Streitkultur-Blog
Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.
Miteinander reden! Aber wie?
Auf der Fachtagung "Miteinander reden! Aber wie? Wie Dialog über polarisierte Themen funktionieren kann", die am 05.12.25 in Berlin stattfindet, stellt Eugen Pissarskoi das Ideal konstruktiven Streitens vor und reflektiert über die Möglichkeiten seiner Realisierung angesichts der aktuellen Debattenkultur.
Auf der Fachtagung "Miteinander reden! Aber wie? Wie Dialog über polarisierte Themen funktionieren kann", die am 05.12.25 in Berlin stattfindet, stellt Eugen Pissarskoi das Ideal konstruktiven Streitens vor und reflektiert über die Möglichkeiten seiner Realisierung angesichts der aktuellen Debattenkultur.
Die von Crisp-Berlin organisierte Fachtagung will zivilgesellschaftliche Akteure zusammenbringen, die Dialoge zu kontroversen Themen durchführen. Hier ist der Link zu den Folien der Präsentation: https://nextclouds.webo.hosting/s/9T82P9btpLdFDos.
Demokratische Streitkultur für eine digitale Öffentlichkeit
Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.
Für eine funktionierende Demokratie braucht es die verbale Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden. Aber warum eigentlich? Was macht einen guten Streit aus? Und was verhindert, dass wir konstruktiv streiten? Gerade in der digitalen Öffentlichkeit der sozialen Medien scheint es schwieriger denn je demokratische Streitkultur zu praktizieren. In diesem Talk identifiziert David Lanius einige Ziele, Formen und Gütekriterien konstruktiven Streits und stellt mögliche Hürden demokratischer Streitkultur und ihre Überwindung zur Diskussion.
Dieser aufgezeichnete Webtalk fand am 25. März 2025 im Rahmen der Reihe „Kultur unter Druck – Kulturgespräche 2025“ der Kulturdezernate des LWL und LVR statt. Thematisch geht es vor allem um die Frage, welche Rolle Kultureinrichtungen in Zeiten antidemokratischer Bewegungen einnehmen können.
https://www.youtube.com/watch?v=8Gzy-vCoL5w
Konstruktiv streiten in der digitalen Öffentlichkeit
Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.
Weltweit, so wird in letzter Zeit immer wieder diagnostiziert, steckt die Demokratie in einer Krise – und ohne Zweifel gibt es derzeit viele Herausforderungen, die demokratische Gesellschaften auf der ganzen Welt unter Druck setzen (Dryzek et al. 2019). Dabei wird oft eine fehlende oder mangelhafte Debatten- und Streitkultur als grundlegendes Problem gesehen; einerseits scheint die Teilnahme an der öffentlichen Debatte unzureichend inklusiv und andererseits ihre deliberative Qualität ausgesprochen dürftig zu sein. Es ist eine nahezu unkontroverse Annahme, dass eine – hinreichend partizipative und deliberative – öffentliche Debatte notwendig für eine funktionierende Demokratie ist (Fishkin 2009; Gutmann und Thompson 2004; Cohen 1997). In den letzten Jahren hat sich angesichts des Anstiegs von Populismus, Desinformation und Hassrede in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit die Einsicht durchgesetzt, dass öffentlicher Streit in einer Demokratie kein Selbstläufer ist und konstruktiver verlaufen muss, will man ihr aus der Krise helfen.
Doch was heißt es eigentlich zu streiten? Streit kann man verstehen als eine verbale (schriftliche oder mündliche) Auseinandersetzung zu einer bestimmten Frage zwischen mindestens zwei Parteien, die prima facie inkompatible Antworten darauf haben. Dabei kann zwischen Auseinandersetzungen über Tatsachenfragen und Auseinandersetzungen über Wertfragen unterschieden werden. Ersteres ist ein Streit darüber, was (deskriptiv) der Fall ist, während Letzteres ein Streit darüber ist, was (normativ) gut oder schlecht bzw. was verboten, erlaubt oder geboten ist. In beiden Fällen werden Meinungen ausgetauscht und in beiden Fällen kann der Auseinandersetzung ein Interessenskonflikt zugrunde liegen, bei dem es letztlich darum geht, welche Interessen bei einer Entscheidung welches Gewicht haben sollen (Coleman und Ferguson 2015). Worin besteht nun die Qualität von Streit in der digitalen Öffentlichkeit? Was macht einen Streit konstruktiv? Diese Frage kann nur beantworten, wem die Ziele, die wir in einem Streitgespräch verfolgen (sollten), hinreichend klar sind. Dies soll in Abschnitt (1) untersucht werden, um dann in Abschnitt (2) allgemeine Kriterien für konstruktiven Streit zu formulieren, in Abschnitt (3) häufige Hindernisse für konstruktives Streiten zu diskutieren und abschließend in Abschnitt (4) einige Besonderheiten des Streits in der digitalen Öffentlichkeit herauszuarbeiten.
1 Ziele von Streit
Warum also streiten wir? Schauen wir uns zunächst einige Ziele an, die Menschen im Allgemeinen häufig durch Streit tatsächlich verfolgen. Erstens – und vielleicht in den meisten Fällen – wollen Menschen eine Auseinandersetzung schlicht gewinnen. Das heißt, sie wollen rhetorisch als Sieger aus ihr hervorgehen; sie wollen den Streit souverän hinter sich lassen. Dieses Ziel wird vermutlich in vielen Talkshows, aber auch oft in Diskussionen auf sozialen Medien verfolgt. Dabei geht es in erster Linie um den Eindruck, den man durch den Streit auf das Gegenüber oder auf Dritte macht – beispielsweise indem man sich auf die richtige Seite stellt und eine bestimmte Position markiert.
Zweitens streiten wir oft, um Andere zu überreden. Wir wollen unsere Interessen durchsetzen oder unsere Meinung als akzeptiert verstanden wissen. Manchmal geht es schlicht darum, in einer bestimmten Situation den längeren Atem zu beweisen – etwa um in einer Parlamentsdebatte das letzte Wort zu haben oder in einer Verhandlung das beste Ergebnis herauszuholen, ungeachtet der Interessen und Überzeugungen des Gegenübers.
Drittens wollen wir die Anderen in einigen Fällen nicht einfach überreden, sondern es ist uns zudem wichtig, sie auch faktisch zu überzeugen. Die Anderen sollen nach dem Streit unsere Meinung teilen und einsehen, dass wir recht haben. Nicht zu selten wird Streit sogar mit dieser Zielsetzung charakterisiert; es gehe bei einem Streit wesentlich darum, das Gegenüber zu überzeugen (van Eemeren und Grootendorst 2010; Johnson 2000; Hamblin 1970).
Diese drei Ziele sind bisweilen (insbesondere aus der jeweiligen individuellen Perspektive) durchaus erstrebenswert – und mit ihnen gehen wir intuitiv in einen Streit, wenn wir uns nicht bewusst ein Ziel setzen. Sie sind eng verbunden mit einer zentralen Funktion des Argumentierens; nämlich der Rechtfertigung von Überzeugungen, Handlungen oder Verhaltensweisen gegenüber unseren Mitmenschen (Mercier und Sperber 2017; Mercier und Landemore 2012; van Eemeren und Grootendorst 2010; Toulmin 2003, S. 12). Dabei führen sie jedoch allzu oft nicht nur nicht zu den von den Einzelnen erhofften Ergebnissen, sondern sind auch aus gesellschaftlicher Sicht wenig sinnvoll (Talisse und Aikin 2014, S. 38–56). Wenn sie richtig geführt werden, haben kontroverse verbale Auseinandersetzungen nämlich eine Reihe von Funktionen, die auch aus epistemischen und damit deliberativ-demokratischen Gesichtspunkten sinnvoll sind.
Denn viertens können wir durch Streitgespräche das Gegenüber besser verstehen, weil wir seine Position in einer bestimmten Frage kennenlernen und die Gründe dafür erfahren. Dies dürfte – so die Hoffnung – auch zu mehr Offenheit und Toleranz führen (Mutz 2006, S. 84-87). Zugleich ist eine grundsätzliche Offenheit notwendig, damit diese Funktion überhaupt erkannt, als Ziel gesetzt und dann erfolgreich in Streitgesprächen verfolgt wird.
Fünftens können wir etwas über die zur Diskussion stehende Sache erfahren, indem wir neue Positionen kennenlernen und die Gründe, die dafür sprechen (Talisse und Aikin 2014, S. 3-16). Dies kann uns selbst dann helfen, die Welt besser zu verstehen, wenn die kennengelernten Positionen letztlich nicht zutreffen oder die dafür vorgebrachten Gründe nicht stichhaltig sind.
Sechstens können Streitgespräche dazu beitragen, die Kohärenz im eigenen Überzeugungssystem zu erhöhen, indem durch den Austausch von Argumenten die inferenziellen Beziehungen zwischen verschiedenen Überzeugungen ans Tageslicht gefördert werden (Betz 2013). Wir lernen Gegengründe gegen unsere eigene Position kennen und haben die Möglichkeit, unsere Überzeugungen in ihrem Licht anzupassen, zu differenzieren und zu präzisieren.
Siebentens stärken diese drei Punkte die eigene Autonomie, da erst durch das reflektierende und systematische Abwägen von Argumenten die eigenen Meinungen zu begründeten Urteilen werden. Erst wenn wir andere Menschen, die Welt und uns selbst hinreichend verstehen und Gründe für unsere Überzeugungen nennen können, können wir uns intellektuell (und damit auch politisch) emanzipieren (Habermas 2011b, S. 573). Erst dann – durch Reflexion und Begründung – werden unsere Meinungen zu unseren eigenen Überzeugungen.
Aus diesen vier – im engeren Sinn epistemischen – Zielen ergeben sich nun drei weitere Ziele, die praktischer Natur sind, aber zugleich von deliberativ-demokratischer Relevanz. So kann nämlich achtens ein Streitgespräch dazu beitragen, einen Konsens oder zumindest einen Kompromiss in einem Konflikt zu erzielen, der andernfalls nicht-verbal und nicht-rational ausgetragen werden müsste. Wenn wir die Interessen und Meinungen des Gegenübers sowie die Gründe, die es dafür hat, erfahren, können wir eher eine Lösung finden, die für alle Betroffenen tragbar ist oder sogar von ihnen befürwortet wird (Gilbert 2008; Thompson 1991).
Neuntens kann – selbst in Fällen, in denen weder Konsens oder Kompromiss gefunden wird – ein Streitgespräch dabei helfen, Entscheidungen zu verbessern, weil wir besser über die Anderen und die Sache Bescheid wissen. Die Hoffnung ist, dass durch die epistemischen Funktionen des Streits am Ende Entscheidungen ermöglicht werden, die für die Mehrheit der Betroffenen positive Konsequenzen haben (Landemore und Estlund 2018; Landemore 2014; Talisse und Aikin 2014, S. 17-37).
Zehntens kann ein Streitgespräch schließlich dazu beitragen, eine Entscheidung zu legitimieren, selbst wenn sie weder objektiv besonders gut ist, noch subjektiv auf besonders hohe Zustimmung trifft, aber durch das Artikulieren von Meinungen, Benennen von Interessen und den Austausch von Argumenten allen Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen (Richardson 2002, S. 23-36; Cohen 1997).
Neben diesen zehn Funktionen gibt es viele weitere Ziele, die Menschen durch Streitgespräche verfolgen. Vielleicht wollen sie Andere demütigen, vielleicht wollen sie von etwas ablenken, vielleicht wollen sie sich einfach nur unterhalten. In diesem Beitrag werde ich mich jedoch auf die hier genannten - direkt oder indirekt epistemischen – Funktionen von Streit konzentrieren.
2 Kriterien für konstruktiven Streit
Streit hat einen schlechten Ruf. Gemeinhin halten wir ihn für etwas Schlechtes und wenig Erstrebenswertes. Das liegt unter anderem daran, dass entweder die falschen Ziele damit verfolgt oder die erhofften Ziele nicht erfüllt werden. Wann also hat ein Streit die Aussicht, seine Funktion zu erfüllen? Wann dürfen wir hoffen, durch einen Streit eines oder mehr der obigen Ziele erreichen?
Ein hilfreicher Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist der Discourse Quality Index (DQI), der in den Politikwissenschaften unter anderem von Steenbergen et al. (2003) entwickelt wurde. Er umfasst vier Dimensionen; nämlich die Partizipation der Teilnehmenden, den gegenseitigen Respekt, das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel der Diskussion sowie den Grad und Inhalt der gegebenen Rechtfertigungen.
Schauen wir uns zuerst die Partizipation der Teilnehmenden an. Mit Blick auf die Legitimität der aus einer Debatte resultierenden Entscheidungen ist eine repräsentative Teilnahme aller Betroffenen zweifelsohne wichtig. Aber auch aus rein epistemischen Gesichtspunkten ist es naheliegend, eine hohe Teilnahme anzustreben – etwa wenn diese (im Sinn eines Mill‘schen Liberalismus) mit einer Pluralisierung des Diskurses einhergeht. Allerdings muss dies nicht der Fall sein. Wie Mutz (2006) gezeigt hat, stehen hohe Partizipation, deliberative Qualität und Meinungspluralismus in einem strukturellen Spannungsverhältnis. Debatten homogener Gruppen haben tendenziell eine höhere deliberative Qualität und gruppeninterne Partizipation als Debatten heterogener Gruppen. In manchen Fällen kann eine Diskussion daher bessere Argumente und Einsichten hervorbringen, wenn nicht möglichst viele Parteien zu Wort kommen; zum Beispiel, wenn durch die Heterogenität einer Gruppe keine hinreichende Diskussionsgrundlage besteht, wenn durch die schiere Häufung von Meinungsäußerungen eine sachliche und gründebasierte Diskussion verhindert wird, oder wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einer pluralen Öffentlichkeit bestimmte Parteien strukturell benachteiligt. Aus epistemischer Sicht ist zentral, dass alle relevanten Positionen und Gründe berücksichtigt werden – und nicht unter den Tisch fallen, weil sie zufällig niemand der Gesprächsparteien teilt. Daher sind konstruktive Debatten in der Regel inklusiv, indem sie möglichst vielen Betroffenen zu partizipieren ermöglichen.
Zudem beinhaltet der DQI als zweite Dimension den Respekt zwischen den Teilnehmenden, der sich im besten Fall in der Sachlichkeit der Redebeiträge niederschlägt. Eine wichtige Unterscheidung hier ist die zwischen dem Gegenüber als Person, ihren Überzeugungen und ihren Äußerungen. Respekt gebührt in jedem Fall der Person, unabhängig davon, was sie (vermeintlich) denkt. Aber oft ist auch gar nicht so unmittelbar ersichtlich, welche Überzeugungen sie tatsächlich hat. Die Äußerungen einer Person können immer auf verschiedene Weise interpretiert werden – und viel häufiger, als man das vermutet, entstehen (ungewollte) Strohmänner und andere Missverständnisse, welche die Qualität der Diskussion beeinträchtigen und verhindern, dass man mit ihr neue Erkenntnisse über das Gegenüber oder die Sache erlangt.
Damit ein Streitgespräch konstruktiv verläuft, bedarf es daher epistemischer Tugenden wie zum Beispiel eine grundsätzlichen Wahrheitsverbundenheit und einer Wertschätzung von auch gegenläufigen Gründen. Die wichtigste dieser Tugenden ist eine Haltung, die durch das Prinzip des interpretativen Wohlwollens ausgedrückt werden kann: Wir sollten die Thesen und Argumente von Anderen – in dem durch Wortlaut und Kontext möglichen Rahmen – stets so plausibel wie möglich interpretieren. Die Akzeptanz und Anwendung dieses Prinzips bildet das Fundament konstruktiver Streitkultur. Es setzt nämlich voraus, dass man einander zuhört und die Thesen und Argumente des Gegenübers grundsätzlich ernst nimmt.
Respekt bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht die Anerkennung von Autoritäten oder gar die Anwendung irgendwelcher Höflichkeitsfloskeln, sondern, dass auf die Äußerungen der Anderen sachlich eingegangen wird. Ein Redebeitrag ist sachlich, wenn er deskriptive und normative Aussagen differenziert und auf irrelevante Wertungen (insbesondere der anderer Gesprächsteilnehmender) verzichtet. Der Ausdruck von Emotionen ist also durchaus mit dem Kriterium der Sachlichkeit vereinbar, das in erster Linie diskriminierende Sprechhandlungen, Beleidigungen und andere verbale Angriffe auf Personen ausschließt; es setzt lediglich die grundlegenden Rahmenbedingungen für konstruktiven Streit.
Der DQI beinhaltet ferner das Erreichen eines gemeinsamen Konsenses als Ziel. Nun ist nahezu unstrittig, dass es nicht immer sinnvoll ist, in einer Debatte eine Konsens anzustreben – und so erläutern Steenbergen et al. (2003), dass sich diese Zielsetzung auch durch alternative oder vermittelnde Vorschläge zeigen kann. Meist ist es schlicht unrealistisch, einen Konsens zu erreichen. Zudem kann, gerade wenn nicht unmittelbar Entscheidungen getroffen werden müssen, eine andere Zielsetzung sinnvoller sein. Wichtiger als eine fixe Konsensorientierung ist es, dass überhaupt konkrete, realistische und begründbare Ziele gesetzt werden, bevor ein Streitgespräch beginnt.
Die Qualität einer Diskussion hängt also entscheidend von einer sinnvollen und der Situation angebrachten Zielsetzung ab. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass Menschen Haltungen in Streitgesprächen in Abhängigkeit zu ihren bewusst oder unbewusst gesteckten Zielen einnehmen. Wenn sie nun eine der drei erst genannten Ziele (Gewinnen, Überreden oder Überzeugen) verfolgen, nehmen sie tendenziell eher eine Kampf-Flucht-Haltung ein, die eine konstruktiven Austausch schwierig macht. Wenn sie jedoch eines der sieben (direkt oder indirekt) epistemischen Ziele verfolgen, fällt es leichter eine partizipativ-inklusive und respektvoll-sachliche Diskussion zu führen. In Abhängigkeit zu den Zielen lassen sich neben der Inklusivität und Sachlichkeit noch drei weitere Kriterien ableiten, welche die Qualität von Diskussionen ausmachen und die leichter erfüllt werden, wenn wir eine den Zielen angemessene Haltung einnehmen. So ist für einen konstruktiven Streit zudem eine hinreichende Präzision, Relevanz und Gründebasiertheit der Redebeiträge ausschlaggebend.
Ein Redebeitrag ist präzise, wenn Mehrdeutigkeiten und andere Formen der Unbestimmtheit vermieden sowie Thesen als solche klar benannt und von anderen (verwechselbaren) Thesen differenziert werden. Dafür bedarf es unter anderem einer konsistenten Verwendung geeigneter Begrifflichkeiten. Leider ist in vielen Debatten schon das Thema nicht hinreichend bestimmt, so dass Gesprächsparteien schlicht aneinander vorbeireden und Argumente (als Strohmänner) ins Leere gehen.
Ein Redebeitrag ist relevant, wenn er sich hinreichend auf das Thema und die Beiträge der Anderen bezieht. Dafür müssen die Teilnehmenden unter anderem ausreichend informiert sein, aber auch über eine Reihe von kommunikativen und epistemischen Kompetenzen und insbesondere über eine Haltung interpretativen Wohlwollens verfügen.
Was heißt es nun, dass ein Redebeitrag hinreichend gründebasiert ist? Dies betrifft die vierte Dimension des DQI und damit den Grad und Inhalt der gegebenenRechtfertigungen für die vertretenen Thesen. Dazu müssen in Kontroversen nicht nur Meinungen, sondern auch Argumente tatsächlich ausgetauscht werden. Es muss den Teilnehmenden möglich sein, sich auf der Grundlage der Sichtung und Bewertung der Argumente ein Urteil zu bilden Dazu bedarf es der Gelegenheit einer hinreichenden Sammlung der relevanten Gründe und einer etwaigen Entkräftung von Argumenten. Zentral für die Qualität einer Diskussion ist daher nicht nur der Grad und Inhalt, sondern insbesondere auch die Güte der gegebenen Rechtfertigungen.
Um Rechtfertigungen beurteilen und gute Rechtfertigungen hervorbringen zu können, bedarf es Argumentationskompetenz. Argumentationskompetenz beruht auf dem (mindestens impliziten) Wissen, was ein Argument ist und was es bedeutet, dass Annahmen (die Prämissen) eine These (die Konklusion) begründen. Zugleich umfasst sie praktische Fähigkeiten – unter anderem, wie man einzelne Argumente und ganze Argumentationen erkennt, versteht, bewertet und selbst hervorbringt (Lanius 2022, S. 9). Dazu ist es insbesondere wichtig, (1) zwischen deduktiven und nicht-deduktiven Argumenten unterscheiden zu können, (2) ein Verständnis davon zu haben, was deduktive Gültigkeit und induktive Stärke ist, und schließlich (3) implizite Prämissen in Argumenten ergänzen zu können. Der Vermittlung und Anwendung dieser Fähigkeiten ist ein präzises argumentationstheoretisches Vokabular dienlich, wie es in der modernen Argumentationstheorie entwickelt worden ist (siehe etwa Bowell und Kemp 2009; Betz 2010; Bayer 2011; Feldman 2014; Löwenstein 2022). Dies ist hilfreich, aber nicht notwendig – all diese Fähigkeiten können auch unbewusst, unreflektiert und ohne das entsprechende Vokabular erworben und erfolgreich eingesetzt werden. Beachtenswert ist allerdings, dass den meisten Menschen diese Fähigkeiten nicht in die Wiege gelegt sind – was uns nun zu der Diskussion möglicher Hindernisse für einen konstruktiven Streit im nächsten Abschnitt führt.
3 Häufige Hindernisse für konstruktiven Streit
Die Hoffnung, dass eine Debatte allein durch ihre Freiheit ihre epistemischen und deliberativ-demokratischen Funktionen erfüllt, wie dies noch John Stuart Mill hoffte, hat sich etwas gemindert. Tatsächlich verlaufen viele private wie öffentliche Streitgespräche, gerade wenn sie frei geführt werden, nicht besonders konstruktiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe. An dieser Stelle sollen lediglich einige – vielleicht besonders häufige und ernstzunehmende – Hindernisse aufgeführt und kurz diskutiert werden.
Beginnen wir mit den Zielen der Teilnehmenden eines Streitgesprächs; so erwächst aus einer ungünstigen oder fehlenden Zielsetzung leicht eine Haltung, die mit einem Mangel an intellektuellen oder kommunikativen Tugenden einhergeht. Dies kann sich in Dogmatismus und Rechthaberei auf der einen Seite und Relativismus und Subjektivismus auf der anderen Seite äußern. Wenn wir gewinnen wollen oder Andere nur zu überreden oder zu überzeugen beabsichtigen, reagieren wir schnell dogmatisch und rechthaberisch, was leicht dazu führt, dass die Positionen und Argumente der Anderen nicht hinreichend wohlwollend diskutiert und beurteilt werden. Dies wiederum macht die Beiträge in Diskussionen im Schnitt weniger sachlich, präzise und relevant.
Manchmal verkehrt sich jedoch auch eine Zielsetzung, die nur das Verstehen des Gegenübers im Blick hat, in ihr Gegenteil, wenn dadurch eine relativistisch-subjektivistische Haltung eingenommen wird. So vermeiden einige Menschen jeden Konflikt, indem sie alle Positionen als gleichwertig und gleich gut begründet ansehen oder allein daraus, dass jemand eine bestimmte Meinung vertritt, folgern, dass diese Meinung hinreichend begründet ist. Das zeigt sich dann in Äußerungen wie „Das mag wahr für dich sein, ist aber nicht wahr für mich.“, „Ich habe meine Meinung und jeder kann für wahr halten, was er will.“, „Wir können gar nicht wissen, was wahr oder falsch ist.“ oder „Es gibt keine Wahrheit.“ – Äußerungen, welche die Diskussion insgesamt weniger gründebasiert machen. Um einer solchen relativistisch-subjektivistische Haltung entgegenzutreten, bedarf es eines reflektierten Wissensbegriffs und der Erkenntnis, dass intersubjektive Kriterien für konstruktiven Streit möglich sind (Lanius 2021, S. 199f.).
Doch selbst, wenn eine den Zielen und der Situation angemessene Haltung eingenommen wird, schützt uns dies leider nicht vor unkonstruktiven Diskursen, da wir uns im Denken und Streiten allgemein auf schnelle, aber fehleranfällige Heuristiken stützen und dabei kognitiven Verzerrungen unterliegen. Oft versteifen wir uns in Streitgesprächen auf den erst genannten Lösungsvorschlag, der dann als Anker fungiert („anchoring“) und meist nur widerwillig korrigiert wird (Kahneman 2013, 119–128; Tversky und Kahneman 1974). Damit verbunden ist der Verfügbarkeitsbias („availability bias“); eine kognitive Verzerrung, die uns dazu verleitet, Optionen entsprechend ihrer kognitiven Präsenz und nicht nach ihrer Relevanz auszuwählen (Kahneman 2013, 129–145; Tversky und Kahneman 1973). Die weitverbreitetste kognitive Verzerrung aber ist sicherlich der Bestätigungsfehler („confirmation bias“), der auch für Streitgespräche eine zentrale Bedeutung hat. Im Allgemeinen nehmen wir Informationen bevorzugt wahr, die unsere eigene Auffassung stützen, und tendieren dazu, alternative Positionen, Einwände oder andere gegenläufige Informationen zu verdrängen oder nicht zu beachten; wir interpretieren unsere eigenen Überzeugungen und Interessen bestätigende Informationen grundsätzlich positiver, suchen eher nach ihnen und erinnern sie leichter (Oswald und Grosjean 2005; Nickerson 1998). Dies führt in Streitgesprächen dazu, dass wir das Gegenüber leicht missverstehen, Strohmänner aufbauen sowie unpräzise und irrelevante Redebeiträge liefern. Dies wird verstärkt durch eine allgemeine Tendenz, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu überschätzen („overconfidence bias“) (Moore und Healy 2008; Pallier et al. 2002) – was sich in Streitgesprächen besonders in der Überschätzung der eigenen Argumentationskompetenz zeigt. Ein Faktor, der in Streitgesprächen ebenfalls nicht selten zu einem Problem wird, ist die Abhängigkeit der Urteils- und Entscheidungsfindung von der sprachlichen und emotionalen Rahmung des Themas („framing“) (Tversky und Kahneman 1981). Dabei gibt allein die Formulierung einer Frage in der Regel inhaltliche Grenzen einer Diskussion vor, in welcher relevante Positionen oder Argumente dann nicht mehr berücksichtigt werden. Dies wirkt sich gerade auch auf öffentliche Debatten aus, in denen Framing als politische Strategie eingesetzt wird (Wehling 2016; Wehling und Lakoff 2014).
Diese Heuristiken und kognitive Verzerrungen zeichnen unserer individuelles Denken aus und können in Debatten abgemildert, durch bestimmte Faktoren aber auch verstärkt werden. Streitgespräche haben in aller Regel Nutzungsfunktionen, für die weder Verstehen noch Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. Meist steht die soziale Interaktion im Fokus; wir handeln Beziehungen, Hierarchien und Verantwortlichkeiten aus. Es geht primär um Vertrauen und Zugehörigkeit. Daher entscheiden die sozialen Rollen der Teilnehmenden, der Ort und das Publikum ebenfalls darüber, ob konstruktiver Streit gelingt. Ob man das Gegenüber mit den eigenen Worten erreicht, hängt wesentlich von dem Vertrauen ab, das zwischen den Gesprächsparteien besteht (Boghossian und Lindsay 2019, S. 14–19; McIntyre 2021, S. 139–162). Wenn kein oder zu wenig Vertrauen vorhanden ist, werden die Äußerungen der Anderen nicht wohlwollend interpretiert, so dass Missverständnisse entstehen und die epistemischen Ziele vereitelt werden – ganz zu schweigen davon, dass man das Gegenüber von irgendetwas überzeugen würde. Allerdings kommt Vertrauen in Graden und für konstruktiven Streit bedarf es lediglich eines minimalen Vertrauens, das darin besteht, dem Gegenüber keine strategisches Handeln (im Sinn Habermas‘ 2011a, S. 385) zu unterstellen, sondern davon auszugehen, dass es sich bei seinen Äußerungen um Akte der Verständigung handelt.
Dies ist allerdings aufgrund unserer sozialen und insbesondere tribalistischen Natur vor einem (manchmal auch nur imaginiertem) Publikum nicht immer einfach; schnell verfallen wir in strategisches Handeln, das primär auf die Wirkung abzielt, die sie auf dritte Parteien hat. In Talk-Shows etwa diskutieren die Teilnehmenden in der Regel weniger miteinander, als dass vielmehr eine Diskussion für die Zuschauer(innen) inszeniert wird. Die vorgebrachten Argumente dienen dann nicht der Überzeugung, Verständigung oder des Erkenntnisgewinns, sondern in erster Linie als Signale an die jeweiligen Zielgruppen, dass man ihre Meinungen und Interessen vertritt.
Zugleich gibt es Informationsübertragungsprozesse und -strukturen, welche die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden strukturell ablenken oder reduzieren. Sie wird durch unsere Heuristiken und kognitive Verzerrungen, aber insbesondere auch durch die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation oft so gelenkt, dass Moralisierungen, Strohmänner und Whataboutism befördert und relevante, präzise und gründebasierte Redebeiträge aus der Debatte verdrängt werden. Beachtenswert ist insbesondere, wenn Wertfragen zu Tatsachenfragen gemacht werden - wenn man zum Beispiel nicht riskieren will, moralische Normen öffentlich in Zweifel zu ziehen, und lieber leugnet, dass etwa der Klimawandel menschengemacht ist (statt zuzugeben, dass man die Folgen des Klimawandels für andere Menschen für unerheblich hält). Oder aber es werden Tatsachenfragen zu Wertfragen gemacht – wenn man zum Beispiel bestimmte Tatsachen nicht (mehr) leugnen kann und dafür den Diskurs auf eine Meta-Ebene verschiebt, indem man etwa klimaaktivistische Aktionen moralisch verurteilt (statt womöglich unpopuläre Maßnahmen gegen den Klimawandel zu diskutieren). In beiden Fällen wird vom eigentlichen Thema abgelenkt (Kumkar 2022, 111–175).
Zudem werden diese Informationsübertragungsprozesse maßgeblich von initialen Entwicklungen bestimmt. Informations- und Konformitätskaskaden führen dazu, dass letztlich Positionen akzeptiert werden, für die es sachlich gar keine guten Gründe gibt (Sunstein 2002, 2009, 2014). Das ist in wenig partizipativ-inklusiven Debatten homogener Gruppen besonders wahrscheinlich, in denen andere Positionen und Gegengründe nahezu vollständig ausgeblendet werden können, was die Bildung von epistemischen Blasen und Echokammern begünstigt (Nguyen 2018; Jaster und Lanius 2019, 61–77). Statt politische Polarisierung zu reduzieren, können Streitgespräche sie dadurch also auch verstärken (Boxell et al. 2017; Bail et al. 2018).
Schließlich gibt es stets Parteien, die einen Diskurs für ihre persönlichen oder politischen Ziele nutzen. Ein argumentativer Gedankenaustausch kann leicht mit rhetorischen Strategienabgebrochen oder unterminiert werden, indem die oft ungünstige (unbewusste) Zielsetzung in Diskursen durch die Teilnehmenden, ihre fehleranfälligen Heuristiken und kognitive Verzerrungen, unsere tribalistische Natur, die Eigenheiten der politischen und medialen Kommunikation sowie Informations- und Konformitätskaskaden ausgenutzt werden. Dies wird zunehmend zu einem Problem gerade für Streit in der digitalen Öffentlichkeit.
4 Die Besonderheiten der digitalen Öffentlichkeit
Viele politische Debatten und auch private Streitgespräche werden heute öffentlich oder teilöffentlich in sozialen Medien geführt. Hier schlagen die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie voll durch, da die meisten sozialen Medien auf ein Geschäftsmodell setzen, das Aufmerksamkeit monetarisiert. Durch diesen Fokus werden emotional aufgeladene Redebeiträge mit hohem Erregungspotenzial strukturell bevorzugt, was die Diskussion in der Tendenz weniger sachlich, relevant und präzise macht. Die Güte der Argumente spielt in den aufmerksamkeitsoptimierten sozialen Medien kaum eine Rolle; dort sollen möglichst viele Menschen möglichst lange interagieren (Pörksen 2019).
Zugleich machen es uns die sozialen Medien extrem leicht, Meinungen wahrzunehmen, die zu unseren Präferenzen passen – bisweilen direkt durch Algorithmen, die gegenläufige Meinungen aktiv für uns herausfiltern. Durch solche digitalen Echokammern verstärken sie den Bestätigungsfehler, Informations- und Konformitätskaskaden und unsere tribalistische Neigungen (Schweiger 2017, S. 113–153). Dann ist es besonders leicht, sich einer sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen und gegenüber anderen sozialen Gruppen geschlossen aufzutreten – unabhängig davon, ob man selbst gute Gründe für die eigene Position hat (Haidt 2013). In einer solchen Umgebung spielen epistemische Erwägungen eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht darum, Andere zu verstehen, etwas über die Welt oder sich selbst zu lernen, und nicht einmal darum, eine gute Entscheidung zu treffen („post-truth“). Es geht darum, Teil einer sozialen Gruppe zu sein, die sich gegen andere soziale Gruppen – im Zweifel auch mit auf Fake News basierender Hetze – durchsetzt.
Lange wurde die Digitalisierung als Treiber von Partizipation und Demokratie gesehen. Inzwischen ist man jedoch weniger optimistisch. Selbst wenn die sozialen Medien unzählige Möglichkeiten für einen partizipativ-inklusiven Austausch bieten, ist der Ton in vielen digitalen Debatten dramatisch verroht und mit sozialen Sanktionen verbunden. Dies reduziert praktisch die Beteiligung für viele Menschen und könnte zu Schweigespiralen führen (Noelle-Neumann 2001). Dabei hätte der digitale Raum alles, was es für konstruktiven Streit bedürfte; Redebeiträge könnten in Ruhe vorbereitet werden, es gäbe Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Gründe, von persönlichen Befindlichkeiten könnte abstrahiert und sich auf die Sache konzentriert werden, und Debatten könnten zielorientiert (manuell oder automatisiert) moderiert werden.
Tatsächlich ist aber oft das genaue Gegenteil der Fall: Debatten im Netz sind in erster Linie aufmerksamkeitsgetrieben und vor allem von Beschleunigung und dem Ausdruck moralischer Emotionen geprägt (Pörksen 2019; Pörksen und Detel 2012). Das liegt zum Teil am Geschäftsmodell der sozialen Medien, aber auch daran, dass Debatten dort von Selbstdarsteller(inne)n und Saboteur(inn)en geprägt werden, die persönliche, kommerzielle oder politische Interessen mit den verschiedensten Mitteln (von Bots bis zum Kauf von Beiträgen mit Fake News, Hetze und Propaganda) verfolgen (Jaster und Lanius 2020; Benkler et al. 2018). Selbst kleine Eingriffe solcher strategischer Akteure können aufgrund der Mechanismen der Debatte zur Durchsetzung falscher und unbegründeter Mehrheitsmeinungen führen (O'Connor und Weatherall 2019). Tatsächlich werden allerdings ganze Kampagnen geführt, nicht nur um falsche Mehrheitsmeinungen herbeizuführen, sondern um die gesamte Debatte und damit die demokratischen Institutionen als solche zu unterminieren (Woolley und Howard 2019; Benkler et al. 2018; Garrett 2017) Daher kommt es gerade in den sozialen Medien ganz wesentlich darauf an, strategisches Handeln zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren – um es im besten Fall zu einem kommunikativem Handeln und damit wieder in einen konstruktiven Streit zu überführen.
Streitgespräche im Netz verlaufen aber auch dann oft unkonstruktiv, wenn keine Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) involviert sind. Auch aufrichtige Personen vergessen in den sozialen Medien immer wieder, dass ihre Gesprächspartner(innen) echte Menschen mit Interessen und Gefühlen sind. Die Distanz zum Gegenüber verringert unsere Fähigkeit der Empathie (Suler 2004). Zugleich antizipieren wir durch die (Teil-)Öffentlichkeit der sozialen Medien ein Publikum, vor dem wir unser Gesicht verlieren könnten und das unser Handeln sozial beurteilt. Eine falsche Äußerung kann zu sozialen Sanktionen innerhalb der eigenen Gruppe führen; eine richtige Äußerung hingegen kann helfen die soziale Stellung innerhalb der eigenen Gruppe zu verbessern. Dadurch fällt es schwerer, Fehler einzugestehen oder in einem Streitgespräch nachzugeben. Die epistemischen Ziele rücken in den Hintergrund, was zu einem Mangel an Relevanz, Sachlichkeit, Präzision und Begründungen in der Diskussion führt.
Bei Debatten im Internet gilt es also in besonderem Maße, sich die Fallstricke sowohl unserer Psychologie als auch der sozialen Medien bewusst zu machen, sie zu vermeiden und aktiv die Vorteile der digitalen Kommunikation zu nutzen. Denn Redebeiträge im Netz können in Ruhe vorbereitet werden, indem wir die Funktionslogik der sozialen Medien bewusst unterlaufen, nicht direkt auf emotional aufgeladene Beiträge reagieren und uns stattdessen Zeit lassen mit unseren Antworten. Dann gibt es Raum für eine gründliche Analyse der relevanten Positionen und Gründe, bevor wir etwas teilen oder kommentieren. Zudem können wir von persönlichen Befindlichkeiten abstrahieren; die Emotionen, die manchmal hochkochen, wieder abkühlen lassen, so dass auch leidenschaftliche Streitgespräche sachlich geführt werden können. Noch wichtiger ist jedoch, dass (digitale wie analoge) Debatten zielorientiert moderiert werden. Die Wahrnehmung und Befolgung von Gesprächsnormen hängt von der jeweiligen Situation ab und ist veränderbar. Im Netz wird immer wieder durch Selbstdarsteller(innen) und Saboteur(inn)e(n) aktiv versucht, Gesprächsnormen zu unterminieren. Dem kann man entgegentreten, indem die Ziele und entsprechenden Normen explizit kommuniziert und Beiträge nachträglich gefiltert werden (Engelmann et al. 2022). Dabei sollte primär auf die oben aufgeführten Kriterien geachtet werden – und weniger auf die konkreten Inhalte der Beiträge. Zudem könnten (mehr oder weniger subtile) Anforderungen für ein Geben von Gründen und Reagieren auf Gründe gestellt werden – etwa durch eine (algorithmische) Strukturierung der Debatte entlang epistemischer Kriterien. Insgesamt bieten die sozialen Medien in jedem Fall eine Unmenge an noch ungenutzten Möglichkeit der Entschleunigung, Zivilisierung und Epistemisierung der Debatte.
Literaturverzeichnis
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Warum streiten wir?
Warum gelingt es uns oft nicht, Konflikte konstruktiv zu führen? Ist Streit immer schlecht? Und wie könnte man besser streiten?
Im Kern kommt es auf die Haltung an, und darauf, dass man sich die richtigen Ziele setzt. Warum streiten wir also?
Hier im Interview bei "Alles wissen" vom HR am 13. April 2023 (in der ARD-Mediathek).
Warum gelingt es uns oft nicht, Konflikte konstruktiv zu führen? Ist Streit immer schlecht? Und wie könnte man besser streiten?
Im Kern kommt es auf die Haltung an, und darauf, dass man sich die richtigen Ziele setzt. Warum streiten wir also?
Hier im Interview bei "Alles wissen" vom HR am 13. April 2023 (in der ARD-Mediathek).

Warum Konflikte so wichtig sind
Ob privat oder bei der Arbeit, auf Twitter oder in Talkshows: Nirgendwo geht es immer harmonisch zu. Aber warum sind Konflikte wichtig? Und wie streiten wir richtig? Fokus sind dabei persönliche Konflikte.
Damit beschäftigt sich ein neuer Artikel von galileo.tv mit einem Interview mit mir. Es geht um diese Fragen: Ist Streit gut oder schlecht? Warum streiten Menschen überhaupt? Warum fliegen selbst bei Liebespaaren die Fetzen? Was schadet einem Streit? Welche Vor- und Nachteile hat Streiten? Was macht einen guten Streit aus? Wie verhindert man, dass sich die Fronten verhärten?
Zudem gibt es eine Übersicht über die wichtigsten Gründe für Streit und 11 Tipps für besseres Streiten.
Ob privat oder bei der Arbeit, auf Twitter oder in Talkshows: Nirgendwo geht es immer harmonisch zu. Aber warum sind Konflikte wichtig? Und wie streiten wir richtig? Fokus sind dabei persönliche Konflikte.
Damit beschäftigt sich ein neuer Artikel von galileo.tv mit einem Interview mit mir. Es geht um diese Fragen: Ist Streit gut oder schlecht? Warum streiten Menschen überhaupt? Warum fliegen selbst bei Liebespaaren die Fetzen? Was schadet einem Streit? Welche Vor- und Nachteile hat Streiten? Was macht einen guten Streit aus? Wie verhindert man, dass sich die Fronten verhärten?
Zudem gibt es eine Übersicht über die wichtigsten Gründe für Streit und 11 Tipps für besseres Streiten.
Wie sollten Lehrende mit Fake News und Verschwörungstheorien im Unterricht umgehen?
Diesen Monat erscheint der Band “Dürfen Lehrer ihre Meinung sagen? Demokratische Bildung und die Kontroverse über Kontroversitätsgebote” von Johannes Drerup, Miguel Zulaica y Mugica und Douglas Yacek. Die Beiträge sind allesamt lesenswert und für das Thema Streitkultur einschlägig.
Mit dabei ist auch ein Beitrag zu der Frage “Wie sollten Lehrende mit Fake News und Verschwörungstheorien im Unterricht umgehen?” von David Lanius. Darin versucht er zu zeigen, was Fake News und Verschwörungstheorien sind, was sie unterscheidet, wer daran glaubt, was das Problem dabei ist und schließlich wie man sowohl in der Prävention als auch in der direkten Konfrontation als Lehrkraft damit umgehen kann.
Diesen Monat erscheint der Band “Dürfen Lehrer ihre Meinung sagen? Demokratische Bildung und die Kontroverse über Kontroversitätsgebote” von Johannes Drerup, Miguel Zulaica y Mugica und Douglas Yacek. Die Beiträge sind allesamt lesenswert und für das Thema Streitkultur einschlägig.
Mit dabei ist auch ein Beitrag zu der Frage “Wie sollten Lehrende mit Fake News und Verschwörungstheorien im Unterricht umgehen?” von David Lanius. Darin versucht er zu zeigen, was Fake News und Verschwörungstheorien sind, was sie unterscheidet, wer daran glaubt, was das Problem dabei ist und schließlich wie man sowohl in der Prävention als auch in der direkten Konfrontation als Lehrkraft damit umgehen kann.
Vom Wort zur Tat?
Die Sprache, unser wichtigstes Mittel der Verständigung, wird zunehmend von Aggressivität geprägt - im Internet, in der Rhetorik rechter Politiker, in Bürgerprotesten auf der Straße, sogar im Bundestag. Seit dem Mord an dem Politiker Walter Lübcke im Juni 2019 ist die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Gewalt stärker in den Fokus gerückt; eine Frage, die auch die Wissenschaft schon länger beschäftigt. Nach massiven Morddrohungen wurde Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen. Erst die Worte, dann die Tat? Fördert die Verrohung der Sprache die Bereitschaft zu realer Gewalt?

In dieser MDR-Doku sprechen viele tolle Leute und auch ich über konstruktiven Streit und die "Macht der Sprache".
Darum geht es in der Doku:
Die Sprache, unser wichtigstes Mittel der Verständigung, wird zunehmend von Aggressivität geprägt - im Internet, in der Rhetorik rechter Politiker, in Bürgerprotesten auf der Straße, sogar im Bundestag. Seit dem Mord an dem Politiker Walter Lübcke im Juni 2019 ist die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Gewalt stärker in den Fokus gerückt; eine Frage, die auch die Wissenschaft schon länger beschäftigt. Nach massiven Morddrohungen wurde Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen. Erst die Worte, dann die Tat? Fördert die Verrohung der Sprache die Bereitschaft zu realer Gewalt?
Sprache als Waffe
Der Film erkundet die Mechanismen und Auswirkungen von aggressiver Sprache auf unser Wahrnehmen und Handeln. Wissenschaftliche Tests im Sprachlabor der FU Berlin unter Leitung des renommierten Neurowissenschaftlers Friedemann Pulvermüller zeigen, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird und dabei unbewusste Handlungsmuster hervorruft. In Karlsruhe analysiert der Sprachphilosoph David Lanius das Parteiprogramm der AfD und schildert die charakteristischen Merkmale der rechten Rhetorik, in Leipzig untersucht die junge Sprachwissenschaftlerin Nancy Grochol die Sprachbilder in den Reden rechter Politiker Wort für Wort, ergänzt durch animierte Illustrationen dieser sprachlichen Bilder.
Die sprachliche Verrohung zeigt sich massiv im Internet.
Hatespeech ist zu einem ernsten, die Demokratie gefährdenden Problem geworden. Staatsanwalt Christoph Hebbecker von der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime in Nordrhein-Westfalen ermittelt gegen die Verfasser von Hass und Hetze, gegen Aufrufe zur Gewalt - immer auf dem schmalen Grat zwischen Meinungsfreiheit und Strafbarkeit. Hebbecker beklagt, dass er nur einen Bruchteil der strafrechtlich relevanten Inhalte im Netz ermitteln kann, weil die Betreiber großer Internetplattformen nur unzureichend Daten weitergeben. Der Staatsanwalt sieht einen erheblichen Verbesserungsbedarf für Hatespeech-Strafverfolger wie ihn. Immerhin - auch die Regierung hat das Problem erkannt und ein neues Gesetz gegen Hatespeech auf den Weg gebracht, das die Behörden nach und nach mit mehr Kompetenzen ausstatten soll.
Hatespeech, Morddrohungen und Gewalt
Auch der Blogger und Autor Schlecky Silberstein erhält auf seine ironisch-satirischen Videoclips regelmäßig Morddrohungen. Silberstein fragt sich, woher dieser Hass kommt und schildert die Mechanismen, die im Internet zum Sinken von Anstand und Respekt führen - bei Usern ganz unterschiedlicher Couleur. So werden auch AfD-Politiker oft zum Opfer verbaler Gewalt. Anonymität und Kostenfreiheit im Netz machen es den Verfassern von Hassbotschaften zu leicht, sagt Silberstein. Die Gesetze müssen dringend angepasst werden, lautet auch sein Fazit.
Mit Andersdenkenden reden!
In Dresden begleitet der Film zwei Rentner, die an der Initiative "Deutschland spricht" teilnehmen. Das von der ZEIT ins Leben gerufene Projekt fördert die Bereitschaft, mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen und ihre Meinung zu akzeptieren. Jeder Einzelne kann so auch persönlich für ein friedlicheres Miteinander sorgen - wenn er die Sprache nicht als Kampf versteht, in dem es um Sieg oder Niederlage geht, sondern um Kompromisse und Respekt.
Produktiv streiten
In der Familie, unter Freunden, aber auch im gesellschaftlichen, politischen Bereich: Streiten ist wichtig – aber konstruktiv. Mitgründer Mit Sabine Brandi habe ich darüber gesprochen, wie das geht und warum es wichtig ist, mit allen zu reden – auch mit Verschwörungsmythologen und Corona-Leugnern.
Nachzuhören auf der WDR-Seite in der Sendung "Neugier genügt".
In der Familie, unter Freunden, aber auch im gesellschaftlichen, politischen Bereich: Streiten ist wichtig – aber konstruktiv. Mitgründer Mit Sabine Brandi habe ich darüber gesprochen, wie das geht und warum es wichtig ist, mit allen zu reden – auch mit Verschwörungsmythologen und Corona-Leugnern.

Nachzuhören auf der WDR-Seite in der Sendung "Neugier genügt".
Lasst uns streiten!
Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, löst Probleme nicht, sondern verschiebt sie nur in die Zukunft. Ein Gespräch mit Dr. David Lanius, Mitbegründer des Forums für Streitkultur, das sich für eine konstruktive und demokratische Form des Streitens einsetzt.
Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, löst Probleme nicht, sondern verschiebt sie nur in die Zukunft. Ein Gespräch mit Dr. David Lanius, Mitbegründer des Forums für Streitkultur, das sich für eine konstruktive und demokratische Form des Streitens einsetzt.
Das Interview führte Lucca Pizzato vom Debattenportal sagwas.net, wo es zuerst (hier) erschienen ist.
Sagwas: Streiten Sie gerne, Herr Lanius?
David Lanius: (lacht) Die Frage kann ich mit Ja und Nein beantworten. In einem Sinne, auf der sachlichen Ebene, streite ich sehr gerne. Als Philosoph ist das sozusagen mein tägliches Brot. Im landläufigen Sinne, wenn man zankt und dabei gar keine Argumente mehr austauscht, dann nicht so gerne. Streiten ist allgemein leider negativ konnotiert. Eine Mission des Forums für Streitkultur ist es daher, dem Streiten einen besseren Ruf zu geben.
„Wir müssen Reden!“ ist das Motto des Forums. Sie plädieren für mehr „konstruktives Streiten“. Was führt denn zu nicht konstruktivem Streiten?
Ein großes Problem ist die Haltung, mit der viele Menschen in ein Streitgespräch gehen. Viele sehen Streit als eine Art Kampf, bei dem sie gewinnen oder verlieren können – und um jeden Preis gewinnen möchten. Andere haben überhaupt kein richtiges Ziel für das Gespräch und streiten dann vielleicht sogar widerwillig. Mit beiden Einstellungen kommt man nicht so weit.
Welche Haltung empfehlen Sie?
Man sollte Streit grundsätzlich als ein kooperatives Unterfangen sehen. In jedem Fall sollte die andere Person nicht als Feind betrachtet werden, sondern als Gegner, mit dem man freundschaftlich um Argumente ringt.
Wie hilft das Forum, die Kommunikation in Konflikten zu verbessern?
Einerseits machen wir Grundlagenforschung. Romy Jaster und ich haben 2017 das Forum gegründet und betreiben an der Humboldt Universität Berlin (HU) und am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) jeweils unsere Feldforschung.
Andererseits bieten wir praktische Workshops an, wo Teilnehmende mit unterschiedlichen Standpunkten zu kontroversen Fragen diskutieren können und wir dabei Anleitung und unterstützendes Feedback geben. Wir haben aber auch schon Straßenaktionen im Rahmen unseres Streitlabors durchgeführt, bei denen Menschen über alles Mögliche diskutieren konnten, ohne sich um soziale Konsequenzen Gedanken machen zu müssen.
Welche konkreten Tipps konnten Sie den Teilnehmenden geben?
Für „Deutschland spricht“ hatten wir zehn Regeln für eine gute Debatte zusammengestellt. Das sind relativ konkrete Vorschläge, wie man Zwiegespräche konstruktiver gestalten kann. Zum Beispiel haben wir die Teilnehmenden aufgefordert, jedes Mal bevor sie auf Gesagtes antworten, einen Punkt herausgreifen, mit dem sie übereinstimmen, und erst danach in die Kritik zu gehen.
Populismus und Verschwörungstheorien können dieses Übereinstimmen erschweren. Wie kann man in solchen Fällen trotzdem eine gemeinsame kommunikative Ebene finden?
Die Leute sind sich in solchen Fällen häufig schon darüber uneinig, was die Fakten sind. Natürlich wissen wir manchmal tatsächlich nicht, was die Wahrheit ist. Zum Beispiel, wann genau Homer, der Autor der Odyssee, geboren worden ist. Vieles lässt sich hingegen schnell auf sichere Weise herausfinden. So können wir leicht sicherstellen, ob Bamako die Hauptstadt von Mali ist. Die relevanten Fragen lauten dann aber, was die Quellen sind, welchen Quellen wir vertrauen und auch welchen Quellen wir vertrauen sollten. Ich glaube, das ist meistens der Knackpunkt bei Diskussionen mit Verschwörungstheoretiker*innen und Anhänger*innen von Populismus. Das Internet verstärkt leider diese Uneinigkeit bezüglich der Fakten und was überhaupt zuverlässige Quellen sind.
Also im Fall grundlegender Uneinigkeit lieber gar nicht diskutieren?
Ich denke, die beste Strategie ist es, die rein inhaltliche Ebene an dieser Stelle zu verlassen und direkt über die jeweiligen Quellen zu sprechen. Verschwörungstheoretiker*Innen haben ein sogenanntes „selbstimmunisierendes“ Weltbild, weil sie für jedes Gegenargument einen Einwand haben. Es empfiehlt sich daher, mit solchen Menschen nicht so sehr darüber zu diskutieren, ob zum Beispiel der Klimawandel menschengemacht ist, sondern besser darüber, wie man die angeführten Quellen bewerten sollte und ob diese Bewertung immer mit demselben Maß geschieht.
Sollte die Politik sich hier mehr einbringen, um den Uneinigkeiten und Unsicherheiten der Bürger*Innen in und gegenüber den neuen Medien entgegenzuwirken?
Ich würde sagen, dass die Verantwortung hier sehr breit verteilt ist. Politik, Medien, aber auch wir alle als Mediennutzende tragen einen Teil der Verantwortung, Verschwörungstheorien weniger Raum zu geben, indem wir gewisse moralische und epistemische Standards wahren und offensiv einfordern. Also selbst als Vorbild vorangehen und im Zweifel klar auf Verletzungen dieser Standards reagieren.
Sie haben die „Zehn Regeln einer guten Debatte“ erwähnt. Welche dieser Regeln ist Ihnen besonders wichtig?
(lacht) Was ich persönlich sehr wichtig finde, ist das „wohlwollende Interpretieren“. Das heißt eigentlich nur, das Gegenüber wirklich verstehen zu wollen: Verstehen zu wollen, was die andere Person sagt und was für Gründe sie für ihre Position hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich die Position des Gegenübers auch inhaltlich wohlwollend bewerten muss. Ganz und gar nicht! Ich kann die Position inhaltlich vehement ablehnen und trotzdem mit der anderen Person konstruktiv meine Gründe austauschen.
Im klassischen Zwiegespräch sollte ich mich entweder für ein Gespräch entscheiden und mich mit interpretativem Wohlwollen darauf einlassen – oder ich führe es eben nicht. Wenn ich beispielsweise nicht mit einer radikalen Islamistin wohlwollend über Ehrenmorde oder Kopftücher diskutieren kann, sollte ich mit ihr vielleicht gar nicht diskutieren.
Vielen Dank für das Gespräch!
Hass im digitalen Raum
Der digitale Raum ist essentieller Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Soziale Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserem Alltag und Umgang miteinander ein. Dementsprechend gelten auch hier die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders und der konstruktiven Gesprächsführung. Diese Regeln werden durch Hassrede allerdings strategisch boykottiert, was die demokratische Streitkultur gefährdet. Die hasserfüllten Reaktionen auf die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind nur ein - besonders sichtbares - Beispiel unter zahllosen Fällen von Hassrede.
Der digitale Raum ist essentieller Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Soziale Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserem Alltag und Umgang miteinander ein. Dementsprechend gelten auch hier die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders und der konstruktiven Gesprächsführung. Diese Regeln werden durch Hassrede allerdings strategisch boykottiert, was die demokratische Streitkultur gefährdet. Die hasserfüllten Reaktionen auf die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind nur ein - besonders sichtbares - Beispiel unter zahllosen Fällen von Hassrede.
Hass als Strategie
Neben den Vorteilen der Kommunikations- und Ausdrucksmittel im digitalen Raum gibt es leider auch Nachteile: Trolle und Hater verbreiten Fake News sowie Hetze und nutzen die Funktionslogiken der sozialen Medien strategisch aus, um ein Klima des Hasses zu schüren und den politischen Diskurs zu dominieren (Aufmerksamkeitsökonomie). Im gesellschaftlichen Diskurs hat Hass mit einem erstarkenden Rechtspopulismus zugenommen. Gerade Rechtspopulist*innen nutzen das Internet und soziale Medien in ihrer Kommunikationsstrategie ganz bewusst um gezielt Stimmung zu machen (bspw. gegen die Klimabewegung Fridays For Future), Desinformation zu verbreiten und mit Hilfe von Hass einzuschüchtern, um damit den digitalen Raum zu dominieren. In diesem Sinne ist Hassrede kein Massenphänomen, sondern geht von wenigen Usern/Accounts aus, die sehr bewusst aktiv und salient versuchen, damit Diskussionen im Internet für ihre Zwecke zu missbrauchen.
Hass ist keine Meinung
Hassrede nimmt hierbei nicht die Form einer Meinungsäußerung an, die im Sinne der Meinungsfreiheit an einem konstruktiven Austausch oder einer Diskussion mit Argumenten interessiert ist. Verbaler Hass kann selbst bereits als eine Form der Gewaltanwendung gelten und ist eine sprachliche Handlung gegen Einzelpersonen und/oder Gruppen mit dem Ziel der Abwertung oder Bedrohung aufgrund deren Zugehörigkeit zu einer benachteiligten Gruppe in der Gesellschaft. Dies umfasst (strukturelle) Diskriminierung und damit Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und alle anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Abgesehen davon zeigt sich, dass durch verbalen Hass die Hemmschwelle zur Gewalt in der analogen Welt durch sich akkumulierenden verbalen Online-Hass gesenkt wird. Wir sehen das an Beispielen wie dem Mord an dem hessischen Politiker, Walter Lübcke, dem Anstieg politisch motivierter rechter Gewalttaten, oder auch, wenn wir den Blick weiten, am Beispiel der ethnischen Säuberung im buddhistisch geprägten Myanmar an der muslimischen Minderheit, den Rohingya. Gegen diese wurde auf den sozialen Medien massiv Hetze verbreitet und zu Gewalt aufgerufen.
Der Umgang mit Hass
Doch wie kann mit diesem Hass umgegangen werden? Angesichts gezielter Hass-Kommentare und Shitstorms gewinnt die Frage des richtigen Umgangs weiter an Bedeutung. Spätestens seitdem im Oktober 2017 das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zur Regulierung von Social-Media-Plattformen in Kraft getreten ist, besteht eine rege Auseinandersetzung darüber, welche Maßnahmen geeignet sind, um Hassrede einzudämmen. Auch wird nach dem Anschlag in Halle (Saale) auf eine Synagoge im Jahr 2019 die Thematik mit einem Kabinettsbeschluss, Hass im Netz härter zu bestrafen, wieder auf die Tagesordnung gehoben.
Für den Umgang mit Hass im Netz gibt es kein Patentrezept.
Grundsätzlich gibt es mindestens fünf Möglichkeiten des Umgangs mit Hassrede: ignorieren, diskutieren, ironisieren oder (im Fall justiziabler Äußerungen wie Bedrohung, Beleidigung, öffentlicher Aufforderung zu Straftaten oder Volksverhetzung) melden, anzeigen und (falls möglich) löschen. Helfen kann hierbei die Meldestelle des Bundeskriminalamts für Hetze im Internet "respect!". Hilfestellung beim direkten Umgang können online tools, wie das der neuen deutschen medienmacher*innen, oder des No Hate Speech Movement bieten.
Der digitale Raum als demokratischer Raum
Es wäre falsch zu denken, dass der digitale Raum von unserem alltäglichen Leben separiert werden kann. Schlechte Tipps für Betroffene von Hass oder Cybermobbing, wie "lösch dich doch einfach" negieren, dass der digitale Raum ein fester Bestandteil gesellschaftlichen Lebens ist, der auch demokratischen Regeln, Rechten und Umgangsformen unterliegt. Was wir aber sehen ist, dass Hassrede ganz grundsätzlich den sozialen Umgang mit Andersdenkenden und die demokratische Streitkultur negativ beeinflusst.
Da der digitale Raum als freiheitlicher, öffentlicher und demokratischer Raum und die Menschen, die sich darin bewegen, schutzbedürftig sind, muss entsprechend reguliert, aufgeklärt, (weiter-)gebildet und sensibilisiert werden für die Schattenseiten, die das Internet mit sich bringt.
Dieser Artikel ist ebenfalls im Tagungsreader zur medienpädagogischen Netzwerktagung "Medienkompetenz stärkt Brandenburg" des Landesfachverbands Medienbildung Brandenburg e.V. erscheinen.
Streiten wie Philosophen
Im öffentlichen Diskurs wird seit einiger Zeit verstärkt der Ruf nach einer besseren Streitkultur laut. Philosoph*innen sollten da hellhörig werden. Denn wenn sie eines wirklich gut können, dann ist das, sich konstruktiv zu streiten.
Das liegt in der Natur der Sache: Philosophische Fragen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich mit empirischen Mitteln nicht abschließend beantworten lassen. Welche Verteilung von Gütern ist gerecht? Was ist Wahrheit? Was sind die Voraussetzungen für die Freiheit des Willens? Um bei der Beantwortung solcher Fragen überhaupt vom Fleck zu kommen, hilft nur der systematische Streit unter Fachkolleg*innen.
Im öffentlichen Diskurs wird seit einiger Zeit verstärkt der Ruf nach einer besseren Streitkultur laut. Philosoph*innen sollten da hellhörig werden. Denn wenn sie eines wirklich gut können, dann ist das, sich konstruktiv zu streiten.
Das liegt in der Natur der Sache: Philosophische Fragen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich mit empirischen Mitteln nicht abschließend beantworten lassen. Welche Verteilung von Gütern ist gerecht? Was ist Wahrheit? Was sind die Voraussetzungen für die Freiheit des Willens? Um bei der Beantwortung solcher Fragen überhaupt vom Fleck zu kommen, hilft nur der systematische Streit unter Fachkolleg*innen.
Permanent müssen Philosoph*innen verhandeln, wie das Argument der Gegenseite aussieht und wo genau Dissens besteht.
Manchmal herrscht Uneinigkeit über die Faktenlage, manchmal bei der Gewichtung von Werten. In wieder anderen Fällen wird Evidenzen unterschiedlich viel Gewicht beigemessen, oder hinter einem Argument verbirgt sich ein allgemeines Prinzip, das vom Gegenüber nicht geteilt wird. Fast immer gilt es zu klären, wie die Streitenden Wörter eigentlich verwenden.
Philosoph*innen müssen Meinungsverschiedenheiten also recht methodisch austragen, um der Beantwortung ihrer tatsächlichen Fragen ein Stück näher zu kommen. Dafür hat sich ein ganzes System von Regeln etabliert.
Was den empirischen Wissenschaften die Statistik ist, sind der Philosophie Logik und Argumentationstheorie.
Wo es um eine Verbesserung der Streitkultur geht, wäre ein versierterer Umgang mit Argumenten sicherlich ein erster Schritt. Aber natürlich eignet sich das Studium philosophischer Methodik nicht als Bürgerpflicht. Hilfreich wäre eine Art philosophisches Starter-Kit: eine einfache Anleitung, der man in alltäglichen Auseinandersetzungen folgen kann, um zielführender, konstruktiver und zivilisierter zu streiten.
Erfreulicherweise gibt es dieses Starter-Kit bereits. In seinem Buch „Intuition Pumps and Other Tools for Thinking“ formuliert der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett einige einfache Regeln für den konstruktiven Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. Frei nach Dennett folgen Streitende idealerweise zwei Schritten, bevor sie zur Kritik ansetzen.
Im ersten Schritt wird wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat.
Dennett schlägt vor, dabei so fair und wohlwollend zu sein, dass das Gegenüber sagen kann: „Danke! Ich wünschte, ich hätte das selbst so gut auf den Punkt gebracht!“
Dahinter verbirgt sich keine Appeasement-Strategie. Vielmehr geht es darum, sicherzustellen, dass man selbst das Argument der Gegenseite wirklich verstanden hat. Andernfalls droht man einem sogenannten „Strohmann“ auf den Leim zu gehen, also eine Position zu kritisieren, die das Gegenüber gar nicht vertritt. Wiederholt man den zentralen Punkt, ist diese Gefahr ausgeräumt.
Im zweiten Schritt wird markiert, in welchen Punkten man dem Gegenüber zustimmt.
Übereinstimmungen gibt es tatsächlich immer. Ich wurde kürzlich in einem Interview gefragt, in welchen Punkten ich einem bekannten Rechtspopulisten zustimmen könne. Ich halte das nicht für eine schwierige Frage. Man teilt vielleicht eine Sorge, oder man ist sich in einigen Sachfragen einig. So abwegig der gegnerische Standpunkt auch erscheint: Die ernsthafte Suche nach Gemeinsamkeiten ist aus argumentationstheoretischer Sicht unabdingbar. Lassen sich keine gemeinsamen Prämissen finden, so wird kein einziges Argument die Gegenseite überzeugen können.
Am Ende darf dann auch bei Dennett kritisiert werden. Aber eben erst dann. Dennett schreibt:
“Only now are you permitted to say as much as a word of rebuttal or criticism.”
In der Sache darf diese Kritik durchaus scharf ausfallen. Das Ganze hat nur einen Haken: Hat man einmal Schritt eins und zwei durchlaufen, könnte man unterwegs festgestellt haben, dass die Argumente der anderen Person gar nicht so schlecht sind, wie man dachte. Anders gewendet:
Man könnte in einem solchen Streit tatsächlich etwas voneinander lernen.
Dieser Artikel wird demnächst in der Imagebroschüre der Humboldt-Universität erscheinen.
Eine bessere Streitkultur für Politik und Gesellschaft?
Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.
Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.
Ohne Streit ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. Wir brauchen die Auseinandersetzung für eine öffentliche Meinungsbildung und konstruktive Lösungen. Stattdessen herrscht häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung und die Skandalisierung des Gegners.
Podiumsdiskussion mit Andrea Römmele und Annette Leßmöllmann
Wir werden mit Prof. Dr. Andrea Römmele (Hertie School of Governance) und Prof. Dr. Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) die Fragen diskutieren, warum es wichtig und wie es wieder möglich ist, miteinander zu streiten – ohne sich zu spalten.
Ausgangspunkt für die Diskussion ist das in diesem Jahr veröffentlichte Buch "Zur Sache!" von Andrea Römmele. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wird es Raum für Fragen und eine offene Diskussion im Plenum geben.
Zeit: 15. Oktober 2019, von 19 bis 21 Uhr
Ort: Karlshochschule, Karlstraße 36-38, 76133 Karlsruhe
Die Podiumsdiskussion wird organisiert und moderiert von David Lanius (DebateLab, KIT) in Kooperation mit der Karlshochschule, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Hertie School of Governance.
Der Eintritt ist kostenlos und eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr Informationen gibt es auch auf Facebook.
Radikal höflich gegen Rechtspopulismus
Das wunderbare Büchlein „Sag was!“ von Diskursiv gibt einen niedrigschwelligen Einstieg in ein brandaktuelles und aufgeladenes Thema, das nach wie vor bei vielen Beteiligten Unsicherheit und Ohnmacht hervorruft. Der Autor Philipp Steffan hat einen beeindruckenden Spagat erzielt - zwischen angenehmer Knappheit, verständlicher Klarheit und profundem Gehalt.
Das wunderbare Büchlein „Sag was!“ von Diskursiv gibt einen niedrigschwelligen Einstieg in ein brandaktuelles und aufgeladenes Thema, das nach wie vor bei vielen Beteiligten Unsicherheit und Ohnmacht hervorruft. Der Autor Philipp Steffan hat einen beeindruckenden Spagat erzielt - zwischen angenehmer Knappheit, verständlicher Klarheit und profundem Gehalt.
Wie mit Rechtspopulisten reden? Das Büchlein "Sag was!" zeigt wie.
Nachdem am Anfang kurz Rechtspopulismus als Weltbild mitsamt seiner Kommunikationsstrategien umrissen wird, macht das Büchlein deutlich, wie wichtig es ist, bei verbalen Konfrontationen mit rechtspopulistischen Positionen auf die eigene Verfasstheit, die Zuhörerschaft, die äußerlichen Rahmenbedingungen und die Ziele des Gegenübers zu achten. Mitgeliefert werden auch die bewährten fünf Gesprächstipps von Kleiner Fünf, mit denen man radikal höflich diskutieren kann: Cool bleiben, offene Fragen stellen, zuhören, Kritik höflich formulieren und selbst aktiv agieren.
Sag was! Aber wann, wie und mit welchem Ziel?
Am Ende des Büchleins werden in absoluter Knappheit Gegenstrategien gegen neun beispielhafte rechtspopulistische Gesprächsmuster und Antworten auf vier klassische rechtspopulistische Vorwürfe (in Bezug auf Europa, Medien, Flucht und Islam) vorgestellt: Alles mit nützlichen Beispielen und immer konstruktiven Ratschlägen, wie man es besser machen könnte.
An einigen Stellen würde man sich mehr Tiefe sowie ausführlichere Erklärungen und Ratschläge wünschen. Doch mit seinen nur 80 Seiten und mit dem Anspruch, für Schülerinnen und Schüler ohne eine tiefergehende politische Bildung verständlich zu sein, bringt es das Büchlein auf eine erstaunliche Präzision.
Ohne (völlige) Frustration im Gespräch bleiben
Das Büchlein „Sag was!“ verschafft auf effektive Weise einen guten Überblick, wie man mit Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten (oder anderen Andersdenkenden) im Gespräch bleiben kann, ohne (völlig) frustriert zu werden. Und doch kann es immer nur ein erster Schritt sein, eine Hilfestellung und Inspiration, selbst ins Gespräch zu gehen und es beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen besser zu machen!
Disclaimer: Der Autor dieses Blogs ist Mitglied von Tadel Verpflichtet!, dem Trägerverein von Diskursiv, und war inhaltlich an der Arbeit von „Sag was!“ beteiligt.
Vier Regeln für konstruktive Kritik
Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man - wie sollte man - darauf reagieren?
Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.
Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man - wie sollte man - darauf reagieren?
Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.
Vier Regeln für konstruktive Kritik
In seinem Buch Intuition Pumps and Other Tools for Thinking führt der Philosoph Daniel Dennett vier Regeln für konstruktive Kritik auf, die ursprünglich auf den Psychologen Anatol Rapoport zurückgehen:
- Hören Sie sich genau an, was Ihr Gegenüber sagt. Geben Sie seine Position oder sein Argument in Ihren eigenen Worten wieder – so korrekt, klar und anschaulich wie möglich. Fragen Sie nach, ob Sie Ihr Gegenüber richtig verstanden haben.
- Zählen Sie alle Punkte auf, denen Sie zustimmen.
- Nennen Sie etwas, das Sie von Ihrem Gegenüber gelernt haben (wenn irgendwie möglich).
- Bringen Sie erst dann Gegenargumente und respektvolle Kritik.
Am wichtigsten ist die erste Regel: Zuhören und sichergehen, dass man das Gegenüber richtig verstanden. Die zweite Regel hat die Funktion, dass man sich auf einer gemeinsamen Grundlage bewegt. Fast immer gibt es eine ganze Reihe an geteilten Überzeugungen; aber häufig ist nicht klar, worüber man sich einig ist. Das sollte man klarstellen.
Die dritte Regel lässt einen selbst kurz reflektieren, was das Gegenüber einem voraus hat. Manchmal hält man es für wenig wahrscheinlich, dass man von seinem Gegenüber etwas lernen kann - und doch ist es meistens der Fall (und wenn es wirklich nicht der Fall ist, dann sollte man sich überlegen, warum man überhaupt das Gespräch sucht).
Die vierte Regel ist das, was die meisten Menschen als Erstes tun wollen - gegenhalten und widersprechen. Kritik ist wichtig - muss aber nicht immer direkt am Anfang stehen und kann durchaus respektvoll formuliert werden; selbst wenn das Gegenüber ein Klimaleugner oder eine Reichsbürgerin ist.
Dennetts Intuition Pumps and Other Tools for Thinking
Im englischen Original schreibt Dennett:
Just how charitable are you supposed to be when criticizing the views of an opponent? If there are obvious contradictions in the opponent’s case, then you should point them out, forcefully. If there are somewhat hidden contradictions, you should carefully expose them to view—and then dump on them. But the search for hidden contradictions often crosses the line into nitpicking, sea-lawyering and outright parody. The thrill of the chase and the conviction that your opponent has to be harboring a confusion somewhere encourages uncharitable interpretation, which gives you an easy target to attack. But such easy targets are typically irrelevant to the real issues at stake and simply waste everybody’s time and patience, even if they give amusement to your supporters. The best antidote I know for this tendency to caricature one’s opponent is a list of rules promulgated many years ago by social psychologist and game theorist Anatol Rapoport (creator of the winning Tit-for-Tat strategy in Robert Axelrod’s legendary prisoner’s dilemma tournament).
How to compose a successful critical commentary:
- You should attempt to re-express your target’s position so clearly, vividly, and fairly that your target says, "Thanks, I wish I’d thought of putting it that way."
- You should list any points of agreement (especially if they are not matters of general or widespread agreement).
- You should mention anything you have learned from your target.
- Only then are you permitted to say so much as a word of rebuttal or criticism.
One immediate effect of following these rules is that your targets will be a receptive audience for your criticism: you have already shown that you understand their positions as well as they do, and have demonstrated good judgment (you agree with them on some important matters and have even been persuaded by something they said).
Dennetts primäres Ziel war es eine spezielle Art des fehlerhaften Argumentierens zu unterbinden: den Strohmann (oder auch manchmal Pappkameraden genannt).
Einen Strohmann baut man auf, wenn man die Position des Gegenübers überzeichnet oder auf andere Weise falsch darstellt. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Als fehlerhaftes Argumentationsmuster ist der Strohmann nahezu allgegenwärtig. In Talkshows wird dem Kontrahenten eine absurde These in den Mund gelegt, in der Wissenschaft wird die Theorie des anderen Lagers irreführend vereinfacht und sogar im Privatgespräch verstehen wir häufig das Gegenüber zunächst einmal falsch und unterstellen ihm etwas, das er weder gesagt hat noch für wahr hält.
Wie nützen Dennetts Regeln für die Streitkultur?
Die vier Regeln für konstruktive Kritik haben allerdings noch eine ganze Reihe an weiteren Funktionen, die eine bessere Diskussion ermöglichen. Zunächst geben sie einem selbst (vor allem in mündlichen Auseinandersetzungen) ausreichend Zeit, sich tatsächlich eine gehaltvolle Kritik zu überlegen. Während man die These des Gegenübers paraphrasiert und Gemeinsamkeiten aufzeigt, kann man sein eigenes Argument gedanklich bereits schärfen. Das Resultat sind bessere und relevantere Argumente.
Ferner zwingen einen die vier Regeln für kontruktive Kritik dazu, aktiv zuzuhören. Häufig hören wir gar nicht genau hin, wenn wir in einem Gespräch sind, sondern überlegen bereits, was wir als nächstes sagen wollen oder schweifen sogar mit unseren Gedanken vollständig ab. Doch wenn klar ist, dass wir das Gesagte nochmal kurz zusammenfassen müssen, dann hilft das dabei, wirklich zuzuhören.
Und das aktive Zuhören hat unmittelbar den Effekt, dass wir ein besseres Verständnis der anderen Position und Argumente aufbringen können. Wir sind weniger geneigt, dem Anderen etwas zu unterstellen, was er nicht behaupten würde - wir sind weniger anfällig für Strohmänner aller Art.
Das Betonen der gemeinsame Grundlage führt zudem dazu, dass die eigenen Argumente und die eigene Kritik relevant sind. Argumente können nur überzeigen, wenn sie Prämissen (also Annahmen) enthalten, die das Gegenüber teilt. Nur dann ist das Gegenüber auch rational dazu angehalten, den eigenen Schluss zu akzeptieren.
Das aktive Zuhören, das Betonen der Gemeinsamkeiten und das Herausstellen dessen, was man gelernt hat, hat jedoch noch weitere positive Eigenschaften - und zwar auf der Beziehungsebene. Zuhören signalisiert Respekt. Wenn beiden Parteien klar ist, dass sie auch in relevanten Punkten übereinstimmen und dass man voneinander lernen kann, dann sind sie auch emotional eher dazu bereit, den Gedanken des jeweils Anderen zu folgen und entsprechende Schlüsse zu akzeptieren.
Hitzige Streitgespräche
Weil es nicht immer einfach ist, die vier Regeln für kontruktive Kritik auch umzusetzen, sind hier ein paar Formulierungshilfen:
Regel eins. Versuchen Sie, die Position Ihres Gegenübers klar, anschaulich und fair wiederzugeben! Sagen Sie: "Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du..." oder "Habe ich Recht, dass dein Gedankengang... ?"
Regel zwei. Nennen Sie Gemeinsamkeiten! Sagen Sie: "Ich denke, was wirklich wichtig ist an deiner Sicht ist, dass..." oder "Ich mag den Gedanken, dass..." oder "Wie du, mache ich mir auch Sorgen, dass..."
Regel drei. Erwähnen Sie etwas, das Sie von der anderen Person gelernt haben! Sagen Sie: "Was ich interessant finde, ist... . Das wusste ich nicht. " oder "Ich verstehe jetzt viel besser deine Position, dass..."
Regel vier. Nennen Sie Ihre Widerlegung oder Kritik. Sagen Sie: "Allerdings..." oder "Was ich jedoch problematisch finde, ist..."
Das kann man auch prima in einem (langen) Satz kombinieren: "Du sagst also, dass... , wobei ich dir in dem Punkt, dass... , zustimme; wirklich spannend finde ich dabei, dass... , allerdings sehe ich ... anders, weil..."
Die vier Regeln für konstruktive Kritik sind auch Teil der zehn Regeln für gute Debatte, die wir für Streitgespräche im Rahmen von Deutschland spricht, dem Tag der offenen Gesellschaft und ähnliche Formate entwickelt haben.
Wann ist Provokation sinnvoll und legitim?
Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.
US-Präsident Donald Trump vergleicht am 3. Januar den Bau der geplanten Grenzmauer zu Mexiko mit der Fantasy-Serie "Game of Thrones" und provoziert damit gekonnt seine politischen Gegner.
Provokation ist ein gut eingeübtes Stilmittel von Trump. Er verwendet sie als Ausdruck der Stärke: "Seht her, ich kann das! Ich erhebe mich über die geltenden Normen." Aber auch als Aufmerksamkeitsmagnet: Er hatte damit bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 das Aufmerksamkeitsrennen in der öffentlichen Debatte gewonnen.
Provokation als Strategie
Bei Trump mag es sich um eine narzistische Persönlichkeitsstörung handeln, die gut mit der Aufmerksamkeitsökonomie der modernen öffentlichen Debatte zusammenspielt.
Bei vielen Rechtspopulisten weltweit ist sie erklärte Strategie. So bezeichnete der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki im DLF Provokation als "Stilmittel" der AfD. Und damit hat er recht: der AfD-Ideologe Götz Kubitschek kürte gezielte Provokation sogar als zentrale Säule der Strategie der AfD seit dem Bundestagswahlkampf 2017: die Partei solle "ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein [und] auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken."
Kubitschek meint, dass "harte und provokante Slogans wichtiger als lange, um Differenzierung bemühte Sätze" seien. Ziel sei es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und in den Medien zu bleiben. Aber Provokation solle auch gezielt moralisierendes Verhalten der anderen Debattenteilnehmenden hervorrufen, das dann als Zielscheibe genutzt werden kann, um wiederum Empörung bei den eigenen Wählern zu erzeugen und sich in der Opferrolle zu inszenieren.
Gewollte, ungewollte und missglückte Provokation
Natürlich ist Provokation nicht immer Strategie. Manche Handlungen oder Äußerungen provozieren andere Menschen, ohne dass das Ziel der Handlung oder Äußerung ist. Mini-Röcke wurden lange als Provokation aufgefasst (und werden es mancherorts noch), aber das heißt nicht, dass jede Frau, die einen Mini-Rock trägt, provozieren will.
Manchmal versuchen Menschen auch zu provozieren, aber scheitern dann damit. Andrea Nahles' Spruch "Jetzt gibt es auf die Fresse" war wohl als Provokation gedacht, erntete aber vor allem Spott und war aus PR-Sicht desaströs. In der öffentlichen Debatte soll Provokation in erster Linie Aufmerksamkeit einfangen: Die Werbung bedient sich dieses Mittels genauso wie Stars, Politiker und die Medien selbst.
Provokation als Aufmerksamkeitsmagnet
Aufmerksamkeit ist ein zentrales Kapital in der öffentlichen Debatte. So können Stars die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, an Unternehmen, für die sie Werbung machen, verkaufen. Mit Aufmerksamkeit wird gehandelt - zuvorderst im Internet. Fernsehen und Facebook haben gemeinsam, dass ihre Kunden Werbetreibende sind, denen die Aufmerksamkeit der Nutzer verkauft wird
Provokation kann natürlich auch genutzt werden, um auf etwas Wichtiges aufmerksam zu machen. Gute Kunst funkioniert so. Das Musikvideo "Like a prayer" von 1989 stellt sich Madona selbst zufolge "gegen Rassismus. Es ist wohl immer noch ein Tabu, eine Beziehung zwischen Schwarz und Weiß zu zeigen! Und dann noch fröhliche Ausgelassenheit in einer Kirche. Ja, das waren viele Tabus. Das hat einigen Leuten Angst gemacht. Wahrscheinlich genau den Leuten, die ein Problem mit genau diesen Themen haben!" Ob das nun der eigentliche Grund für die Provokation war, ist offen. Immerhin war das Video ein großer finanzieller Erfolg für Madonna: Denn die dadruch erzeugte Aufmerksamkeit hat ihr auch viele Millionen Dollar eingebracht.
Was ist Provokation?
Doch was ist Provokation überhaupt? So klar ist das leider gar nicht. Eine bekannte Definition lautet:
Provokation ist ein "absichtlich herbeigeführter überraschender Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch diskreditiert und entlarvt."
(Rainer Paris 1998, 58)
Etwas allgemeiner könnte man auch sagen: Provokation ist das Hervorrufen eines (unbedachten) Verhaltens durch Normbruch und mittels einer emotionalen Reaktion bei anderen Personen (meist Ärger, Wut oder Empörung). Wichtig ist in jedem Fall zwischen den tatsächlichen Intentionen des Provokateurs (Beispiel: Provokationsversuch von Andrea Nahles), den unterstellten Intentionen des Provokateurs durch den Provozierten (Beispiel: Tabuisierung des Minirocks) und der tatsächlichen Reaktion des Provozierten (Beispiel: Gefühl der Provokation durch Minirock).
Allein die Tatsache, dass eine Frau einen Minirock trägt, wird bisweilen als Provokation aufgefasst – ganz unabhängig von den tatsächlichen Intentionen der Frau, die im Zweifel gar nicht auf die Person gerichtet sind, die sich dann provoziert fühlt.
Manche provozieren aber auch, weil sie Andere klein machen wollen. Klaus Kinski mag bei seinen Pöbeleien ein solcher Kandidat gewesen sein. Aber eben auch Donald Trump scheint durch Provokation seine Macht ausloten zu wollen. Gezielte Verstöße von Normen demostrieren, dass man über den normalen Regeln der Gesellschaft steht.
Aus demselbem Grund haben Punks in den 1980ern in Abgrenzung zur damaligen Norm Nazi-Symbole als provokative Stilmittel und Tabubrecher genutzt, um den Empörten des Bürgertums genau jene Reaktionen der Intoleranz zu entlocken, die sie bei ihnen hinter der Fassade der Toleranz vermuteten.
Warum und mit welchem Ziel wird provoziert?
Mit welchen Zielen wird Provokation im öffentlichen Diskurs (oder aber auch in privaten Auseinandersetzungen) eingesetzt? Aufmerksamkeit ist fast immer der primäre Grund; allerdings kann man verschiedenste fernere Ziele durch die erzeugte Aufmerksamkeit verfolgen.
Klassisch ist etwa die Provokation in Spiel- oder Kampfsituationen: man provoziert den Gegner zu einem Zug, der ihm mittel- oder langfristig schaden wird (beim Boxen, indem man ihn beleidigt); ein anderes Beispiel ist die Provokation von Menschen, an denen sich der Provokateur abreagieren will; erst provoziert er sie zu einer Handlung, die er selbst als Provokation auslegen kann, um dann beispielsweise eine Schlägerei vom Zaun brechen zu können.
Ganz generell sollte man also zwischen beabsichtigter, strategischer Provokation wie im Fall der AfD (oder auch häufig in der Werbung), beabsichtigter, aber nicht strategischer Provokation wie im Fall von Raufbolden und unbeabsichtigter, oft sogar unbewusster Provokation wie im Fall von Musliminnen, die in Deutschland Kopftuch tragen (was gar nicht im engeren Sinn eine Provokation ist; die Leute fühlen sich nur provoziert).
Zusammenfassend kann man sagen, dass Menschen provozieren,
- um sich selbst groß zu machen, indem sie andere klein machen.
- um von eigenen Schwächen abzulenken.
- um anderen zu zeigen, dass sie die Stärksten und Überlegensten sind.
- weil sie eifersüchtig sind.
- weil ihnen langweilig ist.
- weil sie schon aggressiv sind und ihre Aggression ausleben wollen.
- um einen Fehler der Gegenseite in einer Auseinandersetzung herbeizuführen.
- um Aufmerksamkeit von anderen zu erhalten.
Wann ist Provokation legitim?
Wenn sie ein legitimes Ziel zu erreichen hilft. Provokation ist meist Normverletzung. Das kann sinnvoll sein, wenn die Normen selbst problematisch oder unsinnig sind (zum Beispiel ganz häufig bei Normen der Sexualmoral) oder wenn diese (oder andere) Normen ohnehin nicht eingehalten werden (provokative Kunst zu Nationalsozialismus, Kapitalismus, etc.).
Für Individuen ist es bisweilen absolut sinnvoll zu provozieren, weil sie ihre kurzfristigen und individuellen Interessen durch eine gezielte Provokation durchsetzen können. Für die Gesellschaft als Ganzes ist es meist eher fragwürdig, ob Provokation zielführend ist. Schließlich sind Provokationen meist Normverletzungen, die ihrerseits Normverletzungen hervorrufen sollen. Das spricht erstmal gegen ein kooperatives, nach gemeinsamen Normen organisiertes Miteinander.
Im Einzelfall (wenn bereits Normen nicht eingehalten werden) kann eine gezielte Provokation jedoch hilfreich sein, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. So kann Provokation sinnvoll als didaktisches Mittel im Schuluntericht eingesetzt werden. Unterschwellige Konflikte oder Probleme können, wenn man kommunikativ geschickt ist, durch eine gezielte Provokation offengelegt werden; damit das jedoch insgesamt sinnvoll ist, muss die Provokation in ein weiteres Gespräch eingebettet sein, das den Konflikt konstruktiv verhandelt!
Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen
Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.de, Reclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!
Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.
Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.
Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.de, Reclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!
Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.
Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.
Rezensionen zum Buch
Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)
Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)
Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)
Weitere lesenswerte Bücher zum Thema
- Cailin O'Connor & James Owen Weatherall: The Misinformation Age: How False Beliefs Spread, Yale University Press, 2019.
- Lee McIntyre: Post-Truth, MIT Press, 2018.
- Vincent F. Hendricks & Mads Vestergaard: Postfaktisch. Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien, Blessing, 2018.
- Yochai Benkler, Robert Faris & Hal Roberts: Network Propaganda: Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics, Oxford University Press, 2018.
- Michiko Kakutani: The Death of Truth, William Collins, 2018.
- Ingrid Brodnig: Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik manipulieren, Brandstätter-Verlag, 2017.
- Karoline Kuhla: Fake News, Carlsen Verlag, 2017. (Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler)
- Wolfgang Schweiger: Der (des)informierte Bürger im Netz: Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern, Springer, 2017.
Was Online-Redakteure gegen Fake News und Hatespeech tun können
Gestern hat der Verein #ichbinhier einen offenen Brief an die Online-Redakteure reichweitenstarker Facebookseiten geschrieben und sie darin aufgefordert, sich stärker gegen Fake News, Desinformation, Hatespeech, Hetze, Lügen und Verdrehungen einzusetzen.
Der offene Brief gibt einige konstruktive Ratschläge, was Online-Redakteure besser machen könnten. Das wünscht sich der Verein ichbinhier von den Online-Redakteuren:
Gestern hat der Verein #ichbinhier einen offenen Brief an die Online-Redakteure reichweitenstarker Facebookseiten geschrieben und sie darin aufgefordert, sich stärker gegen Fake News, Desinformation, Hatespeech, Hetze, Lügen und Verdrehungen einzusetzen.
Der offene Brief gibt einige konstruktive Ratschläge, was Online-Redakteure besser machen könnten. Das wünscht sich der Verein ichbinhier von den Online-Redakteuren:
1. Weniger Triggerthemen!
Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, "Ausländerkriminalität" pp. schreibt.
2. Fakten statt Spekulation!
Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.
3. Verzichtet auf Clickbaiting!
Seriöser Journalismus kommt ohne aus.Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!
4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!
Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!
5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!
Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.
6. Steht für journalistische Qualität ein!
Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können
Der Verein #ichbinhier engagiert sich für ein friedliches Miteinander. In der Facebookgruppe des Vereins können wir uns alle für eine bessere Streitkultur im Internet einsetzen!
Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit
Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”
Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”
"Was meint er, wenn er Worte sagt?"
Angesichts dieser Situation dürften sich viele Leserinnen und Leserder ZEIT am 4. September 2018 beim Blick in den Feuilleton die Augengerieben haben. Denn dort erklärte Thomas Assheuer unter der Überschrift„Warum Trump kein Lügner ist”:
„Trump hat nichts Lügenhaftes. Sein Körper und seine Sprache bilden eine natürliche Einheit; Intonation und Gestik wirken echt unverkrampft, nichts klingt bigott oder gekünstelt. Trump redet obszön, aber nicht verlogen. Seine Worte sprechen ihm aus dem Herzen.“
Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig.
Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig. Gelegentlich wird daherdie Frage in den Raum gestellt, ob es nicht sein kann, dass er denUnsinn, den er von sich gibt, womöglich selbst glaubt. Kann es sein,dass Trump derart irrational, narzisstisch und schlecht informiert ist,dass ihm gar nicht auffällt, dass seine Sicht der Dinge nicht immer mitder Wirklichkeit in Einklang steht? Assheuer stellt eine andere Theseauf:
„Trump benutzt die Sprache als situatives Investment auf dem politischen Markt. Findet er Zustimmung, dann ist seine Aktion rentabel und wirft Gewinn ab: mehr Ruhm, mehr Macht, bessere Quoten. (…) Wenn dagegen der öffentliche Druck so groß wird, dass er (…) einen Rückzieher machen muss, dann wurde seine Gewinnerwartung kurzfristig enttäuscht. Deshalb hat Trump, jedenfalls aus seiner Sicht, bislang nie gelogen; er hat sich bei seinen semantischen Transaktionen lediglich verkalkuliert.“
Trump sieht seine Behauptungen als Investments.
Assheuer zufolge sieht Trump Behauptungen als Investments, um seinepolitischen Ziele zu befördern. Aber ist Trump deshalb kein Lügner? Oderist er nur aus seiner eigenen Sicht kein Lügner? Was heißt es überhauptzu lügen? Und wenn wir ihn von der Lüge freisprechen, ist TrumpsVerhalten dann unverwerflich?
Was Lügen genau sind, ist in der Philosophie umstritten. Das mag überraschen, schließlich fallen uns schnell klare Fälle ein, in denen Personen lügen. Wenn Anatol etwas Falsches sagt, um Beate zu täuschen, dann hat er gelogen. Und so verstehen viele Menschen Lügen schlichtweg als falsche Aussagen, mit denen eine andere Person getäuscht werden soll.
Wann lügt jemand?
Bei näherem Hinsehen werden die Dinge jedoch komplizierter. Was ist,wenn Anatol zwar Beate täuschen will, aber selbst einem Irrtumunterliegt? Nehmen wir an, er glaubt, Bukarest sei die Hauptstadt vonPolen, behauptet aber, um Beate hinters Licht zu führen, Bukarest seidie Hauptstadt von Rumänien. In diesem Fall hätte Anatol – ohne esselbst zu wissen – etwas Wahres gesagt. Hat er gelogen? Hier gehen dieIntuitionen auseinander. Wenn ja, können Lügen auch wahr sein.Entscheidend wäre dann, dass jemand etwas behauptet, das er selbst fürfalsch hält – unabhängig davon, ob es wahr oder falsch ist.
Was aber in jedem Fall zur Lüge gehört, ist die Absicht, das Gegenüber zu täuschen. Jemand, der eine Fehlinformation verbreitet, die er selbst für wahr hält, ist kein Lügner, sondern einfach ein Mensch, der sich geirrt hat. Eine notwendige Bedingung fürs Lügen ist es, andere hinters Licht führen zu wollen. Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen. Dafür greift er auf Behauptungen zurück, die er für falsch hält.
Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen.
Auf Trump trifft das in vielen Fällen klarerweise zu. Wenn erbeispielsweise behauptet, nichts über die Zahlungen an diePornodarstellerin Stormy Daniels durch seinen Anwalt Michael Cohengewusst zu haben, dann ist das einerseits falsch. Man muss andererseitsaber auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eineTäuschungsabsicht verfolgte. Ziel der falschen Aussage war es, das FBIund die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. In diesem Fall haben wires mit einer glatten Lüge zu tun.
Doch nicht immer, wenn Trump Fake News in die Welt setzt, ist eineTäuschungsabsicht im Spiel. Häufig macht er so offenkundig falscheBehauptungen, dass die Annahme, er wolle irgendjemanden wirklich damittäuschen, geradezu absurd erscheint. Denken wir an die Diskussion überdie Zuschauerzahl bei seiner Amtseinweihung oder die Behauptung, dieSonne habe die ganze Zeit hindurch geschienen. Die Fotos derZuschauermenge waren bekannt und leicht mit den Fotos derAmtseinführungen seiner Vorgänger zu vergleichen. Die regnerischeFeierlichkeit war weltweit übertragen worden. Dass Trump in diesenFällen davon ausgegangen sein könnte, er könne die Öffentlichkeit durchseine falschen Behauptungen hinters Licht führen, ist wenig plausibel.
Wenn Trump in diesen Fällen nicht lügt, was tut er dann? In zwei Worten: Trump bullshittet. Eine philosophisch solide Definition von Bullshit verdanken wir Harry Frankfurt (Frankfurt 2005). Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordert nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.
Trump ist ein Meister des Bullshits.
Menschen bullshitten aus den unterschiedlichsten Gründen. Um Anderezu beeindrucken, um eine Festgesellschaft zu unterhalten, um eineGesprächspause zu vermeiden. Aber auch auf der politischen Bühne istBullshit ein gängiges Phänomen – insbesondere in der Ära Trump. InFrankfurts Augen ist Donald Trump ein Paradebeispiel für einenBullshitter. Trumps Behauptung, er habe das beste Gedächtnis der Weltbezeichnet Frankfurt als geradezu “possenhaft unverstellten Bullshit”(Frankfurt 2016).
Im Bereich von Fake News ist Bullshit viel gängiger, als man zunächst annehmen würde. Die Rechnung ist einfach: Provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen bringen mehr Aufmerksamkeit. Mehr Aufmerksamkeit bringt mehr Klicks. Mehr Klicks bringen mehr Werbeeinnahmen. Also bringen viele provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen viele Einnahmen. Ob sie wahr oder falsch sind, spielt in dieser Kalkulation keine Rolle.
Fake News und Clickbaiting
Nach diesem Geschäftsmodell ist im Vorlauf des letzten US-Wahlkampfes in Mazedonien und anderen osteuropäischen Ländern eine regelrechte Fake-News-Industrie entstanden. Die Erzeugnisse dieser Industrie sind in aller Regel Bullshit. Aus Interviews mit Fake-News-Produzenten aus Mazedonien und Georgien beispielsweise wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, einen größtmöglichen Gewinn einzufahren. Dimitri, ein besonders erfolgreicher Produzent von Fake News, äußerte sich dazu recht freimütig (Smith & Banic 2016): „Du siehst, was die Leute mögen und gibst es ihnen. Du siehst, dass sie Wasser mögen, und gibst ihnen Wasser; mögen sie Wein, gibst du ihnen Wein. Es ist wirklich sehr einfach.”
Warum bullshittet Trump? Nun, eine Erklärung liefert Assheuer. Trumpstellt Behauptungen auf, von denen er sich einen politischen Gewinnverspricht. Was für Trump zählt, ist ausschließlich der politischeMarktwert – nicht der Wahrheitswert – des Gesagten.
Bullshit und Propaganda
Ein weiterer Punkt scheint aber ebenso zentral. Sich nicht an der Wahrheit zu orientieren, ist das ultimative Signal von Unangreifbarkeit. Menschen wie Trump zeigen, dass sie sagen können, was sie wollen, ohne durch irgendwen oder irgendetwas eingeschränkt zu sein – nicht einmal durch die Realität selbst. Wenn Jason Stanley Recht hat, haben wir es in solchen Fällen mit Paradebeispielen von Propaganda zu tun. Denn Stanley zufolge ist Propaganda im Kern überhaupt kein Täuschungsversuch, sondern bereits der Versuch zu herrschen (Stanley 2016).
Ist Trump nun also ein Lügner oder nicht? Nun, manchmal lügt Trump sicherlich. Aber nicht immer. Viele Fake News, die er in die Welt setzt, sind keine Täuschungsversuche, sondern purer Bullshit.
Das "post-faktische" Zeitalter?
Besser wird die Sache dadurch nicht. Insbesondere, wenn Bullshit zumPrinzip erhoben wird, sollten die Alarmglocken läuten. Wird Bullshit zurNorm, gerät der Maßstab der Wahrheit selbst in Verruf. Auf genau dieses Ziel arbeiten Rechtspopulisten weltweit zunehmend unverhohlen hin. Sie betrachten Worte als Waffen im Kampf um die Macht.Wichtig ist allein die politische Botschaft und Mobilisierung derAnhänger. Doch wenn Fake News, Lügen und Bullshit systematisch dasVertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft untergraben, droht uns amEnde möglicherweise doch noch das allseits heraufbeschworene “post-faktische” Zeitalter. Wir sollten alles daran setzen zu verhindern, dass es soweit kommt.
Referenzen
Harry G. Frankfurt: “Donald Trump is BS says expert in BS”, Time2016. URL: http://time.com/4321036/donald-trump-bs/ (letzter Zugriff:30.10.2018)
Harry G. Frankfurt: On Bullshit. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2005 [1986].
Alexander Smith & Vladimir Banic: “Fake News: How a PartyingMacedonian Teen Earns Thousands Publishing Lies”, NBC News 2016. URL:https://www.nbcnews.com/news/world/fake-news-how-partying-macedonian-teen-earns-thousands-publishing-lies-n692451(Letzter Zugriff: 30.10.2018)
Jason Stanley: How Propaganda Works. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2016.
Dieser Beitrag erschien ebenfalls auf dem Blog von praefaktisch.de.
Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können
In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.
Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?
In politischen Debatten geht es oft um Sieg oder Niederlage. Dabei könnten wir durch Diskussionen mit Andersdenkenden vor allem eines werden: schlauer.
Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?
Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem eines: recht behalten. Glaubt man Psychologen, ist das ist auch nicht verwunderlich. Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, empfinden wir als Störfaktoren. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "kognitiver Dissonanz". Wenn wir die verspüren, haben wir vor allem einen Impuls: die Argumente des Gegenübers zu entkräften.
Das ist nicht so irrational, wie es klingt. In einer Demokratie entscheiden schließlich alle Bürger darüber, was geschieht. Je mehr Menschen wir von unserer Meinung überzeugen, desto wahrscheinlicher werden politische Entscheidungen, die uns gefallen. Doch wie überzeugt man überhaupt jemanden von seiner Meinung?
Viele Menschen kritisieren das politische Gegenüber direkt oder konfrontieren es sofort mit der eigenen Meinung. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.
Wir können verstehen lernen
Eines der berühmtesten Experimente hierzu stammt aus den USA. Die Forscher gaben ihren Versuchsteilnehmern hierfür einen erfundenen Zeitungsartikel zu lesen. Darin stand die These, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Anschließend bekamen die Probanden starke Belege dafür, dass diese Information falsch ist – darunter ein Zitat des damaligen Präsidenten George W. Bush, in dem dieser die Existenz der Waffen verneint. Das Ergebnis der Studie war erstaunlich. Nicht nur glaubten vor allem konservative Versuchsteilnehmer weiter an die irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie waren von ihrer Position sogar noch stärker überzeugt als vorher.
Zwar ist noch nicht belegt, dass Menschen im Angesicht konträrer Informationen tatsächlich im Sinne des backfire effect ihre Überzeugungen verhärten. Mit Sicherheit wissen wir jedoch, dass es gar nicht so einfach ist, eine andere Person von ihrem Standpunkt abzubringen. Für viele Menschen scheint es eine große Überwindung zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Bisweilen scheint durch eine Meinungsänderung nicht nur ein politischer Standpunkt, sondern auch das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken zu geraten. Wer überzeugen will, sollte also vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, als Person abgewertet zu werden.
Der Philosoph Daniel Dennett hat in Anlehnung an den Psychologen Anatol Rapaport vier Regeln aufgestellt, die dabei helfen können. Glaubt man Dennett, beginnt eine gute Kritik immer damit, dass der Diskutant zuerst in eigenen Worten wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat. Dann stellt er heraus, worin sich beide einig sind, und macht drittens explizit, was er vom Gegenüber gelernt hat. Erst dann – im letzten Schritt – legt der Diskutant möglichst präzise dar, warum er anderer Meinung ist. Wer seine Kritik derart höflich und konstruktiv formuliert, erhöht laut Dennett seine Chancen, gehört zu werden. Womöglich kann er sogar leichter das Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.
Es gibt aber noch ein anderes Ziel, das man sich in einer Debatte setzen kann: zu verstehen, wie der andere denkt. In westlichen Gesellschaften scheint das momentan ein Problem zu sein. Über die Anderen denken wir zunehmend nur noch in Stereotypen: Wer bei Pegida mitläuft, ist ein Rassist, wer Flüchtlingen hilft, hat den Bezug zur Realität verloren. Dieses Denken führt dazu, dass sich die Menschen in ihren politischen Meinungen zunehmend radikalisieren.
Das Problem ist bloß: Die allerwenigsten Menschen entsprechen in Wahrheit diesen Stereotypen. Oft sind unsere Vorstellungen vom Anderen einfach falsch. Diskussionen können dieses Denken aufbrechen.
Ein Mittel, um Diskussionen besser zu machen: offene Fragen
Das geht allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Und es gelingt nicht immer. Gespräche können auch – ganz im Gegenteil – dazu führen, dass Stereotype verstärkt werden. Unsere Meinungen verfestigen sich dann, Unverständnis und Intoleranz wachsen.Wie kann man ein Gespräch also angehen, wenn man es richtig machen will? Ein einfaches Mittel sind offene Fragen. Sie eignen sich besonders gut, um etwas über unseren Gesprächspartner herauszufinden. Jede Frage, die sich nicht nur mit Ja oder Nein beantworten lässt, gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, in seine Gedankenwelt Einblick zu geben. Gute Fragen in einer Debatte sind also: "Warum denken Sie das?" Oder: "Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit diesem Problem umgehen?"Offene Fragen sind übrigens auch eine wirksame Strategie, um Schwächen in der Position des Gegenübers aufzudecken. Studien zeigen, dass Menschen massiv ihr Verständnis komplexer Zusammenhänge überschätzen. In einer Diskussion kann es daher ratsam sein, zu fragen: "Wie erklärt sich das Ihrer Meinung nach?" Oder: "Wie hängt das in Ihren Augen zusammen?" Geschicktes Fragen kann dem Gegenüber klarmachen, dass sein Verständnis des Themas begrenzt ist.Wie wirkungsvoll offene Fragen sein können, hat der afroamerikanische Musiker Daryl Davis gezeigt. Davis, eigentlich ein Pianist und Bluesmusiker, führt seit Jahren Gespräche mit Mitgliedern des rechtsextremen Ku-Klux-Klans. Doch statt sie zu kritisieren, stellte er ihnen offene Fragen. Eine Frage lautete sinngemäß: "Warum glaubst du, dass Schwarze gewalttätiger sind als Weiße?" Obwohl Davis selbst immer wieder von Rassismus betroffen war, interessierte er sich aufrichtig für die Frage, wie die Mitglieder zu ihrem rassistischen Weltbild kamen. Die Methode hatte offenbar Erfolg: Nach den Gesprächen lösten sich Teile des Ku-Klux-Klans im Bundesstaat Maryland auf.
Es gibt aber noch einen dritten Grund, mit politisch Andersdenkenden zu diskutieren: der eigene Erkenntnisgewinn. Eine Diskussion, das vergessen wir oft, ist ein extrem gutes Mittel, um die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Das ist auch deshalb entscheidend, weil wir Menschen zu Denkfehlern neigen.
Ein besonders häufiger Denkfehler ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder confirmation bias. Die bekannteste Studie hierzu stammt aus Großbritannien. Der Denkpsychologe Peter Wason bat seine Studierenden, die Regel hinter einer von ihm ausgedachten Zahlenreihe herauszufinden. Die Reihe lautete: 2,4,6. Fast alle Studierenden waren anschließend der Ansicht, dass die Regel darin bestünde, dass einfach jedes Mal eine zwei addiert werde.
Die Studierenden durften anschließend weitere Zahlenreihen nennen, um zu prüfen, ob sie mit ihrer Hypothese richtig lagen. Die meisten Studierenden prüften ihre Hypothese, indem sie weitere Zahlenreihen bildeten, die der Regel "Addiere 2!" folgten. Also: 8,10,12 oder 6,8,10.
Damit jedoch gingen sie dem Bestätigungsfehler auf den Leim. Sie hatten nicht mehr nach der Wahrheit, sondern ausschließlich eine Bestätigung für ihre Hypothese gesucht. Für die Studie wäre es jedoch klug gewesen, auch Zahlenreihen der Form "1,2,3" oder "7,2,1" abzufragen. Hätten die Studierenden das getan, hätte sich schnell die Regel herausgestellt, die der ursprünglichen Zahlenreihe zugrunde lag. Sie lautete nämlich schlicht: "Addiere irgendeine Zahl!"
Streitgespräche müssen kein Kampf sein
Studien zeigen immer wieder, dass wir viel besser darin sind, die Denkfehler anderer zu erkennen als unsere eigenen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Austausch von Argumenten also sehr viel effizienter und effektiver als das individuelle Abwägen von Gründen. Daher sind Diskussionen so nützlich für den Erkenntnisgewinn.
Wie sollte man also in ein Streitgespräch hineingehen, wenn man möglichst schlau wieder herauskommen will? Es geht im Wesentlichen darum, die richtige Haltung zu finden. Die Kampfmetaphorik, mit der wir Streitgespräche beschreiben, suggeriert, dass wir eine Debatte gewinnen müssen oder zumindest unsere Position erfolgreich verteidigen. Wenn wir das nicht schaffen, fühlen wir uns schlecht. Das Gegenüber wird damit zum Gegner in einem Duell, der uns gefährlich werden kann und den wir besiegen müssen.
Diese Haltung hat jedoch in erster Linie negative Konsequenzen. Adrenalin wird ausgeschüttet, weil wir uns bedroht fühlen. Das führt dazu, dass wir zwar schneller und rhetorisch geschickter reagieren können. Wir sind aber auch weniger aufnahmefähig, weniger empathisch und weniger zugewandt.
Streitgespräche müssen jedoch keine Kämpfe sein, die in Siegen oder Niederlagen enden. Wir können sie als kooperative Unterfangen verstehen, bei denen wir voneinander lernen. Dann kann eine Niederlage auch einmal ein Sieg sein. Zum Beispiel dann, wenn man eine nicht haltbare Überzeugung angesichts guter Gründe aufgibt. So zu denken, ist sicherlich viel verlangt. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf ZEIT ONLINE am 21. September 2018 anlässlich der Aktion "Deutschland spricht" #D18.
Wie wir mit Andersdenkenden diskutieren können, erklärt Romy in diesem Video:
Was die Aktion "Deutschland spricht" für die Diskussionskultur bedeutet, erläutert David in diesem Interview:
Mit Rechtspopulisten reden
In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.
Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?
In der Bildungsarbeit trifft man immer häufiger auf rechtspopulistische Positionen. Ein Vorschlag, wann und wie man darauf eingehen könnte.
Rechtspopulismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland verschiebt sich der öffentliche Diskurs immer stärker. Bedrohungsszenarien machen viele Menschen empfänglich für eine Politik, die auf globale Aufgaben mit Abschottung und Nationalismus reagiert.Gerade in der politischen Bildungsarbeit stellt die Konfrontation mit Menschen, die rechtspopulistische Standpunkte vertreten, daher eine immer größere Herausforderung dar. Ob im Seminar, am Infostand, in Kommentarspalten oder auf Panels – wie kann man rechtspopulistischen Standpunkten begegnen?
Doch was zeichnet überhaupt rechtspopulistische Standpunkte aus?
Zunächst einmal gilt es zu verstehen, wie Rechtspopulisten denken. Es ist verlockend, rechtspopulistische Standpunkte als haltlose Parolen abzutun. Tatsächlich aber folgen rechtspopulistische Programme einer recht stringenten inneren Logik. Sie zu durchschauen, ist entscheidend, um einzelne Parolen einordnen und sich treffsicher mit ihnen auseinandersetzen zu können.Im Zentrum jedes rechtspopulistischen Programms steht ein Argument der folgenden Form:
- Es gibt eine Bedrohung.
- Nur die Rechtspopulisten können uns davor bewahren.
- Also müssen die Rechtspopulisten an die Macht kommen.
Hat man das Argument einmal klar vor Augen, so sieht man, dass viele typische Parolen dazu dienen, dieses Argument zu stützen. Die Bedrohung nimmt wahlweise die Form der “Flüchtlingswelle”, des (politischen) Islams, des Niedergangs der deutschen Sprache oder dergleichen mehr an. Die Rettung kann nur durch die Rechtspopulisten erfolgen, weil nur sie die Machenschaften der Lügenpresse durchschauen, gegen das korrupte Establishment vorgehen und die wahren Probleme benennen – kurz: weil nur sie den Willen des Volkes erkennen und verwirklichen werden.
Mit wem reden?
Lohnt es sich überhaupt, mit Leuten zu diskutieren, die ein solches Weltbild haben? Hier gilt es zu unterscheiden. Nicht alle Menschen, die mit rechtspopulistischem Gedankengut sympathisieren, sind radikal. In vielen Fällen hat man es einfach mit einer Person zu tun, die die Welt anders erlebt als man selbst. Hier kann sich eine Diskussion durchaus lohnen.Dabei ist es zielführend, die Technik des argumentativen Reframings anzuwenden. Studien zeigen, dass Menschen ein Argument nur dann überzeugend finden, wenn es Werte anspricht, die sie teilen. Die Herausforderung beim Argumentieren ist daher, gelegentlich die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und sich zu fragen, welche Argumente wohl überzeugend sind, wenn man so denkt wie das Gegenüber – also ganz anders als man selbst.Was, wenn man es mit einem Gegenüber zu tun hat, bei dem keine Offenheit für eine echte Diskussion besteht? Auch dann lohnt sich häufig die Auseinandersetzung. Denn gerade auf öffentlichen Veranstaltungen, auf Panels und an Infoständen adressiert man stets auch die Zuhörer und die Umstehenden. Manchmal gilt es, rote Linien zu markieren oder ein positives Gegenbild zu entwerfen, auch wenn keine Aussicht auf ein Einlenken beim Gegenüber zu erwarten ist.
Strohmänner, Generalisierungen und Parolenhopping
Dennoch scheuen viele Menschen die öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten. Ein häufiger Grund ist die Angst, der Debatte nicht gewachsen zu sein. Auf die gängigsten unsachlichen Argumentationsstrategien sollte man sich daher ein wenig vorbereiten. Besonders typisch für den Diskurs mit Rechtspopulisten sind Strohmänner, unzulässige Generalisierungen und Parolenhopping.Beim Strohmann wird die Position des Gegenübers so verzerrt, dass sie sich besonders leicht widerlegen lässt. Beispiel: Sie sprechen sich für die Reduzierung der Rüstungsausgaben aus und ihnen wird entgegnet, dass wir ohne Rüstungsbudget aufgeschmissen sind. Aber natürlich hatten Sie sich nicht für die Streichung des Rüstungsbudgets ausgesprochen. Hier gilt es aufmerksam zu sein und seine Position umgehend und unmissverständlich klarzustellen.Bei unzulässigen Generalisierungen wird von einem Beispiel auf eine ganze Gruppe verallgemeinert. So werden Geflüchtete pauschal mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Verweis auf die Statistik liegt nahe, überzeugt aber in den seltensten Fällen. Besser ist es, anekdotisch zu antworten und zum Beispiel von konkreten Geflüchteten zu berichten, die sich gesellschaftlich einbringen. Denn emotionale Botschaften verfangen meist besser.Das Problem beim Parolenhopping ist, dass viele verschiedene Themen schnell gestreift werden. Dadurch gibt es keine Einzelposition, gegen die man argumentieren kann. Die souveräne Reaktion ist, auf eines der Themen Bezug zu nehmen und den Rest (zunächst) unter den Tisch fallen zu lassen. Diese Gegenstrategie nennt man Rosinenpicken: Man pickt das Thema, bei dem man sich am besten auskennt. Auf diese Weise kann man die Richtung der Diskussion steuern und eigene schlagkräftige Argumente präsentieren.
"Migrantenwellen", "Asylorkane" und "Flüchtlingstsunamis"
Auf rechtspopulistische Standpunkte Bezug zu nehmen, ist jedoch nicht unproblematisch. Rechtspopulisten bedienen sich häufig einer dramatisierenden und irreführenden Sprache. Begriffe aktivieren Bilder. Diese Bildes (Frames genannt) beeinflussen nachweislich unsere Einstellungen. Spricht man von einer “Flüchtlingswelle”, dann aktiviert das Assoziationen wie “Katastrophe” und “Naturgewalt”.Um diese Assoziationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Sprechweise der Rechtspopulisten nicht einfach zu übernehmen und stattdessen Worte zu wählen, die nicht die problematischen Assoziationen wecken. Durch ein solch terminologisches Reframing wird dann aus dem “Flüchtlingstsunami” lediglich eine große Zahl von Menschen, die in Not sind und bei uns Zuflucht suchen.
Reden lohnt sich!
Abhängig von den eigenen Zielen und vom Gesprächskontext kann man rechtspopulistischen Standpunkten also durchaus souverän und
konstruktiv begegnen. Wenn sich das Gegenüber für eine echte Diskussion bereit zeigt, ist es häufig zielführend, ein Vier-Augen-Gespräch zu suchen und durch argumentatives Reframing zu überzeugen. Das setzt voraus, dass wir versuchen, das Gegenüber wirklich zu verstehen. Ist das Ziel dagegen, lediglich die Kontrolle über die Debatte zu behalten, dann hilft es, auf die Argumentationsstrategien der Rechtspopulisten mit entsprechenden (vorbereiteten) Gegenstrategien zu antworten, terminologisches Reframing einzusetzen und sich (begründet) zu positionieren.Dieser Artikel erscheint auch hier in dem Nord-Süd-Magazin Südlink von INKOTA.






