Person, ihren Überzeugungen und ihren Äußerungen. Respekt gebührt in jedem Fall der Person, unabhängig davon, was sie (vermeintlich) denkt. Aber oft ist auch gar nicht so unmittelbar ersichtlich, welche Überzeugungen sie tatsächlich hat. Die Äußerungen einer Person können immer auf verschiedene Weise interpretiert werden – und viel häufiger, als man das vermutet, entstehen (ungewollte) Strohmänner und andere Missverständnisse, welche die Qualität der Diskussion beeinträchtigen und verhindern, dass man mit ihr neue Erkenntnisse über das Gegenüber oder die Sache erlangt.

Damit ein Streitgespräch konstruktiv verläuft, bedarf es daher epistemischer Tugenden wie zum Beispiel eine grundsätzlichen Wahrheitsverbundenheit und einer Wertschätzung von auch gegenläufigen Gründen. Die wichtigste dieser Tugenden ist eine Haltung, die durch das Prinzip des interpretativen Wohlwollens ausgedrückt werden kann: Wir sollten die Thesen und Argumente von Anderen – in dem durch Wortlaut und Kontext möglichen Rahmen – stets so plausibel wie möglich interpretieren. Die Akzeptanz und Anwendung dieses Prinzips bildet das Fundament konstruktiver Streitkultur. Es setzt nämlich voraus, dass man einander zuhört und die Thesen und Argumente des Gegenübers grundsätzlich ernst nimmt.

Respekt bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht die Anerkennung von Autoritäten oder gar die Anwendung irgendwelcher Höflichkeitsfloskeln, sondern, dass auf die Äußerungen der Anderen sachlich eingegangen wird. Ein Redebeitrag ist sachlich, wenn er deskriptive und normative Aussagen differenziert und auf irrelevante Wertungen (insbesondere der anderer Gesprächsteilnehmender) verzichtet. Der Ausdruck von Emotionen ist also durchaus mit dem Kriterium der Sachlichkeit vereinbar, das in erster Linie diskriminierende Sprechhandlungen, Beleidigungen und andere verbale Angriffe auf Personen ausschließt; es setzt lediglich die grundlegenden Rahmenbedingungen für konstruktiven Streit.

Der DQI beinhaltet ferner das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel. Nun ist nahezu unstrittig, dass es nicht immer sinnvoll ist, in einer Debatte eine Konsens anzustreben – und so erläutern Steenbergen et al. (2003), dass sich diese Zielsetzung auch durch alternative oder vermittelnde Vorschläge zeigen kann. Meist ist es schlicht unrealistisch, einen Konsens zu erreichen. Zudem kann, gerade wenn nicht unmittelbar Entscheidungen getroffen werden müssen, eine andere Zielsetzung sinnvoller sein. Wichtiger als eine fixe Konsensorientierung ist es, dass überhaupt konkrete, realistische und begründbare Ziele gesetzt werden, bevor ein Streitgespräch beginnt.

Die Qualität einer Diskussion hängt also entscheidend von einer sinnvollen und der Situation angebrachten Zielsetzung ab. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass Menschen Haltungen in Streitgesprächen in Abhängigkeit zu ihren bewusst oder unbewusst gesteckten Zielen einnehmen. Wenn sie nun eine der drei erst genannten Ziele (Gewinnen, Überreden oder Überzeugen) verfolgen, nehmen sie tendenziell eher eine Kampf-Flucht-Haltung ein, die eine konstruktiven Austausch schwierig macht. Wenn sie jedoch eines der sieben (direkt oder indirekt) epistemischen Ziele verfolgen, fällt es leichter eine partizipativ-inklusive und respektvoll-sachliche Diskussion zu führen. In Abhängigkeit zu den Zielen lassen sich neben der Inklusivität und Sachlichkeit noch drei weitere Kriterien ableiten, welche die Qualität von Diskussionen ausmachen und die leichter erfüllt werden, wenn wir eine den Zielen angemessene Haltung einnehmen. So ist für einen konstruktiven Streit zudem eine hinreichende Präzision, Relevanz und Gründebasiertheit der Redebeiträge ausschlaggebend.

Ein Redebeitrag ist präzise, wenn Mehrdeutigkeiten und andere Formen der Unbestimmtheit vermieden sowie Thesen als solche klar benannt und von anderen (verwechselbaren) Thesen differenziert werden. Dafür bedarf es unter anderem einer konsistenten Verwendung geeigneter Begrifflichkeiten. Leider ist in vielen Debatten schon das Thema nicht hinreichend bestimmt, so dass Gesprächsparteien schlicht aneinander vorbeireden und Argumente (als Strohmänner) ins Leere gehen.

Ein Redebeitrag ist relevant, wenn er sich hinreichend auf das Thema und die Beiträge der Anderen bezieht. Dafür müssen die Teilnehmenden unter anderem ausreichend informiert sein, aber auch über eine Reihe von kommunikativen und epistemischen Kompetenzen und insbesondere über eine Haltung interpretativen Wohlwollens verfügen.

Was heißt es nun, dass ein Redebeitrag hinreichend gründebasiert ist? Dies betrifft die vierte Dimension des DQI und damit den Grad und Inhalt der gegebenenRechtfertigungen für die vertretenen Thesen. Dazu müssen in Kontroversen nicht nur Meinungen, sondern auch Argumente tatsächlich ausgetauscht werden. Es muss den Teilnehmenden möglich sein, sich auf der Grundlage der Sichtung und Bewertung der Argumente ein Urteil zu bilden  Dazu bedarf es der Gelegenheit einer hinreichenden Sammlung der relevanten Gründe und einer etwaigen Entkräftung von Argumenten. Zentral für die Qualität einer Diskussion ist daher nicht nur der Grad und Inhalt, sondern insbesondere auch die Güte der gegebenen Rechtfertigungen.

Um Rechtfertigungen beurteilen und gute Rechtfertigungen hervorbringen zu können, bedarf es Argumentationskompetenz. Argumentationskompetenz beruht auf dem (mindestens impliziten) Wissen, was ein Argument ist und was es bedeutet, dass Annahmen (die Prämissen) eine These (die Konklusion) begründen. Zugleich umfasst sie praktische Fähigkeiten – unter anderem, wie man einzelne Argumente und ganze Argumentationen erkennt, versteht, bewertet und selbst hervorbringt (Lanius 2022, S. 9). Dazu ist es insbesondere wichtig, (1) zwischen deduktiven und nicht-deduktiven Argumenten unterscheiden zu können, (2) ein Verständnis davon zu haben, was deduktive Gültigkeit und induktive Stärke ist, und schließlich (3) implizite Prämissen in Argumenten ergänzen zu können. Der Vermittlung und Anwendung dieser Fähigkeiten ist ein präzises argumentationstheoretisches Vokabular dienlich, wie es in der modernen Argumentationstheorie entwickelt worden ist (siehe etwa Bowell und Kemp 2009; Betz 2010; Bayer 2011; Feldman 2014; Löwenstein 2022). Dies ist hilfreich, aber nicht notwendig – all diese Fähigkeiten können auch unbewusst, unreflektiert und ohne das entsprechende Vokabular erworben und erfolgreich eingesetzt werden. Beachtenswert ist allerdings, dass den meisten Menschen diese Fähigkeiten nicht in die Wiege gelegt sind – was uns nun zu der Diskussion möglicher Hindernisse für einen konstruktiven Streit im nächsten Abschnitt führt.

3 Häufige Hindernisse für konstruktiven Streit

Die Hoffnung, dass eine Debatte allein durch ihre Freiheit ihre epistemischen und deliberativ-demokratischen Funktionen erfüllt, wie dies noch John Stuart Mill hoffte, hat sich etwas gemindert. Tatsächlich verlaufen viele private wie öffentliche Streitgespräche, gerade wenn sie frei geführt werden, nicht besonders konstruktiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe. An dieser Stelle sollen lediglich einige – vielleicht besonders häufige und ernstzunehmende – Hindernisse aufgeführt und kurz diskutiert werden.

Beginnen wir mit den Zielen der Teilnehmenden eines Streitgesprächs; so erwächst aus einer ungünstigen oder fehlenden Zielsetzung leicht eine Haltung, die mit einem Mangel an intellektuellen oder kommunikativen Tugenden einhergeht. Dies kann sich in Dogmatismus und Rechthaberei auf der einen Seite und Relativismus und Subjektivismus auf der anderen Seite äußern. Wenn wir gewinnen wollen oder Andere nur zu überreden oder zu überzeugen beabsichtigen, reagieren wir schnell dogmatisch und rechthaberisch, was leicht dazu führt, dass die Positionen und Argumente der Anderen nicht hinreichend wohlwollend diskutiert und beurteilt werden. Dies wiederum macht die Beiträge in Diskussionen im Schnitt weniger sachlich, präzise und relevant.

Manchmal verkehrt sich jedoch auch eine Zielsetzung, die nur das Verstehen des Gegenübers im Blick hat, in ihr Gegenteil, wenn dadurch eine relativistisch-subjektivistische Haltung eingenommen wird. So vermeiden einige Menschen jeden Konflikt, indem sie alle Positionen als gleichwertig und gleich gut begründet ansehen oder allein daraus, dass jemand eine bestimmte Meinung vertritt, folgern, dass diese Meinung hinreichend begründet ist. Das zeigt sich dann in Äußerungen wie „Das mag wahr für dich sein, ist aber nicht wahr für mich.“, „Ich habe meine Meinung und jeder kann für wahr halten, was er will.“, „Wir können gar nicht wissen, was wahr oder falsch ist.“ oder „Es gibt keine Wahrheit.“ – Äußerungen, welche die Diskussion insgesamt weniger gründebasiert machen. Um einer solchen relativistisch-subjektivistische Haltung entgegenzutreten, bedarf es eines reflektierten Wissensbegriffs und der Erkenntnis, dass intersubjektive Kriterien für konstruktiven Streit möglich sind (Lanius 2021, S. 199f.).

Doch selbst, wenn eine den Zielen und der Situation angemessene Haltung eingenommen wird, schützt uns dies leider nicht vor unkonstruktiven Diskursen, da wir uns im Denken und Streiten allgemein auf schnelle, aber fehleranfällige Heuristiken stützen und dabei kognitiven Verzerrungen unterliegen. Oft versteifen wir uns in Streitgesprächen auf den erst genannten Lösungsvorschlag, der dann als Anker fungiert („anchoring“) und meist nur widerwillig korrigiert wird (Kahneman 2013, 119–128; Tversky und Kahneman 1974). Damit verbunden ist der Verfügbarkeitsbias („availability bias“); eine kognitive Verzerrung, die uns dazu verleitet, Optionen entsprechend ihrer kognitiven Präsenz und nicht nach ihrer Relevanz auszuwählen (Kahneman 2013, 129–145; Tversky und Kahneman 1973). Die weitverbreitetste kognitive Verzerrung aber ist sicherlich der Bestätigungsfehler („confirmation bias“), der auch für Streitgespräche eine zentrale Bedeutung hat. Im Allgemeinen nehmen wir Informationen bevorzugt wahr, die unsere eigene Auffassung stützen, und tendieren dazu, alternative Positionen, Einwände oder andere gegenläufige Informationen zu verdrängen oder nicht zu beachten; wir interpretieren unsere eigenen Überzeugungen und Interessen bestätigende Informationen grundsätzlich positiver, suchen eher nach ihnen und erinnern sie leichter (Oswald und Grosjean 2005; Nickerson 1998). Dies führt in Streitgesprächen dazu, dass wir das Gegenüber leicht missverstehen, Strohmänner aufbauen sowie unpräzise und irrelevante Redebeiträge liefern. Dies wird verstärkt durch eine allgemeine Tendenz, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu überschätzen („overconfidence bias“) (Moore und Healy 2008; Pallier et al. 2002) – was sich in Streitgesprächen besonders in der Überschätzung der eigenen Argumentationskompetenz zeigt. Ein Faktor, der in Streitgesprächen ebenfalls nicht selten zu einem Problem wird, ist die Abhängigkeit der Urteils- und Entscheidungsfindung von der sprachlichen und emotionalen Rahmung des Themas („framing“) (Tversky und Kahneman 1981). Dabei gibt allein die Formulierung einer Frage in der Regel inhaltliche Grenzen einer Diskussion vor, in welcher relevante Positionen oder Argumente dann nicht mehr berücksichtigt werden. Dies wirkt sich gerade auch auf öffentliche Debatten aus, in denen Framing als politische Strategie eingesetzt wird (Wehling 2016; Wehling und Lakoff 2014).

Diese Heuristiken und kognitive Verzerrungen zeichnen unserer individuelles Denken aus und können in Debatten abgemildert, durch bestimmte Faktoren aber auch verstärkt werden. Streitgespräche haben in aller Regel Nutzungsfunktionen, für die weder Verstehen noch Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. Meist steht die soziale Interaktion im Fokus; wir handeln Beziehungen, Hierarchien und Verantwortlichkeiten aus. Es geht primär um Vertrauen und Zugehörigkeit. Daher entscheiden die sozialen Rollen der Teilnehmenden, der Ort und das Publikum ebenfalls darüber, ob konstruktiver Streit gelingt. Ob man das Gegenüber mit den eigenen Worten erreicht, hängt wesentlich von dem Vertrauen ab, das zwischen den Gesprächsparteien besteht (Boghossian und Lindsay 2019, S. 14–19; McIntyre 2021, S. 139–162). Wenn kein oder zu wenig Vertrauen vorhanden ist, werden die Äußerungen der Anderen nicht wohlwollend interpretiert, so dass Missverständnisse entstehen und die epistemischen Ziele vereitelt werden – ganz zu schweigen davon, dass man das Gegenüber von irgendetwas überzeugen würde. Allerdings kommt Vertrauen in Graden und für konstruktiven Streit bedarf es lediglich eines minimalen Vertrauens, das darin besteht, dem Gegenüber keine strategisches Handeln (im Sinn Habermas‘ 2011a, S. 385) zu unterstellen, sondern davon auszugehen, dass es sich bei seinen Äußerungen um Akte der Verständigung handelt.

Dies ist allerdings aufgrund unserer sozialen und insbesondere tribalistischen Natur vor einem (manchmal auch nur imaginiertem) Publikum nicht immer einfach; schnell verfallen wir in strategisches Handeln, das primär auf die Wirkung abzielt, die sie auf dritte Parteien hat. In Talk-Shows etwa diskutieren die Teilnehmenden in der Regel weniger miteinander, als dass vielmehr eine Diskussion für die Zuschauer(innen) inszeniert wird. Die vorgebrachten Argumente dienen dann nicht der Überzeugung, Verständigung oder des Erkenntnisgewinns, sondern in erster Linie als Signale an die jeweiligen Zielgruppen, dass man ihre Meinungen und Interessen vertritt.

Zugleich gibt es Informationsübertragungsprozesse und -strukturen, welche die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden strukturell ablenken oder reduzieren. Sie wird durch unsere Heuristiken und kognitive Verzerrungen, aber insbesondere auch durch die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation oft so gelenkt, dass Moralisierungen, Strohmänner und Whataboutism befördert und relevante, präzise und gründebasierte Redebeiträge aus der Debatte verdrängt werden. Beachtenswert ist insbesondere, wenn Wertfragen zu Tatsachenfragen gemacht werden - wenn man zum Beispiel nicht riskieren will, moralische Normen öffentlich in Zweifel zu ziehen, und lieber leugnet, dass etwa der Klimawandel menschengemacht ist (statt zuzugeben, dass man die Folgen des Klimawandels für andere Menschen für unerheblich hält). Oder aber es werden Tatsachenfragen zu Wertfragen gemacht – wenn man zum Beispiel bestimmte Tatsachen nicht (mehr) leugnen kann und dafür den Diskurs auf eine Meta-Ebene verschiebt, indem man etwa klimaaktivistische Aktionen moralisch verurteilt (statt womöglich unpopuläre Maßnahmen gegen den Klimawandel zu diskutieren). In beiden Fällen wird vom eigentlichen Thema abgelenkt (Kumkar 2022, 111–175).

Zudem werden diese Informationsübertragungsprozesse maßgeblich von initialen Entwicklungen bestimmt. Informations- und Konformitätskaskaden führen dazu, dass letztlich Positionen akzeptiert werden, für die es sachlich gar keine guten Gründe gibt (Sunstein 2002, 2009, 2014). Das ist in wenig partizipativ-inklusiven Debatten homogener Gruppen besonders wahrscheinlich, in denen andere Positionen und Gegengründe nahezu vollständig ausgeblendet werden können, was die Bildung von epistemischen Blasen und Echokammern begünstigt (Nguyen 2018; Jaster und Lanius 2019, 61–77). Statt politische Polarisierung zu reduzieren, können Streitgespräche sie dadurch also auch verstärken (Boxell et al. 2017; Bail et al. 2018).

Schließlich gibt es stets Parteien, die einen Diskurs für ihre persönlichen oder politischen Ziele nutzen. Ein argumentativer Gedankenaustausch kann leicht mit rhetorischen Strategienabgebrochen oder unterminiert werden, indem die oft ungünstige (unbewusste) Zielsetzung in Diskursen durch die Teilnehmenden, ihre fehleranfälligen Heuristiken und kognitive Verzerrungen, unsere tribalistische Natur, die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation sowie Informations- und Konformitätskaskaden ausgenutzt werden. Dies wird zunehmend zu einem Problem gerade für Streit in der digitalen Öffentlichkeit.

4 Die Besonderheiten der digitalen Öffentlichkeit

Viele politische Debatten und auch private Streitgespräche werden heute öffentlich oder teilöffentlich in sozialen Medien geführt. Hier schlagen die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie voll durch, da die meisten sozialen Medien auf ein Geschäftsmodell setzen, das Aufmerksamkeit monetarisiert. Durch diesen Fokus werden emotional aufgeladene Redebeiträge mit hohem Erregungspotenzial strukturell bevorzugt, was die Diskussion in der Tendenz weniger sachlich, relevant und präzise macht. Die Güte der Argumente spielt in den aufmerksamkeitsoptimierten sozialen Medien kaum eine Rolle; dort sollen möglichst viele Menschen möglichst lange interagieren (Pörksen 2019).

Zugleich machen es uns die sozialen Medien extrem leicht, Meinungen wahrzunehmen, die zu unseren Präferenzen passen – bisweilen direkt durch Algorithmen, die gegenläufige Meinungen aktiv für uns herausfiltern. Durch solche digitalen Echokammern verstärken sie den Bestätigungsfehler, Informations- und Konformitätskaskaden und unsere tribalistische Neigungen (Schweiger 2017, S. 113–153). Dann ist es besonders leicht, sich einer sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen und gegenüber anderen sozialen Gruppen geschlossen aufzutreten – unabhängig davon, ob man selbst gute Gründe für die eigene Position hat (Haidt 2013). In einer solchen Umgebung spielen epistemische Erwägungen eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht darum, Andere zu verstehen, etwas über die Welt oder sich selbst zu lernen, und nicht einmal darum, eine gute Entscheidung zu treffen („post-truth“). Es geht darum, Teil einer sozialen Gruppe zu sein, die sich gegen andere soziale Gruppen – im Zweifel auch mit auf Fake News basierender Hetze – durchsetzt.

Lange wurde die Digitalisierung als Treiber von Partizipation und Demokratie gesehen. Inzwischen ist man jedoch weniger optimistisch. Selbst wenn die sozialen Medien unzählige Möglichkeiten für einen partizipativ-inklusiven Austausch bieten, ist der Ton in vielen digitalen Debatten dramatisch verroht und mit sozialen Sanktionen verbunden. Dies reduziert praktisch die Beteiligung für viele Menschen und könnte zu Schweigespiralen führen (Noelle-Neumann 2001). Dabei hätte der digitale Raum alles, was es für konstruktiven Streit bedürfte; Redebeiträge könnten in Ruhe vorbereitet werden, es gäbe Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Gründe, von persönlichen Befindlichkeiten könnte abstrahiert und sich auf die Sache konzentriert werden, und Debatten könnten zielorientiert (manuell oder automatisiert) moderiert werden.

Tatsächlich ist aber oft das genaue Gegenteil der Fall: Debatten im Netz sind in erster Linie aufmerksamkeitsgetrieben und vor allem von Beschleunigung und dem Ausdruck moralischer Emotionen geprägt (Pörksen 2019; Pörksen und Detel 2012). Das liegt zum Teil am Geschäftsmodell der sozialen Medien, aber auch daran, dass Debatten dort von Selbstdarsteller(inne)n und Saboteur(inn)en geprägt werden, die persönliche, kommerzielle oder politische Interessen mit den verschiedensten Mitteln (von Bots bis zum Kauf von Beiträgen mit Fake News, Hetze und Propaganda) verfolgen (Jaster und Lanius 2020; Benkler et al. 2018). Selbst kleine Eingriffe solcher strategischer Akteure können aufgrund der Mechanismen der Debatte zur Durchsetzung falscher und unbegründeter Mehrheitsmeinungen führen (O'Connor und Weatherall 2019). Tatsächlich werden allerdings ganze Kampagnen geführt, nicht nur um falsche Mehrheitsmeinungen herbeizuführen, sondern um die gesamte Debatte und damit die demokratischen Institutionen als solche zu unterminieren (Woolley und Howard 2019; Benkler et al. 2018; Garrett 2017) Daher kommt es gerade in den sozialen Medien ganz wesentlich darauf an, strategisches Handeln zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren – um es im besten Fall zu einem kommunikativem Handeln und damit wieder in einen konstruktiven Streit zu überführen.

Streitgespräche im Netz verlaufen aber auch dann oft unkonstruktiv, wenn keine Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) involviert sind. Auch aufrichtige Personen vergessen in den sozialen Medien immer wieder, dass ihre Gesprächspartner(innen) echte Menschen mit Interessen und Gefühlen sind. Die Distanz zum Gegenüber verringert unsere Fähigkeit der Empathie (Suler 2004). Zugleich antizipieren wir durch die (Teil-)Öffentlichkeit der sozialen Medien ein Publikum, vor dem wir unser Gesicht verlieren könnten und das unser Handeln sozial beurteilt. Eine falsche Äußerung kann zu sozialen Sanktionen innerhalb der eigenen Gruppe führen; eine richtige Äußerung hingegen kann helfen die soziale Stellung innerhalb der eigenen Gruppe zu verbessern. Dadurch fällt es schwerer, Fehler einzugestehen oder in einem Streitgespräch nachzugeben. Die epistemischen Ziele rücken in den Hintergrund, was zu einem Mangel an Relevanz, Sachlichkeit, Präzision und Begründungen in der Diskussion führt.

Bei Debatten im Internet gilt es also in besonderem Maße, sich die Fallstricke sowohl unserer Psychologie als auch der sozialen Medien bewusst zu machen, sie zu vermeiden und aktiv die Vorteile der digitalen Kommunikation zu nutzen. Denn Redebeiträge im Netz können in Ruhe vorbereitet werden, indem wir die Funktionslogik der sozialen Medien bewusst unterlaufen, nicht direkt auf emotional aufgeladene Beiträge reagieren und uns stattdessen Zeit lassen mit unseren Antworten. Dann gibt es Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Positionen und Gründe, bevor wir etwas teilen oder kommentieren. Zudem können wir von persönlichen Befindlichkeiten abstrahieren; die Emotionen, die manchmal hochkochen, wieder abkühlen lassen, so dass auch leidenschaftliche Streitgespräche sachlich geführt werden können. Noch wichtiger ist jedoch, dass (digitale wie analoge) Debatten zielorientiert moderiert werden. Die Wahrnehmung und Befolgung von Gesprächsnormen hängt von der jeweiligen Situation ab und ist veränderbar. Im Netz wird immer wieder durch Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) aktiv versucht, Gesprächsnormen zu unterminieren. Dem kann man entgegentreten, indem die Ziele und entsprechenden Normen explizit kommuniziert und Beiträge nachträglich gefiltert werden (Engelmann et al. 2022). Dabei sollte primär auf die oben aufgeführten Kriterien geachtet werden – und weniger auf die konkreten Inhalte der Beiträge. Zudem könnten (mehr oder weniger subtile) Anforderungen für ein Geben von Gründen und Reagieren auf Gründe gestellt werden – etwa durch eine (algorithmische) Strukturierung der Debatte entlang epistemischer Kriterien. Insgesamt bieten die sozialen Medien in jedem Fall eine Unmenge an noch ungenutzten Möglichkeit der Entschleunigung, Zivilisierung und Epistemisierung der Debatte.

Literaturverzeichnis

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Warum streiten wir?

Warum gelingt es uns oft nicht, Konflikte konstruktiv zu führen? Ist Streit immer schlecht? Und wie könnte man besser streiten?

Im Kern kommt es auf die Haltung an, und darauf, dass man sich die richtigen Ziele setzt. Warum streiten wir also?

Hier im Interview bei "Alles wissen" vom HR am 13. April 2023 (in der ARD-Mediathek).

Warum gelingt es uns oft nicht, Konflikte konstruktiv zu führen? Ist Streit immer schlecht? Und wie könnte man besser streiten?

Im Kern kommt es auf die Haltung an, und darauf, dass man sich die richtigen Ziele setzt. Warum streiten wir also?

Hier im Interview bei "Alles wissen" vom HR am 13. April 2023 (in der ARD-Mediathek).

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Demokratie, Öffentliche Debatte David Lanius Demokratie, Öffentliche Debatte David Lanius

Debattieren auf Englisch als Ansatz für mehr Demokratie und Teilhabe in der Schule

Nicht erst seit Erstarken der Verschwörungserzählungen und sog. Querdenker im Zuge der Coronapandemie ist deutlich, dass der gesellschaftliche Konsens über die Grundwerte, die unsere Demokratie tragen, nicht von allen Menschen geteilt wird. Rechtsextremes, völkisches und radikalreligiöses Gedankengut und Handeln findet eine besorgniserregende Verbreitung – im Internet und in der analogen Öffentlichkeit. Diese Tendenzen in allen Teilen der Gesellschaft spiegeln sich auch im Raum Schule.

Nicht erst seit Erstarken der Verschwörungserzählungen und sog. Querdenker im Zuge der Coronapandemie ist deutlich, dass der gesellschaftliche Konsens über die Grundwerte, die unsere Demokratie tragen, nicht von allen Menschen geteilt wird. Rechtsextremes, völkisches und radikalreligiöses Gedankengut und Handeln findet eine besorgniserregende Verbreitung – im Internet und in der analogen Öffentlichkeit. Diese Tendenzen in allen Teilen der Gesellschaft spiegeln sich auch im Raum Schule.

Schule muss darauf reagieren und tut es auch: Nicht umsonst formuliert das Berliner Schulgesetz den demokratiefördernden Auftrag von Schule, Schüler:innen zu befähigen, „das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie (…) zu gestalten“ (§1 Berliner Schulgesetz), an allererster Stelle. In der Praxis bedeutet dies, dass die Schüler:innen im Politikunterricht, aber auch in vielen weiteren Fächern, u. A. dem Fremdsprachenunterricht, lernen, was Demokratie und demokratisches Handeln bedeuten.

Der Argumentations- und Urteilskompetenz von Schüler:innen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Zu kontroversen Themen einen Standpunkt entwickeln und für diesen eintreten zu können, ist eine Kernkompetenz, auf die nicht nur unsere Gesellschaft als Ganzes, sondern auch jede:r Heranwachsende für sich angewiesen ist. Gerade das Debattieren in der Lingua franca und Brückensprache Englisch erscheint in Zeiten zunehmender Globalisierung und Mehrsprachigkeit als wichtige Zukunftsressource und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, insbesondere in multikulturellen und vielsprachigen Metropolen wie Berlin.

Anmeldung und mehr Informationen zur Veranstaltungsreihe hier:

Im Rahmen dieser Fortbildungsreihe gibt es auch einen Vortrag zur Förderung von Argumentations- und Urteilskompetenz durch Debattieren im Unterricht.

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Die demokratiezersetzende Wirkung von Fake News

Das Phänomen "Fake News" und seine Auswirkungen auf demokratische Entscheidungsprozesse wird spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Brexit-Referendum breit diskutiert. Der Philosoph und Streitforscher David Lanius hat sich eingehend mit "Fake News" beschäftigt. Lydia Skrabania vom Diesseits-Magazin hat mit ihm über ihre probematische Rolle in den sozialen Medien und ihren Einfluss auf die Politik gesprochen - und darüber, was wir Fake News entgegensetzen können.

Das Phänomen "Fake News" und seine Auswirkungen auf demokratische Entscheidungsprozesse wird spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Brexit-Referendum breit diskutiert. Der Philosoph und Streitforscher David Lanius hat sich eingehend mit "Fake News" beschäftigt. Lydia Skrabania vom Diesseits-Magazin hat mit ihm über ihre probematische Rolle in den sozialen Medien und ihren Einfluss auf die Politik gesprochen - und darüber, was wir Fake News entgegensetzen können.

Herr Lanius, wir müssen zunächst mal klären, was „Fake News“ eigentlich sind. Oft werden mit diesem Begriff ja ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet.

Ja, meiner Kollegin Romy Jaster und mir war das vor einigen Jahren auch aufgefallen. Daraufhin haben wir uns diesem Problem angenommen und eine ordentliche Begriffsbestimmung vorgenommen. Wir haben uns viele mögliche Definitionen angeschaut und sind die verschiedenen Fälle durchgegangen, die als Fake News erfasst werden sollten – und auch Fälle, die eben nicht als Fake News erfasst werden sollten, z.B. Satire oder journalistische Fehler oder auch Verschwörungstheorien. Das lässt sich nur klar differenzieren, wenn man eine Definition von „Fake News“ hat. Und die haben wir entwickelt.

Und sie lautet…?

Fake News sind Nachrichten, die zwei Mängel aufweisen: einen Mangel an Wahrheit und einen Mangel an Wahrhaftigkeit. Mangel an Wahrheit bedeutet, dass diese Nachrichten entweder falsch sind – da steht etwas wörtlich Falsches – oder sie sind irreführend – da steht zwar nichts wörtlich Falsches, aber was darüber hinaus kommuniziert wird, ist falsch. Solche Irreführungen findet man bei einer ganzen Reihe von Fake News. Der Grund: die Autor*innen können sich in diesem Fall besser herausreden, wenn sie der Falschheit überführt werden. Ein Mangel an Wahrheit ist also eine notwendige Bedingung dafür, dass eine Nachricht Fake News ist.

Und die zweite notwendige Bedingung ist der Mangel an Wahrhaftigkeit?

Richtig. Mangel an Wahrhaftigkeit bedeutet, dass die Nachrichten entweder mit einer Täuschungsabsicht oder mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit in die Welt gesetzt wurden. So gibt es politische Akteure, die die Menschen über bestimmte Sachverhalte täuschen wollen und dazu entsprechende Fake News in die Welt setzen. Was aber – vor allem in den sozialen Medien – noch häufiger ist, ist Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Im Fachjargon nennt man das auch „Bullshit-Einstellung“, das heißt, hier haben wir Akteure, denen es egal ist, ob das, was sie verbreiten, wahr oder falsch ist – Hauptsache sie erreichen ihre Ziele. Ein Beispiel hierfür ist der Fall der mazedonischen Teenager, die im Jahr 2016 während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes damit angefangen haben, Fake News zu verbreiten, und denen es dabei völlig egal war, was diese Nachrichten aussagen oder welche politische Botschaft sie haben – Hauptsache, sie konnten damit Geld verdienen.

In dem Buch, dass sie gemeinsam mit Romy Jaster geschrieben haben, heißt es, Fake News habe es schon immer gegeben. Was heute aber neu ist, seien ihr Ausmaß und ihre Verbreitung, vor allem durch die soziale Medien.

Ja, wenn man sich im Internet bewegt, kommt man an diesem Phänomen kaum noch vorbei. Allerdings gibt vermutlich auch ein erhöhtes Problembewusstsein dafür. Unsere These in dem Buch ist, dass es heute mehr Fake News gibt, sie sichtbarer sind und durch die Dynamik in den sozialen Medien Probleme entstehen, die vorher so nicht bestanden.

Welche wären das?

Leider befinden wir uns noch in einem relativ frühen Stadium der Forschung , so dass es bislang noch wenig Hypothesen gibt, die empirisch klar bestätigt sind. Was man aber wohl sagen kann: Fake News führen tendenziell zu schlechteren Entscheidungen, weil Menschen falsch informiert sind oder von den relevanten Fragen abgelenkt werden. Außerdem führen sie tendenziell zu einem allgemeinen Vertrauensverlust. Rezipient*innen von Fake News zweifeln eher an den normalen epistemischen Autoritäten – also an den klassischen Medien, an Politiker*innen und an Wissenschaftler*innen. Dabei ist allerdings noch offen, wie groß der Anteil ist, den Fake News an dieser Entwicklung haben und wie stark andere Faktoren dazu beitragen, wie z.B. Filterblasen. Was wir sicher wissen, ist, dass es Akteure gibt, die genau dieses Ziel haben; die eine Art „Infokrieg“ betreiben, um auf diesem Wege die westlichen Demokratien zu destabilisieren und hierzu u.a. Fake News verbreiten. Wenn Menschen nicht mehr wissen, welchen Kanälen sie vertrauen können – auch wenn sie nicht unbedingt jeder Fake News glauben –, dann erzeugt das eine Irritation, die auch gesamtgesellschaftlich Entscheidungsprozesse schwieriger machen kann.

Müsste man Fake News hier nicht auch noch einmal differenzierter betrachten? Eine ausgedachte Nachricht über die Hochzeit eines Promis in der Klatschpresse ist in ihrer Wirkmacht ja nicht gleichzusetzen mit gezielten Desinformationskampagnen und den Fake News, die wir zum Beispiel im Vorfeld des Brexit-Referendums gesehen haben.

Das ist absolut richtig. Ich glaube allerdings, dass ein Effekt stets darin besteht, dass der Wert Wahrheit in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert verliert. Dass es den Menschen, die Fake News konsumieren, zunehmend gleichgültiger wird, was tatsächlich wahr ist – sie wollen einfach unterhalten werden. Das ist auch ein Teilaspekt, der die sozialen Medien allgemein problematisch macht; denn primär geht es den meisten Menschen bei der Nutzung der sozialen Medien darum, unterhalten zu werden oder soziale Beziehungen zu pflegen – es geht fast nie um Erkenntnis und Wahrheit.

Welchen Einfluss haben Fake News auf die Politik?

Das ist schwer allgemein zu beantworten. Ich denke, in Deutschland hält sich die Problematik relativ in Grenzen. Wir sind vergleichsweise gut gewappnet mit unserem sehr eingespielten, halbwegs solide finanzierten Mediensystem, wo in den allermeisten Fällen nach journalistischen Qualitätsstandards gearbeitet wird. Wir haben eine ganze Reihe an hervorragenden Akteuren wie Correctiv oder dem Faktencheck der Tagesschau, die Fake News etwas entgegensetzen können, zumindest im Nachhinein. Das ist allein war keine Lösung, aber doch ein wichtiger Baustein. Außerdem haben wir eine Politik, die relativ gut funktioniert, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Probleme werden aufgedeckt und, wenn es zu Fehlverhalten kommt, folgen daraus im Regelfall Konsequenzen. Es sind verschiedene Institutionen, die zusammenspielen und dazu beitragen, dass Fake News eben nicht den Effekt hat, den die genannten Akteure sich erhoffen. In vielen anderen Ländern – wie in Ungarn, Russland, Nigeria, Indien und zeitweise auch in den USA unter Trump – ist der Effekt von Fake News auf die Politik vermutlich größer – zumal dort die Politik zum Teil selbst mitmischt und Fake News als Instrument für die eigenen Belange einsetzt. In Russland ist dies vielleicht am deutlichsten zu sehen. Dort ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien allgemein sehr niedrig, weil konstant Falschheiten kolportiert werden – was am Ende den nachhaltigen Effekt hat, dass die demokratische Meinungsbildung der Bürger*innen erschwert wird und dann demokratische Entscheidungsprozesse nicht mehr funktionieren.

Was ist mit dem Phänomen derjenigen in Deutschland, die „Lügenpresse“ schreien? In dieser Gruppe herrscht ja ein starkes Misstrauen gegenüber den seriösen, vor allem öffentlich-rechtlichen Medien. Ist das eine Randerscheinung? Etwas, das in der Realität kleiner ist als es wirkt, einfach weil diese Leute so laut sind?

In Deutschland ist das auf jeden Fall ein Randphänomen. Es ist eine kleine, überschaubare Gruppe, die zumindest in letzter Zeit auch nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Es gibt verschiedene Studien, die klar zeigen, dass das Medienvertrauen insgesamt in letzter Zeit wieder gestiegen ist und dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ein relativ hohes Vertrauen in die seriösen Medien hat. Auf der anderen Seite gibt es allerdings etwa zehn Prozent, die man als radikale Systemgegner bezeichnen kann, die tatsächlich „Lügenpresse“ rufen, sich über ihre eigenen Parallel-Medienuniversen informieren und auch nicht mehr so leicht ansprechbar sind. Das ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. In anderen Ländern kann man sehen, dass diese Gruppe von Leuten, die den epistemischen Autoritäten der Gesellschaft nicht mehr vertrauen, wachsen kann. Zum Glück gibt es in Deutschland dafür aber momentan keine Anzeichen.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die informierte Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie ist. Wie wirkt sich der Zuwachs von Fake News darauf aus?

Nur, wenn die Bevölkerung ungefähr weiß, was die großen gesellschaftlichen Fragen sind, welche Positionen die politischen Parteien dazu einnehmen und was die Wissenschaft zu den empirischen Grundlagen dieser Fragen sagt, kann sie Entscheidungen treffen, die ihre eigenen Interessen abbilden. In Ländern wie Ungarn oder Russland, die nicht (mehr) klarerweise Demokratien sind, in denen jedoch Wahlen stattfinden, sehen wir, dass die Bevölkerung häufig nicht weiß, welche Wahlentscheidungen ihre eigenen Interessen abbilden. Wenn Menschen fehlinformiert sind, setzen sie ihr Häkchen am Ende eher dort, wo sie es nicht setzen würden, wenn sie richtig informiert wären. Das allein würde das demokratische System noch nicht unterminieren, auch wenn es die Legitimität demokratischer Entscheidungen infrage stellt. Aber wenn zusätzlich Akteure auf der politischen Bühne erscheinen, die die Demokratie verachten und Fake News für ihre Ziele einsetzen, dann gibt es ein Problem. Wenn solche Leute gewählt werden, dann wird die Demokratie schrittweise abgeschafft. Das ist etwas, das wir leider derzeit vermehrt beobachten können.

Was kann man Fake News und deren zunehmender Verbreitung entgegensetzen? 

Kurzfristig im Prinzip nur zweierlei: löschen und korrigieren. Faktenschecks hatten wir bereits angesprochen. Vor allem dann, wenn Fake News strafrechtlich relevant sind, sollten sie zudem gelöscht werden. Denn oft haben Fake News Komponenten von Hate Speech. Der Grund: sie sind besonders erfolgreich, wenn sie emotionalisieren und mobilisieren – und das geht am einfachsten gegen Andere. Diese Kombination mit Hate Speech macht sie neben ihrer demokratiezersetzenden Wirkung noch gefährlicher: dass Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und Gewaltaufrufe sowie tatsächliche Gewalt provoziert werden. Löschen und korrigieren hilft dabei leider nur sehr begrenzt; es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Eben, wir können nicht nur den Plattformen hinterherrennen und versuchen, bereits entstandenen Schaden abzumildern. Sie haben im Buch ja auch einige Lösungsansätze beschrieben – was ist noch zu tun?

Romy Jaster und ich sehen zwei grundlegende Ansätze, die zwar nachhaltiger sind – aber leider auch nicht so schnell Früchte tragen. So liegt ein Teil der Lösung in besserer Bildung, und zwar nicht im Sinne von Wissensvermittlung, sondern von einer Schulung kritischen Denkens, auch zur Vermeidung eigener Denkfehler. Das passiert an deutschen Schulen bisher kaum und, wenn, dann nicht systematisch. Der zweite Ansatz fordert es, in der Öffentlichkeit eine Streitkultur zu leben, die diesen Namen auch verdient. Dass wir als Bürger*innen sehen, die Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens halten sich an grundsätzliche moralische und epistemische Normen. Es werden Argumente ausgetauscht und bei Fehlern wird tatsächlich nachgebessert. Die klassischen Talkshows sind das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen sollte. Hier wird nicht aufeinander eingegangen, hier inszeniert man sich für das Publikum und die anderen Gesprächspartner*innen sind nur Statist*innen für die eigene Performance. Dadurch wird ein Bild von demokratischem Streit vermittelt, der nicht förderlich ist, weil dabei Fakten nicht so wichtig sind und epistemische Normen verletzt werden. Dort sind tatsächlich ähnliche Mechanismen am Werk wie in den sozialen Medien. Bis zu einem gewissen Grad ist das legitim, weil wir natürlich auch ein Recht auf Unterhaltung haben. Aber aus einer demokratischen Perspektive ist das Bild von Streitkultur und Politik, das dadurch in den Köpfen der Menschen entsteht, höchst problematisch. Das könnte man anders machen, indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Indem man zeigt, dass man sich von Argumenten des Gegenübers überzeugen lassen kann. Dass einem Fakten wichtig sind. Dass man, wenn man erkannt hat, dass man etwas falsch verstanden hat, das auch eingesteht. All das sind zentrale Werte, die in unserer Demokratie auf jeden Fall ausbaufähig sind und sie widerstandsfähiger gegen Fake News machen würde.

Herr Lanius, wir müssen zunächst mal klären, was „Fake News“ eigentlich sind. Oft werden mit diesem Begriff ja ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet.

Ja, meiner Kollegin Romy Jaster und mir war das vor einigen Jahren auch aufgefallen. Daraufhin haben wir uns diesem Problem angenommen und eine ordentliche Begriffsbestimmung vorgenommen. Wir haben uns viele mögliche Definitionen angeschaut und sind die verschiedenen Fälle durchgegangen, die als Fake News erfasst werden sollten – und auch Fälle, die eben nicht als Fake News erfasst werden sollten, z.B. Satire oder journalistische Fehler oder auch Verschwörungstheorien. Das lässt sich nur klar differenzieren, wenn man eine Definition von „Fake News“ hat. Und die haben wir entwickelt.

Und sie lautet…?

Fake News sind Nachrichten, die zwei Mängel aufweisen: einen Mangel an Wahrheit und einen Mangel an Wahrhaftigkeit. Mangel an Wahrheit bedeutet, dass diese Nachrichten entweder falsch sind – da steht etwas wörtlich Falsches – oder sie sind irreführend – da steht zwar nichts wörtlich Falsches, aber was darüber hinaus kommuniziert wird, ist falsch. Solche Irreführungen findet man bei einer ganzen Reihe von Fake News. Der Grund: die Autor*innen können sich in diesem Fall besser herausreden, wenn sie der Falschheit überführt werden. Ein Mangel an Wahrheit ist also eine notwendige Bedingung dafür, dass eine Nachricht Fake News ist.

Und die zweite notwendige Bedingung ist der Mangel an Wahrhaftigkeit?

Richtig. Mangel an Wahrhaftigkeit bedeutet, dass die Nachrichten entweder mit einer Täuschungsabsicht oder mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit in die Welt gesetzt wurden. So gibt es politische Akteure, die die Menschen über bestimmte Sachverhalte täuschen wollen und dazu entsprechende Fake News in die Welt setzen. Was aber – vor allem in den sozialen Medien – noch häufiger ist, ist Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Im Fachjargon nennt man das auch „Bullshit-Einstellung“, das heißt, hier haben wir Akteure, denen es egal ist, ob das, was sie verbreiten, wahr oder falsch ist – Hauptsache sie erreichen ihre Ziele. Ein Beispiel hierfür ist der Fall der mazedonischen Teenager, die im Jahr 2016 während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes damit angefangen haben, Fake News zu verbreiten, und denen es dabei völlig egal war, was diese Nachrichten aussagen oder welche politische Botschaft sie haben – Hauptsache, sie konnten damit Geld verdienen.

In dem Buch, dass sie gemeinsam mit Romy Jaster geschrieben haben, heißt es, Fake News habe es schon immer gegeben. Was heute aber neu ist, seien ihr Ausmaß und ihre Verbreitung, vor allem durch die soziale Medien.

Ja, wenn man sich im Internet bewegt, kommt man an diesem Phänomen kaum noch vorbei. Allerdings gibt vermutlich auch ein erhöhtes Problembewusstsein dafür. Unsere These in dem Buch ist, dass es heute mehr Fake News gibt, sie sichtbarer sind und durch die Dynamik in den sozialen Medien Probleme entstehen, die vorher so nicht bestanden.

Welche wären das?

Leider befinden wir uns noch in einem relativ frühen Stadium der Forschung , so dass es bislang noch wenig Hypothesen gibt, die empirisch klar bestätigt sind. Was man aber wohl sagen kann: Fake News führen tendenziell zu schlechteren Entscheidungen, weil Menschen falsch informiert sind oder von den relevanten Fragen abgelenkt werden. Außerdem führen sie tendenziell zu einem allgemeinen Vertrauensverlust. Rezipient*innen von Fake News zweifeln eher an den normalen epistemischen Autoritäten – also an den klassischen Medien, an Politiker*innen und an Wissenschaftler*innen. Dabei ist allerdings noch offen, wie groß der Anteil ist, den Fake News an dieser Entwicklung haben und wie stark andere Faktoren dazu beitragen, wie z.B. Filterblasen. Was wir sicher wissen, ist, dass es Akteure gibt, die genau dieses Ziel haben; die eine Art „Infokrieg“ betreiben, um auf diesem Wege die westlichen Demokratien zu destabilisieren und hierzu u.a. Fake News verbreiten. Wenn Menschen nicht mehr wissen, welchen Kanälen sie vertrauen können – auch wenn sie nicht unbedingt jeder Fake News glauben –, dann erzeugt das eine Irritation, die auch gesamtgesellschaftlich Entscheidungsprozesse schwieriger machen kann.

Müsste man Fake News hier nicht auch noch einmal differenzierter betrachten? Eine ausgedachte Nachricht über die Hochzeit eines Promis in der Klatschpresse ist in ihrer Wirkmacht ja nicht gleichzusetzen mit gezielten Desinformationskampagnen und den Fake News, die wir zum Beispiel im Vorfeld des Brexit-Referendums gesehen haben.

Das ist absolut richtig. Ich glaube allerdings, dass ein Effekt stets darin besteht, dass der Wert Wahrheit in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert verliert. Dass es den Menschen, die Fake News konsumieren, zunehmend gleichgültiger wird, was tatsächlich wahr ist – sie wollen einfach unterhalten werden. Das ist auch ein Teilaspekt, der die sozialen Medien allgemein problematisch macht; denn primär geht es den meisten Menschen bei der Nutzung der sozialen Medien darum, unterhalten zu werden oder soziale Beziehungen zu pflegen – es geht fast nie um Erkenntnis und Wahrheit.

Welchen Einfluss haben Fake News auf die Politik?

Das ist schwer allgemein zu beantworten. Ich denke, in Deutschland hält sich die Problematik relativ in Grenzen. Wir sind vergleichsweise gut gewappnet mit unserem sehr eingespielten, halbwegs solide finanzierten Mediensystem, wo in den allermeisten Fällen nach journalistischen Qualitätsstandards gearbeitet wird. Wir haben eine ganze Reihe an hervorragenden Akteuren wie Correctiv oder dem Faktencheck der Tagesschau, die Fake News etwas entgegensetzen können, zumindest im Nachhinein. Das ist allein war keine Lösung, aber doch ein wichtiger Baustein. Außerdem haben wir eine Politik, die relativ gut funktioniert, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Probleme werden aufgedeckt und, wenn es zu Fehlverhalten kommt, folgen daraus im Regelfall Konsequenzen. Es sind verschiedene Institutionen, die zusammenspielen und dazu beitragen, dass Fake News eben nicht den Effekt hat, den die genannten Akteure sich erhoffen. In vielen anderen Ländern – wie in Ungarn, Russland, Nigeria, Indien und zeitweise auch in den USA unter Trump – ist der Effekt von Fake News auf die Politik vermutlich größer – zumal dort die Politik zum Teil selbst mitmischt und Fake News als Instrument für die eigenen Belange einsetzt. In Russland ist dies vielleicht am deutlichsten zu sehen. Dort ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien allgemein sehr niedrig, weil konstant Falschheiten kolportiert werden – was am Ende den nachhaltigen Effekt hat, dass die demokratische Meinungsbildung der Bürger*innen erschwert wird und dann demokratische Entscheidungsprozesse nicht mehr funktionieren.

Was ist mit dem Phänomen derjenigen in Deutschland, die „Lügenpresse“ schreien? In dieser Gruppe herrscht ja ein starkes Misstrauen gegenüber den seriösen, vor allem öffentlich-rechtlichen Medien. Ist das eine Randerscheinung? Etwas, das in der Realität kleiner ist als es wirkt, einfach weil diese Leute so laut sind?

In Deutschland ist das auf jeden Fall ein Randphänomen. Es ist eine kleine, überschaubare Gruppe, die zumindest in letzter Zeit auch nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Es gibt verschiedene Studien, die klar zeigen, dass das Medienvertrauen insgesamt in letzter Zeit wieder gestiegen ist und dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ein relativ hohes Vertrauen in die seriösen Medien hat. Auf der anderen Seite gibt es allerdings etwa zehn Prozent, die man als radikale Systemgegner bezeichnen kann, die tatsächlich „Lügenpresse“ rufen, sich über ihre eigenen Parallel-Medienuniversen informieren und auch nicht mehr so leicht ansprechbar sind. Das ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. In anderen Ländern kann man sehen, dass diese Gruppe von Leuten, die den epistemischen Autoritäten der Gesellschaft nicht mehr vertrauen, wachsen kann. Zum Glück gibt es in Deutschland dafür aber momentan keine Anzeichen.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die informierte Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie ist. Wie wirkt sich der Zuwachs von Fake News darauf aus?

Nur, wenn die Bevölkerung ungefähr weiß, was die großen gesellschaftlichen Fragen sind, welche Positionen die politischen Parteien dazu einnehmen und was die Wissenschaft zu den empirischen Grundlagen dieser Fragen sagt, kann sie Entscheidungen treffen, die ihre eigenen Interessen abbilden. In Ländern wie Ungarn oder Russland, die nicht (mehr) klarerweise Demokratien sind, in denen jedoch Wahlen stattfinden, sehen wir, dass die Bevölkerung häufig nicht weiß, welche Wahlentscheidungen ihre eigenen Interessen abbilden. Wenn Menschen fehlinformiert sind, setzen sie ihr Häkchen am Ende eher dort, wo sie es nicht setzen würden, wenn sie richtig informiert wären. Das allein würde das demokratische System noch nicht unterminieren, auch wenn es die Legitimität demokratischer Entscheidungen infrage stellt. Aber wenn zusätzlich Akteure auf der politischen Bühne erscheinen, die die Demokratie verachten und Fake News für ihre Ziele einsetzen, dann gibt es ein Problem. Wenn solche Leute gewählt werden, dann wird die Demokratie schrittweise abgeschafft. Das ist etwas, das wir leider derzeit vermehrt beobachten können.

Was kann man Fake News und deren zunehmender Verbreitung entgegensetzen? 

Kurzfristig im Prinzip nur zweierlei: löschen und korrigieren. Faktenschecks hatten wir bereits angesprochen. Vor allem dann, wenn Fake News strafrechtlich relevant sind, sollten sie zudem gelöscht werden. Denn oft haben Fake News Komponenten von Hate Speech. Der Grund: sie sind besonders erfolgreich, wenn sie emotionalisieren und mobilisieren – und das geht am einfachsten gegen Andere. Diese Kombination mit Hate Speech macht sie neben ihrer demokratiezersetzenden Wirkung noch gefährlicher: dass Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und Gewaltaufrufe sowie tatsächliche Gewalt provoziert werden. Löschen und korrigieren hilft dabei leider nur sehr begrenzt; es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Eben, wir können nicht nur den Plattformen hinterherrennen und versuchen, bereits entstandenen Schaden abzumildern. Sie haben im Buch ja auch einige Lösungsansätze beschrieben – was ist noch zu tun?

Romy Jaster und ich sehen zwei grundlegende Ansätze, die zwar nachhaltiger sind – aber leider auch nicht so schnell Früchte tragen. So liegt ein Teil der Lösung in besserer Bildung, und zwar nicht im Sinne von Wissensvermittlung, sondern von einer Schulung kritischen Denkens, auch zur Vermeidung eigener Denkfehler. Das passiert an deutschen Schulen bisher kaum und, wenn, dann nicht systematisch. Der zweite Ansatz fordert es, in der Öffentlichkeit eine Streitkultur zu leben, die diesen Namen auch verdient. Dass wir als Bürger*innen sehen, die Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens halten sich an grundsätzliche moralische und epistemische Normen. Es werden Argumente ausgetauscht und bei Fehlern wird tatsächlich nachgebessert. Die klassischen Talkshows sind das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen sollte. Hier wird nicht aufeinander eingegangen, hier inszeniert man sich für das Publikum und die anderen Gesprächspartner*innen sind nur Statist*innen für die eigene Performance. Dadurch wird ein Bild von demokratischem Streit vermittelt, der nicht förderlich ist, weil dabei Fakten nicht so wichtig sind und epistemische Normen verletzt werden. Dort sind tatsächlich ähnliche Mechanismen am Werk wie in den sozialen Medien. Bis zu einem gewissen Grad ist das legitim, weil wir natürlich auch ein Recht auf Unterhaltung haben. Aber aus einer demokratischen Perspektive ist das Bild von Streitkultur und Politik, das dadurch in den Köpfen der Menschen entsteht, höchst problematisch. Das könnte man anders machen, indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Indem man zeigt, dass man sich von Argumenten des Gegenübers überzeugen lassen kann. Dass einem Fakten wichtig sind. Dass man, wenn man erkannt hat, dass man etwas falsch verstanden hat, das auch eingesteht. All das sind zentrale Werte, die in unserer Demokratie auf jeden Fall ausbaufähig sind und sie widerstandsfähiger gegen Fake News machen würde.

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Vom Wort zur Tat?

Die Sprache, unser wichtigstes Mittel der Verständigung, wird zunehmend von Aggressivität geprägt - im Internet, in der Rhetorik rechter Politiker, in Bürgerprotesten auf der Straße, sogar im Bundestag. Seit dem Mord an dem Politiker Walter Lübcke im Juni 2019 ist die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Gewalt stärker in den Fokus gerückt; eine Frage, die auch die Wissenschaft schon länger beschäftigt. Nach massiven Morddrohungen wurde Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen. Erst die Worte, dann die Tat? Fördert die Verrohung der Sprache die Bereitschaft zu realer Gewalt?

In dieser MDR-Doku sprechen viele tolle Leute und auch ich über konstruktiven Streit und die "Macht der Sprache".

Darum geht es in der Doku:

Die Sprache, unser wichtigstes Mittel der Verständigung, wird zunehmend von Aggressivität geprägt - im Internet, in der Rhetorik rechter Politiker, in Bürgerprotesten auf der Straße, sogar im Bundestag. Seit dem Mord an dem Politiker Walter Lübcke im Juni 2019 ist die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Gewalt stärker in den Fokus gerückt; eine Frage, die auch die Wissenschaft schon länger beschäftigt. Nach massiven Morddrohungen wurde Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen. Erst die Worte, dann die Tat? Fördert die Verrohung der Sprache die Bereitschaft zu realer Gewalt?

Sprache als Waffe

Der Film erkundet die Mechanismen und Auswirkungen von aggressiver Sprache auf unser Wahrnehmen und Handeln. Wissenschaftliche Tests im Sprachlabor der FU Berlin unter Leitung des renommierten Neurowissenschaftlers Friedemann Pulvermüller zeigen, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird und dabei unbewusste Handlungsmuster hervorruft. In Karlsruhe analysiert der Sprachphilosoph David Lanius das Parteiprogramm der AfD und schildert die charakteristischen Merkmale der rechten Rhetorik, in Leipzig untersucht die junge Sprachwissenschaftlerin Nancy Grochol die Sprachbilder in den Reden rechter Politiker Wort für Wort, ergänzt durch animierte Illustrationen dieser sprachlichen Bilder.

Die sprachliche Verrohung zeigt sich massiv im Internet.

Hatespeech ist zu einem ernsten, die Demokratie gefährdenden Problem geworden. Staatsanwalt Christoph Hebbecker von der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime in Nordrhein-Westfalen ermittelt gegen die Verfasser von Hass und Hetze, gegen Aufrufe zur Gewalt - immer auf dem schmalen Grat zwischen Meinungsfreiheit und Strafbarkeit. Hebbecker beklagt, dass er nur einen Bruchteil der strafrechtlich relevanten Inhalte im Netz ermitteln kann, weil die Betreiber großer Internetplattformen nur unzureichend Daten weitergeben. Der Staatsanwalt sieht einen erheblichen Verbesserungsbedarf für Hatespeech-Strafverfolger wie ihn. Immerhin - auch die Regierung hat das Problem erkannt und ein neues Gesetz gegen Hatespeech auf den Weg gebracht, das die Behörden nach und nach mit mehr Kompetenzen ausstatten soll.

Hatespeech, Morddrohungen und Gewalt

Auch der Blogger und Autor Schlecky Silberstein erhält auf seine ironisch-satirischen Videoclips regelmäßig Morddrohungen. Silberstein fragt sich, woher dieser Hass kommt und schildert die Mechanismen, die im Internet zum Sinken von Anstand und Respekt führen - bei Usern ganz unterschiedlicher Couleur. So werden auch AfD-Politiker oft zum Opfer verbaler Gewalt. Anonymität und Kostenfreiheit im Netz machen es den Verfassern von Hassbotschaften zu leicht, sagt Silberstein. Die Gesetze müssen dringend angepasst werden, lautet auch sein Fazit.

Mit Andersdenkenden reden!

In Dresden begleitet der Film zwei Rentner, die an der Initiative "Deutschland spricht" teilnehmen. Das von der ZEIT ins Leben gerufene Projekt fördert die Bereitschaft, mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen und ihre Meinung zu akzeptieren. Jeder Einzelne kann so auch persönlich für ein friedlicheres Miteinander sorgen - wenn er die Sprache nicht als Kampf versteht, in dem es um Sieg oder Niederlage geht, sondern um Kompromisse und Respekt.

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Demonstrativer Bullshit in der politischen Kommunikation

In der Politik findet sich zunehmend ein sprachliches Mittel, das wir demonstrativen Bullshit nennen. Populisten und Demagogen setzen ihn ein, um die Normen des politischen Diskurses in ihrem Sinn zu verschieben, wie unsere Analyse aufzeigt.

In der Politik findet sich zunehmend ein sprachliches Mittel, das wir demonstrativen Bullshit nennen. Populisten und Demagogen setzen ihn ein, um die Normen des politischen Diskurses in ihrem Sinn zu verschieben, wie unsere Analyse aufzeigt.

Lügen und Bullshit

Politiker lügen von Zeit zu Zeit. Einer gängigen Definition zufolge ist eine Lüge eine Behauptung, die der Sprecher für falsch hält und mit der Absicht tätigt, den Adressaten in Bezug auf den Inhalt zu täuschen. Neben klassischen Lügen offenbart die gegenwärtige öffentliche Kommunikation jedoch auch in besonderem Maße ein verwandtes Phänomen, das in der philosophischen Fachliteratur als »Bullshit« bezeichnet wird. Im Unterschied zum Lügner, der über die Tatsachen täuschen will, zeichnet sich Bullshit durch die vollständige Gleichgültigkeit des Sprechers gegenüber der Wahrheit aus. Ein gutes Beispiel für Bullshit ist Donald Trumps Behauptung, bei seiner Amtseinweihung habe es im Moment seiner Vereidigung zu regnen aufgehört und die Sonne habe geschienen. 

Demonstrativer Bullshit

Normalerweise bemühen sich Bullshitter darum, ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit zu verschleiern. In der politischen Kommunikation lässt sich allerdings in jüngerer Zeit ein Phänomen beobachten, das wir demonstrativen Bullshit nennen wollen: Das Aufstellen von Behauptungen, ohne an der Wahrheitsfindung interessiert zu sein und ohne den Versuch zu unternehmen, die eigene wahrheitsindifferente Haltung zu verbergen. Trumps Behauptung, die Sonne habe während seiner Amtseinweihung geschienen, ist ein solcher Fall.

Die Administration Trump hat sich demonstrativen Bullshit immer wieder zunutze gemacht. So etwa als sein Pressesprecher Sean Spicer auch dann noch behauptete, die Menschenmenge bei Trumps Amtseinführung sei größer gewesen als bei Obamas Einführung, als Fotos vorlagen, die die deutlich kleinere Menschenmenge bei Trumps Veranstaltung belegten. Trumps Beraterin Kellyanne Conway rechtfertigte Spicers Behauptung später mit der Aussage, Spicer habe mit seiner Aussage lediglich »alternative Fakten« angeboten. Ähnlich argumentierte Newt Gingrich, als er in einem Interview mit der Journalistin Alisyn Camerota äußerte, Gefühle seien für ihn als Politiker wichtiger als Tatsachen.

Auch in Deutschland haben Politiker begonnen, den Wert der Wahrheit ganz offen in Zweifel zu ziehen. So bemerkte beispielsweise der AfD-Pressesprecher Christian Lüth dem Faktenfinder der ARD gegenüber explizit: »Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist« (Becker, 2017).

Ziele des demonstrativen Bullshittens

Die Ziele demonstrativer Bullshitter sind vielfältig. Wir wollen hier nur eines nennen: Demonstrativer Bullshit kann ein wirksames Mittel sein, um die Normen des politischen Diskurses in eine Richtung zu verschieben, die Populisten und Demagogen in die Karten spielt. Wenn politische Akteure öffentlichkeitswirksam und regelmäßig demonstrativ bullshitten, dann widersetzen sie sich damit ganz explizit den Normen der Wahrheitsfindung im gesellschaftlichen Diskurs. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, die Grundlage für demokratische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zu zersetzen.

Das ist nicht nur ein moralisches Problem. Zwar sind sich die großen deontologischen und konsequentialistischen Moraltheorien einig, dass Lügen und Bullshitten moralisch falsch sind. Entscheidender für unsere Zusammenhänge ist aber, dass die Erosion der genannten Erkenntnisnormen Demokratien erheblichen Schaden zufügen kann.

Wie Bernard Williams anmerkt, neigen Politiker zu illegitimen Handlungen, die ohne eine entsprechende Informiertheit der Bürger nicht aufgedeckt werden können: »Governments are disposed to commit illegitimate actions which they will wish to conceal […]. It is in citizens’ interest that these be checked. They cannot be checked without true information.« (Williams, 2010, S. 207)

Darüber hinaus beruht die Qualität der öffentlichen Debatte insgesamt wesentlich auf dem Zugang der Bürger zu hinreichend genauen und korrekten Informationen und damit auf der Wahrhaftigkeit derer, die an ihr teilhaben (z.B. Fishkin, 2009, S. 126). Versteht man die öffentliche Debatte als entscheidenden Teil des demokratischen Deliberationsprozesses und in dieser Funktion als grundlegend für die Legitimität politischer Entscheidungen, ist Wahrhaftigkeit als Norm zudem eine zentrale Bedingung dafür, dass die erfolgten politischen Entscheidungen legitim sind und als solche anerkannt werden sollten (Cohen, 1997; Habermas, 1998, S. 141).

Eine Normenverschiebung, die den Wert der Wahrhaftigkeit in Bedrängnis bringt, ist also eine direkte Bedrohung für das Funktionieren der öffentlichen Debatte und damit für die (deliberative) Demokratie als solche. Man kann davon ausgehen, dass einige populistische Akteure sie aus genau diesem Grund aktiv anstreben. Demonstratives Bullshitting kann ein wirkmächtiges politisches Instrument sein, um demokratische Deliberationsprozesse zu unterminieren. Es lässt sich strategisch einsetzen, um Bullshitting als Form des politischen Diskurses zu etablieren und die Wahrheitsfindungsprozesse der demokratischen Institutionen nach und nach zu unterlaufen.

Herausforderungen für die politische Bildung

Vor diesem Hintergrund ergibt sich, dass ein Ziel politischer Bildung darin bestehen sollte, Erkenntnisnormen wie Orientierung an der Wahrheitssuche, Streben nach Wahrhaftigkeit und Einfordern von Rechtfertigung in der öffentlichen Debatte zu stärken. Die Prävalenz demonstrativen Bullshits unterminiert die epistemischen Normen, die für das Funktionieren einer Demokratie, einschließlich des demokratischen Deliberationsprozesses, von zentraler Bedeutung sind. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken erfordert zweierlei: eine Vermittlung der Wirkweise demonstrativen Bullshits und eine Stärkung der unter Beschuss stehenden Erkenntnisnormen selbst.

Das beinhaltet unter anderem die Problematisierung von Kommunikationsstrategien, die diese Werte systematisch unterlaufen, und die Stärkung eines selbstständigen, reflektierten und kreativen Umgangs mit diesen Kommunikationsstrategien durch Bürgerinnen und Bürger.

Beides erfordert die Förderung von drei, miteinander verbundener Einsichten:

  • Wahrheit ist ein kostbares Gut.
  • Bullshit in der Politik ist problematisch, destruktiv und in letzter Konsequenz demokratiegefährdend.
  • Bürgerinnen und Bürger stehen als Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien in der Pflicht, Informationen ausreichend zu prüfen; und selbiges sollten sie auch von anderen Menschen einfordern, indem sie Bullshit und die (stillschweigende) Akzeptanz von Bullshit sozial sanktionieren.

Anders gewendet: Es ist eine drängende Aufgabe politischer Bildung, Dispositionen der Bürgerinnen und Bürger zu stärken, sich an der Wahrheitsfindung zu orientieren.


Literatur

  • Becker, K. (2017). AfD teilt falsches Antifa-Foto: Fake? Egal! »Es geht um die Message«. ARD-Faktenfinder. https://web.archive.org/web/20180330201709/http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/falsches-antifa-foto-101.html. Abgerufen am 12.08.2020.
  • Cohen, J. (1997). Deliberation and Democratic Legitimacy. In J. Bohman & W. Rehg (Hrsg.), Deliberative Democracy: Essays on Reason and Politics (67–92). Cambridge, MA: MIT Press.
  • Frankfurt, H. G. (2005). On Bullshit. Princeton: Princeton University Press.
  • Habermas, J. (1998). Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Williams, B. (2010). Truth and Truthfulness. An Essay in Genealogy. Princeton: Princeton University Press.

Dieser Beitrag ist in leicht unterschiedlichen Fassungen ebenfalls auf defacto.expert und auf higgs.ch erschienen und basiert auf einem wissenschaftlichen Artikel, der in dem Sammelband "Politische Bildung für die «neue» Öffentlichkeit?" erschienen ist.

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Wie der Aufstieg des Populismus die Gesellschaft herausfordert

Für einen Artikel von Ruth Herberg über die gesellschaftlichen Herausforderungen angesichts des Aufstiegs des Populismus bin ich zu Streitkultur mit Andersdenkenden interviewt worden. Der ganze Artikel findet sich auf der Webseite der Frankfurter Rundschau.

Für einen Artikel von Ruth Herberg über die gesellschaftlichen Herausforderungen angesichts des Aufstiegs des Populismus bin ich zu Streitkultur mit Andersdenkenden interviewt worden. Der ganze Artikel findet sich auf der Webseite der Frankfurter Rundschau.

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Produktiv streiten

In der Familie, unter Freunden, aber auch im gesellschaftlichen, politischen Bereich: Streiten ist wichtig – aber konstruktiv. Mitgründer Mit Sabine Brandi habe ich darüber gesprochen, wie das geht und warum es wichtig ist, mit allen zu reden – auch mit Verschwörungsmythologen und Corona-Leugnern.

Nachzuhören auf der WDR-Seite in der Sendung "Neugier genügt".

In der Familie, unter Freunden, aber auch im gesellschaftlichen, politischen Bereich: Streiten ist wichtig – aber konstruktiv. Mitgründer Mit Sabine Brandi habe ich darüber gesprochen, wie das geht und warum es wichtig ist, mit allen zu reden – auch mit Verschwörungsmythologen und Corona-Leugnern.

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Warum man mit "Coronaleugnern" reden und sie nicht so nennen sollte

Im Zuge der Coronapandemie versammeln sich immer wieder Menschen zu Protesten, weil sie mit der Coronapolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind. Im öffentlichen Diskurs ist jüngst angesichts dieser Zusammenkünfte der Ruf laut geworden, man solle den Teilnehmenden dieser Veranstaltungen am besten weder zuhören noch ihre Standpunkte diskutieren

Dieser Ruf nach Ausgrenzung vom öffentlichen Diskurs ist symptomatisch für eine allgemeine Tendenz, sich der argumentativen Auseinandersetzung mit missliebigen Standpunkten zu entziehen. Wir sind als Gesellschaft gut beraten, dieser Tendenz entgegenzuwirken.

Im Zuge der Coronapandemie versammeln sich immer wieder Menschen zu Protesten, weil sie mit der Coronapolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind. Im öffentlichen Diskurs ist jüngst angesichts dieser Zusammenkünfte der Ruf laut geworden, man solle den Teilnehmenden dieser Veranstaltungen am besten weder zuhören noch ihre Standpunkte diskutieren

Dieser Ruf nach Ausgrenzung vom öffentlichen Diskurs ist symptomatisch für eine allgemeine Tendenz, sich der argumentativen Auseinandersetzung mit missliebigen Standpunkten zu entziehen. Wir sind als Gesellschaft gut beraten, dieser Tendenz entgegenzuwirken.

In einer demokratischen Gesellschaft sollte das Ziel sein, die Auflösung einer breiten Mitte der Gesellschaft zu verhindern. Ein Ausschluss vom öffentlichen Diskurs wirkt diesem Ziel entgegen. Wir sollten daher alles daran setzen, die Standpunkte möglichst großer Teile der Bevölkerung im öffentlichen Diskurs zu verhandeln. 

Dieser Position steht die Bemerkung, dass einige Standpunkte schlichtweg indiskutabel seien, nur scheinbar entgegen. Angesichts der gegenwärtigen Gefahr einer Zersplitterung des Diskurses haben die Multiplikator:innen im öffentlichen Diskurs einen klaren Auftrag: Aufgabe ist es, jeden Standpunkt, auch jeden unmöglichen, auf seine diskutablen Anteile abzuklopfen und diese diskutablen Punkte dann auch tatsächlich zu diskutieren. 

Die Diskurstugend, auf die es dabei hauptsächlich ankommt, ist die des Wohlwollens. Die Leitfrage eines gelungenen Diskurses muss sein: Gibt es an dem Standpunkt, den ich ablehne, einen guten oder wichtigen Gedanken, der Eingang in die Diskussion finden sollte?

Insbesondere sollten wir drei miteinander in Verbindung stehende Tendenzen des Vermengens von Verschiedenem entgegenwirken. 

Erstens sollten wir aufhören, breite Spektren ganz unterschiedlicher Positionen unter jeweils einem abwertenden Label zusammenzufassen. Unter dem Label „Impfgegner“ zum Beispiel firmieren die unterschiedlichsten Standpunkte; von der wissenschaftlich unhaltbaren Behauptung, Impfungen verursachten Autismus, über Vorbehalte gegen einen in Lichtgeschwindigkeit entwickelten Impfstoff gegen das Coronavirus, bis hin zu der Position, der Staat überschreite mit einer Sanktionierung der Impfverweigerung seine Befugnisse. In ähnlicher Weise unscharf sind negative Labels wie „Verschwörungstheoretiker“, „Rassistin“ oder „Coronaleugner“.

Zweitens sollten wir es vermeiden, einzelne Positionen stets als Bestandteil eines Meinungsclusters zu verhandeln. Im Cluster von Meinungen, die wir als „Coronaleugnung“ zusammenfassen, gibt es eine Vielzahl von Einzelthesen, die nicht breit diskutiert werden müssen. Andere Thesen - etwa zur Abwägung von Freiheit und Sicherheit, zu den Befugnissen des Staates oder zu den Sicherheitsauflagen für einen neuen Impfstoff - aber wahrscheinlich schon. Diese Thesen gilt es zu extrahieren und in den Diskurs aufzunehmen. 

Drittens sollten gilt es, Personen nicht mit ihren Standpunkten zu identifizieren. Es muss möglich sein, einen Standpunkt abzulehnen ohne die Person abzulehnen, die diesen Standpunkt vertritt. 

Die Beherzigung dieser drei Tugenden des Separierens würde uns einem angstfreien Austausch entgegengesetzter Positionen und einem breit aufgestellten öffentlichen Diskurs einen guten Schritt näher bringen. 

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Wissenschaftliche Erkenntnis ist eine Frage des Mehr-oder-weniger und nicht des Ja-oder-nein

Wie viel Wissenschaftstheorie braucht die Wissenschaftskommunikation? Gregor Betz und David Lanius vom DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) erläutern in einem Gastbeitrag von wissenschaftskommunikation.de, warum man sich in der Kommunikation genauer mit dem Begriff „Fakten“ und der Sicherheit von Erkenntnissen befassen sollte.

Wissenschaftliche Erkenntnisse in der Corona-Krise

In den aktuellen Debatten um das Coronavirus wird in der Regel unter Rückgriff auf wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse argumentiert. Eine Liste solcher Untersuchungen zur Verbreitung und Symptomatik des Virus hat beispielsweise das Robert-Koch-Institut zusammengetragen.

Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass empirische Studien häufig nur mehr oder weniger sichere Erkenntnisse liefern. Gerade bei solchen aktuellen, noch nicht umfassend durch wissenschaftliche Studien untersuchten Sachverhalten ist unser Verständnis in der Regel begrenzt: Wir verfügen lediglich über graduelles Wissen.

Die Erwartung, dass Wissenschaftler jede drängende Frage eindeutig beantworten können und sollten („Drücken Sie sich doch nicht so kompliziert aus! Sind Kinder genauso infektiös wie Erwachsene, ja oder nein?“), ist völlig verfehlt.

[...] Weiter geht es auf wissenschaftskommunikation.de...

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Hass im digitalen Raum

Der digitale Raum ist essentieller Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Soziale Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserem Alltag und Umgang miteinander ein. Dementsprechend gelten auch hier die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders und der konstruktiven Gesprächsführung. Diese Regeln werden durch Hassrede allerdings strategisch boykottiert, was die demokratische Streitkultur gefährdet. Die hasserfüllten Reaktionen auf die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind nur ein - besonders sichtbares - Beispiel unter zahllosen Fällen von Hassrede.

Der digitale Raum ist essentieller Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Soziale Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserem Alltag und Umgang miteinander ein. Dementsprechend gelten auch hier die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders und der konstruktiven Gesprächsführung. Diese Regeln werden durch Hassrede allerdings strategisch boykottiert, was die demokratische Streitkultur gefährdet. Die hasserfüllten Reaktionen auf die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind nur ein - besonders sichtbares - Beispiel unter zahllosen Fällen von Hassrede.

Hass als Strategie

Neben den Vorteilen der Kommunikations- und Ausdrucksmittel im digitalen Raum gibt es leider auch Nachteile: Trolle und Hater verbreiten Fake News sowie Hetze und nutzen die Funktionslogiken der sozialen Medien strategisch aus, um ein Klima des Hasses zu schüren und den politischen Diskurs zu dominieren (Aufmerksamkeitsökonomie). Im gesellschaftlichen Diskurs hat Hass mit einem erstarkenden Rechtspopulismus zugenommen. Gerade Rechtspopulist*innen nutzen das Internet und soziale Medien in ihrer Kommunikationsstrategie ganz bewusst um gezielt Stimmung zu machen (bspw. gegen die Klimabewegung Fridays For Future), Desinformation zu verbreiten und mit Hilfe von Hass einzuschüchtern, um damit den digitalen Raum zu dominieren. In diesem Sinne ist Hassrede kein Massenphänomen, sondern geht von wenigen Usern/Accounts aus, die sehr bewusst aktiv und salient versuchen, damit Diskussionen im Internet für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Hass ist keine Meinung

Hassrede nimmt hierbei nicht die Form einer Meinungsäußerung an, die im Sinne der Meinungsfreiheit an einem konstruktiven Austausch oder einer Diskussion mit Argumenten interessiert ist. Verbaler Hass kann selbst bereits als eine Form der Gewaltanwendung gelten und ist eine sprachliche Handlung gegen Einzelpersonen und/oder Gruppen mit dem Ziel der Abwertung oder Bedrohung aufgrund deren Zugehörigkeit zu einer benachteiligten Gruppe in der Gesellschaft. Dies umfasst (strukturelle) Diskriminierung und damit Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und alle anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Abgesehen davon zeigt sich, dass durch verbalen Hass die Hemmschwelle zur Gewalt in der analogen Welt durch sich akkumulierenden verbalen Online-Hass gesenkt wird. Wir sehen das an Beispielen wie dem Mord an dem hessischen Politiker, Walter Lübcke, dem Anstieg politisch motivierter rechter Gewalttaten, oder auch, wenn wir den Blick weiten, am Beispiel der ethnischen Säuberung im buddhistisch geprägten Myanmar an der muslimischen Minderheit, den Rohingya. Gegen diese wurde auf den sozialen Medien massiv Hetze verbreitet und zu Gewalt aufgerufen.

Der Umgang mit Hass

Doch wie kann mit diesem Hass umgegangen werden? Angesichts gezielter Hass-Kommentare und Shitstorms gewinnt die Frage des richtigen Umgangs weiter an Bedeutung. Spätestens seitdem im Oktober 2017 das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zur Regulierung von Social-Media-Plattformen in Kraft getreten ist, besteht eine rege Auseinandersetzung darüber, welche Maßnahmen geeignet sind, um Hassrede einzudämmen. Auch wird nach dem Anschlag in Halle (Saale) auf eine Synagoge im Jahr 2019 die Thematik mit einem Kabinettsbeschluss, Hass im Netz härter zu bestrafen, wieder auf die Tagesordnung gehoben.

Für den Umgang mit Hass im Netz gibt es kein Patentrezept.

Grundsätzlich gibt es mindestens fünf Möglichkeiten des Umgangs mit Hassrede: ignorieren, diskutieren, ironisieren oder (im Fall justiziabler Äußerungen wie Bedrohung, Beleidigung, öffentlicher Aufforderung zu Straftaten oder Volksverhetzung) melden, anzeigen und (falls möglich) löschen. Helfen kann hierbei die Mel­de­stel­le des Bundeskriminalamts für Hetze im Internet "respect!". Hilfestellung beim direkten Umgang können online tools, wie das der neuen deutschen medienmacher*innen, oder des No Hate Speech Movement bieten.

Der digitale Raum als demokratischer Raum

Es wäre falsch zu denken, dass der digitale Raum von unserem alltäglichen Leben separiert werden kann. Schlechte Tipps für Betroffene von Hass oder Cybermobbing, wie "lösch dich doch einfach" negieren, dass der digitale Raum ein fester Bestandteil gesellschaftlichen Lebens ist, der auch demokratischen Regeln, Rechten und Umgangsformen unterliegt. Was wir aber sehen ist, dass Hassrede ganz grundsätzlich den sozialen Umgang mit Andersdenkenden und die demokratische Streitkultur negativ beeinflusst.

Da der digitale Raum als freiheitlicher, öffentlicher und demokratischer Raum und die Menschen, die sich darin bewegen, schutzbedürftig sind, muss entsprechend reguliert, aufgeklärt, (weiter-)gebildet und sensibilisiert werden für die Schattenseiten, die das Internet mit sich bringt.

Dieser Artikel ist ebenfalls im Tagungsreader zur medienpädagogischen Netzwerktagung "Medienkompetenz stärkt Brandenburg" des Landesfachverbands Medienbildung Brandenburg e.V. erscheinen.

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Eine bessere Streitkultur für Politik und Gesellschaft?

Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.

Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.

Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.

Podiumsdiskussion mit Andrea Römmele und Annette Leßmöllmann

Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.

Ausgangspunkt für die Diskussion ist das in diesem Jahr veröffentlichte Buch "Zur Sache!" von Andrea Römmele. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wird es Raum für Fragen und eine offene Diskussion im Plenum geben.

Zeit: 15. Oktober 2019, von 19 bis 21 Uhr
Ort: Karlshochschule, Karlstraße 36-38, 76133 Karlsruhe

Die Podiumsdiskussion wird organisiert und moderiert von David Lanius (DebateLab, KIT) in Kooperation mit der Karlshochschule, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Hertie School of Governance.

Der Eintritt ist kostenlos und eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr Informationen gibt es auch auf Facebook.

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Vier Regeln für konstruktive Kritik

Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man - wie sollte man - darauf reagieren?

Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.

Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man - wie sollte man - darauf reagieren?

Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.

Vier Regeln für konstruktive Kritik

In seinem Buch Intuition Pumps and Other Tools for Thinking führt der Philosoph Daniel Dennett vier Regeln für konstruktive Kritik auf, die ursprünglich auf den Psychologen Anatol Rapoport zurückgehen:

  1. Hören Sie sich genau an, was Ihr Gegenüber sagt. Geben Sie seine Position oder sein Argument in Ihren eigenen Worten wieder – so korrekt, klar und anschaulich wie möglich. Fragen Sie nach, ob Sie Ihr Gegenüber richtig verstanden haben.
  2. Zählen Sie alle Punkte auf, denen Sie zustimmen.
  3. Nennen Sie etwas, das Sie von Ihrem Gegenüber gelernt haben (wenn irgendwie möglich).
  4. Bringen Sie erst dann Gegenargumente und respektvolle Kritik.

Am wichtigsten ist die erste Regel: Zuhören und sichergehen, dass man das Gegenüber richtig verstanden. Die zweite Regel hat die Funktion, dass man sich auf einer gemeinsamen Grundlage bewegt. Fast immer gibt es eine ganze Reihe an geteilten Überzeugungen; aber häufig ist nicht klar, worüber man sich einig ist. Das sollte man klarstellen.

Die dritte Regel lässt einen selbst kurz reflektieren, was das Gegenüber einem voraus hat. Manchmal hält man es für wenig wahrscheinlich, dass man von seinem Gegenüber etwas lernen kann - und doch ist es meistens der Fall (und wenn es wirklich nicht der Fall ist, dann sollte man sich überlegen, warum man überhaupt das Gespräch sucht).

Die vierte Regel ist das, was die meisten Menschen als Erstes tun wollen - gegenhalten und widersprechen. Kritik ist wichtig - muss aber nicht immer direkt am Anfang stehen und kann durchaus respektvoll formuliert werden; selbst wenn das Gegenüber ein Klimaleugner oder eine Reichsbürgerin ist.

Dennetts Intuition Pumps and Other Tools for Thinking

Im englischen Original schreibt Dennett:

Just how charitable are you supposed to be when criticizing the views of an opponent? If there are obvious contradictions in the opponent’s case, then you should point them out, forcefully. If there are somewhat hidden contradictions, you should carefully expose them to view—and then dump on them. But the search for hidden contradictions often crosses the line into nitpicking, sea-lawyering and outright parody. The thrill of the chase and the conviction that your opponent has to be harboring a confusion somewhere encourages uncharitable interpretation, which gives you an easy target to attack. But such easy targets are typically irrelevant to the real issues at stake and simply waste everybody’s time and patience, even if they give amusement to your supporters. The best antidote I know for this tendency to caricature one’s opponent is a list of rules promulgated many years ago by social psychologist and game theorist Anatol Rapoport (creator of the winning Tit-for-Tat strategy in Robert Axelrod’s legendary prisoner’s dilemma tournament).

How to compose a successful critical commentary:

  1. You should attempt to re-express your target’s position so clearly, vividly, and fairly that your target says, "Thanks, I wish I’d thought of putting it that way."
  2. You should list any points of agreement (especially if they are not matters of general or widespread agreement).
  3. You should mention anything you have learned from your target.
  4. Only then are you permitted to say so much as a word of rebuttal or criticism.

One immediate effect of following these rules is that your targets will be a receptive audience for your criticism: you have already shown that you understand their positions as well as they do, and have demonstrated good judgment (you agree with them on some important matters and have even been persuaded by something they said).

Dennetts primäres Ziel war es eine spezielle Art des fehlerhaften Argumentierens zu unterbinden: den Strohmann (oder auch manchmal Pappkameraden genannt).

Einen Strohmann baut man auf, wenn man die Position des Gegenübers überzeichnet oder auf andere Weise falsch darstellt. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Als fehlerhaftes Argumentationsmuster ist der Strohmann nahezu allgegenwärtig. In Talkshows wird dem Kontrahenten eine absurde These in den Mund gelegt, in der Wissenschaft wird die Theorie des anderen Lagers irreführend vereinfacht und sogar im Privatgespräch verstehen wir häufig das Gegenüber zunächst einmal falsch und unterstellen ihm etwas, das er weder gesagt hat noch für wahr hält.

Wie nützen Dennetts Regeln für die Streitkultur?

Die vier Regeln für konstruktive Kritik haben allerdings noch eine ganze Reihe an weiteren Funktionen, die eine bessere Diskussion ermöglichen. Zunächst geben sie einem selbst (vor allem in mündlichen Auseinandersetzungen) ausreichend Zeit, sich tatsächlich eine gehaltvolle Kritik zu überlegen. Während man die These des Gegenübers paraphrasiert und Gemeinsamkeiten aufzeigt, kann man sein eigenes Argument gedanklich bereits schärfen. Das Resultat sind bessere und relevantere Argumente.

Ferner zwingen einen die vier Regeln für kontruktive Kritik dazu, aktiv zuzuhören. Häufig hören wir gar nicht genau hin, wenn wir in einem Gespräch sind, sondern überlegen bereits, was wir als nächstes sagen wollen oder schweifen sogar mit unseren Gedanken vollständig ab. Doch wenn klar ist, dass wir das Gesagte nochmal kurz zusammenfassen müssen, dann hilft das dabei, wirklich zuzuhören.

Und das aktive Zuhören hat unmittelbar den Effekt, dass wir ein besseres Verständnis der anderen Position und Argumente aufbringen können. Wir sind weniger geneigt, dem Anderen etwas zu unterstellen, was er nicht behaupten würde - wir sind weniger anfällig für Strohmänner aller Art.

Das Betonen der gemeinsame Grundlage führt zudem dazu, dass die eigenen Argumente und die eigene Kritik relevant sind. Argumente können nur überzeigen, wenn sie Prämissen (also Annahmen) enthalten, die das Gegenüber teilt. Nur dann ist das Gegenüber auch rational dazu angehalten, den eigenen Schluss zu akzeptieren.

Das aktive Zuhören, das Betonen der Gemeinsamkeiten und das Herausstellen dessen, was man gelernt hat, hat jedoch noch weitere positive Eigenschaften - und zwar auf der Beziehungsebene. Zuhören signalisiert Respekt. Wenn beiden Parteien klar ist, dass sie auch in relevanten Punkten übereinstimmen und dass man voneinander lernen kann, dann sind sie auch emotional eher dazu bereit, den Gedanken des jeweils Anderen zu folgen und entsprechende Schlüsse zu akzeptieren.

Hitzige Streitgespräche

Weil es nicht immer einfach ist, die vier Regeln für kontruktive Kritik auch umzusetzen, sind hier ein paar Formulierungshilfen:

Regel eins. Versuchen Sie, die Position Ihres Gegenübers klar, anschaulich und fair wiederzugeben! Sagen Sie: "Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du..." oder "Habe ich Recht, dass dein Gedankengang... ?"

Regel zwei. Nennen Sie Gemeinsamkeiten! Sagen Sie: "Ich denke, was wirklich wichtig ist an deiner Sicht ist, dass..." oder "Ich mag den Gedanken, dass..." oder "Wie du, mache ich mir auch Sorgen, dass..."

Regel drei. Erwähnen Sie etwas, das Sie von der anderen Person gelernt haben! Sagen Sie: "Was ich interessant finde, ist... . Das wusste ich nicht. " oder "Ich verstehe jetzt viel besser deine Position, dass..."

Regel vier. Nennen Sie Ihre Widerlegung oder Kritik. Sagen Sie: "Allerdings..." oder "Was ich jedoch problematisch finde, ist..."

Das kann man auch prima in einem (langen) Satz kombinieren: "Du sagst also, dass... , wobei ich dir in dem Punkt, dass... , zustimme; wirklich spannend finde ich dabei, dass... , allerdings sehe ich ... anders, weil..."

Die vier Regeln für konstruktive Kritik sind auch Teil der zehn Regeln für gute Debatte, die wir für Streitgespräche im Rahmen von Deutschland spricht, dem Tag der offenen Gesellschaft und ähnliche Formate entwickelt haben.

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Wann ist Provokation sinnvoll und legitim?

Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.

US-Präsident Donald Trump vergleicht am 3. Januar den Bau der geplanten Grenzmauer zu Mexiko mit der Fantasy-Serie "Game of Thrones" und provoziert damit gekonnt seine politischen Gegner.

Trump: The Wall is Coming

Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.

Provokation als Strategie

Bei Trump mag es sich um eine narzistische Persönlichkeitsstörung handeln, die gut mit der Aufmerksamkeitsökonomie der modernen öffentlichen Debatte zusammenspielt.

Bei vielen Rechtspopulisten weltweit ist sie erklärte Strategie. So bezeichnete der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki im DLF Provokation als "Stilmittel" der AfD. Und damit hat er recht: der AfD-Ideologe Götz Kubitschek kürte gezielte Provokation sogar als zentrale Säule der Strategie der AfD seit dem Bundestagswahlkampf 2017: die Partei solle "ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein [und] auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken."

Kubitschek meint, dass "harte und provokante Slogans wichtiger als lange, um Differenzierung bemühte Sätze" seien. Ziel sei es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und in den Medien zu bleiben. Aber Provokation solle auch gezielt moralisierendes Verhalten der anderen Debattenteilnehmenden hervorrufen, das dann als Zielscheibe genutzt werden kann, um wiederum Empörung bei den eigenen Wählern zu erzeugen und sich in der Opferrolle zu inszenieren.

Gewollte, ungewollte und missglückte Provokation

Natürlich ist Provokation nicht immer Strategie. Manche Handlungen oder Äußerungen provozieren andere Menschen, ohne dass das Ziel der Handlung oder Äußerung ist. Mini-Röcke wurden lange als Provokation aufgefasst (und werden es mancherorts noch), aber das heißt nicht, dass jede Frau, die einen Mini-Rock trägt, provozieren will.

Manchmal versuchen Menschen auch zu provozieren, aber scheitern dann damit. Andrea Nahles' Spruch "Jetzt gibt es auf die Fresse" war wohl als Provokation gedacht, erntete aber vor allem Spott und war aus PR-Sicht desaströs. In der öffentlichen Debatte soll Provokation in erster Linie Aufmerksamkeit einfangen: Die Werbung bedient sich dieses Mittels genauso wie Stars, Politiker und die Medien selbst.

Provokation als Aufmerksamkeitsmagnet

Aufmerksamkeit ist ein zentrales Kapital in der öffentlichen Debatte. So können Stars die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, an Unternehmen, für die sie Werbung machen, verkaufen. Mit Aufmerksamkeit wird gehandelt - zuvorderst im Internet. Fernsehen und Facebook haben gemeinsam, dass ihre Kunden Werbetreibende sind, denen die Aufmerksamkeit der Nutzer verkauft wird

Provokation kann natürlich auch genutzt werden, um auf etwas Wichtiges aufmerksam zu machen. Gute Kunst funkioniert so. Das Musikvideo "Like a prayer" von 1989 stellt sich Madona selbst zufolge "gegen Rassismus. Es ist wohl immer noch ein Tabu, eine Beziehung zwischen Schwarz und Weiß zu zeigen! Und dann noch fröhliche Ausgelassenheit in einer Kirche. Ja, das waren viele Tabus. Das hat einigen Leuten Angst gemacht. Wahrscheinlich genau den Leuten, die ein Problem mit genau diesen Themen haben!" Ob das nun der eigentliche Grund für die Provokation war, ist offen. Immerhin war das Video ein großer finanzieller Erfolg für Madonna: Denn die dadruch erzeugte Aufmerksamkeit hat ihr auch viele Millionen Dollar eingebracht.

Was ist Provokation?

Doch was ist Provokation überhaupt? So klar ist das leider gar nicht. Eine bekannte Definition lautet:

Provokation ist ein "absichtlich herbeigeführter überraschender Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch diskreditiert und entlarvt."

(Rainer Paris 1998, 58)

Etwas allgemeiner könnte man auch sagen: Provokation ist das Hervorrufen eines (unbedachten) Verhaltens durch Normbruch und mittels einer emotionalen Reaktion bei anderen Personen (meist Ärger, Wut oder Empörung). Wichtig ist in jedem Fall zwischen den tatsächlichen Intentionen des Provokateurs (Beispiel: Provokationsversuch von Andrea Nahles), den unterstellten Intentionen des Provokateurs durch den Provozierten (Beispiel: Tabuisierung des Minirocks) und der tatsächlichen Reaktion des Provozierten (Beispiel: Gefühl der Provokation durch Minirock).

Allein die Tatsache, dass eine Frau einen Minirock trägt, wird bisweilen als Provokation aufgefasst – ganz unabhängig von den tatsächlichen Intentionen der Frau, die im Zweifel gar nicht auf die Person gerichtet sind, die sich dann provoziert fühlt.

Manche provozieren aber auch, weil sie Andere klein machen wollen. Klaus Kinski mag bei seinen Pöbeleien ein solcher Kandidat gewesen sein. Aber eben auch Donald Trump scheint durch Provokation seine Macht ausloten zu wollen. Gezielte Verstöße von Normen demostrieren, dass man über den normalen Regeln der Gesellschaft steht.

Aus demselbem Grund haben Punks in den 1980ern in Abgrenzung zur damaligen Norm Nazi-Symbole als provokative Stilmittel und Tabubrecher genutzt, um den Empörten des Bürgertums genau jene Reaktionen der Intoleranz zu entlocken, die sie bei ihnen hinter der Fassade der Toleranz vermuteten.

Warum und mit welchem Ziel wird provoziert?

Mit welchen Zielen wird Provokation im öffentlichen Diskurs (oder aber auch in privaten Auseinandersetzungen) eingesetzt? Aufmerksamkeit ist fast immer der primäre Grund; allerdings kann man verschiedenste fernere Ziele durch die erzeugte Aufmerksamkeit verfolgen.

Klassisch ist etwa die Provokation in Spiel- oder Kampfsituationen: man provoziert den Gegner zu einem Zug, der ihm mittel- oder langfristig schaden wird (beim Boxen, indem man ihn beleidigt); ein anderes Beispiel ist die Provokation von Menschen, an denen sich der Provokateur abreagieren will; erst provoziert er sie zu einer Handlung, die er selbst als Provokation auslegen kann, um dann beispielsweise eine Schlägerei vom Zaun brechen zu können.

Ganz generell sollte man also zwischen beabsichtigter, strategischer Provokation wie im Fall der AfD (oder auch häufig in der Werbung), beabsichtigter, aber nicht strategischer Provokation wie im Fall von Raufbolden und unbeabsichtigter, oft sogar unbewusster Provokation wie im Fall von Musliminnen, die in Deutschland Kopftuch tragen (was gar nicht im engeren Sinn eine Provokation ist; die Leute fühlen sich nur provoziert).

Zusammenfassend kann man sagen, dass Menschen provozieren,

  • um sich selbst groß zu machen, indem sie andere klein machen.
  • um von eigenen Schwächen abzulenken.
  • um anderen zu zeigen, dass sie die Stärksten und Überlegensten sind.
  • weil sie eifersüchtig sind.
  • weil ihnen langweilig ist.
  • weil sie schon aggressiv sind und ihre Aggression ausleben wollen.
  • um einen Fehler der Gegenseite in einer Auseinandersetzung herbeizuführen.
  • um Aufmerksamkeit von anderen zu erhalten.

Wann ist Provokation legitim?

Wenn sie ein legitimes Ziel zu erreichen hilft. Provokation ist meist Normverletzung. Das kann sinnvoll sein, wenn die Normen selbst problematisch oder unsinnig sind (zum Beispiel ganz häufig bei Normen der Sexualmoral) oder wenn diese (oder andere) Normen ohnehin nicht eingehalten werden (provokative Kunst zu Nationalsozialismus, Kapitalismus, etc.).

Für Individuen ist es bisweilen absolut sinnvoll zu provozieren, weil sie ihre kurzfristigen und individuellen Interessen durch eine gezielte Provokation durchsetzen können. Für die Gesellschaft als Ganzes ist es meist eher fragwürdig, ob Provokation zielführend ist. Schließlich sind Provokationen meist Normverletzungen, die ihrerseits Normverletzungen hervorrufen sollen. Das spricht erstmal gegen ein kooperatives, nach gemeinsamen Normen organisiertes Miteinander.

Im Einzelfall (wenn bereits Normen nicht eingehalten werden) kann eine gezielte Provokation jedoch hilfreich sein, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. So kann Provokation sinnvoll als didaktisches Mittel im Schuluntericht eingesetzt werden. Unterschwellige Konflikte oder Probleme können, wenn man kommunikativ geschickt ist, durch eine gezielte Provokation offengelegt werden; damit das jedoch insgesamt sinnvoll ist, muss die Provokation in ein weiteres Gespräch eingebettet sein, das den Konflikt konstruktiv verhandelt!

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Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen

Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.deReclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

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Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

Rezensionen zum Buch

Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)

Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)

Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)

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Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit

Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”

Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”

"Was meint er, wenn er Worte sagt?"

Angesichts dieser Situation dürften sich viele Leserinnen und Leserder ZEIT am 4. September 2018 beim Blick in den Feuilleton die Augengerieben haben. Denn dort erklärte Thomas Assheuer unter der Überschrift„Warum Trump kein Lügner ist”:

„Trump hat nichts Lügenhaftes. Sein Körper und seine Sprache bilden eine natürliche Einheit; Intonation und Gestik wirken echt unverkrampft, nichts klingt bigott oder gekünstelt. Trump redet obszön, aber nicht verlogen. Seine Worte sprechen ihm aus dem Herzen.“

Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig.

Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig. Gelegentlich wird daherdie Frage in den Raum gestellt, ob es nicht sein kann, dass er denUnsinn, den er von sich gibt, womöglich selbst glaubt. Kann es sein,dass Trump derart irrational, narzisstisch und schlecht informiert ist,dass ihm gar nicht auffällt, dass seine Sicht der Dinge nicht immer mitder Wirklichkeit in Einklang steht? Assheuer stellt eine andere Theseauf:

„Trump benutzt die Sprache als situatives Investment auf dem politischen Markt. Findet er Zustimmung, dann ist seine Aktion rentabel und wirft Gewinn ab: mehr Ruhm, mehr Macht, bessere Quoten. (…) Wenn dagegen der öffentliche Druck so groß wird, dass er (…) einen Rückzieher machen muss, dann wurde seine Gewinnerwartung kurzfristig enttäuscht. Deshalb hat Trump, jedenfalls aus seiner Sicht, bislang nie gelogen; er hat sich bei seinen semantischen Transaktionen lediglich verkalkuliert.“

Trump sieht seine Behauptungen als Investments.

Assheuer zufolge sieht Trump Behauptungen als Investments, um seinepolitischen Ziele zu befördern. Aber ist Trump deshalb kein Lügner? Oderist er nur aus seiner eigenen Sicht kein Lügner? Was heißt es überhauptzu lügen? Und wenn wir ihn von der Lüge freisprechen, ist TrumpsVerhalten dann unverwerflich?

Was Lügen genau sind, ist in der Philosophie umstritten. Das mag überraschen, schließlich fallen uns schnell klare Fälle ein, in denen Personen lügen. Wenn Anatol etwas Falsches sagt, um Beate zu täuschen, dann hat er gelogen. Und so verstehen viele Menschen Lügen schlichtweg als falsche Aussagen, mit denen eine andere Person getäuscht werden soll.

Wann lügt jemand?

Bei näherem Hinsehen werden die Dinge jedoch komplizierter. Was ist,wenn Anatol zwar Beate täuschen will, aber selbst einem Irrtumunterliegt? Nehmen wir an, er glaubt, Bukarest sei die Hauptstadt vonPolen, behauptet aber, um Beate hinters Licht zu führen, Bukarest seidie Hauptstadt von Rumänien. In diesem Fall hätte Anatol – ohne esselbst zu wissen – etwas Wahres gesagt. Hat er gelogen? Hier gehen dieIntuitionen auseinander. Wenn ja, können Lügen auch wahr sein.Entscheidend wäre dann, dass jemand etwas behauptet, das er selbst fürfalsch hält – unabhängig davon, ob es wahr oder falsch ist.

Was aber in jedem Fall zur Lüge gehört, ist die Absicht, das Gegenüber zu täuschen. Jemand, der eine Fehlinformation verbreitet, die er selbst für wahr hält, ist kein Lügner, sondern einfach ein Mensch, der sich geirrt hat. Eine notwendige Bedingung fürs Lügen ist es, andere hinters Licht führen zu wollen. Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen. Dafür greift er auf Behauptungen zurück, die er für falsch hält.

Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen.

Auf Trump trifft das in vielen Fällen klarerweise zu. Wenn erbeispielsweise behauptet, nichts über die Zahlungen an diePornodarstellerin Stormy Daniels durch seinen Anwalt Michael Cohengewusst zu haben, dann ist das einerseits falsch. Man muss andererseitsaber auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eineTäuschungsabsicht verfolgte. Ziel der falschen Aussage war es, das FBIund die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. In diesem Fall haben wires mit einer glatten Lüge zu tun.

Doch nicht immer, wenn Trump Fake News in die Welt setzt, ist eineTäuschungsabsicht im Spiel. Häufig macht er so offenkundig falscheBehauptungen, dass die Annahme, er wolle irgendjemanden wirklich damittäuschen, geradezu absurd erscheint. Denken wir an die Diskussion überdie Zuschauerzahl bei seiner Amtseinweihung oder die Behauptung, dieSonne habe die ganze Zeit hindurch geschienen. Die Fotos derZuschauermenge waren bekannt und leicht mit den Fotos derAmtseinführungen seiner Vorgänger zu vergleichen. Die regnerischeFeierlichkeit war weltweit übertragen worden. Dass Trump in diesenFällen davon ausgegangen sein könnte, er könne die Öffentlichkeit durchseine falschen Behauptungen hinters Licht führen, ist wenig plausibel.

Wenn Trump in diesen Fällen nicht lügt, was tut er dann? In zwei Worten: Trump bullshittet. Eine philosophisch solide Definition von Bullshit verdanken wir Harry Frankfurt (Frankfurt 2005). Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordert nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.

Trump ist ein Meister des Bullshits.

Menschen bullshitten aus den unterschiedlichsten Gründen. Um Anderezu beeindrucken, um eine Festgesellschaft zu unterhalten, um eineGesprächspause zu vermeiden. Aber auch auf der politischen Bühne istBullshit ein gängiges Phänomen – insbesondere in der Ära Trump. InFrankfurts Augen ist Donald Trump ein Paradebeispiel für einenBullshitter. Trumps Behauptung, er habe das beste Gedächtnis der Weltbezeichnet Frankfurt als geradezu “possenhaft unverstellten Bullshit”(Frankfurt 2016).

Im Bereich von Fake News ist Bullshit viel gängiger, als man zunächst annehmen würde. Die Rechnung ist einfach: Provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen bringen mehr Aufmerksamkeit. Mehr Aufmerksamkeit bringt mehr Klicks. Mehr Klicks bringen mehr Werbeeinnahmen. Also bringen viele provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen viele Einnahmen. Ob sie wahr oder falsch sind, spielt in dieser Kalkulation keine Rolle.

Fake News und Clickbaiting

Nach diesem Geschäftsmodell ist im Vorlauf des letzten US-Wahlkampfes in Mazedonien und anderen osteuropäischen Ländern eine regelrechte Fake-News-Industrie entstanden. Die Erzeugnisse dieser Industrie sind in aller Regel Bullshit. Aus Interviews mit Fake-News-Produzenten aus Mazedonien und Georgien beispielsweise wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, einen größtmöglichen Gewinn einzufahren. Dimitri, ein besonders erfolgreicher Produzent von Fake News, äußerte sich dazu recht freimütig (Smith & Banic 2016): „Du siehst, was die Leute mögen und gibst es ihnen. Du siehst, dass sie Wasser mögen, und gibst ihnen Wasser; mögen sie Wein, gibst du ihnen Wein. Es ist wirklich sehr einfach.”

Warum bullshittet Trump? Nun, eine Erklärung liefert Assheuer. Trumpstellt Behauptungen auf, von denen er sich einen politischen Gewinnverspricht. Was für Trump zählt, ist ausschließlich der politischeMarktwert – nicht der Wahrheitswert – des Gesagten.

Bullshit und Propaganda

Ein weiterer Punkt scheint aber ebenso zentral. Sich nicht an der Wahrheit zu orientieren, ist das ultimative Signal von Unangreifbarkeit. Menschen wie Trump zeigen, dass sie sagen können, was sie wollen, ohne durch irgendwen oder irgendetwas eingeschränkt zu sein – nicht einmal durch die Realität selbst. Wenn Jason Stanley Recht hat, haben wir es in solchen Fällen mit Paradebeispielen von Propaganda zu tun. Denn Stanley zufolge ist Propaganda im Kern überhaupt kein Täuschungsversuch, sondern bereits der Versuch zu herrschen (Stanley 2016).

Ist Trump nun also ein Lügner oder nicht? Nun, manchmal lügt Trump sicherlich. Aber nicht immer. Viele Fake News, die er in die Welt setzt, sind keine Täuschungsversuche, sondern purer Bullshit.

Das "post-faktische" Zeitalter?

Besser wird die Sache dadurch nicht. Insbesondere, wenn Bullshit zumPrinzip erhoben wird, sollten die Alarmglocken läuten. Wird Bullshit zurNorm, gerät der Maßstab der Wahrheit selbst in Verruf. Auf genau dieses Ziel arbeiten Rechtspopulisten weltweit zunehmend unverhohlen hin. Sie betrachten Worte als Waffen im Kampf um die Macht.Wichtig ist allein die politische Botschaft und Mobilisierung derAnhänger. Doch wenn Fake News, Lügen und Bullshit systematisch dasVertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft untergraben, droht uns amEnde möglicherweise doch noch das allseits heraufbeschworene “post-faktische” Zeitalter. Wir sollten alles daran setzen zu verhindern, dass es soweit kommt.

Referenzen

Harry G. Frankfurt: “Donald Trump is BS says expert in BS”, Time2016. URL: http://time.com/4321036/donald-trump-bs/ (letzter Zugriff:30.10.2018)

Harry G. Frankfurt: On Bullshit. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2005 [1986].

Alexander Smith & Vladimir Banic: “Fake News: How a PartyingMacedonian Teen Earns Thousands Publishing Lies”, NBC News 2016. URL:https://www.nbcnews.com/news/world/fake-news-how-partying-macedonian-teen-earns-thousands-publishing-lies-n692451(Letzter Zugriff: 30.10.2018)

Jason Stanley: How Propaganda Works. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2016.

Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit

Dieser Beitrag erschien ebenfalls auf dem Blog von praefaktisch.de.

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Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können

In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.

Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?

In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.

Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?

Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem eines: recht behalten. Glaubt man Psychologen, ist das ist auch nicht verwunderlich. Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, empfinden wir als Störfaktoren. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "kognitiver Dissonanz". Wenn wir die verspüren, haben wir vor allem einen Impuls: die Argumente des Gegenübers zu entkräften.

Das ist nicht so irrational, wie es klingt. In einer Demokratie entscheiden schließlich alle Bürger darüber, was geschieht. Je mehr Menschen wir von unserer Meinung überzeugen, desto wahrscheinlicher werden politische Entscheidungen, die uns gefallen. Doch wie überzeugt man überhaupt jemanden von seiner Meinung?

Viele Menschen kritisieren das politische Gegenüber direkt oder konfrontieren es sofort mit der eigenen Meinung. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.

Wir können verstehen lernen

Eines der berühmtesten Experimente hierzu stammt aus den USA. Die Forscher gaben ihren Versuchsteilnehmern hierfür einen erfundenen Zeitungsartikel zu lesen. Darin stand die These, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Anschließend bekamen die Probanden starke Belege dafür, dass diese Information falsch ist – darunter ein Zitat des damaligen Präsidenten George W. Bush, in dem dieser die Existenz der Waffen verneint. Das Ergebnis der Studie war erstaunlich. Nicht nur glaubten vor allem konservative Versuchsteilnehmer weiter an die irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie waren von ihrer Position sogar noch stärker überzeugt als vorher.

Zwar ist noch nicht belegt, dass Menschen im Angesicht konträrer Informationen tatsächlich im Sinne des backfire effect ihre Überzeugungen verhärten. Mit Sicherheit wissen wir jedoch, dass es gar nicht so einfach ist, eine andere Person von ihrem Standpunkt abzubringen. Für viele Menschen scheint es eine große Überwindung zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Bisweilen scheint durch eine Meinungsänderung nicht nur ein politischer Standpunkt, sondern auch das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken zu geraten. Wer überzeugen will, sollte also vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, als Person abgewertet zu werden.

Der Philosoph Daniel Dennett hat in Anlehnung an den Psychologen Anatol Rapaport vier Regeln aufgestellt, die dabei helfen können. Glaubt man Dennett, beginnt eine gute Kritik immer damit, dass der Diskutant zuerst in eigenen Worten wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat. Dann stellt er heraus, worin sich beide einig sind, und macht drittens explizit, was er vom Gegenüber gelernt hat. Erst dann – im letzten Schritt – legt der Diskutant möglichst präzise dar, warum er anderer Meinung ist. Wer seine Kritik derart höflich und konstruktiv formuliert, erhöht laut Dennett seine Chancen, gehört zu werden. Womöglich kann er sogar leichter das Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Es gibt aber noch ein anderes Ziel, das man sich in einer Debatte setzen kann: zu verstehen, wie der andere denkt. In westlichen Gesellschaften scheint das momentan ein Problem zu sein. Über die Anderen denken wir zunehmend nur noch in Stereotypen: Wer bei Pegida mitläuft, ist ein Rassist, wer Flüchtlingen hilft, hat den Bezug zur Realität verloren. Dieses Denken führt dazu, dass sich die Menschen in ihren politischen Meinungen zunehmend radikalisieren.

Das Problem ist bloß: Die allerwenigsten Menschen entsprechen in Wahrheit diesen Stereotypen. Oft sind unsere Vorstellungen vom Anderen einfach falsch. Diskussionen können dieses Denken aufbrechen.

Ein Mittel, um Diskussionen besser zu machen: offene Fragen

Das geht allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Und es gelingt nicht immer. Gespräche können auch – ganz im Gegenteil – dazu führen, dass Stereotype verstärkt werden. Unsere Meinungen verfestigen sich dann, Unverständnis und Intoleranz wachsen.Wie kann man ein Gespräch also angehen, wenn man es richtig machen will? Ein einfaches Mittel sind offene Fragen. Sie eignen sich besonders gut, um etwas über unseren Gesprächspartner herauszufinden. Jede Frage, die sich nicht nur mit Ja oder Nein beantworten lässt, gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, in seine Gedankenwelt Einblick zu geben. Gute Fragen in einer Debatte sind also: "Warum denken Sie das?" Oder: "Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit diesem Problem umgehen?"Offene Fragen sind übrigens auch eine wirksame Strategie, um Schwächen in der Position des Gegenübers aufzudecken. Studien zeigen, dass Menschen massiv ihr Verständnis komplexer Zusammenhänge überschätzen. In einer Diskussion kann es daher ratsam sein, zu fragen: "Wie erklärt sich das Ihrer Meinung nach?" Oder: "Wie hängt das in Ihren Augen zusammen?" Geschicktes Fragen kann dem Gegenüber klarmachen, dass sein Verständnis des Themas begrenzt ist.Wie wirkungsvoll offene Fragen sein können, hat der afroamerikanische Musiker Daryl Davis gezeigt. Davis, eigentlich ein Pianist und Bluesmusiker, führt seit Jahren Gespräche mit Mitgliedern des rechtsextremen Ku-Klux-Klans. Doch statt sie zu kritisieren, stellte er ihnen offene Fragen. Eine Frage lautete sinngemäß: "Warum glaubst du, dass Schwarze gewalttätiger sind als Weiße?" Obwohl Davis selbst immer wieder von Rassismus betroffen war, interessierte er sich aufrichtig für die Frage, wie die Mitglieder zu ihrem rassistischen Weltbild kamen. Die Methode hatte offenbar Erfolg: Nach den Gesprächen lösten sich Teile des Ku-Klux-Klans im Bundesstaat Maryland auf.

Es gibt aber noch einen dritten Grund, mit politisch Andersdenkenden zu diskutieren: der eigene Erkenntnisgewinn. Eine Diskussion, das vergessen wir oft, ist ein extrem gutes Mittel, um die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Das ist auch deshalb entscheidend, weil wir Menschen zu Denkfehlern neigen.

Ein besonders häufiger Denkfehler ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder confirmation bias. Die bekannteste Studie hierzu stammt aus Großbritannien. Der Denkpsychologe Peter Wason bat seine Studierenden, die Regel hinter einer von ihm ausgedachten Zahlenreihe herauszufinden. Die Reihe lautete: 2,4,6. Fast alle Studierenden waren anschließend der Ansicht, dass die Regel darin bestünde, dass einfach jedes Mal eine zwei addiert werde.

Die Studierenden durften anschließend weitere Zahlenreihen nennen, um zu prüfen, ob sie mit ihrer Hypothese richtig lagen. Die meisten Studierenden prüften ihre Hypothese, indem sie weitere Zahlenreihen bildeten, die der Regel "Addiere 2!" folgten. Also: 8,10,12 oder 6,8,10.

Damit jedoch gingen sie dem Bestätigungsfehler auf den Leim. Sie hatten nicht mehr nach der Wahrheit, sondern ausschließlich eine Bestätigung für ihre Hypothese gesucht. Für die Studie wäre es jedoch klug gewesen, auch Zahlenreihen der Form "1,2,3" oder "7,2,1" abzufragen. Hätten die Studierenden das getan, hätte sich schnell die Regel herausgestellt, die der ursprünglichen Zahlenreihe zugrunde lag. Sie lautete nämlich schlicht: "Addiere irgendeine Zahl!"

Streitgespräche müssen kein Kampf sein

Studien zeigen immer wieder, dass wir viel besser darin sind, die Denkfehler anderer zu erkennen als unsere eigenen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Austausch von Argumenten also sehr viel effizienter und effektiver als das individuelle Abwägen von Gründen. Daher sind Diskussionen so nützlich für den Erkenntnisgewinn.

Wie sollte man also in ein Streitgespräch hineingehen, wenn man möglichst schlau wieder herauskommen will? Es geht im Wesentlichen darum, die richtige Haltung zu finden. Die Kampfmetaphorik, mit der wir Streitgespräche beschreiben, suggeriert, dass wir eine Debatte gewinnen müssen oder zumindest unsere Position erfolgreich verteidigen. Wenn wir das nicht schaffen, fühlen wir uns schlecht. Das Gegenüber wird damit zum Gegner in einem Duell, der uns gefährlich werden kann und den wir besiegen müssen.

Diese Haltung hat jedoch in erster Linie negative Konsequenzen. Adrenalin wird ausgeschüttet, weil wir uns bedroht fühlen. Das führt dazu, dass wir zwar schneller und rhetorisch geschickter reagieren können. Wir sind aber auch weniger aufnahmefähig, weniger empathisch und weniger zugewandt.

Streitgespräche müssen jedoch keine Kämpfe sein, die in Siegen oder Niederlagen enden. Wir können sie als kooperative Unterfangen verstehen, bei denen wir voneinander lernen. Dann kann eine Niederlage auch einmal ein Sieg sein. Zum Beispiel dann, wenn man eine nicht haltbare Überzeugung angesichts guter Gründe aufgibt. So zu denken, ist sicherlich viel verlangt. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ZEIT ONLINE am 21. September 2018 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D18.D18

Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können, erklärt Romy in diesem Video:

Was die Aktion "Deutschland spricht" für die Diskussionskultur bedeutet, erläutert David in diesem Interview:

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Mit Rechtspopulisten reden

In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.

Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?

In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.

Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?

Doch was zeichnet überhaupt rechtspopulistische Standpunkte aus?

Zunächst einmal gilt es zu verstehen, wie Rechtspopulisten denken. Es ist verlockend, rechtspopulistische Standpunkte als haltlose Parolen abzutun. Tatsächlich aber folgen rechtspopulistische Programme einer recht stringenten inneren Logik. Sie zu durchschauen, ist entscheidend, um einzelne Parolen einordnen und sich treffsicher mit ihnen auseinandersetzen zu können.Im Zentrum jedes rechtspopulistischen Programms steht ein Argument der folgenden Form:

  1. Es gibt eine Bedrohung.
  2. Nur die Rechtspopulisten können uns davor bewahren.
  3. Also müssen die Rechtspopulisten an die Macht kommen.

Hat man das Argument einmal klar vor Augen, so sieht man, dass viele typische Parolen dazu dienen, dieses Argument zu stützen. Die Bedrohung nimmt wahlweise die Form der “Flüchtlingswelle”, des (politischen) Islams, des Niedergangs der deutschen Sprache oder dergleichen mehr an. Die Rettung kann nur durch die Rechtspopulisten erfolgen, weil nur sie die Machenschaften der Lügenpresse durchschauen, gegen das korrupte Establishment vorgehen und die wahren Probleme benennen – kurz: weil nur sie den Willen des Volkes erkennen und verwirklichen werden.

Mit wem reden?

Lohnt es sich überhaupt, mit Leuten zu diskutieren, die ein solches Weltbild haben? Hier gilt es zu unterscheiden. Nicht alle Menschen, die mit rechtspopulistischem Gedankengut sympathisieren, sind radikal. In vielen Fällen hat man es einfach mit einer Person zu tun, die die Welt anders erlebt als man selbst. Hier kann sich eine Diskussion durchaus lohnen.Dabei ist es zielführend, die Technik des argumentativen  Reframings anzuwenden. Studien zeigen, dass Menschen ein Argument nur dann überzeugend finden, wenn es Werte anspricht, die sie teilen. Die Herausforderung beim Argumentieren ist daher, gelegentlich die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und sich zu fragen, welche Argumente wohl überzeugend sind, wenn man so denkt wie das Gegenüber – also ganz anders als man selbst.Was, wenn man es mit einem Gegenüber zu tun hat, bei dem keine Offenheit für eine echte Diskussion besteht? Auch dann lohnt sich häufig die Auseinandersetzung. Denn gerade auf öffentlichen Veranstaltungen, auf Panels und an Infoständen adressiert man stets auch die Zuhörer und die Umstehenden. Manchmal gilt es, rote Linien zu markieren oder ein positives Gegenbild zu entwerfen, auch wenn keine Aussicht auf ein Einlenken beim Gegenüber zu erwarten ist.

Strohmänner, Generalisierungen und Parolenhopping

Dennoch scheuen viele Menschen die öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten. Ein häufiger Grund ist die Angst, der Debatte nicht gewachsen zu sein. Auf die gängigsten unsachlichen Argumentationsstrategien sollte man sich daher ein wenig vorbereiten. Besonders typisch für den Diskurs mit Rechtspopulisten sind Strohmänner, unzulässige Generalisierungen und Parolenhopping.Beim Strohmann wird die Position des Gegenübers so verzerrt, dass sie sich besonders leicht widerlegen lässt. Beispiel: Sie sprechen sich für die Reduzierung der Rüstungsausgaben aus und ihnen wird entgegnet, dass wir ohne Rüstungsbudget aufgeschmissen sind. Aber natürlich hatten Sie sich nicht für die Streichung des Rüstungsbudgets ausgesprochen. Hier gilt es aufmerksam zu sein und seine Position umgehend und unmissverständlich klarzustellen.Bei unzulässigen Generalisierungen wird von einem Beispiel auf eine ganze Gruppe verallgemeinert. So werden Geflüchtete pauschal mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Verweis auf die Statistik liegt nahe, überzeugt aber in den seltensten Fällen. Besser ist es, anekdotisch zu antworten und zum Beispiel von konkreten Geflüchteten zu berichten, die sich gesellschaftlich einbringen. Denn emotionale Botschaften verfangen meist besser.Das Problem beim Parolenhopping ist, dass viele verschiedene Themen schnell gestreift werden. Dadurch gibt es keine Einzelposition, gegen die man argumentieren kann. Die souveräne Reaktion ist, auf eines der Themen Bezug zu nehmen und den Rest (zunächst) unter den Tisch fallen zu lassen. Diese Gegenstrategie nennt man Rosinenpicken: Man pickt das Thema, bei dem man sich am besten auskennt. Auf diese Weise kann man die Richtung der Diskussion steuern und eigene schlagkräftige Argumente präsentieren.

"Migrantenwellen", "Asylorkane" und "Flüchtlingstsunamis"

Auf rechtspopulistische Standpunkte Bezug zu nehmen, ist jedoch nicht unproblematisch. Rechtspopulisten bedienen sich häufig einer dramatisierenden und irreführenden Sprache. Begriffe aktivieren Bilder. Diese Bildes (Frames genannt) beeinflussen nachweislich unsere Einstellungen. Spricht man von einer “Flüchtlingswelle”, dann aktiviert das Assoziationen wie “Katastrophe” und “Naturgewalt”.Um diese Assoziationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Sprechweise der Rechtspopulisten nicht einfach zu übernehmen und stattdessen Worte zu wählen, die nicht die problematischen Assoziationen wecken. Durch ein solch terminologisches Reframing wird dann aus dem “Flüchtlingstsunami” lediglich eine große Zahl von Menschen, die in Not sind und bei uns Zuflucht suchen.

Reden lohnt sich!

Abhängig von den eigenen Zielen und vom Gesprächskontext kann man rechtspopulistischen Standpunkten also durchaus souverän und Artikel im Südlinkkonstruktiv begegnen. Wenn sich das Gegenüber für eine echte Diskussion bereit zeigt, ist es häufig zielführend, ein Vier-Augen-Gespräch zu suchen und durch argumentatives Reframing zu überzeugen. Das setzt voraus, dass wir versuchen, das Gegenüber wirklich zu verstehen. Ist das Ziel dagegen, lediglich die Kontrolle über die Debatte zu behalten, dann hilft es, auf die Argumentationsstrategien der Rechtspopulisten mit entsprechenden (vorbereiteten) Gegenstrategien zu antworten, terminologisches Reframing einzusetzen und sich (begründet) zu positionieren.Dieser Artikel erscheint auch hier in dem Nord-Süd-Magazin Südlink von INKOTA.

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