Streitkultur-Blog

Hier bloggen wir rund um das Thema konstruktiver Streit und Debattenkultur.

Demonstrativer Bullshit in der politischen Kommunikation

In der Politik findet sich zunehmend ein sprachliches Mittel, das wir demonstrativen Bullshit nennen. Populisten und Demagogen setzen ihn ein, um die Normen des politischen Diskurses in ihrem Sinn zu verschieben, wie unsere Analyse aufzeigt.

In der Politik findet sich zunehmend ein sprachliches Mittel, das wir demonstrativen Bullshit nennen. Populisten und Demagogen setzen ihn ein, um die Normen des politischen Diskurses in ihrem Sinn zu verschieben, wie unsere Analyse aufzeigt.

Lügen und Bullshit

Politiker lügen von Zeit zu Zeit. Einer gängigen Definition zufolge ist eine Lüge eine Behauptung, die der Sprecher für falsch hält und mit der Absicht tätigt, den Adressaten in Bezug auf den Inhalt zu täuschen. Neben klassischen Lügen offenbart die gegenwärtige öffentliche Kommunikation jedoch auch in besonderem Maße ein verwandtes Phänomen, das in der philosophischen Fachliteratur als »Bullshit« bezeichnet wird. Im Unterschied zum Lügner, der über die Tatsachen täuschen will, zeichnet sich Bullshit durch die vollständige Gleichgültigkeit des Sprechers gegenüber der Wahrheit aus. Ein gutes Beispiel für Bullshit ist Donald Trumps Behauptung, bei seiner Amtseinweihung habe es im Moment seiner Vereidigung zu regnen aufgehört und die Sonne habe geschienen. 

Demonstrativer Bullshit

Normalerweise bemühen sich Bullshitter darum, ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit zu verschleiern. In der politischen Kommunikation lässt sich allerdings in jüngerer Zeit ein Phänomen beobachten, das wir demonstrativen Bullshit nennen wollen: Das Aufstellen von Behauptungen, ohne an der Wahrheitsfindung interessiert zu sein und ohne den Versuch zu unternehmen, die eigene wahrheitsindifferente Haltung zu verbergen. Trumps Behauptung, die Sonne habe während seiner Amtseinweihung geschienen, ist ein solcher Fall.

Die Administration Trump hat sich demonstrativen Bullshit immer wieder zunutze gemacht. So etwa als sein Pressesprecher Sean Spicer auch dann noch behauptete, die Menschenmenge bei Trumps Amtseinführung sei größer gewesen als bei Obamas Einführung, als Fotos vorlagen, die die deutlich kleinere Menschenmenge bei Trumps Veranstaltung belegten. Trumps Beraterin Kellyanne Conway rechtfertigte Spicers Behauptung später mit der Aussage, Spicer habe mit seiner Aussage lediglich »alternative Fakten« angeboten. Ähnlich argumentierte Newt Gingrich, als er in einem Interview mit der Journalistin Alisyn Camerota äußerte, Gefühle seien für ihn als Politiker wichtiger als Tatsachen.

Auch in Deutschland haben Politiker begonnen, den Wert der Wahrheit ganz offen in Zweifel zu ziehen. So bemerkte beispielsweise der AfD-Pressesprecher Christian Lüth dem Faktenfinder der ARD gegenüber explizit: »Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist« (Becker, 2017).

Ziele des demonstrativen Bullshittens

Die Ziele demonstrativer Bullshitter sind vielfältig. Wir wollen hier nur eines nennen: Demonstrativer Bullshit kann ein wirksames Mittel sein, um die Normen des politischen Diskurses in eine Richtung zu verschieben, die Populisten und Demagogen in die Karten spielt. Wenn politische Akteure öffentlichkeitswirksam und regelmäßig demonstrativ bullshitten, dann widersetzen sie sich damit ganz explizit den Normen der Wahrheitsfindung im gesellschaftlichen Diskurs. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, die Grundlage für demokratische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zu zersetzen.

Das ist nicht nur ein moralisches Problem. Zwar sind sich die großen deontologischen und konsequentialistischen Moraltheorien einig, dass Lügen und Bullshitten moralisch falsch sind. Entscheidender für unsere Zusammenhänge ist aber, dass die Erosion der genannten Erkenntnisnormen Demokratien erheblichen Schaden zufügen kann.

Wie Bernard Williams anmerkt, neigen Politiker zu illegitimen Handlungen, die ohne eine entsprechende Informiertheit der Bürger nicht aufgedeckt werden können: »Governments are disposed to commit illegitimate actions which they will wish to conceal […]. It is in citizens’ interest that these be checked. They cannot be checked without true information.« (Williams, 2010, S. 207)

Darüber hinaus beruht die Qualität der öffentlichen Debatte insgesamt wesentlich auf dem Zugang der Bürger zu hinreichend genauen und korrekten Informationen und damit auf der Wahrhaftigkeit derer, die an ihr teilhaben (z.B. Fishkin, 2009, S. 126). Versteht man die öffentliche Debatte als entscheidenden Teil des demokratischen Deliberationsprozesses und in dieser Funktion als grundlegend für die Legitimität politischer Entscheidungen, ist Wahrhaftigkeit als Norm zudem eine zentrale Bedingung dafür, dass die erfolgten politischen Entscheidungen legitim sind und als solche anerkannt werden sollten (Cohen, 1997; Habermas, 1998, S. 141).

Eine Normenverschiebung, die den Wert der Wahrhaftigkeit in Bedrängnis bringt, ist also eine direkte Bedrohung für das Funktionieren der öffentlichen Debatte und damit für die (deliberative) Demokratie als solche. Man kann davon ausgehen, dass einige populistische Akteure sie aus genau diesem Grund aktiv anstreben. Demonstratives Bullshitting kann ein wirkmächtiges politisches Instrument sein, um demokratische Deliberationsprozesse zu unterminieren. Es lässt sich strategisch einsetzen, um Bullshitting als Form des politischen Diskurses zu etablieren und die Wahrheitsfindungsprozesse der demokratischen Institutionen nach und nach zu unterlaufen.

Herausforderungen für die politische Bildung

Vor diesem Hintergrund ergibt sich, dass ein Ziel politischer Bildung darin bestehen sollte, Erkenntnisnormen wie Orientierung an der Wahrheitssuche, Streben nach Wahrhaftigkeit und Einfordern von Rechtfertigung in der öffentlichen Debatte zu stärken. Die Prävalenz demonstrativen Bullshits unterminiert die epistemischen Normen, die für das Funktionieren einer Demokratie, einschließlich des demokratischen Deliberationsprozesses, von zentraler Bedeutung sind. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken erfordert zweierlei: eine Vermittlung der Wirkweise demonstrativen Bullshits und eine Stärkung der unter Beschuss stehenden Erkenntnisnormen selbst.

Das beinhaltet unter anderem die Problematisierung von Kommunikationsstrategien, die diese Werte systematisch unterlaufen, und die Stärkung eines selbstständigen, reflektierten und kreativen Umgangs mit diesen Kommunikationsstrategien durch Bürgerinnen und Bürger.

Beides erfordert die Förderung von drei, miteinander verbundener Einsichten:

  • Wahrheit ist ein kostbares Gut.
  • Bullshit in der Politik ist problematisch, destruktiv und in letzter Konsequenz demokratiegefährdend.
  • Bürgerinnen und Bürger stehen als Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien in der Pflicht, Informationen ausreichend zu prüfen; und selbiges sollten sie auch von anderen Menschen einfordern, indem sie Bullshit und die (stillschweigende) Akzeptanz von Bullshit sozial sanktionieren.

Anders gewendet: Es ist eine drängende Aufgabe politischer Bildung, Dispositionen der Bürgerinnen und Bürger zu stärken, sich an der Wahrheitsfindung zu orientieren.


Literatur

  • Becker, K. (2017). AfD teilt falsches Antifa-Foto: Fake? Egal! »Es geht um die Message«. ARD-Faktenfinder. https://web.archive.org/web/20180330201709/http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/falsches-antifa-foto-101.html. Abgerufen am 12.08.2020.
  • Cohen, J. (1997). Deliberation and Democratic Legitimacy. In J. Bohman & W. Rehg (Hrsg.), Deliberative Democracy: Essays on Reason and Politics (67–92). Cambridge, MA: MIT Press.
  • Frankfurt, H. G. (2005). On Bullshit. Princeton: Princeton University Press.
  • Habermas, J. (1998). Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Williams, B. (2010). Truth and Truthfulness. An Essay in Genealogy. Princeton: Princeton University Press.

Dieser Beitrag ist in leicht unterschiedlichen Fassungen ebenfalls auf defacto.expert und auf higgs.ch erschienen und basiert auf einem wissenschaftlichen Artikel, der in dem Sammelband "Politische Bildung für die «neue» Öffentlichkeit?" erschienen ist.

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Demokratie, Fake News, Populismus Romy Jaster Demokratie, Fake News, Populismus Romy Jaster

Die Wahrheit über die Wahrheit

Die Wahrheit hat dieser Tage nicht den besten Stand. Seit der Brexit-Bus durch Großbritannien rollte und Donald Trump als 45. Präsident der USA kandidierte, beherrschen Lügen, Bullshit, Fake News und andere Abgründigkeiten das politische Zeitgeschehen. Derart unverhohlen wird die Wahrheit gebogen, dass in den Feuilletons längst vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist.

Kaum ist das neue Zeitalter ausgerufen, sind auch schon die Schuldigen ausgemacht. An dem ganzen Malheur seien nämlich die Postmodernisten schuld. Schließlich sei es ein allgemeines Credo des Postmodernismus, dass es so etwas wie „die“ Wahrheit gar nicht gebe. Vielmehr hänge Wahrheit stets von Machtbeziehungen ab, von Sprache, von Weltbildern. Durch dieses Denken sei die Wahrheit über Jahrzehnte hinweg derart in Verruf gekommen, dass nun der Nährboden für eine Politik der Wahrheitsbiegung besser nicht sein könnte. Wer selbst nicht an eine objektive Wahrheit glaubt, hat in der Auseinandersetzung mit den Biegern der Wahrheit wenig Munition.

Das mag alles sein, macht aber einen Nebenschauplatz auf. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist nicht, wer an was Schuld ist, was Postmodernisten über Wahrheit denken oder wie sie in der Auseinandersetzung mit Populisten abschneiden. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist: Was sollten wir über Wahrheit denken? Und was haben wir den Biegern der Wahrheit eigentlich entgegenzusetzen?

Die Wahrheit hat dieser Tage nicht den besten Stand. Seit der Brexit-Bus durch Großbritannien rollte und Donald Trump als 45. Präsident der USA kandidierte, beherrschen Lügen, Bullshit, Fake News und andere Abgründigkeiten das politische Zeitgeschehen. Derart unverhohlen wird die Wahrheit gebogen, dass in den Feuilletons längst vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist.

Kaum ist das neue Zeitalter ausgerufen, sind auch schon die Schuldigen ausgemacht. An dem ganzen Malheur seien nämlich die Postmodernisten schuld. Schließlich sei es ein allgemeines Credo des Postmodernismus, dass es so etwas wie „die“ Wahrheit gar nicht gebe. Vielmehr hänge Wahrheit stets von Machtbeziehungen ab, von Sprache, von Weltbildern. Durch dieses Denken sei die Wahrheit über Jahrzehnte hinweg derart in Verruf gekommen, dass nun der Nährboden für eine Politik der Wahrheitsbiegung besser nicht sein könnte. Wer selbst nicht an eine objektive Wahrheit glaubt, hat in der Auseinandersetzung mit den Biegern der Wahrheit wenig Munition.

Das mag alles sein, macht aber einen Nebenschauplatz auf. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist nicht, wer an was Schuld ist, was Postmodernisten über Wahrheit denken oder wie sie in der Auseinandersetzung mit Populisten abschneiden. Die Gretchenfrage unserer Zeit ist: Was sollten wir über Wahrheit denken? Und was haben wir den Biegern der Wahrheit eigentlich entgegenzusetzen?

Man muss keine einzige Schrift eines Postmodernisten studiert haben, um diese Fragen herausfordernd zu finden. Gibt es so etwas wie Wahrheit überhaupt? Gibt es nur eine Wahrheit oder viele? Hat nicht am Ende jeder seine eigene Wahrheit? Hängt Wahrheit nicht auch davon ab, was wir für wahr halten? Und wie steht es um Wahrheit in Bereichen, über die wir rein gar nichts wissen können? Vielleicht sind diese Fragen postmodernistisch. In jedem Fall treiben sie ziemlich viele Menschen um, wenn sie sich fragen, was es mit der Wahrheit eigentlich auf sich hat.

Klar ist: Die weit verbreitete Skepsis gegenüber der Wahrheit verträgt sich schlecht mit den gängigen Diagnosen über die Probleme unserer Zeit. Wer lügt, der sagt Unwahres. Wer bullshittet, dem ist die Wahrheit gleichgültig. Wer Fake News verbreitet, bringt Nachrichten in Umlauf, die ein unwahres Bild der Wirklichkeit zeichnen. Wie sollten diese Anschuldigungen gegen die Bieger der Wahrheit aufrechtzuerhalten sein, wenn grundlegende Zweifel daran bestehen, dass es so etwas wie die Wahrheit überhaupt gibt? An welchem Standard messen wir Lügner, Bullshitter und die Verbreiter von Fake News, wenn nicht am Standard der Wahrheit selbst?

Um die Probleme der Gegenwart beim Namen nennen zu können, müssen wir die Wahrheit entmystifizieren. Das geht verhältnismäßig einfach. Aber es erfordert, Abstand von der Idee zu nehmen, bei der Wahrheit handle es sich um eine philosophisch tiefe Angelegenheit. Drei Sätze genügen, um ein Verständnis von Wahrheit zu umreißen, das uns das Rüstzeug gibt, es mit den Biegern der Wahrheit aufzunehmen. Also tief durchatmen, hier kommt die Wahrheit über die Wahrheit.

  • Erstens: Wahr ist eine Behauptung, wenn sie die Wirklichkeit korrekt beschreibt.
  • Zweitens: Eine Behauptung beschreibt die Wirklichkeit korrekt, wenn das, was sie behauptet, tatsächlich der Fall ist.
  • Drittens: Was tatsächlich der Fall ist, hat nichts damit zu tun, wie wir es wahrnehmen oder ob wir Wissen darüber haben.

In einem solchen Bild gibt es zwar viele wahre Behauptungen; wahr ist schließlich alles, was die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Was es aber niemals geben kann, sind gegenteilige Behauptungen, die dennoch beide wahr sind. Wenn Sie glauben, dass es regnet, und ich glaube, dass es nicht regnet, dann muss einer von uns falsch liegen. Wenn es regnet, ist Ihre Überzeugung wahr und meine falsch. Wenn es nicht regnet, ist es andersherum. Mehr gibt es über Wahrheit in dem grundlegenden Sinn, um den es hier geht, nicht zu sagen.

Wenn das stimmt, dann gibt es tatsächlich nur eine Wahrheit: Wahr ist, was der Wirklichkeit entspricht. Aussprüche wie „Jeder hat seine eigene Wahrheit“ stellen sich als bloße Redeweisen heraus, die unterschiedliche Bedeutungen haben können: dass jeder die Wirklichkeit auf seine Weise wahrnimmt; dass unterschiedliche Menschen gute Gründe für gegensätzliche Überzeugungen haben; dass am Ende jeder sein eigenes Urteil fällen muss. Was auch immer aber gemeint ist, es hat nichts mit Wahrheit im grundlegenden Sinn zu tun. Denn nichts von dem, was gemeint sein könnte, steht im Konflikt zu der Erkenntnis, dass nur derjenige etwas Wahres denkt, dessen Überzeugungen sich mit der Wirklichkeit decken.

Natürlich stimmt es, dass wir manchmal nicht wissen, ob eine Behauptung die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Aber für die Wahrheit der Behauptung ist das unerheblich. Wahrheit im grundlegenden Sinn erfordert nicht, dass wir wissen, ob eine Behauptung wahr ist. Zwei gegensätzliche, gleich gut begründete Behauptungen können miteinander im Wettstreit stehen, ohne dass wir ihre Wahrheit überprüfen könnten. Die Geschichte der Wissenschaften liefert uns dafür haufenweise Beispiele. Das heißt aber nicht, dass keine der beiden Behauptungen wahr ist oder gar dass beide „irgendwie“ wahr sind. Ganz im Gegenteil: Nur eine der Behauptungen kann wahr sein, und zwar diejenige, die die Wirklichkeit korrekt beschreibt. Dass wir die Wirklichkeit nicht kennen, bedeutet lediglich, dass wir nicht wissen, welche der beiden Behauptungen das ist.

Zugestanden: Man muss das alles nicht einkaufen. „Meine Wahrheit, deine Wahrheit“ - wenn man will, kann man daran festhalten, dass diese Redeweise ganz wörtlich verstanden Sinn ergibt. In dem Fall allerdings wird es schwierig zu begreifen, was es heißt, die Wahrheit zu biegen. Es sieht dann nämlich ganz so aus, als hätte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich einen Punkt gehabt, als er 2016 in einem Interview verlauten ließ, auch wenn die Daten es nicht stützten, sei es eine Tatsache, dass die Kriminalität zugenommen habe. Seine Begründung: Die Leute fühlen es.

Die hässliche Alternative zu einem handfesten Verständnis der Wahrheit sind alternative Fakten.

Dieser Text wird im Herbst 2019 im Programmheft der Münchner Symphoniker erscheinen.

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Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen

Unser neues Buch über Fake News ist erschienen und kann auf Amazon.deReclam.de und Bücher.de bestellt werden; oder direkt beim Buchhändler um die Ecke!

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

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Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist das Ausmaß von Fake News. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt.

Wir bieten in unserem Buch eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten, wie die Gesellschaft ihrem Einfluss wieder entkommen kann.

Rezensionen zum Buch

Fake for Real: Der Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“ von Romy Jaster und David Lanius erklärt kurz und sehr anschaulich ein zentrales Problem unseres digitalen Zeitalters. (Rezension auf literaturkritik.de)

Schlechte Nachrichten gehen gut: Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. (Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2019, S. 10; siehe auch perlentaucher.de bzw. diekt auf bücher.de)

Buchtipp: Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Lanius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), diskutieren das Phänomen «Fake News» nüchtern und fundiert. (Rezension auf matthiaszehnder.ch)

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Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit

Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”

Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”

"Was meint er, wenn er Worte sagt?"

Angesichts dieser Situation dürften sich viele Leserinnen und Leserder ZEIT am 4. September 2018 beim Blick in den Feuilleton die Augengerieben haben. Denn dort erklärte Thomas Assheuer unter der Überschrift„Warum Trump kein Lügner ist”:

„Trump hat nichts Lügenhaftes. Sein Körper und seine Sprache bilden eine natürliche Einheit; Intonation und Gestik wirken echt unverkrampft, nichts klingt bigott oder gekünstelt. Trump redet obszön, aber nicht verlogen. Seine Worte sprechen ihm aus dem Herzen.“

Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig.

Trump wirkt auf viele Menschen aufrichtig. Gelegentlich wird daherdie Frage in den Raum gestellt, ob es nicht sein kann, dass er denUnsinn, den er von sich gibt, womöglich selbst glaubt. Kann es sein,dass Trump derart irrational, narzisstisch und schlecht informiert ist,dass ihm gar nicht auffällt, dass seine Sicht der Dinge nicht immer mitder Wirklichkeit in Einklang steht? Assheuer stellt eine andere Theseauf:

„Trump benutzt die Sprache als situatives Investment auf dem politischen Markt. Findet er Zustimmung, dann ist seine Aktion rentabel und wirft Gewinn ab: mehr Ruhm, mehr Macht, bessere Quoten. (…) Wenn dagegen der öffentliche Druck so groß wird, dass er (…) einen Rückzieher machen muss, dann wurde seine Gewinnerwartung kurzfristig enttäuscht. Deshalb hat Trump, jedenfalls aus seiner Sicht, bislang nie gelogen; er hat sich bei seinen semantischen Transaktionen lediglich verkalkuliert.“

Trump sieht seine Behauptungen als Investments.

Assheuer zufolge sieht Trump Behauptungen als Investments, um seinepolitischen Ziele zu befördern. Aber ist Trump deshalb kein Lügner? Oderist er nur aus seiner eigenen Sicht kein Lügner? Was heißt es überhauptzu lügen? Und wenn wir ihn von der Lüge freisprechen, ist TrumpsVerhalten dann unverwerflich?

Was Lügen genau sind, ist in der Philosophie umstritten. Das mag überraschen, schließlich fallen uns schnell klare Fälle ein, in denen Personen lügen. Wenn Anatol etwas Falsches sagt, um Beate zu täuschen, dann hat er gelogen. Und so verstehen viele Menschen Lügen schlichtweg als falsche Aussagen, mit denen eine andere Person getäuscht werden soll.

Wann lügt jemand?

Bei näherem Hinsehen werden die Dinge jedoch komplizierter. Was ist,wenn Anatol zwar Beate täuschen will, aber selbst einem Irrtumunterliegt? Nehmen wir an, er glaubt, Bukarest sei die Hauptstadt vonPolen, behauptet aber, um Beate hinters Licht zu führen, Bukarest seidie Hauptstadt von Rumänien. In diesem Fall hätte Anatol – ohne esselbst zu wissen – etwas Wahres gesagt. Hat er gelogen? Hier gehen dieIntuitionen auseinander. Wenn ja, können Lügen auch wahr sein.Entscheidend wäre dann, dass jemand etwas behauptet, das er selbst fürfalsch hält – unabhängig davon, ob es wahr oder falsch ist.

Was aber in jedem Fall zur Lüge gehört, ist die Absicht, das Gegenüber zu täuschen. Jemand, der eine Fehlinformation verbreitet, die er selbst für wahr hält, ist kein Lügner, sondern einfach ein Mensch, der sich geirrt hat. Eine notwendige Bedingung fürs Lügen ist es, andere hinters Licht führen zu wollen. Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen. Dafür greift er auf Behauptungen zurück, die er für falsch hält.

Der Lügner will erreichen, dass Andere zu falschen Überzeugungen kommen.

Auf Trump trifft das in vielen Fällen klarerweise zu. Wenn erbeispielsweise behauptet, nichts über die Zahlungen an diePornodarstellerin Stormy Daniels durch seinen Anwalt Michael Cohengewusst zu haben, dann ist das einerseits falsch. Man muss andererseitsaber auch davon ausgehen, dass Trump mit seiner Behauptung eineTäuschungsabsicht verfolgte. Ziel der falschen Aussage war es, das FBIund die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. In diesem Fall haben wires mit einer glatten Lüge zu tun.

Doch nicht immer, wenn Trump Fake News in die Welt setzt, ist eineTäuschungsabsicht im Spiel. Häufig macht er so offenkundig falscheBehauptungen, dass die Annahme, er wolle irgendjemanden wirklich damittäuschen, geradezu absurd erscheint. Denken wir an die Diskussion überdie Zuschauerzahl bei seiner Amtseinweihung oder die Behauptung, dieSonne habe die ganze Zeit hindurch geschienen. Die Fotos derZuschauermenge waren bekannt und leicht mit den Fotos derAmtseinführungen seiner Vorgänger zu vergleichen. Die regnerischeFeierlichkeit war weltweit übertragen worden. Dass Trump in diesenFällen davon ausgegangen sein könnte, er könne die Öffentlichkeit durchseine falschen Behauptungen hinters Licht führen, ist wenig plausibel.

Wenn Trump in diesen Fällen nicht lügt, was tut er dann? In zwei Worten: Trump bullshittet. Eine philosophisch solide Definition von Bullshit verdanken wir Harry Frankfurt (Frankfurt 2005). Absichtliche Täuschungen, so Frankfurt, erfordern eine Orientierung an der Wahrheit; schließlich will man ja bewusst etwas behaupten, das von der Wahrheit abweicht. Bullshit hingegen erfordert nichts dergleichen. Der Bullshitter interessiert sich nicht dafür, ob er die Realität korrekt wiedergibt oder nicht. Er stellt Behauptungen auf, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob diese Behauptungen wahr oder falsch sind.

Trump ist ein Meister des Bullshits.

Menschen bullshitten aus den unterschiedlichsten Gründen. Um Anderezu beeindrucken, um eine Festgesellschaft zu unterhalten, um eineGesprächspause zu vermeiden. Aber auch auf der politischen Bühne istBullshit ein gängiges Phänomen – insbesondere in der Ära Trump. InFrankfurts Augen ist Donald Trump ein Paradebeispiel für einenBullshitter. Trumps Behauptung, er habe das beste Gedächtnis der Weltbezeichnet Frankfurt als geradezu “possenhaft unverstellten Bullshit”(Frankfurt 2016).

Im Bereich von Fake News ist Bullshit viel gängiger, als man zunächst annehmen würde. Die Rechnung ist einfach: Provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen bringen mehr Aufmerksamkeit. Mehr Aufmerksamkeit bringt mehr Klicks. Mehr Klicks bringen mehr Werbeeinnahmen. Also bringen viele provokative, reißerische und emotional aufgeladene Meldungen viele Einnahmen. Ob sie wahr oder falsch sind, spielt in dieser Kalkulation keine Rolle.

Fake News und Clickbaiting

Nach diesem Geschäftsmodell ist im Vorlauf des letzten US-Wahlkampfes in Mazedonien und anderen osteuropäischen Ländern eine regelrechte Fake-News-Industrie entstanden. Die Erzeugnisse dieser Industrie sind in aller Regel Bullshit. Aus Interviews mit Fake-News-Produzenten aus Mazedonien und Georgien beispielsweise wissen wir, dass ihr primäres Ziel nicht war, Menschen zu täuschen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit oder Falschheit ihrer Meldungen war ihnen vollkommen egal. Ihnen ging es einzig und allein darum, einen größtmöglichen Gewinn einzufahren. Dimitri, ein besonders erfolgreicher Produzent von Fake News, äußerte sich dazu recht freimütig (Smith & Banic 2016): „Du siehst, was die Leute mögen und gibst es ihnen. Du siehst, dass sie Wasser mögen, und gibst ihnen Wasser; mögen sie Wein, gibst du ihnen Wein. Es ist wirklich sehr einfach.”

Warum bullshittet Trump? Nun, eine Erklärung liefert Assheuer. Trumpstellt Behauptungen auf, von denen er sich einen politischen Gewinnverspricht. Was für Trump zählt, ist ausschließlich der politischeMarktwert – nicht der Wahrheitswert – des Gesagten.

Bullshit und Propaganda

Ein weiterer Punkt scheint aber ebenso zentral. Sich nicht an der Wahrheit zu orientieren, ist das ultimative Signal von Unangreifbarkeit. Menschen wie Trump zeigen, dass sie sagen können, was sie wollen, ohne durch irgendwen oder irgendetwas eingeschränkt zu sein – nicht einmal durch die Realität selbst. Wenn Jason Stanley Recht hat, haben wir es in solchen Fällen mit Paradebeispielen von Propaganda zu tun. Denn Stanley zufolge ist Propaganda im Kern überhaupt kein Täuschungsversuch, sondern bereits der Versuch zu herrschen (Stanley 2016).

Ist Trump nun also ein Lügner oder nicht? Nun, manchmal lügt Trump sicherlich. Aber nicht immer. Viele Fake News, die er in die Welt setzt, sind keine Täuschungsversuche, sondern purer Bullshit.

Das "post-faktische" Zeitalter?

Besser wird die Sache dadurch nicht. Insbesondere, wenn Bullshit zumPrinzip erhoben wird, sollten die Alarmglocken läuten. Wird Bullshit zurNorm, gerät der Maßstab der Wahrheit selbst in Verruf. Auf genau dieses Ziel arbeiten Rechtspopulisten weltweit zunehmend unverhohlen hin. Sie betrachten Worte als Waffen im Kampf um die Macht.Wichtig ist allein die politische Botschaft und Mobilisierung derAnhänger. Doch wenn Fake News, Lügen und Bullshit systematisch dasVertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft untergraben, droht uns amEnde möglicherweise doch noch das allseits heraufbeschworene “post-faktische” Zeitalter. Wir sollten alles daran setzen zu verhindern, dass es soweit kommt.

Referenzen

Harry G. Frankfurt: “Donald Trump is BS says expert in BS”, Time2016. URL: http://time.com/4321036/donald-trump-bs/ (letzter Zugriff:30.10.2018)

Harry G. Frankfurt: On Bullshit. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2005 [1986].

Alexander Smith & Vladimir Banic: “Fake News: How a PartyingMacedonian Teen Earns Thousands Publishing Lies”, NBC News 2016. URL:https://www.nbcnews.com/news/world/fake-news-how-partying-macedonian-teen-earns-thousands-publishing-lies-n692451(Letzter Zugriff: 30.10.2018)

Jason Stanley: How Propaganda Works. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2016.

Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit

Dieser Beitrag erschien ebenfalls auf dem Blog von praefaktisch.de.

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