Streitkultur-Blog

Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.

Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen

Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.deReclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

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Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

Rezensionen zum Buch

Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)

Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)

Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)

Weitere lesenswerte Bücher zum Thema

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Was ist gute Streitkultur?

Die Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.

Kritik übenDie Fragen, warum Streiten wichtig ist, warum Gesellschaftskritik Streit erfordert und was gute Streitkultur ausmacht, beantwortet David Lanius in einem Interview über digitalen und analogen politischen Streit aus dem Buch "Kritik üben" von Friedrich von Borries und Jakob Schrenk. Die Fragen stellt Jakob Schrenk.

Herr Lanius, Wann haben Sie zum letzten Mal gestritten?

Gerade eben, mit meiner Partnerin.

Worum ging es?

Um die ganz klassischen Dinge; wie wir Arbeit und Partnerschaft unter einen Hut bringen. Wir streiten oft. Es ist wichtig, Konflikte offen auszutragen. Und das ist ja nicht nur in einer Beziehung so, sondern, wenn ich das mal so grundsätzlich und pathetisch sagen darf, auch in einer Demokratie.

Das müssen Sie jetzt natürlich auch sagen: Sie forschen über Populismus am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie, arbeiten auch als Argumentationstrainer. Warum finden sie das Streiten so wichtig?

Aus mindestens drei Gründen. Erstens denke ich, dass nur Streit zuverlässige Erkenntnis bringt. Das ist in der Wissenschaft besonders deutlich: Als Wissenschaftler erlange ich Wissen, indem ich mich kritisch und im besten Fall auch selbstkritisch mit den Einsichten meiner Kollegen auseinandersetze. Erst im Streit kann ich erkennen, ob meine Argumente stimmig sind. Erst in Abgleich mit anderen Theorien, Perspektiven und Überzeugungen kann ich überprüfen, ob ich nicht kognitiven Verzerrungen oder logischen Fehlschlüssen unterlegen bin. Das gilt insbesondere auch für die Gründe, die andere Menschen für ihre Überzeugungen und gegen meine Position anführen.Zweitens erfahre ich in einem Streit nicht nur viel über die Sache, über die wir streiten, sondern auch über die Person, mit der ich streite: Wer ist das? Was bewegt sie? Wieso denkt sie, was sie denkt? In jeder sozialen Konstellation, in der ich mit anderen Menschen kooperieren möchte, ist es essentiell, miteinander im Gespräch zu bleiben, sie anzuhören und mit ihnen Gründe auszutauschen. Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Freundschaften, Vereine, Unternehmen oder unsere Gesellschaft als Ganzes.Und das ist der dritte Grund: Unsere Demokratie lebt von der politischen Auseinandersetzung – vom Streit. Nur durch ständige öffentliche Debatte können wir erfolgreich unsere Interessen koordinieren. Nur im Streit klären wir, was uns als Gesellschaft wichtig ist, welche Werte wir ganz grundsätzlich vertreten wollen und welche politischen Entscheidungen wir als Gesellschaft zu tragen bereit sind.

Am Anfang einer Trainingseinheit steht ja oft die Bestandsaufnahme. Fangen wir doch damit an: Wie steht es um die Streitkultur in Deutschland?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin Philosoph, kein Soziologe. Und selbst wenn ich Soziologe wäre, gibt es keine unkontroverse Art, wie man die Qualität gesellschaftlicher Streitkultur angemessen operationalisieren kann. Es hängt von zu vielen Faktoren ab, was es bedeutet, dass in einer bestimmten Situation gut oder schlecht gestritten wird. Zudem gibt es meines Wissens nach keine systematische Untersuchung dieser Frage. Daher werde ich von anekdotischer Evidenz ausgehen, um Ihre Frage zu beantworten.Häufig wird ja behauptet, dass sich die Streitkultur verschlechtert, dass wir Deutschen verlernt hätten zu streiten. Meine Beobachtungen bestätigen jedoch nicht, dass die Streitkultur früher wirklich besser war und man in den 1920er oder 1960er Jahren am Stammtisch oder im Parlament auf gepflegtere Art Argumente ausgetauscht hat. Ich glaube noch nicht einmal, dass sich der Ton dramatisch verschärft hat. Vieles von dem, was heute die AfD sagt und worüber die Empörung dann groß ist, wäre in der CDU/CSU oder der SPD in den 1980er oder 1990er Jahren überhaupt nicht als anstößig aufgefallen.

Aber trotzdem könnten wir besser streiten, oder?

Auf jeden Fall!

Was sind typische Fehler beim politischen Streit?

Es gibt strukturelle Gründe für manche Fehler, die immer wieder begangen werden, die sich jedoch in der öffentlichen Debatte und im privaten Gespräch unterscheiden. Bedauerlicherweise werden Politiker in der Regel gecoacht, in öffentlichen Debatten möglichst viel Redezeit einzunehmen und das Gespräch zu dominieren – mit dem Effekt, dass sie häufig ihrem Gegenüber nicht zuhören, seine Position falsch oder verzerrt wiedergeben und nicht inhaltlich, sondern rein rhetorisch auf seine Einwände reagieren. Das liegt an den spezifischen Interessen der Politiker, die in solchen Debatten weder Erkenntnis suchen noch auf Austausch oder Kooperation aus sind. Sie wollen Aufmerksamkeit und letztlich Wählerstimmen gewinnen. Leider lassen sich nicht nur Politiker, sondern oft auch Journalisten und andere Debattenteilnehmer von solchen Fehlanreizen verleiten.Umgekehrt kann man im privaten Bereich bisweilen zu viel falsch verstandenen Respekt – eine falsch verstandene Zurückhaltung – beobachten. Häufig denken gerade jüngere, progressive, gebildete Menschen, dass jedes Argument irgendwie richtig sei und es Priorität habe, den Anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen. Das führt dazu, dass heikle Themen oft gar nicht angesprochen werden. Man will niemanden verletzen oder zu nahetreten. Dabei könnten wir die persönliche Nähe etwa zu einem Verwandten, der andere politische Ansichten hat, auch als Ressource für ein gutes politisches Gespräch ansehen. Wenn Menschen offen miteinander reden, verstehen sie sich besser und neigen weniger zu Extremen.

Eine Strategie, dem Streit auszuweichen, besteht doch auch in dem in eher linken Kreisen beliebten Privilegien-Argument: „Ich diskutiere nicht mit dir, weil du ein weißer Mann bist und daher das Problem, über das wir hier sprechen, überhaupt nicht kennst.“

Diese Strategie kann es sehr schwierig machen, ein Streitgespräch konstruktiv zu führen. Ich würde da allerdings gerne zwei Ebenen unterscheiden. Wir alle nehmen bestimmte Positionen in der Gesellschaft ein, erfahren dadurch strukturelle Bevorzugungen oder Benachteiligungen und nehmen damit eine bestimmte Perspektive auf uns und andere ein. Unter bestimmten Umständen kann es daher sinnvoll und wichtig sein, das Gegenüber darauf hinzuweisen, das es bestimmte Dinge (vermutlich) nicht sieht, weil ihm entsprechende Erfahrungen fehlen.Auf der sachlichen Ebene beinhaltet diese Strategie hingegen einen Fehlschluss. Es handelt sich um ein Ad Hominem-Argument: Was du sagst, ist falsch oder irrelevant, einfach nur weil du bist, wer du bist. Das ist natürlich Unsinn. Nichts folgt aus meinem Weiß- oder Männlich-Sein über die Wahrheit oder Falschheit meiner politischen Äußerungen – ob zum Beispiel eine bestimmte Handlung sexistisch oder rassistisch ist. Allerdings ist es gerade in Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen häufig auch sachlich zielführend, Privilegien zu benennen und das direkt am Gegenüber zu markieren. In einem guten Streitgespräch können solche Themen genauso diskutiert werden wie zum Beispiel die letzte Fußballweltmeisterschaft.

Immer wieder wird sich ja auch über die Streitkultur im Internet beklagt.

Auch hier würde ich vor einem vorschnellen Urteil zurückscheuen. Ich bin viel im Netz unterwegs. Es gibt viele Beispiele von gelungenen Diskussionen, in denen sich die Leute große Mühe geben, respektvoll und sachlich miteinander zu reden. Ich finde es auch großartig, welche Möglichkeiten die sozialen Netzwerke bieten, mit Menschen mit anderen politischen Meinungen in Kontakt zu kommen.Die These der digitalen Filterblase ist nicht haltbar. Mit ein, zwei Klicks zerplatzt die Blase und ich bin in einer Diskussion mit radikalen Feministen, Kreationisten oder populistischen Merkel-Gegnern. Vielleicht erschrecken die Menschen auch deswegen über den Ton in den sozialen Netzwerken so sehr, weil sie im analogen Leben diese Auseinandersetzungen weit seltener erleben. Denn tatsächlich bewegen wir uns ja im analogen Leben viel mehr in Echokammern, viel mehr unter Gleichgesinnten, als das im Netz der Fall wäre.

Damit kommen wir zu einer Frage, die sich vermutlich sehr viele unserer Leser stellen: Wie kann man mit Rechten streiten? Bevor man da nach Antworten sucht, muss man sich natürlich auch fragen: Soll man überhaupt mit Rechten streiten?

Auf jeden Fall! Allerdings ist ja nicht immer unmittelbar klar, wer oder was "die Rechten" überhaupt sind. Ich spreche lieber von Menschen mit rechtsextremen, rechtspopulistischen oder vielleicht sogar nur konservativen, reaktionären oder patriotischen Überzeugungen. Aber in jedem Fall sollte man mit Menschen sprechen, die eine andere Meinung haben – auch Meinungen, die man kategorisch ablehnt.Ich mache das zum Einen aus einem ganz persönlichen Interesse. Es ist doch wahnsinnig spannend, zu erfahren, was Menschen umtreibt, was ihnen Sorgen bereitet, was für Gründe sie anführen, welche Sicht sie auf die Welt und andere Menschen haben. Und auch politisch finde ich es sinnvoll, mit der AfD ins Gespräch zu kommen.Dabei laufen wir zwar einerseits Gefahr, die AfD zu sehr zu hofieren und ihren Positionen zu viel Raum zu geben, so dass sich als Reaktion die Standards des öffentlichen Diskurses verschieben, etwa bei der Frage, wie wir mit Geflüchteten in Deutschland umgehen. Das Problem besteht dabei in den Bildern und Narrativen, die die AfD durch Framing erzeugt. Die Ereignisse des Jahres 2015, als relativ viele Menschen nach Deutschland flüchteten und die Politik nur schleppend darauf reagierte, wurden mit Begriffen wie "Flüchtlings-Tsunami", "Umvolkung", "großer Austausch" oder "muslimische Invasion" beschrieben. Die Bilder, die dadurch erzeugt werden, haben leider einen großen Einfluss auf unser Urteil über diese Ereignisse.Auf der anderen Seite ist es jedoch keine Lösung, die Vertreter der AfD nicht mehr in Talkshows einzuladen oder sie aus Fußballvereinen zu werfen. Damit bestätigt man letztlich nur das Weltbild vieler AfD-Anhänger. Dieses besagt ja gerade, dass es in Deutschland weder Demokratie noch Meinungsfreiheit gebe. Da ist der Vorwurf der "korrupten Eliten" oder "Lügenpresse" nicht weit.Ich denke daher, dass man sowohl im privaten Diskussionen als auch in öffentlichen Debatten durchaus auch einmal radikale Positionen zu Wort kommen lassen sollte, um daraufhin jedoch höflich, klar und begründet seine eigene Position zu vertreten. Man sollte gerade in Situationen mit Publikum (wie Talk-Shows, aber eben auch Facebook-Walls) ganz klar ansprechen, wo man anderer Meinung ist, und dabei auf das Framing achten. Man kann die Position des Gegenübers wiedergeben, ohne dessen Bilder und Narrative zu verwenden.Das nennt man dann Reframing. Es ist eine traurige Tatsache, dass viele rechtspopulistische Frames (wie das der "Altparteien" oder des "Flüchtlings-Tsunamis") auch von demokratischen Politikern und Medienvertretern aufgenommen wurden und die AfD damit in der Tat die Debatte zu ihren Gunsten verändert.

Kann man denn wirklich einen AfD-Politiker von einer anderen Meinung überzeugen?

Das ist das klassische Argument der Diskussionsverweigerer: „Das sind Nazis; mit denen braucht man nicht zu sprechen.“ Damit macht man es sich aber zu leicht. Es ist natürlich richtig; ich werde Alice Weidel oder Alexander Gauland nicht von meiner Position überzeugen. Doch viele politische Streits werden ja nicht geführt, um das Gegenüber von seiner Position zu überzeugen. Oft ist der eigentliche Adressat das Publikum. Weil es eine Bundestagsdebatte verfolgt, weil es eine Talkshow sieht, weil es einen Diskussionsverlauf in einem Facebook-Newsfeed, Forum oder die Kommentare unter einem Video oder Zeitungsartikel liest.Grundsätzlich sollte man sich jedoch von der Vorstellung verabschieden, dass es in Streitgesprächen darum ginge, das Gegenüber, oder überhaupt irgendwen, zu überzeugen. Ich denke, dass wir mehr Bereitschaft zeigen sollten, von Anderen zu lernen und im Zweifel auch einmal einzugestehen, dass wir uns geirrt haben. Wir müssen von der absurden Idee wegkommen, dass es schlecht sei, zuzugeben, dass der Andere recht hat.Meine These lautet: Streitgespräche werden umso konstruktiver, je mehr wir die Meinungen der Anderen respektieren und aufrichtiges Interesse an den Gründen für diese Meinungen und an den Gründen haben, die sie gegen die eigene Meinung anführen. Ich bin optimistisch, dass sich dann am Ende die Meinungen durchsetzen werden, für die die besten Gründe sprechen.

Wirklich?

Es ist es natürlich schwierig, ein konstruktives Gespräch zu führen, wenn gemeinsame Grundlagen fehlen und das Gegenüber nicht bereit ist, auf Gründe zu reagieren. Ich denke jedoch, dass man sogar Verschwörungstheoretikern rational begegnen kann – und zwar indem man auf der Meta-Ebene ansetzt. Man muss also die großen Fragen klären: Wie erlange ich Wissen? Welchen Quellen kann ich vertrauen?Da zeigt sich dann, wo sich Widersprüche im Weltbild des Verschwörungstheoretikers auftun. Beispielsweise, dass er bestimmten Quellen willkürlich sein Vertrauen schenkt und es anderen genauso willkürlich abspricht. Diese Einsicht muss der Verschwörungstheoretiker jedoch selbst gewinnen – es wird nur in den seltensten Fällen helfen, ihn direkt darauf aufmerksam zu machen. Fragen sind übrigens allgemein eine sehr viel effektivere Methode im Streitgespräch, als viele Menschen denken!

Wenn man Ihre Analyse des AfD-Programms liest, fällt die Katastrophenrhetorik besonders auf, eine Semantik der Sorge. Inwiefern sollte man solche Sorgen ernst nehmen?

Zunächst einmal sollte man genau hinsehen. Was sind diese Sorgen? Wer hat sie? Wer hat sie wirklich? Die AfD ist daran interessiert, Empörung und Angst zu schüren. Einerseits sind Empörung und Angst Emotionen, die hohen Aufmerksamkeitswert versprechen. Nachrichten, die solche Emotionen auslösen, verbreiten sich schneller in den sozialen Netzen und bleiben besser in Erinnerung.Andererseits geben sie der AfD eine Art Existenzberechtigung; denn nur wenn "die da oben" – die demokratischen Institutionen, die EU und die Medien – mit der akuten Gefahr durch "die Anderen" – die Geflüchteten und die Muslime – überfordert oder sogar dafür verantwortlich sind, braucht es eine "Alternative für Deutschland", die "den Willen des Volkes" kennt und ihm wieder zur Geltung verhilft. Die AfD spricht damit Menschen an, die tendenziell ein geschlossenes Weltbild haben, an das man von außen kaum mehr herankommt. Sie sind quasi fakten-resistent. Wenn ich ihnen einen Beleg für meine Thesen präsentiere, ist es einfach für sie zu sagen, dass er unglaubwürdig – weil Produkt des korrupten Systems – ist.Das sind im Grunde Verschwörungstheorien. Sie immunisieren sich gegen Kritik, indem sie eine passende Erklärung für jeden Einwand und jede Richtigstellung mitliefern – warum die Politik, die Medien, die Wissenschaft uns gezielt täuschen. Man muss also identifizieren, welche Sorgen in der Bevölkerung tatsächlich vorhanden und welche davon auch begründet sind. Manche Sorgen existieren nur in der AfD-Rhetorik. Andere Sorgen existieren zwar in bestimmten Teilen der Bevölkerung, sind aber letztlich gegenstandslos – weil sie auf Fehleinschätzungen beruhen und im Extremfall auf Verschwörungstheorien. Wieder andere Sorgen sind in der Tat begründet; beispielsweise, dass immer mehr Menschen mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommen.

Was sollte man außerdem noch beachten?

Wenn man sich auf einen Streit einlässt, muss man wirklich bereit sein, zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht. In der Philosophie sprechen wir vom „Prinzip des interpretativen Wohlwollens“. Das fehlt oft bei der Auseinandersetzung mit der AfD – gerade auch von Vertretern der Medien oder der demokratischen Parteien.Etwa in der Berliner Runde zur Bundestagswahl 2017 versuchten die Moderatoren mit Suggestiv-Fragen Jörg Meuthen an die Wand zu spielen. Sie fragten ihn: "Was haben Sie sich für diese Legislaturperiode vorgenommen – Krawall und Populismus wie bisher oder wollen Sie eine konstruktive Opposition sein?" Das ist selbst kein konstruktiver Gesprächsbeitrag – unterstellt er doch von vornherein, dass die AfD nicht konstruktiv arbeiten will.Auch gibt es immer wieder abwertende Parlamentsreden von Politikern der demokratischen Parteien. Ein Beispiel möchte ich hier nennen, weil es ein großer viraler Erfolg war und von Feuilletons in der ganzen Republik hochgelobt wurde: Die Replik von Hans-Ulrich Rülke (FDP) auf eine Rede von Jörg Meuthen im baden-württembergischen Landtag letztes Jahr gilt für Viele als Musterfall, wie man mit der AfD umgehen sollte. Dabei war sie kaum mehr als eine pointierte und vor allem polemische Stammtischrede, die keinen Punkt der AfD inhaltlich aufgriff, sondern sich vor allem über sie lustig machte. Solche rhetorischen Manöver haben das Ziel, bestimmte Meinungen und Argumente erst gar nicht in der öffentlichen Debatte zuzulassen.Leider spielt man hier der AfD in die Hände, weil man sie scheinbar in ihrer Opferrolle und ihren Behauptungen zu Meinungsfreiheit und Zensur in Deutschland bestätigt. Diesen Gefallen sollten wir ihnen jedoch nicht tun. Auf dieses von der AfD systematisch eingesetzte Argumentationsmuster sollte man vielmehr mit kühler Sachlichkeit reagieren, indem man inhaltliche Punkte aufgreift und, wo erforderlich, differenziert und klar widerlegt.

Welche Argumentationsmuster verwendet die AfD zum Beispiel noch?

Was man bei der AfD immer wieder beobachten kann, ist die Taktik, erst einmal eine sehr starke Behauptung aufzustellen wie zum Beispiel: "In Deutschland wird ein Bevölkerungsaustausch geplant." Das provoziert und hat eine gute Chance, von den Medien aufgegriffen zu werden. Widerlegt man die Behauptung, läuft man Gefahr, sie zu wiederholen und zu ihrer Verbreitung noch beizutragen. Die schrille Provokation bleibt in Erinnerung, während die sachliche Widerlegung vergessen wird.Im Anschluss an solche Provokationen relativiert die AfD dann häufig wieder, was sie gesagt hat: "Das meinen wir gar nicht so." Oder noch radikaler; sie leugnet, dass es überhaupt Tatsachen gibt – frei nach dem Motto "Du hast deine Wahrheit, ich habe meine." oder mit den unsterblichen Worten von Trump-Sprecherin Kellyanne Conway: "Wir haben alternative Fakten."

Was lässt sich da erwidern?

Dieses Argumentationsmuster ist ungemein zynisch, denn es unterwandert jede sinnhafte Diskussion. Gerade weil unser Wissen über die Welt in einem kollektiven Prozess entsteht, müssen wir in der Auseinandersetzung überprüfen, welche Theorien und Begriffe die Welt am besten beschreiben. Wer behauptet, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, dürfte sich erst gar nicht auf die Diskussion einlassen. Tut er es doch, verfängt er sich in einen performativen Widerspruch. Er erhebt den Anspruch, dass es in einem intersubjektiven Sinn wahr ist, dass Wahrheit subjektiv ist. Darauf sollte man aufmerksam machen.

Was sind weitere typische Argumentationsweisen von Rechtspopulisten?

Weit verbreitet ist auch das Themen-Hopping. Dabei wird von einem Thema zum nächsten gesprungen und in einen einzelnen Redebeitrag beispielsweise der Verlust der Leitkultur, die Einführung der Scharia, der internationale Terrorismus und die leeren Sozialkassen untergebracht. Keine der Thesen wird klar formuliert und Argumente werden höchstens angedeutet. Darauf kann man in aller Regel nicht umfassend antworten. Stattdessen sollte man probieren, das Gespräch konkret auf ein einzelnes Thema oder Argument zurückzuführen.Auch wenn es schwerfällt, prinzipiell helfen immer Genauigkeit und Sachlichkeit – gerade auch gegenüber einem weiteren Argumentationsmuster, das Philosophen „Strohmann-Argument“ nennen. Dabei gibt man die Position des Gegenübers verzerrt, übertrieben oder schlicht falsch wieder und baut so, bildlich gesprochen einen Strohmann auf, den man leichter bekämpfen kann. Gerade erklärt die SPD-Politikerin, warum sie die Obergrenze für problematisch hält. Daraufhin entgegnet der AfD-Politiker, dass offene Grenzen nicht funktionieren werden. Das hatte sie aber gar nicht gefordert. Häufig fällt das jedoch niemandem auf – nicht einmal der Person, deren Position falsch dargestellt wurde.

Kann es sein, dass es vielen auch prinzipiell wohlmeinenden Menschen im Streit ohnehin gar nicht so sehr um das Gegenüber geht, als vor allem selbst gut dazustehen, vor sich selbst oder vor einem Publikum? Das vorgebliche Argumentieren und Kritisieren ist dann vor allem eine Art Pose.

Das ist in der Tat sehr verbreitet. Ich glaube jedoch, dass wir diese Haltung überwinden können. Zudem lassen sich Anreize schaffen, sicherzustellen, dass trotz dieser Haltung das Argumentieren und Kritisieren konstruktiv bleibt – zum Beispiel, indem wir gutes Streitverhalten sozial belohnen und schlechtes Streitverhalten sanktionieren. Dann steht man nur gut da, wenn man auch tatsächlich inhaltlich und im Ton konstruktiv streitet. Das bedeutet, Mechanismen zu entwickeln für eine Art "foolproof democracy" – eine Demokratie, die resistent ist gegenüber Populismus, Fake News und schlechtes Streitverhalten.

Gehören auch sehr moralische Argumentationsweisen zum schlechten Streitverhalten? Etwa wenn man den Anderen mehr oder weniger verschlüsselt sagt: Ich bin ein guter, liberaler, weltoffener Mensch und du nicht.

Gerade linksprogressive Menschen, die sich für besonders tolerant halten, verfallen gerne auf solche Argumentationsweisen. Sie sind nicht bereit über ihre Werte zu streiten, sondern kommen lieber mit dem tadelnden Zeigefinger und erheben sich damit moralisch über den Anderen. Das erzeugt eher eine Abwehrreaktion als Einsicht. Dabei kann man wunderbar über Werte streiten!Das erfordert jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Und wenn man mit Menschen diskutiert, die man nur als rassistische Nazis oder linksversiffte Gutmenschen wahrnimmt, fällt das schwer. Wenn man allerdings die Fähigkeit und Bereitschaft dazu mitbringt, empfiehlt es sich, die Werte des Gegenübers aufzugreifen und als Prämissen in den eigenen Argumenten zu verwenden – wie das beispielsweise Jörg Thadeusz in einem Interview mit Alexander Gauland getan hat, als er in der Verteidigung von SPD-Politikerin Aydan Özoğuz an bürgerliche Werte wie Anstand und Ehre appellierte. Das nennt man auch moralisches Reframing.

Wo kann man das Streiten üben?

Warum nicht im Internet? Das ein großartiger Ort, weil man sehr leicht mit andersdenkenden Menschen in Kontakt kommt. Zugleich kann man dort vergleichsweise gefahrlos streiten; in einer Nazi-Kneipe oder auf einer Pegida-Demo kann es dagegen ungemütlich werden, wenn man den falschen Ton trifft. Die digitale Diskussion kann man sofort verlassen, wenn es einem zu verrückt wird.Und das Diskutieren im Netz bietet noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man ist nicht unter demselben Zugzwang wie bei einer analogen Diskussion, in der man direkt auf das eben Gehörte reagieren muss. Man kann sich auch mal im Stuhl zurücklehnen oder kurz auf den Balkon gehen und seine Emotionen in die Welt schreien. Und dann wieder etwas ruhiger und entspannter an den Computer zurückgehen und eine überlegte Antwort schreiben.

Was sind die Anfängerfehler beim Streiten?

Ich denke, der größte Fehler ist ein Haltungsfehler – dass man das Streiten als Kampf ansieht, nicht als einen kooperativen Prozess, bei dem es um Erkenntnisgewinn und Austausch geht. Viele wollen einfach gewinnen, wenn sie streiten. Diese Haltung bewirkt jedoch biochemische Reaktionen, die sehr nachteilig für die Streitkultur sind: Adrenalin wird ausgeschüttet, als würde man einem Raubtier gegenüberstehen, als ginge es ums Überleben. Man reagiert aggressiv oder defensiv und ist weniger offen – mit der Konsequenz, dass man dem Anderen nicht mehr richtig zuhört und ihm schneller Dinge unterstellt, die er weder gesagt noch gedacht hat. Man baut also ganz unabsichtlich einen Strohmann auf oder bewegt sich sogar von vornherein nicht mehr auf einer inhaltlichen Ebene. Das kann man vermeiden, indem man sich sagt, dass man nichts verliert, sondern im Zweifel sogar gewinnt, wenn man sich von seinem Gegenüber überzeugen lässt.Ein häufiges Problem ist auch, dass so unspezifisch und vage geredet und kritisiert wird, dass weder das Gegenüber noch das Publikum irgendwo ansetzen können: „Deutschland muss sicherer werden, in Russland herrscht keine Demokratie, der Kapitalismus ist schlecht“ – es ist völlig unklar, was damit gemeint ist; bevor man darauf inhaltlich reagieren kann, muss zuerst geklärt werden, worum es überhaupt geht, was mit "sicher", "Demokratie" und "Kapitalismus" hier gemeint ist.

Woran erkennt man den Streitprofi?

Vereinfacht gesagt, der Streitprofi hört seinem Gegenüber genau zu, fragt im Zweifel nach, reagiert auch bei emotionalen Themen gelassen, formuliert präzise und gibt differenzierte Argumente für seine Überzeugungen. Am Wichtigsten ist jedoch: Der Streitprofi ist bereit, seine Überzeugungen zu revidieren, wenn er gute Gründe dafür hat.

Kann man denn überhaupt zu viel streiten?

Wenn man es richtig macht, nein!Das Interview erschien in dem Buch "Kritik üben", das eine Art Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung von Jakob Schrenk und Friedrich von Borries ist. Das Buch enthält darüberhinaus absolut lesenswerte Interviews von Irmhild Saake, Rahel Jaeggi, Harald Welzer, Armin Nassehi, Kevin Kühnert, Meredith Haaf und Thomas Macho.

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Was sind Fake News?

An Fake News kommt man in jüngerer Zeit im öffentlichen Diskurs schwer vorbei. Diskussionsrunden in ganz Europa erörtern die Frage, wie man das Problem in den Griff bekommen kann; Forschungsprojekte versuchen, die Effekte von Fake News auf Politik und Gesellschaft zu bestimmen; Unternehmen wie Facebook sehen sich unter Druck, gegen Fake News vorzugehen.Aber was sind überhaupt Fake News? Unsere These ist, dass es sich bei Fake News um Berichterstattungen handelt, die in zweierlei Hinsicht problematisch sind. Erstens sind sie entweder falsch oder irreführend. Und zweitens verfolgen ihre Verfasser entweder eine Täuschungsabsicht oder sie sind der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Fake News weisen also zwei entscheidende Mängel auf: sie zeichnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und werden von Menschen in die Welt gesetzt oder verbreitet, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

An Fake News kommt man in jüngerer Zeit im öffentlichen Diskurs schwer vorbei. Diskussionsrunden in ganz Europa erörtern die Frage, wie man das Problem in den Griff bekommen kann; Forschungsprojekte versuchen, die Effekte von Fake News auf Politik und Gesellschaft zu bestimmen; Unternehmen wie Facebook sehen sich unter Druck, gegen Fake News vorzugehen.Aber was sind überhaupt Fake News? Unsere These ist, dass es sich bei Fake News um Berichterstattungen handelt, die in zweierlei Hinsicht problematisch sind. Erstens sind sie entweder falsch oder irreführend. Und zweitens verfolgen ihre Verfasser entweder eine Täuschungsabsicht oder sie sind der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Fake News weisen also zwei entscheidende Mängel auf: sie zeichnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und werden von Menschen in die Welt gesetzt oder verbreitet, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

Das falsche Bild der Wirklichkeit

Definition von Fake News im DudenHäufig werden Fake News als eine bestimmte Art der Falschmeldung verstanden. Im Duden etwa ist zu lesen, Fake News seien in den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen.Doch so eng die Verbindung zwischen Fake News und falscher Berichterstattung auch erscheint, nicht immer sind Fake News tatsächlich falsch. Häufig sind sie einfach irreführend: Eine wahre Information wird so ausgedrückt, dass über die reine – oft im wörtlichen Sinne wahre – Information hinaus falsche Informationen kommuniziert werden.Fake News haben häufig diese Form. Ein gutes Beispiel ist eine Meldung des US-amerikanischen Online-Portals Breitbart aus dem Januar 2017. Nachdem es in der Silvesternacht auf einem Platz in Dortmund zu einem Tumult unter, wie die Ruhr-Nachrichten schreiben, überwiegend jungen Männern gekommen war, meldete Breitbart, der “Mob” habe “Deutschlands älteste Kirche in Brand gesetzt”.Fake News auf breitbart.comWahr ist, dass es einen Brand gegeben hatte. Eine Rakete war in ein Fangnetz eines Baugerüstes geflogen, das an der Kirche angebracht war, und hatte es in Brand gesetzt. Wie die Feuerwehr meldete, sei der Brand klein und leicht zu löschen gewesen.In Anbetracht dieser Geschehnisse ist es demnach nicht falsch, dass die Gruppe die Kirche in Brand gesetzt hat. Dennoch, und das ist in unserem Zusammenhang der entscheidende Punkt,  ist die Meldung hochgradig irreführend, denn es wird durch die Wortwahl allerlei Falsches kommuniziert. Es wird zum Beispiel kommuniziert, dass das Feuer mutwillig gelegt wurde, dass die Kirche selbst, und nicht nur ein Fangnetz, betroffen war und dass der Brand ein nennenswertes Ausmaß hatte. All das ist, wie wir wissen, falsch. Die Meldung zeichnet demnach ein falsches Bild von der Wirklichkeit, ohne eine tatsächlich falsche Behauptung aufzustellen.Es wäre daher verkürzt, Fake News als Falschmeldungen zu charakterisieren. Auch wahre, aber irreführende Meldungen können Fake News sein. Was alle Fälle von Fake News verbindet, ist, dass ein falsches Bild der Wirklichkeit gezeichnet wird.

Es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen

Ebenfalls eine Verkürzung – und eine gefährliche noch dazu – wäre es allerdings, Fake News schlichtweg als falsche oder irreführende Berichterstattung zu charakterisieren. Hier ist der Duden auf der richtigen Fährte, wenn er die Täuschungsabsicht ins Spiel bringt, die Verfasser von Fake News häufig verfolgen.Fiele die Täuschungsabsicht in der Definition einfach weg, wäre es nicht mehr möglich, Fake News von versehentlichen journalistischen Fehlern abzugrenzen. Diesen Unterschied zu markieren, ist aber von zentraler Bedeutung. Denn selbst im Falle fehlerhafter Berichte gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Berichterstattung seriöser Medien und Fake News. Der Unterschied besteht darin, dass seriöse Medien falsche oder irreführende Berichte nur versehentlich publizieren.Fake News von Donald TrumpDie Verfasser von Fake News hingegen nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Häufig ist ihr Ziel in der Tat, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen und zu täuschen. Wenn Donald Trump behauptet, die Kriminalität in Deutschland sei in den letzten Jahren um 10% gestiegen, dann ist das nicht nur falsch, man muss auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eine Täuschungsabsicht verfolgt. Häufig sind Fake News also schlichtweg Lügen.Bericht von Buzzfeed zu Fake News von mazedonischen TeenagernAllerdings besteht, und hier stößt die Definition des Dudens an ihre Grenzen, nicht immer eine Täuschungsabsicht. Manchmal stehen die Verfasser von Fake News der Wahrheit oder Falschheit ihrer Behauptungen auch schlichtweg gleichgültig gegenüber. Der Philosoph Harry Frankfurt spricht in solchen Fällen von “Bullshit”. Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordere nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.Fake News auf therightists.comIm Bereich von Fake News spielt Bullshit eine zentrale Rolle. Die wahrscheinlich prominentesten Bullshitter im Fake News-Geschäft sind die in den Medien breit verhandelten mazedonischen Teenager, die 2016 mit der Herstellung falscher und irreführender Meldungen Zehntausende Dollar verdienten. Aus Interviews mit diesen Teenagern wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, größtmögliche Klickzahlen zu generieren – ein klarer Fall von Bullshit.

Eine Definition von Fake News

Was also sind Fake News? Die Definition, die wir eingangs vorgestellt haben, lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Fake News sind Berichterstattungen, die entweder falsch oder irreführend sind, und von Menschen verbreitet werden, die entweder eine Täuschungsabsicht verfolgen oder der Wahrheit gegenüber gleichgültig sind.

Dieser Beitrag ist auch auf dem Blog von philosophie.ch erschienen. Mehr Hintergund zum Begriff der Fake News und ihrer Verbreitung in den sozialen Medien durch politische und kommerzielle Akteure gibt es in unserem neuen Buch "Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen" bei Reclam.

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Towards Foolproof Democracy: Advancing Public Debate and Political Decision-Making (CfP/English)

The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.

The events of the year 2016 have led many critical observers to doubt the stability and longevity of democracy. Ideally, democracy effectuates the rule of reason. Debates in elected assemblies and in society as a whole should serve the process of finding best reasons for political decisions. However, the mechanisms that currently produce such decisions are vulnerable to misuse. Arguably, they need to be redesigned in an attempt to make them “foolproof” - i.e., to design them in a way to make misuse inherently impossible or to minimize its negative consequences.Empirical evidence suggests that political agents may generally lack the required competence for deliberation and debate. Even very intelligent people systematically tend to focus on information that confirms what they already believe and dismiss information that contradicts it. Instead of seeking rational debate, people often cling to forms of modern tribalism. In addition, modern communication networks are swiftly replacing traditional print and broadcast news media. This shift presents deliberative democracy with opportunities but also risks, as these communication networks neither encourage a balanced exchange of information nor systematically check its quality.

A special issue on Foolproof Democracy

In view of these developments, the question of the desired relation between democracy, deliberation, and truth looms large. Moral Philosophy and Politics invites contributions that seek to articulate this relation from the viewpoint of philosophy and political science. Suitable contributions may address such questions as:

  • How, if at all, can we improve public opinion formation?
  • Is deliberation the best way to generate political decisions in modern democracy?
  • How can we make democracy more resistant to populism and other forms of mass manipulation? Should politics be allowed (and perhaps even obligated) to exert influence on opinion formation in society?
  • Is there a way to methodically and impartially check the quality of debate in the public sphere?
  • Are political polarization and “echo chambers” a problem for democracy? And, if so, how can we guard against their formation and maintenance?
  • What ought to be the role of science and the humanities in the democratic process?
Papers should be submitted before June 30, 2018 and should not exceed 8000 words; shorter articles will also be accepted for review.

All submissions will undergo MOPP’s double-blind refereeing process.Please note that this process is not organized by the guest editors but by the journal’s founding editors who will also have the final word on publication decisions.The journal’s manuscript submission site can accessed here: http://mc.manuscriptcentral.com/mopp

Guest editors

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Sind Filterblasen gefährlich?

Alle Jahre wieder treffen wir auf Menschen aus unserem Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis, die uns mit unerwarteten Ansichten überraschen. So habe ich auch neulich eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir hatten seit dem Abitur kaum Kontakt. Als wir uns nun bei einem Kaffee gegenüber saßen, sprudelte es aus ihr heraus: "Ach, es ist alles so düster derzeit. Die Amerikaner haben Europa voll im Griff, wogegen die nächste GroKo ja auch wieder nichts machen wird. Die sind ja eh alle gekauft. Merkel lädt weiter schön Flüchtlinge zu uns ein und die anderen Staaten nehmen keine auf. Warum müssen die denn alle zu uns kommen?"

Alle Jahre wieder treffen wir auf Menschen aus unserem Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis, die uns mit unerwarteten Ansichten überraschen. So habe ich auch neulich eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir hatten seit dem Abitur kaum Kontakt. Als wir uns nun bei einem Kaffee gegenüber saßen, sprudelte es aus ihr heraus: "Ach, es ist alles so düster derzeit. Die Amerikaner haben Europa voll im Griff, wogegen die nächste GroKo ja auch wieder nichts machen wird. Die sind ja eh alle gekauft. Merkel lädt weiter schön Flüchtlinge zu uns ein und die anderen Staaten nehmen keine auf. Warum müssen die denn alle zu uns kommen?"

Erreichen uns grundsätzlich andere Informationen?

So düster sieht es in Deutschland doch gar nicht aus? Und woher kamen diese verkürzten Aussagen? Ich dachte in den folgenden Tagen über mein Umfeld nach, die Nachrichten, die ich bekomme, meine Informationsquellen, mein Facebook-Newsfeed. Mich erreichen wohl einfach andere Informationen als meine Schulkameradin. Wir lesen unterschiedliche Zeitungen, hören unterschiedliche Radiosender, lesen unterschiedliche Blogs, haben unterschiedliche Freunde – und überdies generieren uns Facebook und Google unterschiedliche "News" basierend auf unseren unterschiedlichen Interessen. Kurz: Wir leben in unterschiedlichen "Filterblasen".

Was sind Filterblasen?

Der Begriff “Filterblase” geht auf Eli Pariser zurück, den Internetaktivisten und Aufsichtsratsvorsitzenden von moveon.org. Pariser verwendet den Begriff im Zusammenhang mit digitalen Räumen, die den Nutzerinnen und Nutzer vorrangig Inhalte präsentieren, die ihren bestehenden Interessen entsprechen und damit ihre Einstellungen dazu verstärken.Wenn man allgemein von dem Phänomen spricht, dass wir uns in verschiedenen sozialen Räumen bewegen, in denen überwiegend Informationen ausgetauscht werden, die wir für wahr halten, ist der Begriff "Echokammer" besser geeignet. Eine Echokammer ist ein sozialer Raum, in dem die eigene Meinung gespiegelt und nicht mit anderen Meinungen konfrontiert wird. Leider verwenden viele Menschen Filterblase und Echokammer synonym. In diesem Blog-Eintrag wollen wir es (der Einfachheit halber) diesen Menschen gleichtun und ebenfalls diesen weiten Begriff von Filterblase verwenden.

Warum wir Filterblasen eigentlich ganz gern haben..

Zu den meisten unserer Überzeugungen sind wir nicht durch direkte Wahrnehmung gelangt. Wir glauben, was wir glauben, weil es uns Experten, Medien oder unsere Freunde und Verwandte mitgeteilt haben. Was wir glauben, hängt davon ab, von welchen Personen wir unsere Informationen beziehen und wie glaubwürdig diese in unseren Augen sind.In aller Regel wollen wir gar nicht mit Informationen konfrontiert werden, die unseren bereits bestehenden Meinungen widersprechen. Werden wir doch damit konfrontiert, nehmen wir sie meistens nicht wahr oder finden Gründe, sie abzulehnen. Es bereitet uns ein unangenehmes Gefühl, uns mit Positionen zu beschäftigen, die nicht unsere eigenen sind. Man spricht dabei auch vom Bestätigungsfehler (confirmation bias). Wir vermeiden kognitive Dissonanz, indem wir selektiv wahrnehmen, was wir wahrnehmen wollen.Deswegen reden wir normalerweise auch kaum mit Menschen, die wir nicht mögen und die andere politische Meinungen haben als wir selbst. Wir wählen unseren Stammtisch, unsere Freunde und unser Umfeld allgemein nach dem Kriterium der Ähnlichkeit aus. Wir finden diejenigen sympathisch, die Gemeinsamkeiten – Interessen, Meinungen oder auch reine Äußerlichkeiten – mit uns teilen.

Was ist also das Problem von Filterblasen?

Das Problem dabei ist, dass wir nicht immer richtig liegen und dass Menschen mit anderen Interessen, Meinungen, Redeweisen oder einem anderen Kleidungsstil oft relevante Informationen für uns besitzen, von denen wir nichts mitbekommen.Es beginnt damit, dass wir uns eher Menschen als Freunde suchen, die unsere Einstellungen teilen, und endet damit, dass Facebook und Google uns nur die Inhalte zeigen, die unseren bisherigen Interessen und Meinungen entsprechen. Zusätzlich abonnieren wir nur Newsletter von uns nahen Organisationen, lesen Zeitungen mit unserer politischen Ausrichtung und vermeiden Infoveranstaltungen von Parteien, die wir ohnehin nicht wählen würden.Mit dem Aufkommen von personalisierten digitalen Medien entstehen Filterblasen schneller, werden undurchlässiger und einseitiger. Aber was ist so schlimm daran, dass Youtube mir immer zuerst Katzenvideos zeigt, weil es gelernt hat, dass ich darauf am ehesten mit Klicks reagiere?

Sind Filterblasen eine Gefahr für die Demokratie?

Informationsverbreitung in den digitalen Medien ist zumeist fremdbestimmt und hochgradig automatisiert. Wir haben kaum Kontrolle darüber, welche Nachrichten und Suchergebnisse uns von Facebook und Google angezeigt werden. Richtig problematisch werden Filterblasen, wenn sie gezielt ausgenutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Denn Filterblasen spielen eine essentielle Rolle bei der Verbreitung von Fake News. Wenn alle meine Freunde eine Nachricht für wahr halten, dann habe ich bereits einen guten Grund, diese Nachricht ebenfalls für wahr zu halten. Dies nennt man auch den Konformitätseffekt. Filterblasen können also verhindern, dass Falschmeldungen korrigiert werden.Filterblasen können damit zu einer Gefahr für demokratische Meinungs- und Entscheidungsprozesse werden. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedlicher Meinung Gehör finden und trotz Meinungsverschiedenheiten kooperieren. Dies wird durch Filterblasen jedoch erschwert. Es ist nicht nur so, dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einander nicht hören, sondern die Meinungen, die sie haben, radikalisieren sich durch Filterblasen noch. Dies nennt man auch Gruppen-Polarisation.Ein eindrückliches Beispiel für die negativen Folgen von Filterblasen sind die Facebook-Gruppen, die durch eine Aktion der PARTEI aufgedeckt worden sind. Diese Filterblasen sind künstlich erzeugt und verstärkt worden (vgl. diesen heise-Artikel). Das perfide: Auch wenn man als Mitglied dieser Gruppen nicht aktiv war, reichen die Facebook-Algorithmen aus, dass man zunehmend rechtspopulistischen Inhalten ausgesetzt wird. Dies ist selbst dann der Fall, wenn man nur einige wenige AfD-kompatible Meinungen im Vorfeld hatte.

Was können wir gegen die negativen Folgen von Filterblasen tun?

Was können wir aber tun, um Filterblasen zu durchbrechen? Online können wir relativ einfach ein paar Einstellungen ändern, um weniger maßgeschneiderte Informationen zu bekommen:

  • Wir können auf Facebook unsere Newsfeed-Einstellungen ändern und ein paar Seiten (von Zeitungen oder Nachrichtensendungen zum Beispiel) abonnieren, deren Ausrichtung wir nicht teilen.
  • Wir können die Google-Einstellungen ändern, damit uns Suchergebnisse nicht in Abhängigkeit zu unseren bisherigen Suchanfragen und unserem Standort angezeigt werden (zum Beispiel, indem wir eine Proxy-Seite wie startpage verwenden.
  • Allgemein können wir Informationen hinterfragen, die unsere Überzeugungen und Vorurteile bestätigen. Gerade Nachrichten, die nur allzu gut in unser Weltbild passen, verdienen besondere Skepsis und Aufmerksamkeit.
  • Und wir können natürlich aktiv online und im echten Leben Kontakt mit Andersdenkenden suchen.

Wir alle können andere Standpunkte nachvollziehen, ohne sie zwangsläufig teilen zu müssen. Nur wenn wir uns gegenseitig zuhören und konstruktiv streiten, können wir Filterblasen mit konstruktivem Streit und radikaler Höflichkeit durchbrechen!Dies ist eine leicht abgewandelte Fassung eines Blog-Artikels auf kleinerfünf.de. Der Artikel hätte ohne die tatkräftige Unterstützung und Mitwirkung von Frederik Gottschling und Joe Weis nicht verwirklicht werden können.

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